Dancing on Ice. Schweden im Saarland.

Schneemangel? Zu hohe Temperaturen? Die Probleme der Rallye Schweden kennt Markus Schwarz nicht. Der Saarländer hat sich „Klein-Schweden“ in die Garage geholt und kann dort 365 Tage im Jahr zwischen Elchen und Schneewänden hin und her driften. Über Startpositionen und Reifenwahlen wird aber auch im saarländischen Hagfors diskutiert.

Sebastien Loeb macht keiner etwas vor: Der Citroën C4 WRC mit der Startnummer 1 steuert mit Vollgas auf die 180°-Linkskehre zu, verzögert kurz und segelt mit hohem Speed ins Eck. Das Heck bricht aus, die Räder schachern auf dem losen Untergrund nach Grip, weißes Pulver steigt auf und bestäubt die umliegenden Nadelbäume. Den Zuschauern verschlägts den Atem: Der wird sich doch nicht etwa eindrehen? Doch gerade als das Heck ein zu starkes Eigenleben entwickelt, lehnt sich der kantige Citroën-Hintern an der Schneewand an, die den Drift sanft einfängt. Die Nase des C4 zeigt jetzt genau in Richtung Kurvenausgang, bereit für den Spurt bis zur nächsten Kurve.

Obwohl sich der feuerrote Citroën bis ins Ziel keine Fehler erlaubt, stimmt die Zeit nicht. Was ist der Grund? War die Übersetzung zu kurz? Passte das Ansprechverhalten des Motors nicht? Hatte er die falschen Reifen aufgezogen? Nichts von alledem. Es lag einfach nur an der verflixten Startposition. Der C4 mit der Aufschrift Loeb auf der hinteren Seitenscheibe musste wieder einmal den Straßenkehrer spielen, und die Konkurrenz lacht sich ins Fäustchen. Es scheint fast so, als hätte sie Frau Holle gespielt.

Und genau das hat sie. Die Chinesen mögen vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele die Wolken weggeschossen haben. Alles Kindergarten. Hier lassen es die Rallyefahrer höchstpersönlich schneien – bei zweistelligen Pluswerten. Mit Handsieb und Mehl pudern sie die Strecke neu ein und bremsen so den Lokalmatador aus.

Wir befinden uns nämlich weder in Hagfors noch in Vargåsen, sondern im saarländischen Merchweiler auf halber Strecke zwischen Sankt Wendel und Saarbrücken. Genauer gesagt in der Garage von Markus Schwarz, in der 365 Tage im Jahr Winter herrscht. Als sich der 49-Jährige 2013 eine gebrauchte Slotracing-Bahn zulegte, war sofort klar: Das hier wird keine Spielwiese für „Glattbahnfahrer“, wie die Rundstreckenspezialisten in der Szene mit Augenzwinkern genannt werden. „Isch war immer im Dreck unnerwegs, isch kann evve nit annerscht“, erklärt Schwarz im feinsten Saarländisch. Der ZF-Mitarbeiter fuhr früher Motocross, heute Mountainbike und ist bei den vielen Rallyes im Saarland als Zuschauer oder „Schtreckeposchte“ dabei.

Die Entscheidung für eine Miniatur-Ausgabe der Rallye Schweden war pragmatischer Natur. „Es hätten auch Argentinien oder Finnland werden können, aber die Bahn war eben schon weiß“, verrät der Kfz-Mechaniker, der die Slotracing-Bahn zwar sofort in Betrieb nahm, im Laufe der Zeit aber immer weiter verfeinerte. Mit Bauschaum entstanden neue Hügel, Bäume schossen aus dem Boden und Modellbahnschnee deckte die zweite Fahrspur ab, um für ein authentisches Rallye-Gefühl zu sorgen. Wer genau hinschaut, entdeckt auch Skifahrer, die sich am Lagerfeuer wärmen, Kinder bei der Schneeballschlacht sowie einen unerschrockenen Elch.

Jeden letzten Freitag im Monat lädt Schwarz zum Eisrennen auf seiner Slotracing-Bahn ein. Bis zu 20 Mann folgen dem Ruf nach Eis und Schnee. Für ein Nenngeld von drei Euro warten zwölf Wertungsprüfungen á fünf Runden auf die Piloten. Der WP-Sieger muss beim nächsten Durchlauf jeweils als Erster auf die Bahn und wer nach den zwölf Prüfungen die beste Gesamtzeit hat, gewinnt. Und das war die letzten drei Male nicht der Hausherr, sondern Arbeitskollege Marc Klein in einem weiteren Citroën C4.

Bei den Wettbewerben kann es durchaus heiß hergehen. „Bei uns fällt auch mal ein hartes Wort, aber es soll vor allem Spaß machen. Es geht ja um nichts außer um die Ehre“, weiß Schwarz. Ehre und Ehrgeiz liegen dabei aber dicht beieinander. Etwa wenn ein Auto abfliegt und es der „Einsetzer“ nicht schnell genug in die Spur zurücksetzt, wenn zwischen den Läufen noch schnell die Übersetzung oder die aus Spanien importierten Stollenreifen gewechselt werden oder die Kontakte verstopfen.

Letzteres ist der Super-GAU. „Das Ding muss Strom kriegen, das ist das A und O“, sagt Schwarz, dessen Motorsport-Karriere schon seit Jahren auf Elektro-Mobilität fußt. Aus diesem Grund besteht der Schnee im „saarländischen Hagfors“ auch aus Mehl. „Wir haben mal Kartoffelstärke ausprobiert, aber das gab nur Elektroprobleme. Mehl hat dagegen eine gewisse Leitfähigkeit. Für Schotter würde man eine Mischung aus Kakao und Mehl nehmen.“

Obwohl die Slotcars nur 1/32 der Originalgröße haben und schon ab 50 Euro zu haben sind, sorgen sie für einen Spaß und eine Sauerei wie ihre großen Brüder. Wenn die Fahrer nach den zwölf Wertungsprüfungen die Heimreise antreten, weisen Körper und Kleidung der Anwesenden deutliche Spuren einer weißen, pudrigen Substanz auf – und ihre Laune könnte durchaus suggerieren, dass es sich dabei nicht um aufgewirbeltes Mehl handelt.

TEXT Sebastian Klein
FOTOS Sebastian Klos

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