Goodwood Festival of Speed. Gartenparty Galore.

Ein beschauliches Gartenfest mit 180.000 Leuten. Das gibt’s nur in Goodwood. Fans und Hersteller lieben das Festival of Speed in Goodwood gleichermaßen. Wir waren da für euch. Nur zu kurz. Viel zu kurz. Also sowas von zu kurz.

Senn, halt die Klappe, nerv uns nicht, zeig Bilder! Das Festival of Speed lebt von den Bildern, ich weiß. Aber da wir ja mal wieder davon ausgehen müssen, dass unter euch doch ein paar ungebildete Ignoranten wie ich sind, hier ein paar Infos. Denn ich war wirklich auch zum allerersten Mal in Goodwood. Seit zig Jahren guck ich mir Bilder von da an und hab es trotzdem nie geschafft, mich aufzuraffen. Jetzt war es soweit. Und gleich bin ich in die Falle getappt und dachte, das erledigst du an einem Tag und gut is.

Nix is. An einem Tag schaffst man es nicht im Ansatz, an jeder Stelle des unfassbar großen Geländes gewesen zu sein. Ich dachte zwar, ich hätte viel gesehen an diesem Tag, das Gespräch mit den echten, großen, tollen Supersportwagensuperfachsuperjournalisten (die gibt es wirklich) am Abend hat mir aber gezeigt: ich war nirgendwo! Egal, worüber sie sprachen, wovon sie schwärmten: Senni hatte es nicht gesehen. Menno. Also nochmal hin. Und ihr kommt dann mit. Denn eines darf man ohne Übertreibung sagen: Goodwood ist (weil privat) das letzte Fleckchen Erde, auf dem noch Fein- und Grobstaub aus reinstem Spaß an der Freude in die Luft geblasen werden wird, wenn die Greta-Gang schon längst mit dem Hungertuch den Staub des deutschen Industrie-Friedhofs vom Klapprad wischt. Aber jetzt: ein paar allgemeine Infos, damit ihr nicht dumm sterben müsst.

Während IAA, Autosalon Genf, und wie die ganzen traditionellen Automobilmessen so heißen, seit Jahren den Bumms eigentlich zu machen könnten wegen stark rückläufiger Beteiligung durch die Industrie, sieht es in Goodwood anders aus. Ganz anders. Die Autohersteller lieben das Festival of Speed. Und verlagern ihre gigantischen Prunk-Stände von den traditionellen Messen mit anonymen Hallen ins Freie. In einen Park. Und geben dafür teilweise reichlich Millionen für das Wochenende aus. Futuristische Gebäude die drei Eiszeiten überdauern könnten werden dort für ein einziges Wochenende aufgebaut. ICH habe sowas vorher noch nicht gesehen. Und ich war nicht allein, 180.000 weitere Menschen sind mir gefolgt um ein Wochenende lang (179.999, ich war ja nur einen Tag da, Trottel) durch ganze Städte automobilen Kulturguts im bescheidenen Garten von Charles Henry Gordon-Lennox, Duke of Richmond zu wandern.

Seit 1993 gibt es das Festival of Speed auf dem Gelände des Goodwood House bei Chichester in Südengland. Schon seit 1948 werden dort Rennen gefahren, heute ist es mehr Show. Und zwar mehr Show als irgendwo anders auf der Welt. Die Sunday Times nannte es mal „Eine Mischung aus dem Großen Preis von Monaco und dem Pferderennen in Ascot“. Wie schon erwähnt: die Autoindustrie hat das FoS zum neuen offiziellen Spielplatz erklärt und fährt dort alles auf was eines der folgenden Attribute erfüllt: Schnell, laut, wunderschön, superselten, arschteuer. Und gern treffen alle Punkte auf einmal zu.

Viele der Hersteller haben ganze Städte aufgebaut. Mini mit Häuserfronten und Straßen, Porsche eine gigantische Halle und dahinter ein riesiges Areal wo die Allradler von der kaufkräftigen Kundschaft getestet werden konnten, während MyLady mit abgespreiztem kleinen Teetassen-Finger dem solventen Gatten beim Rumtoben zuschauen kann. Und von diesen Spielplätzen gibt es viele im nicht enden wollenden Park. Sogar eine eigene Rallye-Area, zu der ich es wirklich wirklich wirklich nur bis an den äußersten Zipfel geschafft habe und dann aus konditionstechnischen Gründen aufgeben musste. Notiz an mich: Morgens 20 Liegestütz, mal die Treppen nehmen und Wanderschuhe kaufen. Goodwoodguggschuhe!

Alle Hersteller sind da, präsentieren neue Modelle ebenso wie nie gesehene Studien und lüften die Museen. Alle Renner, alle Rallyeautos, aus allen Epochen. Nichts fehlt. Und sie werden nicht nur ausgestellt: nein, es wird gefahren. Auf einer 1,86 Kilometer langen Bergrennstrecke werden altes Eisen (automobiles wie menschliches) und neue Millionenflundern gleichermaßen durch die Massen gejagt! Legenden wie Jackie Stewart (fuhr mit seinen beiden Söhnen drei seiner Ex-F1-Autos) finden sich dort genauso wie aktuelle Rennfahrer, Schauspieler, Musiker und andere schöne Menschen.

Tribünen soweit das Auge reicht und an jeder Ecke ein Fahrerlager. Zutritt zu den Fahrerlagern immer und für alle frei! So nah kommt man nie wieder ran an die Milliardenwerte und Motorsportgrößen, die dort rumstehen und -sitzen.

Mega beeindruckend (was ich nie gedacht hätte): Das Supercar-Paddock von Michelin. Beim Bustransfer saß ich neben Michelin-Pressechef Jens Kratschmar als er erzählte, dass er wirklich Autos am Michelin-Stand hat, von denen selbst er noch nie etwas gehört hatte. Und ich dachte so, „ja, schnarch, Michelin-Stand, uninteressante Supersportwagen, lahm“. Hahahahaha. Welch Fehleinschätzung: der Michelin-Stand ist kein Stand, ha, es ist natürlich auch eine Stadt für sich, aufgebaut auf einem Golfplatz! Und gefüllt mit zig zig zig der exotischsten Supersportkracher, die man sich als Scheich nur vorstellen kann! Absolut beeindruckend, auch wenn ich mich normalerweise nicht für die Extrem-Auswüchse des Autobaus begeistern konnte. Und warum war das so: weil man diese Autos einfach nie irgendwo gesehen hat. Und schon gar nicht alle auf einem Haufen. Absoluter Pflichtbesuchstipp bei eurem Goodwood-Trip. Auch wenn ihr nicht auf dem Kamel angereist seid und Frauen eintauschen könntet, um so ein Wunderwerk zu besitzen.

Huch, bin ich schon wieder ins Faseln gekommen? Kurzer Text, viele Bilder? Naaaa gut. Ab dafür!

Gas ist rechts!

Text und Fotos: Thomas Senn

LESENSWERT.