Rallyeguggauto, das!
R

Zwei alte Männer fahren zum ersten Mal in ihrem Leben mit einem Hyundai nach Monte Carlo. Das hat uns inspiriert. Und wenn Loeb und Elena das können, können mein alter Rallye-Kumpel Toni und ich das schon lange.

Obwohl ich schon über 100 Autos besessen habe: der Gedanke an ein Fahrzeug aus dem fernen Osten lag mir immer mindestens genauso fern. Obschon 1987 bei meinem ersten Monte-Besuch (mit dem gleichen Toni an meiner Seite wie dieses Mal) ein Mazda 929 unser Auto und Hotel war, allerdings von Vatti geliehen. Da sich nun selbst Sebastien Loeb getraut hat, mit einem Hyundai die Reise nach Monte Carlo anzutreten, hab ich gedacht, komm, Senn, mach das doch auch mal. Was soll schon passieren? Die können das doch mittlerweile. Allerdings ist aber tatsächlich etwas passiert: ich hab für Euch das absolut perfekte Rallyezuguggauto gefunden! Echt.

Trotzdem waren meine Bedenken groß zu Beginn. Apropos groß: Der neue Hyundai Santa Fe ist nach der Aida Viva und den Gelenkbussen des Hamburger Verkehrsverbundes das drittgrößte Verkehrsmittel, welches ich je betreten durfte. Und ja, man sagt bei Autos dieser Größe betreten. Man geht hinein, macht ein paar Schritte, schaut sich um, schlendert zur Sitzgruppe und nimmt Platz. So fühlt es sich an. Bei einem Einfamilienhaus hätte die Maklerin im 80er-Kostüm und den billigen Pumps geschrieben: ‚die großzügige Eingangshalle heißt Ihre Gäste auf das Herzlichste willkommen, der weitläufige Wohnbereich lädt zu geselligen Stunden mit Freunden ein und die zahlreichen Nebengebäude bieten ihnen Platz für die Hobbies der ganzen Familie’.

So muss man sich die Neuauflage des Klassikers von Hyundai einfach vorstellen. Viel viel Auto. Ein bisschen Sorge hatte ich zu Beginn unserer 3.900 Kilometer langen Reise, wie man wohl mit einem Auto, das nur geringfügig kleiner als Monaco ist, überhaupt nach Monaco reinkommen soll. Ist das rechnerisch überhaupt möglich? Was, wenn noch ein weiteres Auto nach Monaco will? Passt das dann noch? Da ich aber in Geographie wie auch in Geometrie gleichgroße 60:40-Defizite habe, musste ich mich überraschen lassen.

Aber ganz ehrlich: diese Sorge war nach 30 Kilometern Kennenlernphase verflogen. Denn es galt, was schon mancher Mann in anderen Lebenssituationen erkennen und einsehen musste: so groß isser gar nicht. Beispiel Tiefgarage: Beim ersten Abbiegen in der von Radfahrern für Radfahrer geplanten Tiefgarage sah ich keine Chance ums Eck zu kommen, ohne dass die darüberliegende Wohnanlage vom THW großräumig evakuiert muss wegen Einsturzgefahr. Und erst Recht nicht ohne Abstandswarner vorne! Ich stieg also aus um zu sehen, wieviele Millimeter mir wohl noch bis zum peinlichen Anruf bei Hyundai bleiben würden als ich sah: der Wagen hat selbstverständlich eine Einparkhilfe vorne, sie hat aber einfach noch nicht reagiert, weil noch über ein Meter Platz bis zur Säule war. Es lag also nicht am Auto, nicht an seiner Größe, sondern mal wieder schlicht daran, dass a) mein räumliches Sehen unter aller Sau ist und b) der Hyundai innen größer als außen. Und natürlich geht das! In meiner Welt.

So zeigte sich dann nach wenigen Kilometern, dass dieses Trumm von einem Auto wahrscheinlich eines der leichtfüßigsten ist, welches ich je gefahren habe. Ja, er ist lang, ja, er ist breit, ja, er ist schwer. Aber so wie die Hyundai-Techniker ihn perfekt mit Fahrwerk und Fahrhilfen ausgestattet haben denkst Du nach 10 Kilometern, Du würdest einen 900 Kilo-Kleinwagen steuern. Alles mit einem Finger, alles präzise, alles stabil, alles flink, alles leichtgängig. Es ist wirklich schwer zu beschreiben, aber der neue Hyundai Santa Fe weht wie ein majestätischer Papierflieger über die Autobahn. Und zwar einer, den die guten Jungs mit ein bisschen Ahnung von Thermik gefaltet haben. 180 ist seine liebste Reisegeschwindigkeit, da schwebt der Santa Fe über die Bahn, kein Schwanken, kein Rumpeln, kein Krach, keine Neigung – einfach schwerelos Reisen wie in der First-Class von Emirates.

Einen großen Teil trägt der ganz sicher beste Spurhalteassistent, der zurzeit am Markt ist, bei. Ich hab schon viele davon gefahren und getestet, alle sind sie mir ein bisschen auf die Nerven gegangen, alle waren nach 100 Metern ausgeschaltet. Der des Hyundai ist perfekt. Minimales und feinfühliges eingreifen, wenn man bei 180 auf der Bahn mal kurz nach hinten geht um was aus dem Gepäckwagen zu holen. Und das Ganze so optimal dosiert, dass die im wahren Leben schwere Fuhre keinerlei abweichende Bewegungen zulässt als stur der Autobahn folgend. Und auch wenn man die Geschwindigkeit auf 200 erhöht, ändert sich nichts. Kasseler Berge volle Kapelle: der Santa Fe schwebt wie ein Luftkissenboot zielgenau durch die für Kreuzfahrtschiffe teils schon kritischen Kurven. Von Hand macht das keiner besser.

Überhaupt muss man mal was zur Ausstattung dieses Autos sagen: Sitze beheizt UND belüftet, Rückfahrkamera, getrennt regelbare Klimaautomatik, Tempomat, Kollisionswarner, Top-Navi, Headup-Display, Mörder-HiFi-Anlage, Memorysitze, Heckklappenfernbedienung, Keyless-Go, Fernlichtautomatik, Lenkradheizung (nie wieder ohne bei einer Winterrallye!) und und und und und. Und was ihn sowieso zum perfekten Rallyeguggauto macht (und hier nochmal im Nachhinein ein großes Dankeschön an den Menschen bei Hyundai, der mal eine Sekunde nachgedacht hat bei der Auswahl des Testwagens für einen Rallyebesuch): es gibt dieses Auto mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe! Und unserer war so einer! Eine längst ausgestorbene Option in Autos dieser Größenordnung. Und doch so wichtig für ein Rallyeguggauto. Auch mit Allradantrieb und zuschaltbarer Sperre gibt es bei einer Winterrallye Situationen auf Parkplätzen, wo man das Auto mal mit Vorwärts- und Rückwärtsgang im Tiefschnee ein bisschen aufschaukeln muss, um wieder von der Stelle zu kommen. Mit einer Automatik hast Du da keine Chance. Im Santa Fe hingegen bist Du sicher. Sicher wieder weg.

Großartige Ausstattungsdetails übrigens auch für Rallyefotografen! Nichts braucht man schließlich während einer langen, großen Rallye mit weiten Wegen mehr als Strom! Für Handy, für Akkus, für Laptops, für viele Leute. Und wo sonst in den Autos dann mit abenteuerlichen Adaptern, Akkupacks und Vielfachsteckern rumgewurschtelt werden muss, kann der Santa Fe die Quartett-Trümpfe ausspielen. Im Fahrerabteil erwarten einen schon zwei USB-Steckdosen, eine Matte fürs kabellose Handyladen, ein 180 Watt-Zigarettenanzünderanschluss sowie eine Aux-Steckdose (Bluetooth gibt es logischerweise auch). Aber das Ganze wird unmissverständlich getoppt durch zwei weitere USB-Anschlüsse im Fond und – jetzt Achtung, Trommelwirbel – eine ECHTE 220 Volt-Steckdose, mit der jeder Computer während der Fahrt betrieben werden kann. Oder natürlich auch ein Langhaarschneider, was ich aber aus hygienischen Gründen nicht empfehlen würde. Dann schon eher eine Wurstschneidemaschine, einen Föhn oder in Dreiteufelsnamen eine Stehlampe.

Die rund 200 Diesel-PS harmonieren indes wundervoll mit den sechs Gängen, in den Seealpen nimmt es auf den engen Steilstraßen keiner so leicht mit dem Hyundai auf. Bergab, auf geschlossener und angeeister Schneedecke merkt man das Gewicht dann schon ein bisschen. Vielleicht muss man auch keine 19-Zoll-Winterräder im Winter haben, auch da könnte man fürs gute Gefühl auf Eis noch nachjustieren.

So sehr er sich in Kurven, auf der Bahn oder bergauf wie ein leichter i20 anfühlt, so sehr merkt man bergab, dass der Santa Fe eben zwei i20 ist. Nicht falsch verstehen: das fühlt sich zu keiner Zeit unsicher an, aber beim Bremsen merkst Du eben, dass dieses tolle Raumgefühl seinen Preis hat. Wir haben den Wagen mit knapp 11.000 Kilometern auf dem Tacho schon mit rubbelnden Bremsscheiben übernommen und ihn nach über 59 Stunden flotter Fahrzeit auf Autobahn und Alpensträßchen mit ganz sicher nicht weniger rubbelnden Bremsen wieder abgegeben.

Klar, wir wissen nicht welcher naturtrübe YouTube-Blogger-Journalistendarsteller den Pressewagen vorher in seinen unqualifizierten Kinderhänden hatte, aber die Bremsen haben ohne Zweifel zu tun in diesem Auto.

Über den Kofferraum brauchen wir bei einem solchen Auto gar nicht reden: wenn Ihr wollt, trefft Euch mal mit Freunden für ein Wochenende im Santa Fe-Kofferraum oder richtet ein Turnier für lateinamerikanische Standardtänze darin aus. Alles kein Problem. Und das Gepäck von vier Leuten für eine Rallyewoche erst recht nicht. Das muss Du eher festzurren, damit es nicht in Bereiche rutscht, wo Du mit dem Roller hineinfahren musst, wenn Du an Deine Tasche willst.

Ich kann nach 3.950 Kilometern, acht Tagen und 60 Stunden reiner Fahrzeit sagen: es hat mir noch nie soviel Spaß mit einem Auto bei einer Rallye gemacht. Weil er fährt wie ein Go-Cart, genug Dampf hat, Allrad, leichtfüßig ist, einen wärmt und kühlt wie er soll (hatte ich schon die Lenkradheizung erwähnt? I’m in love!), sparsam ist (8,3 Liter, und wir haben es schon fliegen lassen), Platz hat für alles, Strom hat für alles, einfach perfekt.

Ob ich verliebt bin in den neuen Santa Fe? Nein. Er ist ein wundervoller Freund, aber keine Geliebte. Dafür fehlt ihm hier und da das letzte bisschen Zuneigung aus der Designabteilung. Nun steht der Koreaner ja per se nicht gerade im Verdacht, Mitglied einer großen Designernation zu sein. Auch wenn es schon zwei verschiedene Frisuren in Korea gibt, ist man dort doch eher der Technik als der Optik verschrieben. Nicht falsch verstehen: das sieht schon alles sehr gut gemacht aus und ist es auch: aber an manchen Stellen merkt man eben, dass die Techniker eine Gehaltsstufe über den Designern angesiedelt sind und die unfassbare technische Qualität einfach vor der Optik steht. Allerdings muss man auch sagen, dass die meisten Deutschen eh keinen Geschmack haben und diese Feinheiten sowieso nicht wahrnehmen. Der Santa Fe ist also eher die technisch tadellose Jack Wolfskin-Jacke unter den großen SUV und nicht die feine Moncler.

Gute Nachricht übrigens für die Verkaufsverhandlungen zu Hause: es gibt den neuen Santa Fe auch als Siebensitzer in der Schulbusvariante! So dass er in der rallyefreien Zeit auch von Helikopter-Mums zum Transport von ADHS-Aaron, Bulimie-Betsy, Jute-Julia, Klavier-Karl, Magersucht-Marie, Fetti-Friedrich und den Labradudels zum Bratschen-Unterricht eingesetzt werden kann. Also: kauft Euch mal einen!

Nachtrag: ob der Santa Fe auch in Monte Carlo fahrbar ist? Der livrierte Chauffeur des Hermitage-5-Sterne-Hotels hat ihn bei unserer Zielankunft hinters Haus gefahren und nach Abreise wieder hervorgeholt. Platztechnisch scheint es also gegangen zu sein. Und er hat auch nicht angewidert geschaut. Wobei mir gerade auffällt: vielleicht hat er ihn ja auch in Nizza geparkt.

TEXT Tom Senn
FOTOS Toni Seiler und Tom Senn

LESENSWERT.

Audi S1 vs. Audi S1. Dürfen die das?

Drei Jahrzehnte nach der Geburt des Sport Quattro erschafft Audi...

Rallyeguggauto, das!

Zwei alte Männer fahren zum ersten Mal in ihrem Leben...

Fritz Wagner. The Godfather of M1.

Ortstermin südlich von München: An einem wunderschönen, sonnigen Tag im...