„Das erscheint mir skurril.“ Interview Rob Dickinson.

Singer-Firmenchef Rob Dickinson ist ein Rockstar. Sowohl heute in der Autobranche als auch in seinem früheren Leben auf den großen Bühnen. Nun hat er uns in Deutschland besucht. Und seinen neuen Turbo mitgebracht. Und viele spannende Ansichten …

Singer – ein Name, der nicht nur in den Ohren echter Porsche-Enthusiasten wahre Musik ist. Der Edel-Restaurateur aus Kalifornien ist unter der Leitung von Ex-Musiker Rob Dickinson dafür bekannt, die 964er seiner Kunden in monatelanger, akribischer Arbeit in Unikate im F-Modell-Look zu verwandeln. Mit eigens entwickelten 4-Liter Saugern unter dem Heckdeckel, die für ordentlich Alarm sorgen. Doch man kennt das ja: Manchen ist ordentlich Alarm dann doch einfach nicht genug. Stichwort: Turbo. Und so präsentierte Singer jüngst die Turbo Studies – ganz im Stile des 930. Des berühmten Widowmakers.

Und so ergibt es sich, dass ich an einem heißen Tag in Stuttgart plötzlich in einer alten Garage vor eben jenem Auto stehe, der auf den allerersten Blick tatsächlich für manche wirken dürfte, wie ein gewöhnlicher 930. Aber was ist schon gewöhnlich, wenn es um Singer geht? Die wichtigste Nachricht an dieser Stelle: Für die Turbo-Interpretation des Porsche 911 von Singer werden keine der ohnehin schon raren 930 angegangen. Das Auto basiert ebenfalls auf der Basis des 964, da man sich damit bei Singer am wohlsten fühlt und hier die Allrad-Option hat. Der 3,8 Liter Mezger-Motor im Heck liefert mit 2 Turboladern mindestens 450 PS, geschaltet wird manuell und mit sechs Gängen. Und nein, über den Preis wird nicht gesprochen. Doch das dürfte Singer-Kunden nicht abschrecken. Schönheit hat schließlich keinen Preis.

Feine Details, die Singer von vielen anderen Veredlern unterscheiden, bringen mich an diesem Sommerabend noch mehr ins Schwitzen. Lufteinlässe vor den hinteren Radläufen ganz im Stile der guten alten Steinschlagschutzfolie verraten: Hier ist gar nichts normal. Den Deckel zum Motor darf ich zwar nicht öffnen, doch dafür steht nun Rob Dickinson persönlich vor mir, bietet mir ein Getränk an und nimmt sich die Zeit, mit mir in Ruhe im Nebenraum über den Turbo zu sprechen.

Dabei zieht er mich direkt in seinen Bann. Er ist keiner dieser Großkonzern-CEOs, die oft wie eine leere Hülle wirken, aus der auf Kommando Phrasen aus dem PR-Katalog purzeln. Der Brite Dickinson hat seinen Werdegang als Musiker in London begonnen und genau diese Coolness nie abgelegt (im Übrigen ist er der Cousin des Iron Maiden-Frontmanns Bruce Dickinson). Und: Er begegnet mir mit ehrlichen Meinungen, erzählt Anekdoten, erfrischt mich, während ich da schwitzend sitze. Ach ja und er ist am Vortag selbst aus UK nach Stuttgart gefahren – in der grünen Version seiner „Dynamics & Lightweighting Study“.

Rob, ich habe gehört, Du bist gestern selbst hierher gefahren?

Ja, ich kam in dem Auto, das draußen steht, direkt aus England mit Zwischenstop in Frankreich. Es war laut und sweaty, aber ein schöner Roadtrip. Ich liebe solche Gelegenheiten, unsere Autos selbst mal ausgiebig zu testen und mir Notizen zu machen, was man eventuell verbessern könnte. So eine Strecke fährt man dann ja doch eher selten – das war bisher mein längster Trip in einem unserer Autos!

Welches ist denn das beste Auto, dass ihr je modifiziert habt?

Ich bin auf jeden Fall sehr zufrieden mit dem Turbo, der hier steht. Ich muss mich tatsächlich auch noch daran gewöhnen, ihn live zu sehen – ich habe ihn zweieinhalb Jahre täglich auf einem Computerbildschirm gesehen und zwei Jahre als Lehmmodell. Und jetzt können wir ihn endlich zeigen. Und er ist echt gut geworden. Ich schaue ihn mir an und sehe nichts, was ich gerne ändern würde. Ich finde, wir haben es sehr gut geschafft, all die Modifikationen auf eine sehr authentische Weise zu gestalten.

„Bis wir 2009 das erste Auto gezeigt haben, hatte ich schon ein halbes Leben an genau diesem Auto gearbeitet.“

War das jemals anders? Hast Du jemals ein Ergebnis eurer Arbeit hinterher bereut?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Meine Idee mit Singer war es immer, meine eigene Idealversion des Porsche 911 zu gestalten und so war das alles ein sehr langsamer Prozess. Bis wir 2009 das erste Auto gezeigt haben, hatte ich schon ein halbes Leben an genau diesem Auto gearbeitet. Und dementsprechend gibt es nichts, was ich hinterher grundlegend anders gemacht hätte. Natürlich ist das alles eine stetige Entwicklung und über die Jahre kommen neue Ideen und Elemente dazu – man wird besser. Aber ich kann mir unser erstes Auto immer noch anschauen und bereue nichts. Unser Credo ist es, eine Designikone auf authentische Weise zu würdigen. Das wichtige ist dabei, den Porsche 911 zu verstehen – aus der technischen und Design-Perspektive, aber auch aus einem gesellschaftlichen Gesichtspunkt. Schließlich ist der 911 für viele Millionen von Menschen das schönste Auto, das es jemals gab. Die Schwierigkeit liegt darin, eine solche Ikone zu verbessern, beispielsweise durch Materialien, die es früher noch nicht gab. Und das kann man natürlich mit Geschmack und Zurückhaltung machen, aber auch auf eher abenteuerliche Art und Weise. Ich glaube, wir haben da einen Weg gefunden, der der Mentalität von Porsche entspricht und unsere Autos sind ja trotz all der Modifikation eher konservativ – sie sehen nicht wie Tuning-Fahrzeuge aus.

Würdet ihr zu bestimmten Kundenwünschen also auch nein sagen?

Das ist natürlich immer ein Thema. Auf der einen Seite hat der Kunde immer Recht. Auf der anderen war es immer Teil unseres Konzeptes, dass wir nur das Maß an Entscheidungsfreiheit gestatten, das mit unserer eigenen Philosophie verträglich ist. Man könnte sagen, wir kuratieren die Auswahlmöglichkeiten, wie es auch in anderen Bereichen gemacht wird, wo es letztendlich um Geschmack geht – denn der ist ja immer relativ. Das bedeutet bei uns, dass der Kunde entscheiden kann, ob das Auto am Ende des Prozesses sehr luxuriös oder eher roh und Performance-orientiert werden soll. In der Regel bewegen wir uns irgendwo in der Mitte dieser beiden Extreme. Aber klar, der Kunde ist König und wenn er ein pinkes Auto mit lilafarbenem Interior möchte, dann kann er das bekommen – wir geben dann unser Bestes, das so geschmackvoll wie möglich umzusetzen. Am Ende hilft uns da glaube ich aber auch jedes Auto, das wir machen. Umso mehr Autos von uns die Leute sehen, umso mehr verstehen sie unsere Vision, die sich eben authentisch an deutschem Design orientiert. Und so kommen dann auch eher Kunden gerade wegen dieser Vision zu uns und nicht, weil wir jede noch so schreckliche Idee möglich machen.

„Wir haben noch fünf bis sechs Jahre, um weiter den 911 zu zelebrieren“

Bisher habt ihr euch bei Singer ja ausschließlich mit dem 911 befasst. Wie sieht es den mit Transaxles aus?

Wir haben tatsächlich mal unsere Version eines 928 designt. Aber ich glaube nicht, dass wir das machen werden. Ich sehe ja auch, dass das andere machen und das nicht gerade erfolgreich. Ich denke, wir haben noch fünf bis sechs Jahre, um weiter den 911 zu zelebrieren und es wird von uns nächstes Jahr spannende News geben und wohl auch 2024 und 2025! Wir wollen jetzt erst einmal all unsere Ideen zum Porsche 911 aus unserem Kopf bekommen und da ein schönes Portfolio an Singer reimagined Porsche 911 kreieren. Dann fangen wir an, uns Gedanken darüber zu machen, wo wir als Unternehmen und als Marke hin möchten. Es gibt da draußen auf jeden Fall genug Gelegenheiten, coole Sachen zu machen!

Also gibt es Autos außerhalb des Porsche-Portfolios, die Du gerne anpacken würdest?

Ja klar, die Liste ist endlos! Porsche ist meine große Liebe, aber ich bin ein Autonarr und habe da definitiv mehr Autos im Kopf, als ich jemals erschaffen könnte. Und vielleicht werde ich mich an das ein oder andere ja heranwagen – ob nun mit Singer, oder nicht. Ideen habe ich auf jeden Fall genug.

Wir leben ja gerade in politisch wilden Zeiten. Spürt ihr das als Nischen-Unternehmen auch?

Naja, wenn man so will, haben wir Singer ja mitten in einer Rezession gegründet. Das könnte man als komplett bescheuert, oder vollkommen genial bezeichnen, wenn es mit dem Aufschwung nach der Krise klappt. Klar, unsere Autos sind teuer – das lässt sich nicht umgehen bei dem Level an Detailverliebtheit und Individualisierung und bei den geringen Stückzahlen. Selbst mit den Preisen, die wir für unsere Autos verlangen müssen, ist es nicht einfach, das Business profitabel zu betreiben. Nach zwölf Jahren Singer sind wir jetzt erst an dem Punkt, wo wir das Gefühl haben, das zu verstehen. In unsere Zukunft schaue ich optimistisch, da wir mit Singer eine starke Marke aufgebaut haben, die für eine Philosophie steht. Eine Philosophie, Perfektion um jeden Preis zu erreichen. Wir haben bewiesen, dass der Kauf eines unserer Autos eine gute Investition für unsere Kunden ist. Wenn sich doch mal einer unserer Kunden entscheidet, sein Auto zu verkaufen, dann bisher eigentlich immer mit Gewinn. Aber klar, auch wir haben Probleme, was Lieferketten angeht und natürlich sind wir sehr abhängig von der Arbeit unseres Einkaufs. Aber auch hier bin ich jetzt nach zwölf Jahren sehr zufrieden, was wir uns aufgebaut haben. Ich kann das manchmal selbst kaum glauben. Ich bin ein Musiker und zeichne Autos und irgendwie stehe ich jetzt in einer richtigen Autofabrik. Wir sind jetzt gerade in ein neues Gebäude gezogen, wo wir endlich alles unter einem Dach haben. Bisher waren wir auf sieben verschiedene Gebäude in Los Angeles verstreut, was es natürlich auch nicht einfacher gemacht hat. Aber man könnte sagen, dass wir erwachsen wurden. So können wir in Zukunft schneller und besser arbeiten, was für das Business natürlich enorm wichtig ist, gerade in Hinblick auf Profitabilität.

„500 Kilo mehr Gewicht in einen alten 911 finde ich irgendwie pervers.“

Jetzt mal ein Blick in die Kristallkugel: Werdet ihr Klassiker mit Elektroantrieb versehen?

Nein, das kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Ich weiß, dass das andere machen – aber uns hat ehrlich gesagt noch nie jemand darum gebeten, was ja auch etwas zu bedeuten hat. Ich habe absolut nichts gegen Elektroautos, sondern finde es durchaus spannend, was da so möglich ist und neu gedacht werden kann. Aber einen Klassiker zu nehmen, den Motor auszubauen und ihn zu elektrifizieren, erscheint mir skurril. 500 Kilo mehr Gewicht in einen alten 911 finde ich irgendwie pervers.

Absolut richtig. Als echter Petrolhead: Was war Dein erstes Auto und was fährst Du jetzt im Alltag?

Das war ein beiger 1977 Ford Fiesta. Jetzt ist das sehr gemischt. Ich habe einen 993, einen GT3 Touring, aber auch einen Austin-Healey Frogeye Sprite und einen BMW X5. Ich nehme einfach immer den, auf den ich gerade Lust habe.

Und welches ist die genialste Straße, auf der du je gefahren bist? Ist die in Kalifornien?

Ja tatsächlich! Das ist die Route 33. Wenn man die Küste verlässt und etwas ins Land hineinfährt – da sind Straßen, die Gott persönlich gebaut haben muss. Ich hatte da die großartigsten Momente meines Lebens. Das größte Limit, das man dort hat, ist der eigene Mut. Sonst ist da kaum jemand unterwegs. Aber ich muss sagen: Ich war heute Morgen mit Leuten von Porsche bei Weissach unterwegs und das war auch nicht übel.

TEXT und FOTOS: Florian Roser

LESENSWERT.

WALTER.