0,00 €

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

0,00 €

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Mit Edith in L.A.

Dicke Reifen wie ein Monstertruck, das Fahrwerk eines Rennwagens und Leichtbauteile eines GT. Dieser 911er ist ein Einzelstück. Und ein Rekordbrecher. Kein Auto fuhr jemals höher oder hatte einen schöneren Namen. Wir haben uns mit „Edith“ in L.A. getroffen.

Mit kurzen Gasstößen buddelt sich der Porsche durch den Sand. Immer weiter vorwärts. Keine Spurrinne ist ihm zu tief, keine Steigung zu hoch. Der 911 Carrera 4S, Beiname „Edith“, hat es in sich. Bisschen verkratzt und schmutzig, nicht mehr ganz taufrisch. Er ist der extremste Bergsteiger aus Zuffenhausen, extremer als der 911 Dakar oder der Cayenne Transsyberia. Alles an Fahrwerk und Karosserie optimierten ein paar Ingenieure aus Stuttgart, nur für ein einziges Ziel: den Höhenrekord zu brechen.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen


Was für Bergsteiger der Mount Everest ist, ist für Autofahrer mit Sehnsucht nach dünner Luft der Ojos del Salado. Der liegt in Chile und ist mit einer Höhe von 6.893 Metern der höchste aktive Vulkan der Erde, der höchste Gipfel in Chile und nach dem Aconcagua der zweithöchste Gipfel Südamerikas. Es führen zwar keine Straßen hinauf, aber wer Steine und Gelände lesen kann, der findet einen Weg.

Braucht man nur noch einen unerschrockenen Profi, der sich zutraut, unter extremen klimatischen Bedingungen ins Lenkrad zu greifen – wie der dreifache Le-Mans-Sieger und Rekord-Allzweck-Waffe Romain Dumas. Am 2. Dezember 2023 erklimmt er morgens am Westkamm des Ojos del Salado fast den Gipfel. Erst bei 6.734 Meter über dem Meeresspiegel muss Dumas stoppen. Weltrekord. Kein Kraftfahrzeug kam bisher höher, auch kein Unimog.

So hoch geht es heute nicht. Porsche hat das Rekordauto nach der Fahrt auf den Vulkan von Chile nach Kalifornien gebracht, bevor es nach Stuttgart ins Museum geht. Zufällig (es war wirklich ein Zufall), kommen wir von der Tech-Messe CES in Las Vegas und hören, dass Porsche hier ein paar Journalisten die Möglichkeit gibt, den 911er zu fahren. Also höflich nachfragen und sich kurz ins Programm sneaken. Hat geklappt. Danke an Olli und Frank vom Porsche-Presse-Team für den spontanen Ritt.

Alles raus was Komfort bietet

Und was für einer: Im Original Edith und in der Auto-Lady vor ihr: Doris. In der Fahrertür von Edith baumelt noch ein Zettel für die Anweisung zur Anerkennung des Höhenrekords, während im Heck der Sechszylinder faucht. Festgeschnallt mit Fünf-Punkt-Gurten wirst du direkt eins mit dem Porsche. Im ganzen Auto dröhnt es, Dämmmatten braucht kein Mensch, die wiegen nur. Dafür schützt vor einem eventuellen Umfallen ein Überrollkäfig, vor Bergabrollen eine Vier-Kanal-Hydraulikhandbremse. Das manuelle Siebengang-Getriebe schaltet sich wie gewohnt spielend leicht. Nur passen Gang und Drehzahl nicht zur Anzeige im Tachometer. Im vierten Gang liegen rund 60 km/h an, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei rund 80 km/h, so untersetzt ist der Porsche.

Kurz aufs Gas tippen und der Sportwagen geht in Kurven quer – notfalls kurz mit der Handbremse nachhelfen. Statt Allrad setzt der 911 C4S bei der Probefahrt auf reinen Heckantrieb. Die „Warp-Connection“ klackert und knarzt in tiefen Schlaglöchern wie ein sinkendes Schiff, bietet dafür aber selbst auf einer hügeligen Piste volle Traktion. Am ersten steilen Hang denkst du, das klappt niiiiiiiemals. Aber einfach die Pobacken zusammenkneifen und im dritten Gang lässig den Berg hochzimmern. Du siehst nur Himmel und denkst dir: Hoffentlich geht es hinterm Kamm nicht direkt steil ab.

Geht es natürlich, aber zum Glück erst mal geradeaus. Die Bremsen packen am Abhang direkt, du rutschst mit den dicken Reifen über den Sand, lässt in der nächsten Kurve die Bremse los und brätst wieder quer durch den Sand. Die Sonne kommt mühsam durch die verstaubten Scheiben, der ganze Elfer klappert und im Fußboden purzelt noch ein Energie-Riegel umher. Das soll so sein: Alles original von einer extrem harten Fahrt auf den höchsten Berg der Welt.

Ojos del Salado, ein hoch gelegener Vulkan in Chile und mit 6.893 Meter der höchste aktive Vulkan der Welt. Gleichzeitig ist er der höchste Berg der Welt, der mit einem Fahrzeug überhaupt befahrbar ist. Bis rund 4.500 Meter über Meeresspiegel führt eine Schotterpiste, danach kommen bis 5.800 Meter nur noch Hardcore-Geländewagen hinauf, danach wird die Luft dünn. Für Mensch und Maschine. Ein Unimog 5023 fährt am Westgipfel Ende 2019 bis auf 6.694 Meter.

Das wäre doch was. Zum 40. Geburtstag des Allrads im 911 den Höhen-Rekord knacken. Wir erinnern uns: Porsche stellte 1981 auf der IAA eine Allradstudie des 911 vor. Ein paar Ingenieure tüfteln daher ab 2019 nach Feierabend und am Wochenende als „Saturday Club Project“ an einem passenden Fahrzeug. Kein modifiziertes SUV soll es werden, sondern ein Porsche 911. „Wir wollten mit einem 911 den Höhenrekord brechen, das war von Anfang an unser Ziel“, erzählt Sven Schaarschmidt, Entwickler bei Porsche und einer der beteiligten Ingenieure.

Müsste klappen, denkt sich Achim Schulz, Fahrwerks-Ingenieur des 919 und passionierter RC-Car-Racer. Er hat eine Idee. Warum nicht das erste Fahrwerk des Rennwagens 919 in den 911 adaptieren, um permanente Traktion bei maximaler Verschränkung zu erhalten. Im Maßstab 1:18 baut Schulz seine Idee in ein fahrfertiges Modell – und sieht, dass es funktioniert. Der Clou bei seiner Konstruktion ist das Fahrwerkssystem „Warp Connector“ mit Warp-Gestänge von Vorder- zur Hinterachse. Das verläuft quer durch den Innenraum und bietet ein oben querliegendes Federbein je Achse. Das ermöglicht eine Verbindung zwischen allen vier Rädern und erlaubt extreme Verschränkungen und freie Wankbewegung bei gleichzeitig hoher Rollsteifigkeit. Selbst bei extremer Verschränkung bleiben die Achslasten damit möglich konstant und bieten dadurch eine optimale Traktion.

Der 911 wird höhergelegt

Ein altes Versuchsauto, intern schon längst abgeschrieben und kurz vor der Verschrottung, dient als Basis. Motor und Getriebe bleiben nahezu im Serienzustand. Dafür ändert Porsche Fahrwerk und Karosserie – irgendwie müssen später Portalachsen und LT310/70 R16 BF-Goodrich-Offroadreifen Platz finden. Die Portalachsen sorgen für zwölf Zentimeter mehr Bodenfreiheit. Insgesamt erfährt der 911 einen Höhenzuwachs von 35 Zentimetern.

Drei Monate tüfteln die Ingenieure, um das Auto, genannt Doris, fertigzustellen. 2019 geht es in den Offroadpark in Langenaltheim. „Das Fahrwerk hat direkt funktioniert und es war verblüffend, wie sich die Räder verschränken, ohne dass die Karosserie kippt“, erinnert sich Sven Schaarschmidt. Den Motor stimmen die Ingenieure anders ab. Über 4.000 Meter wird die Luft dünn und damit verschlechtert sich auch die Verbrennung. Den Serienboxer installieren sie in einer alten Höhenkammer, die früher für Flugzeugmotoren wie dem PFM 3200 benutzt wurde. „Wir haben die Höhenkammer reaktiviert und sie auf 7.000 Meter eingestellt“, erklärt Sven Schaarschmidt. Statt 450 PS kommt der Sechszylinder zwar nur noch auf zwischen 150 und 200 PS, fährt dafür aber dank neuer Kennfelder stabil.

Erster Rekord-Versuch

Ende 2019 packen die Ingenieure die Container für den Weg nach Chile. Doch das Wetter verhagelt die Tour, über 6.000 Meter herrschen über Wochen Schneesturm und Nebel – der Rekordversuch wird abgebrochen. Dann folgen zwei Covid-Jahre. Verreisen? Keine Chance. Doch was sich Schwaben in den Kopf gesetzt haben, das ziehen sie auch durch. Gnadenlos.

Porsche sammelt die Erkenntnisse und erkennt selbstkritisch, dass es noch durchaus Entwicklungspotenzial gibt. Statt massiv soll das neue Auto leicht werden. Sie suchen wieder einen gut abgehangenen Versuchswagen, der kurz vor der Verschrottung steht, und fragen Rallye- und Rekord-Allzweckwaffe Romain Dumas um Rat. Der hat seine eigenen Vorstellungen und baut anschließend in Frankreich den 911 Altitude Car E wie Edith auf. Dach und Türen aus Carbon stammen vom 911 GT3 Cup, dazu kommt eine leichte Windschutzscheibe. 400 Kilogramm nimmt Edith im Vergleich zu Doris ab. Die Lenkung wird elektrisch, um präziser durchs Geröllfeld zu kommen und die Differenziale lassen sich manuell sperren. Platten aus Aramidfasern schützen den Unterboden. Scheinwerfer fehlen, für sie ist unter der Karosserie kein Platz mehr. Dafür sitzt eine LED-Batterie auf dem Dach. Hinter der vorderen Stoßstange verbirgt sich eine Winsch, die Kühler wandern ins Heck.

Im Oktober 2022 geht es mit beiden Autos nach Chile. Doch wieder blockieren sehr viel Schnee, Eis und vor allem Eisfelder einen möglichen Weg zum Gipfel. Auf 6.007 Metern muss das Team vor einem riesigen Eisfeld kapitulieren – nichts geht mehr. Aber wie Schwaben nun mal sind: Aufgeben ist keine Option. Porsche beschließt, dass die Autos in Chile bleiben und es einen dritten Versuch geben wird.

Anfang Dezember 2023 sieht es gut aus. Innerhalb einer Woche akklimatisiert sich das 15-köpfige Team in der Höhe, darunter Porsche-Entwickler, Ärzte, Romain Dumas, Guides, Bergsteiger und Alpinisten, im Zelt. Luxus gibt es nicht. Am 2. Dezember um 3:30 Uhr startet die Fußtruppe mit Stirnlampen, auf der Suche nach dem besten Weg durch die Geröllfelder mit tiefem Schotter und Vulkanasche. Romain Dumas zündet um 6 Uhr den mit e-Fuels getankten Boxermotor. Mühsam kraxelt er im Porsche bei –20 Grad Celsius den Berg hinauf. Zeitweise im Schritttempo erklimmt er die rund 40 Kilometer lange Strecke. Doch die Reifen greifen, die Warp-Konstruktion hält und der Sechszylinder arbeitet zuverlässig. Bei den letzten 50 Höhenmeter kommen selbst die grobstelligen Reifen aber an ihre Grenzen. Die letzten Meter zieht sich der 911 an einem Seil selbst hinauf – und bricht um 15:58 Uhr den Rekord. 6.734 Meter über dem Meeresspiegel.

TEXT Fabian Hoberg
FOTOS Porsche

LESENSWERT.
WALTER.