Factory 56. Die Autofabrik der Zukunft.

Während Elon Musk von einer autonomen Fabrik träumt, setzt Mercedes auf den Faktor Mensch und eine forcierte Nachhaltigkeit.

Wenn es um Tesla-Chef Elon Musk geht, hat Michael Bauer eine ganz klare Meinung. „Er wird lernen, dass Autobauen nur mit Menschen klappt“, sagt der Standortchef des Mercedes-Werks Sindelfingen.

Der schwäbische Automobilhersteller schlägt bewusst einen anderen Weg ein als der selbsternannte Elektro-Guru. Während Tesla voraussichtlich rund 150 Hektar Wald für seine Fabrik in Brandenburg fällt und anderorts wieder aufforstet, hat Mercedes die neueste und modernste Fabrik des Unternehmens in Sindelfingen auf dem Parkplatz der Angestellten aus dem Boden gestampft.

Das Werk hat eine Grundfläche von 220.000 Quadratmetern, was etwa 30 Fußballfeldern entspricht. Auf dem Dach befindet sich Fotovoltaik, die für 30 Prozent der Energie sorgen soll, die bei Bedarf in Energiespeichern mit einer Kapazität von 1.400 Kilowattstunden, die aus alten Autobatterien bestehen, bereitgehalten wird. Dazu kommen noch Grünanlagen, die 40 Prozent der Dachfläche ausmachen und jede Menge Digitalisierung.

25 Prozent weniger Energie

Das alles hat Auswirkungen auf die Energiebilanz: Die neue Fabrik verbraucht 25 Prozent weniger als die Vorgängerhalle. Doch das wichtigste Element bei der Produktion der neuen S-Klasse sind die Mitarbeiter.

Um denen das Arbeiten an den Autos so angenehm wie möglich zu machen, hat Mercedes einen Mikrokosmos errichtet. Das Dach der Halle wurde abgesenkt und wann immer es möglich ist, dringt Tageslicht auf die Produktionsstätten. Auch das anstrengende Über-Kopf-Arbeiten an den Autos ist auf ein Minimum reduziert.

In Zukunft werden rund 1.500 Mitarbeiter in zwei Schichten die neue S-Klasse und später auch den kleinen Elektro-Bruder EQS fertigen. Das sind etwa ein Viertel Angestellte weniger, als noch beim Vorgänger Hand anlegten.

Wie wichtig der Faktor Mensch beim Bau der neuen S-Klasse ist, zeigt sich auch daran, dass sich die Büros der Fertigungsingenieure und Qualitätssicherer mitten in der Halle befinden und nicht in einem Extra-Gebäude.

Zehn Tonnen weniger Papier

So können Probleme schnell auf dem kurzen Dienstweg gelöst werden – im wahrsten Sinne des Wortes. Dazu passt auch das Konzept der papierlosen Fabrik, das mit der Factory 56 umgesetzt wird und so pro Jahr rund zehn Tonnen Papier spart.

Entscheidend ist die volle Flexibilität, die diese Produktionsstätte auszeichnet und zum Leuchtturm für das weltweite Mercedes-Produktionsnetzwerk macht, das sich an dem Vorbild Factory 56 orientieren wird. Schließlich will der schwäbische Autobauer bis zum Jahr 2022 eine weltweit eine CO2-neutrale Fertigung erreichen.

Die Fertigung in der Factory 56 ist so ausgelegt, dass sämtliche Derivate der S-Klasse inklusive Maybach und später des EQS dort vom Band laufen können, egal ob es sich um Benziner, MHEVS, Plug-in Hybride oder vollelektrische Fahrzeuge handelt. Dieses Konzept ist nicht so einfach umzusetzen, alleine die berühmte Hochzeit, also das Zusammenfügen von Fahrwerk, Getriebe und den Motor und der Karosserie besteht in der Factory 56 aus 16 modularen Stationen.

Das Konzept der Factory 56 enthält auch autonome Elemente, also genau jene, auf die Elon Musk schwört. Bei der gesamten Produktion werden die Mitarbeiter von rund 400 autonom agierenden Fahrzeugen, die auf Magnetschienen Teile zwischen den Bändern und Stationen hin und hertransportieren, unterstützt. Selbst ganze S-Klasse-Karosserien werden scheinbar mühelos von einem Ort zum anderen gebracht.

Das Ganze geschieht „Just in Sequence“ (JIS), womit eine reihenfolgesynchrone Produktion möglich ist. Anders als beim bekannten „Just in Time“ kommen die Teile nicht nur exakt zum richtigen Zeitpunkt an der Station an, sondern auch noch in der zur Montagesequenz passenden Reihenfolge. Damit es bei den Touren durch die Halle nicht zu Kollisionen kommt, sind die Robo-Transporter mit Infrarotsensoren ausgestattet.

Auch die Digitalisierung treibt Mercedes voran. Das Mercedes-Benz Cars Operations 360 (MO360) ermöglicht eine transparente und möglichst effiziente Fahrzeugproduktion. Dieses digitale Ökosystem besteht aus einer ganzen Reihe von Softwareapplikationen, die alle in Echtzeit weltweit interagieren. Dazu gehören unter anderem skalierbare Cloud-Lösungen und vor allem Free and Open Source Software (FOSS). Damit nutzen die MO360-Teams die Innovationen der weltweiten Entwickler-Community.

Diese gesteigerte Effizienz wirkt sich natürlich auch auf die Kosten aus. Schneller, besser und weniger Fehler lautet die Prämisse. Denn jetzt ist es möglich, jedem Mitarbeiter in Echtzeit individuelle und bedarfsgerechte Informationen und Arbeitsanweisungen bereitzustellen. Damit diese ganzen Abläufe dieses hochgerüsteten Systems auch funktionieren, hat Mercedes in der Factory 56 ein leistungsfähiges 20.000 Quadratmeter umfassendes 5G-Mobilfunknetz installiert.

Lob von Kretschmann

Der Ritterschlag für die neue Produktionsstätte kommt vom baden-württembergischen Landesvater Winfried Kretschmann, der ja ein Mitglied der Grünen ist: „Wenn man hier durch das Werk geht, hat man den Eindruck, dass es jemand Ernst meint mit der Zukunft.“

Das Strahlen auf den Gesichtern der Mercedes – Verantwortlichen war unübersehbar.

TEXT Wolfgang Gomoll; press-inform

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