Mercedes-AMG G 63. Jurassic World.

Dinosaurier sind ausgestorben? Zum Glück nicht alle – der G-Rex machte sogar einen Evolutionssprung! Wir fahren den Mercedes-AMG G 63.

Eine kraftvolle Riesenerscheinung bricht durchs Unterholz und brüllt markerschütternd. Der G-Rex ist tot – es lebe der G-Rex! Zwar sieht er immer noch aus wie ein Dinosaurier, aber seit letztem Jahr bewegt er sich nicht mehr nur instinktiv sicher durch Schlamm und Geröll, sondern rennt auch in der Ebene richtig schnell, weicht Hindernissen gekonnt aus und befolgt die modernen Gesetze des Dschungels. 

Seit 1979 wühlt sich der G durchs Gelände – fast ein Drittel der Automobilgeschichte hat er miterlebt. Viele Originale hat er aussterben sehen und wer außer ihm überlebt hat, hat sich angepasst an die modernen Zeiten. Er erinnert dagegen an eine Epoche, in der Ecken und Kanten dazugehörten wie Hörner und Klauen. Er stellt sich dem Wind noch entgegen, statt sich wegzuducken.

Äußerlich gingen die 40 Jahre fast spurlos an ihm vorüber. Allerdings wuchs er mit dem letzten Evolutionssprung, speckte einige Kilos ab und legte an Muskeln zu. Musste er anfangs mit der Kraft von 72 Pferden auskommen, so reißt unser Affalterbacher Exemplar den Boden mit 585 Pferdestärken auf.

Und wie reitet sich das Urgestein auf Speed? Gibt man ihm die Sporen, bäumt er sich auf und stürmt nach vorn wie von der Tarantel gestochen. In irrwitzigen 4,5 Sekunden galoppiert er auf 100 km/h. Dafür brauchte man 1996 noch einen Porsche 911 Turbo!

Weil man im G gefühlt mit einer Schrankwand samt Wohnzimmer unterwegs ist, sorgt das für ein noch breiteres Grinsen als im Sportwagen: Ich dachte immer Audi Q7 und VW Multivan wären große Autos, aber nun schaue ich ihnen vom Steuer des G aus aufs Dach, während ich auf der Autobahn an ihnen vorbeiziehe. Dabei bollert und sprotzelt es aus den Sidepipes. Der G-Rex powert ohne Ende: Schon ab 2.500 Umdrehungen schiebt der AMG-Biturbo-V8 mit 850 Newtonmeter – deutlich mehr, als ein Lamborghini Aventator-V12 bei 6.750 Umdrehungen liefert.

Die Spitzengeschwindigkeit des Lambos von 350 km/h erreicht der G 63 zwar nicht ganz, aber mit dem optionalen AMG Driver’s Package (2.261 Euro) regelt er statt bei 220 km/h erst bei 240 ab. So schnell war noch kein G vor ihm! Auf der Autobahn rennt er, bis ihn bei Tacho 245 recht abrupt der Begrenzer zügelt. Dabei fühlt sich der rasende Dino jederzeit beherrschbar, sicher und stabil an.

Warum er nicht schneller darf? Keine Ahnung. Vielleicht würde der Fahrtwind die steil stehende Frontscheibe irgendwann nach innen drücken, oder es gibt keine Reifen, die die 3,2 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht noch schneller tragen können. Komfortgründe können es jedenfalls nicht sein, denn schon ab 130 Sachen übertönen die Windgeräusche jedes Gespräch und die noble Burmester-Anlage. Vielleicht hat es auch mit dem jumbojetmäßigen Verbrauch zu tun: Die Anzeige gibt bei Topspeed unglaubliche 60 Liter auf 100 km an. Dann ist der riesige 100-Liter-Tank nach 166 km leer – also nach 41 Minuten. Und selbstverständlich säuft der G nur Hochoktan-Champagner: SuperPlus sollte es schon sein. Macht schlappe 180 Euro pro Füllung. Und auch wenn man es nicht vollständig übertreibt – weniger als 20 Liter süppelt der G-Rex eher selten.

Gut, allzu klamm sollte man ohnehin nicht sein, wenn man sich den Kraftsportler hält. Denn den Grundpreis von 152.000 Euro erhöhen noch einige Nettigkeiten, die unser Exemplar auf 185.000 Euro hieven. Wer seine Wohnung für den Über-G nicht verkaufen will: Finanzieren geht auch – macht dann 5.570 Euro im Monat.

Der Preis ist aber nicht das einzige, was ihn herrlich unvernünftig macht.

Der Charakterkopf besitzt etliche liebenswerte Besonderheiten: Das fängt beim Einstieg an: Die Zentralverriegelung klingt immer noch so, als würde ein Transformer salutieren, was nicht nur G-Fans in Ekstase versetzt. Dann den Druckknopf am LKW-Türgriff (eines von nur drei Teilen, die vom Vorgänger übernommen wurden) betätigen und die Tür mit dem charakteristischen außenliegenden Scharnier öffnen.

Und falls du dich gefragt hast, wofür der Bügel über dem Handschuhfach gut ist, dann wird dir spätestens beim Versuch, den Beifahrersitzes zu entern klar, dass man ohne ihn unmöglich dort oben hinauf klettern könnte. Auf der Fahrerseite zieht man sich stattdessen am Lenkrad hoch.

Ist man auf seinem Ausguck angekommen, will die Tür mit Schmackes zugeschmissen werden. Weil das oft doch noch etwas mehr Kraft benötigt als gedacht, braucht man nicht selten mehrere Versuche, bis sie so satt wie ein Luftschutzbunkertor schließt. Dann thront man bequem auf seinem Hochsitz, schaut aufs kantig-moderne und mit riesigen Bildschirmen eingerichtete Cockpit und genießt den üppigen Platz. Der Kopfraum würde sogar für Marge Simpson und ihre Turmfrisur locker reichen.

Die würde sich sicher auch über Spielereien wie die Ambientebeleuchtung in 64 wählbaren Farben freuen. Die Massagesitze kannst du aber auch als Mann genießen, selbst wenn dir Wellness sonst so suspekt ist wie alkoholfreies Bier, fettarme Milch oder ein Salat als vollwertige Mahlzeit.

Dank der großen steilen Scheiben kann man ausgezeichnet in die Weite blicken. Nur im Rückspiegel macht sich – wieder so eine Eigenheit des G – das am Heck befestigte Reserverad mit seiner Abdeckung breit. Es sorgt, zusammen mit der tresorschweren Gepäckabteiltür, auch dafür, dass man sich das Fitnessstudio sparen kann, nachdem man Taschen im Kofferraum verstaut hat.

OK, Reisen kann der G-Rex also. Aber wie sieht es mit der sinnstiftenden Kernkompetenz Gelände aus? Auch hier macht er richtig Laune und eher geht dem Fahrer der Mut aus, als dem G das Klettertalent. Hinten hat er immer noch eine Starrachse, vorne stattdessen nun Einzelradaufhängung. Mit seinen berühmten drei Sperren kämpft er sich überall durch, selbst wenn nur noch ein Rad Traktion hat. Der Neue hat sogar noch mehr Bodenfreiheit und überwindet steile Anstiege, Geröll und Matsch tatsächlich noch besser als sein Vorgänger. Und im Türrahmen trägt der G wieder das Abzeichen „Schöckl Proved“, das bestätigt, das der in Graz gefertigte Geländewagen den 1.445 Meter hohen Alpengipfel erklommen hat. Übrigens nicht in Schleichfahrt, denn die Entwicklungsingenieure wollen ja auch irgendwann ihr Feierabendbier trinken.

Technische Raffinessen waren übrigens auch nötig, um Anachronismen wie die Blinkerhörner auf den vorderen Kotflügeln in die Jetztzeit mit ihren weitreichenden Sicherheitsvorschriften zu retten: Die exponierten Teile verschwinden beim Aufprall nach innen. Der G ist laut Euro NCAP beim Fußgängerschutz sogar deutlich besser als ein Kleinwagen wie der Fiat 500. Nur, falls der Nachbar mal fragt.

Der G hat es geschafft, sich weiterzuentwickeln, ohne sich zu sehr anzupassen. Er hat seinen Charakter und seine Eigenheiten bewahrt und ist doch besser geworden. Der G-Rex ist tot – es lebe der G-Rex!

TEXT Jens Koch

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