0,5 PS.

Ist es jetzt soweit? In der Redaktion hauen Sie sich die 4-, 5-, 6-, 700 PS Autos um die Ohren. Und dem alten Mann geben sie ein halbes? Ein halbes PS? Und Stützräder. Und einen Helfer, der für mich Gas gibt? Wollt Ihr mir was sagen? Haben wir ein Problem? Nach dem Termin kann ich EUCH was sagen: Keinen Meter hättet Ihr geschafft! Dafür braucht es sittliche Reife, Ihr kranken PS-Rowdys.

Die Geschichte fing ja nicht nur sehr diskriminierend an. Nein, sie klang auch sonst furchtbar. Ich soll zu einem Berufsschullehrer fahren, der da in seinem winzigen feuchten Keller in einem winzigen feuchten Kaff die ersten Daimler-Fahrzeuge – Motorkutsche und Reitwagen – ungelenk nachbastelt? 1.700 Kilometer hin und zurück? Und wenn das alles nix is? Und ich mit dem Lehrer Streit kriege, welchen ich erfahrungsgemäß mit Lehrpersonal schon mal habe? In Gottliebs Namen mach ich es halt.

Wenn Du Neuffen googeln willst und auch nur den winzigsten Tippfehler drin hast, wirft Google Dir keine Ergebnisse mehr aus. Weil es nicht glauben kann, dass Du wirklich Neuffen meinen kannst. Acht Fahrstunden später quer durch die Republik weißt Du vieles besser.

Neuffen bleibt natürlich ein Kaff. Aber der Herr Kern, mein Berufsschullehrer-Ansprechpartner, der ist irgendwie anders. Anders als andere Lehrer. Und sein feuchter Hobbykeller …  ähm … nun ja. Wie entschuldige ich mich jetzt in aller Form? Das Schild „Kern Motorenmanufaktur“ an der Halle machte mir bei der Vorfahrt schon klar, dass ich möglicherweise ein klitzekleines Vorurteilsproblem habe. Der Thorsten Kern ist nämlich nicht schon immer Berufsschullehrer. Nein. Der hatte mal ein zu seiner Zeit unbesiegbares Formel-Rennteam. Und aus dieser Zeit stammt auch noch seine Halle. Und sein Maschinenpark für die Motorenbearbeitung. Ich will es mal so sagen: in zwei Jahren wäre man beispielsweise bei Volkswagen froh, man hätte noch solche und so viele Maschinen wie Kern sie hat. 

Begrüßt werd ich von Helmut, der sich hier als „Rentner“ um die Elektrik und Elektronik der Motoren kümmert. Lange Haare, fröhliches Gemüt, gar kein E-Nerd. Gar kein Rentner. „Ja, ich weiß, bevor Du fragst: unsere Fahrzeuge für heute haben gar keine Kabel“, lacht Helmut und bricht ein wenig das Eis. Thorsten Kern selbst schaut skeptisch. Er macht alles am liebsten alleine. Darum sind ihm auch Pressetypen erstmal suspekt. Das soll sich aber legen. Und wenn wir Thorsten für skeptisch halten, dann haben wir noch nicht über Franz gesprochen, Thorstens Vater.

Der schraubt draußen an einem Motorrad und hebt nicht mal den Kopf. Fremde. Städter. Wahrscheinlich können sie nicht mal einen Vergaser selbst bauen. Mit solchen Leuten redet Franz nicht gern. Bruddler ist der liebevolle Fachbegriff für solcherlei Franze. „Mein Vater ist unser Mann für die speziellen Fälle. Er hat mir ein selbstgebautes motorisiertes Kettcar geschenkt, zum 6. Geburtstag eine Enduro komplett selbst konstruiert und auch bei unserer Rennteam-Karriere war es immer wieder mein Vater, der uns gerettet hat, wenn keiner mehr weiter wusste. Heute ist er hier der Herrscher über die Messingteile“, so Thorsten über seinen Vater. Allerdings erst eine Woche nach unserem Termin. So früh am ersten Tag hätte er nicht so viele Worte gemacht.

Thorsten ist ein Perfektionist. Darum gibt es auch keine Angestellten in der riesigen Firma. Keiner wär ihm gut genug, darum hat er sich für exakt keinen entschieden. Können wir helfen beim Aufladen? Natürlich nicht, ist alles schon aufgeladen. Können wir nach unserer Ankunft in Stuttgart beim Abladen helfen? Natürlich nicht.

Mir ist’s recht, ich werd eh grad nervös. 700 PS machen mich nervös, eins aber anscheinend auch. Egal. Schalter im Kopf umlegen.

1885. Mein erstes Leben. Als Wilhelm Maybach. Thorsten Kern ist heute mal Gottlieb Däumler (der seinen Namen erst später in Daimler änderte). Maybach und Daimler waren ein Team. Daimler der Visionär, Erfinder, Geschäftsmann. Und Maybach, wie man sich so erzählte, der, der wirklich was konnte und alles gemacht hat. 

Das Ding ist breit wie ein Pferd

Daimler soll sowohl den Reitwagen als auch die Motorkutsche, die beide gerade ausgeladen werden, nie selbst gefahren haben. Das passt. Kern fährt die Sachen im wirklichen Leben auch nicht. Er weiß, dass sie perfekt fahren. Weil er sie perfekt gebaut hat. Trotzdem ist er auch ein bisschen aufgeregt. Ich überlege kurz, ihn mit meiner Versicherung zu verbinden, die ihm einen blütenreinen Schadenfreiheitsrabatt seit 1983 vorlegen könnte. Brauch ich nicht. Der Daimler vertraut dem Maybach langsam.

Start frei für den Ritt auf dem Reitwagen. Das war 1885 das erste motorisierte Kraftfahrzeug, noch vor dem Benzschen Dreirad, welches allen Ruhm geerntet hat. Schon beim Aufsteigen stell ich mich an. Das Ding ist so breit wie ein Pferd. Und kann durch die Stützräder nicht hilfreich geneigt werden. Meine letzte Shetlandpony-Erfahrung liegt leider schon 50 Jahre zurück, so sieht es auch aus. Ich erinnere mich, wie ich schon Fahrräder mit Stützrädern nicht fahren konnte. Dieses Mini-Kipppelmomentum macht dich verrückt. Du versuchst immer in der Waage zu bleiben und den Bodenkontakt der Stützräder zu vermeiden. 

Gottlieb entfacht die Glührohrzündung. Der erste hochdrehende Verbrennungsmotor der Welt erwartet mich: 264 ccm, 0,5 PS, der rote Bereich im imaginären Drehzahlmesser beginnt bei 600 Umdrehungen. Hochdrehend. Is klar.

Die Gemischaufbereitung findet mittels eines Oberflächen-Vergasers statt: Das bedeutet, dass nur die aufsteigenden Dämpfe für den Verbrennungsvorgang eingesetzt werden. Der Tank wird nie leer. Die Brühe ist halt nur irgendwann schal und muss ausgetauscht werden.

Die Bedienung des Vergasers ist etwas tricky, darum stellt Daimler mir vorher alles auf Vollgas. Endlich mal jemand, der meinen Fahrkünsten vertraut. Eingekuppelt und gebremst wird mit einer Doppelfunktion: Wenn ich langsamer werden will, verschiebe ich einen Hebel, der sowohl einen Holzbremsklotz aufs Rad drückt wie auch den Riemen vom Antrieb abhebt. Und Gas geben ist umgekehrt, Klotz lösen, Riemen drauf, Arschtritt! 

Fliege an Hipster-Cafés vorbei

Und ja, so lächerlich das klingt: Der Reitwagen stapft los wie ein Rennpferd. Durch das Einkuppeln kriegst Du einen Tritt und fährst. Sitzhaltung auch wie auf einem Zossen: Beine breit und vor Dir ein Mini-Apehanger an der Position, wo man auch die Zügel halten würde. Ich schieße die Liststraße hinunter, als gäbe es kein Morgen! Bin ein Ganzkörperkrampf, weil ich völlig idiotisch wieder versuche, die Stützräder vom Boden fernzuhalten. Ich fliege an Hipster-Cafés vorbei, knalle durch das Szeneviertel und erlebe die große Freiheit der ersten motorisierten Fahrt. Stundenlang! Mit 4 km/h. Als ich mich das erste Mal umdrehe, hätt ich Thorsten Kern noch abklatschen können. Weiter weg war ich gar nicht gekommen. Aber Leuuuute, das war einer der wildesten Ritte, die ich je auch einem Zweirad hatte. Ich leg den Hebel nach vorn und stoppe. Schwinge wie Winnetou (oh Verzeihung, Winnetou, das geht natürlich nicht. Aber nur, weil er erst 1875 erfunden wurde) vom Bock und strahle. Daimler strahlt auch. Ich hab nix kaputt gemacht und sein Baby fährt. „Gut gemacht, Wilhelm“, höre ich von Gottlieb. „Sollen wir die Motorkutsche fertig machen?“ „Oh ja, mein lieber Gottlieb! Gern werd ich dem Benz mal zeigen, wie man mit unseren vier Rädern sein lächerliches Dreirad herbrennen kann!“

Natürlich schwingt da ein bisschen der Frust darüber mit, dass der Benz ein paar Tage vor dem Daimler das „Automobil“ erfunden hat. Aber wie gesagt: ein Dreirad. Paah! Das ist was für Kinder. Wir Erwachsenen ballern jetzt die vierrädrige Motorkutsche über den Stuttgarter Asphalt (oh, ähm, auch den gab es ja damals noch gar nicht).

In der Motorkutsche lodert hinter dem Piloten die letzte Ausbaustufe der „Standuhr“, wie der Motor eigentlich heißt, weil er auch stationär eingesetzt werden kann. Der Kutschenmotor hat unmenschliche 462 ccm, produziert brachiale 1,1 PS (Kern: „Die Nachkommastelle ist wichtig, das sind 10 Prozent mehr Leistung als nur 1 PS!“) und ist mit seinen 1,5×37 Zoll-Schlappen vorn und den 1,5×46-Zoll-Schluffen hinten jedem AMG um Lichtjahre voraus.

Ich steige auf. Vorwärts, rückwärts, ungelenk. Drei Zentimeter dicker und ich würde nicht unters Vierspeichen-Holzlenkrad passen. Vier Speichen sind wörtlich zu nehmen. Auf den Kranz außenherum hat man verzichtet. Also Obacht beim Bremsen, sonst gibt es Maybach am Spieß. Die Bremse ist aber eine Kurbel, die rund sechs komplette Umdrehungen bis zum Auslösen des ABS-Sensors braucht (verdammt, Winnetou, Asphalt, ABS, ich lern es noch), die Gefahr eines spontanen Anhaltens ist also nicht gegeben.

„Wilhelm, Du weißt: die Vorderräder lassen sich komplett unter den Fahrschemel lenken! Nicht zu arg einschlagen, dann haben sie einen 90 Grad-Winkel und die ganze Fuhre fällt einfach um!“, weist Gottlieb mich nochmal darauf hin, dass ich jetzt meine gesamte fahrerische Hochbegabtheit abrufen muss, will ich das Geschoss sicher durch den Stuttgarter Berufsverkehr feuern, um beim Kolonialwarenhändler Albrecht gleich noch das Kofferraumvolumen auszumessen (Entschuldigung, das ist ein seriöser Autotest, auch wenn ich keine lustigen roten Autotester-Polohemden trage).

Stolz wie Wilhelm Maybach

Vollgas wird wieder voreingestellt, ich schraube die Bremse auf und steche los. 0,5 km/h, 1 km/h, 2 km/h, 2,8 km/h, 3 km/h, die Beschleunigungsorgie will nicht enden. Bei fast 5 Sachen muss ich in die Hölzer steigen, abbiegen! Vor einem Straßencafé. Die scheiß Hipster gucken mich an und denken: „Was für ein scheiß Hipster“. Hand raus, Richtung anzeigen, eine 300 Meter große Lücke im fließenden Verkehr abwarten, Bremse losschrauben und Kapelle. Der sich verändernde Sonnenstand lässt mich errechnen, dass ich mit gerade noch legalen 5,9 Klamotten (ab 6 bräuchte die Kutsche eine Zulassung) die Straße entlang hämmere, da seh ich die Spitzkehre auf dem Aldi-Parkplatz auf mich zufliegen. Fuck, was tun? Bei dem Speed ist es unmöglich, die Räder im nötigen Kurvenwinkel einzuschlagen, damit würden wir sofort umkippen. Für eine Handbremskehre reicht meine Geschwindigkeit im rechten Arm nicht, ich bräuchte sicher vier Sekunden, bis ich die Bremskurbel sechs mal gedreht hätte. Während ich all das denke, hab ich längst intuitiv zweimal an der Kurbel gedreht, die Fuhre auf 4 Sachen zusammen gebremst, hab einen weiten Bogen genommen und bin stolz wie Wilhelm Maybach ums das Eck gepfiffen. Gottlieb Daimler stand mit Helmut am Straßenrand und strahlte. Wilhelm hat’s im Griff.

Anhalten, absteigen, Einkäufe bei Aldi tätigen und den Passanten lauschen. Viel zu lauschen gab es aber nicht. Die Leute sind beeindruckt von der unfassbaren Qualität, den hochpolierten Messingteilen („wir fahren auf keinen Fall, wenn es regnet“, hatte Daimler mir per Mail – äh, Postkutsche – ausrichten lassen), aber die Leute haben auch keine Ahnung, was sie da eigentlich vor sich haben. Viele haben nicht mal den Motor erkannt und gewartet, dass wir gleich die Brauereigäule aus dem Hänger anspannen.

Mein Fazit: Gibt es handwerklich besser gemachte und anmutigere Fahrzeuge? Nein. Bei der Detailverliebtheit fällt dir die Kinnlade ab. Ab! Nicht nur runter. Bin ich ein gottgleicher Fahrer und stehen mir Bowler-Hüte? Absolut! Braucht man irre 10 oder noch mehr PS um Spaß zu haben? Ganz sicher nicht. Sind Berufsschullehrer komische Kerle? Auf jeden Fall. Bis auf einen. Es ist eben alles relativ. 

TEXT Thomas Senn
FOTOS Maximilán Balázs

PS: Sechs Aldi-Tüten passen auf die Rückbank. Wenn der Daimler sie festhält …

v.l.n.r: Franz Kern, Gottlieb Daimler (versteinert), Thorsten Kern und Helmut Born (vorn)

Thorsten Kern hat vor 10 Jahren mit dem Bau der Standuhr, des Reitwagens und der Motorkutsche begonnen. Zwischen drei und sechs Monaten dauert der Aufbau eines Fahrzeugs. Über tausend Messingteile liegen vakuumverschweißt in seinen Lagern. Die Escheholzrahmen lässt er außer Haus fertigen, alles andere wird von Hand in seiner Werkstatt hergestellt. Wer braucht und kauft sowas? Museen und Sammler. Die Originale gibt es alle nicht mehr, Kerns Nachbauten sind definitiv die besten am Markt. Sind die Sachen preisintensiv? Relativ. Alle Fakten zum Verlieben: www.kern-motorenmanufaktur.de

LESENSWERT.

WALTER.