Ferruccio Lamborghini. Eine Frage der Ehre.

Ist Ferrari "schuld"? Ein neuer Kinofilm mit Frank Grillo schildert die Entstehungsgeschichte des italienischen Sportwagenbauers Lamborghini.

Enzo Ferrari, so ein beliebtes Bonmot, habe in seinem Leben drei bedeutende Dinge geschaffen: Ferrari, den Ford GT und Lamborghini. Wie die kolportierte Arroganz des italienischen Sportwagentycoons zum Erfolg des Ford GT geführt hat, das erzählte 2019 der Film „Le Mans 66“ mit Matt Damon in der Hauptrolle als Carroll Shelby. Jetzt schildert der Film „The Man Behind The Legend“ die Entstehungsgeschichte von Lamborghini. Frank Grillo verkörpert darin Ferruccio Lamborghini, den Gründer der gleichnamigen Sportwagenmarke.

Der 1916 als Sohn eines Bauern in Renazzo di Cento bei Modena geborene Ingenieur Ferruccio Lamborghini klöppelte ab 1946 in der Nähe von Bologna zunächst Traktoren aus diversen ausgemusterten Militärfahrzeugen zusammen, die den Zweiten Weltkrieg halbwegs überstanden hatten. In Italien herrschte nach dem Krieg ein großer Mangel an landwirtschaftlichen Maschinen. Und so florierte das Geschäft so schnell und gut, dass Lamborghini ab 1946 daran ging, eigene Traktoren zu entwickeln, zunächst mit Dieselmotoren, ab Mitte der 1950er Jahre auch mit Direkteinspritzern. Nach 1960 baute er in einem weiteren Unternehmen auch Heiz- und Klimageräte für private und industrielle Zwecke. Schon bald war er zu einem der reichsten Unternehmer Italiens aufgestiegen.

Lamborghini genoss den Erfolg – auch mit schnellen Autos. Jaguar, Mercedes, Ferrari und Maserati standen in seiner Garage. An Rennen nahm er allerdings nur einmal teil: An der Mille Miglia in einem getunten Fiat Topolino. Die Tour, so Lamborghini, endete bereits nach rund 600 Meilen „in einer Osteria, die ich mit dem Auto durch die Wand betrat.“

Die Legende, die der Film genüsslich aufgreift, erzählt nun, dass Lamborghini vor allem mit seinem neuen Ferrari 250 GT ganz und gar nicht zufrieden war. Er ließ den GT von seinen eigenen Technikern auseinandernehmen und erkannte schnell, dass der teure Flitzer aus Maranello zu großen Teilen aus einfachen Standardteilen gebaut ist. Das, so seine Idee, könne man viel besser machen.

Der Film schildert, wie er Enzo Ferrari persönlich damit konfrontiert und ihm eine Zusammenarbeit vorschlägt: „Ferrari-Lamborghini“. Was folgt ist einer jener Sätze, die die Welt veränderten. Ferrari wendet sich mit einem verächtlichen Blick ab und meint nur: „Geh‘ zurück zu Deinen Traktoren, Bauer.“ Soweit die Legende. Real ist eher zweifelhaft, ob sich Ferrari und Lamborghini je persönlich begegnet sind, oder ob Lamborghini eher die Absicht hatte, mit dem Bau von schnittigen Sportwagen seiner Traktorenfirma zu mehr Image zu verhelfen.

Da ist die Version doch sehr viel spannender, dass sich Ferruccio Lamborghini durch die Arroganz Enzo Ferraris herausgefordert gefühlt und beschlossen habe, selbst den besseren Sportwagen zu bauen. Als Markenzeichen wählte er den angreifenden Stier „Murciélago“. Der hatte 1879 einen blutigen Stierkampf überlebte und war daraufhin begnadigt worden. Außerdem war der Stier Ferruccio Lamborghinis Sternzeichen. Seither tragen fast alle Lamborghini-Modelle die Namen berühmter Kampfstiere.

Schon 1963 wurde als Prototyp der Lamborghini 350 GTV vorgestellt, ein Jahr später folgten die ersten serienmäßigen Exemplare des 120 Mal gebauten 350 GT. Der war mit seinem Zwölfzylinder deutlich leistungsstärker als die Ferrari-Modelle. Richtig in Fahrt allerdings kam Lamborghini mit seinen Sportwagen ab 1966 mit dem Miura, der auf bis zu 385 PS kam und an der 300-km/h-Marke kratzte.

Die Basis für das Image der Sportwagen aus  Sant’Agata Bolognese in der Emilia-Romagna war gelegt. Countach, Diablo, Murciélago, Gallardo oder Aventador wurden in den folgenden Jahrzehnten zu legendären Traumautos. Wie sehr Ferruccio Lamborghini seine Genugtuung genoss, es Enzo Ferrari gezeigt zu haben, lässt sich aus einem anderen Satz ableiten, den Regisseur James Mangold seinen Hauptdarsteller im Film sagen lässt: „Du kaufst einen Ferrari, wenn Du jemand sein willst. Du kaufst einen Lamborghini, wenn Du jemand bist.“

Seit den 1970er Jahren wechselte Lamborghini mehrfach den Besitzer und gehört seit 1998 zu Audi. Ferruccio Lamborghini selbst starb 1993 in Perugia im Alter von 76 Jahren an einem Herzanfall. Ein Traktor der Marke Lamborghini zog den Wagen mit seinem Sarg.

TEXT Jürgen Wolff für WALTER

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