Athen im Hochsommer ist kein Ort für automobile Zurückhaltung. Die Hitze steht über dem Asphalt, das Licht brennt auf die Karosserie, und eigentlich spricht alles dafür, das Dach geschlossen und die Klimaanlage arbeiten zu lassen. Beim Ferrari Amalfi Spider hält dieser Vorsatz nicht lange. Stoffverdeck zurück, V8 an, hinaus auf die Küstenstraße.
Das Coupé hatte bereits bei einer ersten Fahrt entlang der portugiesischen Küste überzeugt. Leichtfüßig, direkt und erstaunlich zugänglich, ohne dabei an Spannung zu verlieren. Der Spider übernimmt Antrieb, Getriebe und Fahrwerk weitgehend unverändert. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob er schnell genug ist. Sondern ob das offene Dach den Charakter des Autos verändert.
Innerhalb des Ferrari-Programms übernimmt der Amalfi die Rolle des Einstiegsmodells. Das klingt bei einem 640 PS starken Frontmotor-Sportwagen zunächst absurd, beschreibt aber lediglich seine Position im Portfolio. Er ist als Coupé und Spider erhältlich und soll jene Kunden ansprechen, die einen Ferrari nicht nur für einzelne Ausfahrten, sondern auch für längere Reisen nutzen wollen.
Gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Diskussionen um neue Antriebskonzepte wirkt der Amalfi angenehm eindeutig. V8-Biturbo, Hinterradantrieb, Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe und ein Stoffdach, das den Zugang zur Umgebung nicht über Umwege sucht. Man versteht dieses Auto schnell.
Offen, aber nicht weich
Bei einem offenen Sportwagen entscheidet die Karosserie darüber, ob aus dem Coupé ein eigenständiges Modell oder lediglich eine weichere Alternative wird. Verwindungen, Zittern am Windschutzscheibenrahmen oder eine zu nachgiebige Abstimmung wären sofort spürbar.
Der Amalfi Spider lässt sich davon wenig anmerken. Das Stoffverdeck öffnet und schließt in 13,5 Sekunden und kann bis 60 km/h bedient werden. Zusammengefaltet baut es nur 220 Millimeter hoch. Die fünflagige Konstruktion soll bei geschlossenem Dach sowohl Außengeräusche als auch Wärmeverluste begrenzen.
Auf der Straße bleibt die wichtigste Erkenntnis: Der Spider fährt sich nicht wie ein kompromissbehaftetes Derivat. Die Karosserie wirkt fest, die Reaktionen bleiben klar, und auch auf schlechten Abschnitten ist kein störendes Zittern zu spüren. Der Wagen behält jene Leichtigkeit, die schon das Coupé auszeichnete.
Lenkung, Bremse, Gaspedal und Getriebe arbeiten dabei mit derselben Selbstverständlichkeit. Keine Komponente drängt sich künstlich in den Vordergrund. Die Lenkung reagiert schnell, ohne nervös zu werden. Das Bremspedal lässt sich präzise dosieren, und der Antrieb setzt Befehle ohne unnötige Verzögerung um.
640 PS ohne Drama
Der 3,9 Liter große V8-Biturbo leistet 640 PS bei 7.500 Umdrehungen und entwickelt zwischen 3.000 und 5.750 Touren ein maximales Drehmoment von 760 Nm. Ferrari nennt 3,3 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h, 9,4 Sekunden bis 200 km/h und eine Höchstgeschwindigkeit von 320 km/h.
Beeindruckender als die Zahlen ist die Art, wie der Motor seine Leistung abgibt. Er spricht spontan an, baut den Schub gleichmäßig auf und vermeidet jene übertriebene Aggressivität, die im Alltag schnell anstrengend wird. Der Amalfi ist jederzeit sehr schnell, zwingt den Fahrer aber nicht ständig dazu, sich mit seiner Leistung auseinanderzusetzen.
Das Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe passt dazu. Im automatischen Betrieb arbeitet es unauffällig, im manuellen Modus reagieren die Schaltpaddel unmittelbar. Die Gangwechsel erfolgen schnell und ohne unnötige Härte. Erst bei entschlossener Fahrt zeigt das Getriebe, wie eng es mit dem Motor abgestimmt ist.
Mit geöffnetem Dach bekommt der V8 mehr Raum. Der Klang bleibt kräftig, aber nicht aufdringlich. Statt künstlich erzeugter Dramatik hört man Ansaugung, Turbolader und Abgasanlage deutlicher voneinander getrennt. Gerade bei mittleren Drehzahlen wirkt der Spider deshalb lebendiger als das Coupé.
Präzise, ohne anstrengend zu werden
Das Fahrwerk übernimmt die bekannten Systeme des Coupés. Dazu gehören Brake-by-Wire, die aktuelle ABS-Generation, Side Slip Control 6.1, ein elektronisch geregeltes Differenzial und Ferraris jüngste Software zur Einschätzung des verfügbaren Grips.
Das klingt nach einer umfangreichen elektronischen Schutzschicht, fühlt sich auf der Straße aber nicht danach an. Die Regelsysteme arbeiten im Hintergrund und greifen so unauffällig ein, dass der Fahrer nicht ständig an sie erinnert wird.
Im Sportmodus bleibt der Amalfi lebendig und direkt, ohne auf schlechten Straßen unnötig hart zu werden. Der Race-Modus lässt größere Bewegungen zu und verlangt mehr Aufmerksamkeit, ohne den Wagen unvermittelt in ein anderes Auto zu verwandeln. Die Abstufung zwischen den Fahrprogrammen ist nachvollziehbar und nicht bloß ein Wechsel der Anzeigenfarbe.
Der Spider lädt zum schnellen Fahren ein, statt den Fahrer einzuschüchtern. Das ist vielleicht seine größte Stärke. Er verlangt Konzentration, aber keine ständige Gegenwehr. Die Leistung ist jederzeit präsent, das Auto bleibt dennoch berechenbar.
Ruhe trotz offenem Dach
Auch das neue Windschott erfüllt seinen Zweck. Es ist in die Lehne der Rückbank integriert und kommt ohne die üblichen sichtbaren Netzkonstruktionen aus. Bei geöffnetem Dach reduziert es die Verwirbelungen im Innenraum deutlich. Gespräche bleiben auch bei höherem Landstraßentempo möglich, ohne dass Fahrer und Beifahrer gegen den Wind anreden müssen.
Der Innenraum gehört zu den besseren aktuellen Ferrari-Cockpits. Das Dual-Cockpit-Layout trennt Fahrer- und Beifahrerbereich optisch, ohne sie voneinander abzuschotten. Physische Tasten am Lenkrad erleichtern die Bedienung, der Startknopf besteht wieder aus Aluminium. Digitales Kombiinstrument, Zentraldisplay und Beifahrerbildschirm fügen sich stimmig ein, ohne den gesamten Innenraum zu beherrschen.
Die hinteren Plätze sind formal vorhanden, für Erwachsene aber kaum zu gebrauchen. Als zusätzliche Ablage für Taschen, Jacken oder kleineres Gepäck erhöhen sie den Nutzwert dennoch. Wer längere Reisen plant, wird sie eher als erweiterten Kofferraum betrachten.
Näher am Coupé als erwartet
Der Amalfi Spider verlangt für das Offenfahren erstaunlich wenige Zugeständnisse. Er bleibt präzise, schnell und leichtfüßig, gewinnt aber an Atmosphäre. Das Dach nimmt ihm nichts Wesentliches, sondern fügt dem Fahrerlebnis eine weitere Ebene hinzu.
Im Coupé wirkt der Amalfi konzentrierter, im Spider unmittelbarer. Motor, Umgebung und Geschwindigkeit rücken näher an die Insassen. Dabei bleibt das Auto komfortabel genug für lange Strecken und beherrschbar genug, um nicht jede Fahrt zur Mutprobe zu machen.
Der Ferrari Amalfi Spider ist kein Coupé mit entferntem Dach. Er ist die offenere, sinnlichere Auslegung desselben Konzepts. Nicht grundsätzlich besser, aber näher an dem, was man sich von einem Ferrari unter südlicher Sonne verspricht.
Technische Daten Ferrari Amalfi Spider
- Motor: V8 mit Turboaufladung
- Hubraum: 3855 ccm
- Leistung: 471 kW / 640 PS
- Max. Drehmoment: 760 Nm ab 3.000 U/min
- Höchstgeschwindigkeit: 320 km/h
- Beschleunigung 0 – 100 km/h: 3,3 Sekunden
- Normverbrauch: 11,2 Liter / 100 km / 254 g CO2
- Antrieb: Heck
- Getriebe: Achtgang-Doppelkupplung
- Leergewicht: ca. 1.650 kg
- Laderaum: 172 – 255 Liter
- Preis: ca. 280.000 Euro