Airforce One. Der TV-Hubschrauber.

Der Fernsehhubschrauber ist in der Rallye-WM längst eine ebenso große Attraktion geworden wie die World Rally Cars selbst. Mit 150 im Tiefflug, Drifts in der Luft und scharfen Wendemanövern beeindrucken die Piloten die Fans. Und der Reporter sitzt mittendrin.

Die Ansage war unmissverständlich: „Bitte nur ein leichtes Abendessen und ein leichtes Frühstück einnehmen“, lautete die Instruktion per Email. Es ist halb acht am Morgen, der Magen ist nüchtern und der Pilot führt vor, was er unter einem leichten Frühstück versteht: „Jetzt erst mal einen Kaffee“, sagt Peter Gilen, bevor er grinsend an der Zigarette zieht.

Den 44-jährigen Belgier kennt kein Rallye-Fan, aber viele haben ihn schon bewundert, fotografiert und gefilmt. Der Mann aus Westerlo ist einer der Piloten des TV-Hubschraubers. Der knallgelbe Hubschrauber ist in der WM eine Institution. Mit einer schwenkbaren Kamera an der Nase verfolgt er die Rallyestars im Tiefflug, um spektakuläre Fernsehbilder zu liefern.

Es ist früher Morgen im Ziel der zehnten Prüfung der Sardinien-Rallye bei Buddusò. Am Fuße der Zigarette steht die Generalprobe für die Live-Übertragung am Nachmittag auf dem Programm. Neben Pilot Gilen sitzt vorn links Kameramann Bart van Aert, auf dem Rücksitz neben einem Haufen technischem Equipment der Reporter des Rallye-Mag.

Der Eurocopter springt leichtfüßig vom Boden ab, ohne Ausrüstung und Besatzung ist er mit einem Leergewicht von 1.018 Kilo leichter als ein World Rally Car. Gilen senkt die Nase und gibt Gas. Seine Maschine ist nicht nur wegen ihrer guten Manövrierfähigkeit äußerst beliebt, sondern auch wegen ihrer schnellen Beschleunigung. Keine zehn Meter unter den Kufen fliegen die Wipfel des Korkeichenwaldes vorbei, aus denen zackig graue Felsen wie ein Playmobil-Gebirge in den knallblauen Himmel ragen. Hellgrüne Weiden und dunkelgründe Berge schichten sich wie Scherenschnitte bis zum bläulichen Horizont. Gilen hat keine Lieblingsrallye. Ihm gefallen sie alle, von Wales bis Korsika, „weil die Szenerie immer eine andere ist.“ Nach eiligem Anflug schwebt der Helikopter nun reglos über einem kleinen See, in dessen Wellengekräusel die gelbe Morgensonne tanzt. „Verstehst du jetzt, was ich meine?“, fragt er über die Gegensprechanlage.

Doch zur Landschaftsbetrachtung ist schlagartig keine Zeit mehr, denn unten am Seeufer startet gerade Andreas Mikkelsen in die Prüfung. Das gelbe Geschoss verfolgt das rote, schießt ein paar Meter über dessen Staubfahne durch die Luft. Wenige Kilometer nach dem Start hechtet der Citroën über eine mächtige Sprungkuppe, der Heli mit gesenkter Nase hinterher.

Plötzlich wechselt die Farbe in der Frontscheibe abrupt von Grün auf Blau. Gilen reißt die Nase der Maschine in die Höhe, um abzubremsen, denn unten schlägt die Schotterpiste mit einer Rechts Zwo Minus einen fiesen Haken nach rechts. Der Passagier auf dem Rücksitz hat am Morgen schon Roadbooks und Programmheft aus dem Kunststoffbeutel des Veranstalters rausgeräumt und die Tüte seit Anlassen des Rotors einsatzbereit zwischen den Knien.

Mikkelsen kämpft sich eine bucklige Bergaufpassage hoch. Der C3 tanzt und bockt mit Tempo 130 bergan, zehn Meter darüber ist die Welt völlig ruhig. Als der Norweger am Boden durch die nächste enge Rechtskurve driftet, schwebt der Hubschrauber genauso quer im Parallelflug um die Ecke.

Der Flug ist einerseits fast ein bisschen unspektakulär, weil es dort oben eben keine Kuppen, Senken und Schlaglöcher gibt, andererseits liegt gerade in den trotz aller extremen Manöver sanften Bewegungsabläufen der Genuss im Ritt durch die Lüfte. Die Kotztüte wird am Ende leer bleiben. „Die Leute denken immer, der Pilot ist verrückt, dabei ist es gar nicht so wild wie es aussieht. Wir wollen ja am Ende des Wochenendes auch wieder heil nach Hause kommen,“ sagt Peter Gilen.

Sicherheit ist oberstes Gebot. „Wir machen vor jedem Dreh einen Recce-Flug, um zu schauen, ob irgendwelche Hindernisse wie Stromleitungen oder Masten im Weg stehen“, sagt Gilen. Der Hubschrauber selbst ist längst keine Gefahrenquelle mehr. Kameramann van Aert rechnet nach: „Ich glaube, 1999 in Portugal ist zuletzt ein Hubschrauber abgestürzt“, sagt er und betont, damals sei kein Mensch ums Leben gekommen.

Gilens Landsmann fliegt mit Unterbrechungen schon seit Jahrzehnten mit dem Rallye-Zirkus und schwört: „Das ist der beste Job der Welt.“ Das Duo filmt auch regelmäßig bei der Formel 1 und langweilt sich angesichts des begrenzten Aktionsradius einer Rennstrecke und den immer gleichen Flugwegen. „In der Formel 1 ist alles eine Frage des Timings“, betont Gilen. Oft fliegt er einen ganzen Tag lang die gleiche Kurve an, bis er sich mit den Bremspunkten und Geschwindigkeiten der Fahrer synchronisiert hat. „Und wenn es dann einen Tag später regnet, ist alles anders und du fängst wieder von vorn an.“ Beisitzer van Aert hat vor allem schlechte Erinnerungen an Michael Schumacher: „Der hat immer später gebremst als alle anderen, du hast ihn irgendwie nie ins Bild bekommen.“

Gegen die Rundstreckenarbeit ist das Rallyefilmen der reine Freestyle, und neben seiner Leidenschaft für Motorsport war es vor allem die Freiheit, die den Mann aus Westerlo nach oben gezogen hat. Am Boden bewunderte der Hosenmatz Jacky Ickx und später Freddy Loix, aber die Eltern schwören heute noch, dass er den Kopf eigentlich da schon in den Wolken hatte. Wie die meisten Knirpse wollte er zuerst Flugzeuge fliegen, aber dann hatten es ihm Hubschrauber angetan, „weil es physikalisch eigentlich gar nicht möglich ist, dass die fliegen“, sagt er. Der Magie des Schwebens ist er bis heute erlegen. Einen Job als Pilot bei einer Fluggesellschaft kann er sich nicht vorstellen: „Das sind doch nur bessere Busfahrer.“

Schon reißt er wieder am Steuerknüppel. Die Nase senkt sich bedrohlich nach unten, die Eichen wachsen uns entgegen. Der Rotor dröhnt plötzlich hart wie ein Schnellfeuergeschütz, die Kabine zittert unter den Vibrationen, dann zieht Gilen den Schwanz herum, und der Horizont kommt wieder ins Bild. Es ist ein bisschen eilig, damit wir Thierry Neuville nicht verpassen.

Im Parallelflug schießen Hyundai i20 und die AS350 an einem Wäldchen entlang. Es spielt keine Rolle, dass da unten das schnellste Rallyeauto aller Zeiten unterwegs ist, die 17er WRC sind trotz ihrer Mehrleistung und Aerodynamik-Hilfen für die Besatzung der gelben Rakete keine Gegner. Gilens Eurocopter mag auf dem Papier ein Oldtimer sein, vom französischen Luftfahrtriesen Aérospatiale entwickelt, gab das Modell „Ècureuil“ (das Eichhörnchen) schon 1975 sein Debüt. Aber lange Laufzeiten sind bei Fluggeräten gang und gäbe, umso ausgereifter sind die Maschinen. Und die AS350 ist eine Legende. 2005 landete der Franzose Didier Desaille damit als erster Mensch auf dem Gipfel des Mount Everest. Die Rettungsflugwacht aus Zermatt barg 2010 mit einer AS350 drei Bergsteiger in 7.000 Metern Höhe am Annapurna. Derselbe Maschinentyp hält bis heute den inoffiziellen Höhenweltrekord von 12.954 Metern.

Aber auch horizontal hat der Vogel einiges zu bieten. Die Höchstgeschwindigkeit liegt laut Werksangabe bei 287 Kilometern pro Stunde. Beim Start wuchten 860 PS die Besatzung in die Höhe. „Die neuen Autos machen unseren Job nicht schwieriger. Es gibt da unten ja genug Kurven, die sie einbremsen“, sagt Peter Gilen.

Die eigentliche Herausforderung für den Vollblutflieger liegt aber darin, dass er sich mit dem Kameramann synchronisieren muss. „Wir kommunizieren viel. Aber im Laufe des Wochenendes immer weniger“, sagt Gilen, denn er weiß nach und nach schon, was der Mann am Joystick braucht. Kollege Van Aert blickt während des Fluges meist in einen abgeschirmten Monitor und steuert die an einem Ausleger an der Nase montierte Kamera.

Gilen darf keine zu wüsten Manöver fliegen, sonst verliert sein Kompagnon das Auto aus dem Fokus. Was vom Boden wie reinster Rock’n Roll aussieht, ist in Wirklichkeit ein Paartanz, eine immer besser einstudierte Choreographie. „Wenn ich eine Stelle anfliege, weiß ich meistens schon vorher, was er will“, sagt Gilen. Und van Aert ahnt schon vor dem Popometer, in welche Richtung sich sein Stuhl gleich bewegt. Der Pilot ist in der Rallye-WM zugleich auch eine Art Regisseur und Kameramann. „Klar macht das hier einen Riesenspaß, aber schließlich habe ich einen Job zu erledigen“, betont Gilen. Der Hubschrauber ist nicht nur für die Verfolgung der Rallyecracks zuständig. „Wir machen auch viel Landschaft und Beauty Shots. Wir wollen ja schließlich die komplette Geschichte erzählen, und dazu gehören auch Land und Leute“, erklärt der Flieger.

Etwa drei Prüfungen fliegen sie pro Tag, der Promoter muss auf die Kosten achten. Allerdings transportiert der Hubschrauber zuweilen auch die Flashcards der Bodentruppen ins Hauptquartier, hat immer Bereitschaft, falls sich ein Unfall ereignet. Dann springt Bart van Aert auch schon mal mit der Handkamera aus dem Flieger, um die Besatzung des havarierten Autos zu interviewen. Im Notfall transportiert der Heli auch Verletzte, so wie den Kameramann, der gestern von einem aufgewirbelten Stein getroffen wurde und ins Krankenhaus musste. „Es sieht von unten nicht so aus, aber wir haben da oben von allen Kameraleuten den sichersten Job“, sagt van Aert. Das Risiko liegt immer in den Händen des Piloten. „Wenn das Wetter schlecht wird, und der Promoter will, dass wir trotzdem fliegen, habe ich die letzte Entscheidung,“ betont Gilen.

Bei aller Betonung auf das Thema Sicherheit ist der Hubschrauber für die Fans eine Riesenattraktion. Am Landeplatz bei Prüfung zehn tauchen ständig fiebrige Sarden auf, und bitten um ein Foto von sich und der Maschine. Nicht wenige Fans neben der Strecke richten ihre Handykameras beim Überflug lieber in die Luft als auf das vorbeirasende Auto, und die Fotografen haben längst entdeckt, dass ein blauer Himmel als Hintergrund schön und gut ist, ein blauer Himmel mit gelbem Helikopter darin aber ein noch viel besseres Bild liefert. Gilen verrät: „Wir haben mal überlegt, den Heli in den WRC-Farben Schwarz und Weiß mit dem Promoter-Logo zu lackieren, uns dann aber dagegen entschieden. Die Leute haben sich längst daran gewöhnt, dass der Kamera-Hubschrauber gelb ist.“ Jetzt aber ist ihm erst mal nach Tiefschwarz. Die Kippe glimmt schon und er fragt grinsend: „Wir wär’s mit nem Kaffee?“ Oh gern. Unbedingt. Es muss ja endlich mal was in den leeren Magen.

TEXT Markus Stier
FOTOS @world

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