Im Mercedes 300 SLS O’Shea auf der Rennstrecke von Le Mans.

Die Rennstrecke von Le Mans ist seit sieben Jahrzehnten nicht nur im Motorsport eine lebende Legende. Was kann spektakulärer sein als den 13 Kilometer langen Sarthe-Kurs nachts mit einem 1957er Mercedes 300 SLS zu durchpflügen?

Als ob der Mercedes 300 SL als Flügeltürer oder Roadster nicht schon grandios genug wäre – es geht eben noch eine ganze Ecke schärfer. Für den donnernden Nachtausflug auf den Rennkurs von Le Mans soll es ein echter Rennwagen sein. Der Mercedes 300 SLS O’Shea ist eine wahre Rarität, von der allein zwei Modelle gab. Die offene Rennversion des 300ers, benannt nach Rennfahrer Paul O’Shea, basiert auf dem coolen 300er Roadster, wurde für den erfolgreichen Einsatz auf der Rundstrecke jedoch überaus umfangreich modifiziert.

So fehlt ihm nicht nur das Dach, sondern auch die Windschutzscheibe. Eine kurze Windlippe soll den Fahrer ebenso vor den schlimmsten Umwelteinflüssen bewahren wie der Einbügel hinter dem wohl konturierten Sportsitz. Dazu fehlen Stoßstangen und verschiedene Komfortdetails der rollende Sternenlegende. Statt der üblichen 1,3 Tonnen bringt der Mercedes 300 SLS O‘Shea so gerade einmal noch 970 Kilogramm auf die Waage – zusammen mit dem Leistungsnachschlag auf 235 PS statt der üblichen 215 PS perfekte Dreingaben für eine unvergleichliche französische Nacht.

Es ist auch nachts um kurz vor 1 Uhr noch angenehm warm in Le Mans. Rund 20 Grad Celsius zeigt das Thermometer an der Rennstrecke und für den Rest sorgen Anspannung und die Flutlichtstrahler im Bereich der Boxengasse. Le Mans – das ist nicht nur unter Autofans eine Legende und mit wem könnte man einen der gefährlichsten Hochgeschwindigkeitskurse der Welt besser erkunden als in einem gestrippten 300er SLS, der den Fanfarenklang seines Reihensechszylinders so schamlos aus den Sidepipes bläst?

Bereits beim mäßigen Tempo zur Rennstrecke pustet es den Fahrer hinter dem Steuer kräftig durch, denn die schmale Rennwindschutzscheibe nebst Cockpitabdeckung mit Lufteinlassschlitz sorgt dafür, dass es einem kräftiger befürchtet in Mund und Augen bläst. Okay, also die Sturmhaube nach oben zupfen und den Blick leicht anstellen, sodass die dünne Kunststofflippe an der oberen Helmkante die Augen besser schützt als es sein sollte. Eine ungetönte Rennbrille wäre nächtens genau das richtige, denn schließlich geht es nicht nur durch die Porsche Kurven flott zur Sache und gerade die lange Hunaudieres Gerade könnte bei schnellem Tempo ein paar Probleme bereiten. Doch Puls und Adrenalin steigen – was interessiert einen da der Fahrwind?

Kaum aus dem Bereich der Boxen heraus, wird es im oberen Drehzahlbereich des zweiten Gangs jedoch schon recht zugig für Auge und Gesicht als es den leichten Anstieg zum Dunlop-Bogen hinauf geht. Das Licht von Tribünen und Boxen ist in Sekundenbruchteilen beinahe verschwunden und erst jetzt fallen einem die funzeligen Scheinwerfer des 1957er Rennwagens auf. Keine Überraschung, dass die kaum Licht auf die Fahrbahn werfen und so dauert es nicht lang, ehe man in der Dunlop-Schikane den ersten Bremspunkt verpasst. Beim Scheitel kurz dahinter sieht es nicht besser aus.

Die blinken LED-Hinweistafeln links und rechts von der Strecke leuchten deutlich heller als das längst mit der linken Fußtaste zugeschaltete Fernlicht. In den Esses und in der langsamen Spitzkehre Tertre Rouge sieht es besser aus – mehr Licht, Streckenkenntnis im Hinterkopf und das langsamere Tempo erleichtern die Zufahrt auf die knapp sechs Kilometer lange Hunaudieres Gerade. Hier wird es wie auf Knopfdruck wieder zappenduster und der Mercedes 300 SLS, einst so gekonnt von Paul O-Shea bewegt, sucht sich heute deutlich unkundiger geführt seinen Weg durch die Nacht südlich von Le Mans. Zweiter Gang, dritter bis über 5.000 Touren und dann in die Vierten – der Bolide röhrt durch die stille Nacht – was für ein Gefühl. Kurz durchatmen.

Wie es wohl auch die Rennfahrer machen, die vor drei Wochen mit ihren LMP-Boliden die Nacht beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans durchrast haben? Mit bis zu 1.000 PS und gleißend hellen LED-Augen, die die Endlos-Gerade nebst ihrer beiden nachträglich eingefügten Schikanen deutlich besser ausleuchten, als dies die Funzel-Teelichter des 300ers es tun. Der Tacho zeigt unzureichend beleuchtet irgendetwas von 170 km/h an. Dabei reicht die Anzeige bis 270 km/h und liegt mit dieser Maximalangabe weit unter den 340 km/h, das die schnellsten Boliden im Renntempo auf dem Sarthe-Kurs liefern. Einst wurden hier sogar mehr als 400 km/h gefahren – wieso kommt einem das gerade jetzt in den Sinn?

Es geht weiter – weitgehend unbeleuchtet Richtung Mulsanne Kurve – genauso legendär wie die meisten Streckenabschnitte auf dem Hochgeschwindigkeitskurs im Westen von Frankreich. Beim forschen Anbremsen wird das Heck leicht und die Kühle der Nacht zieht langsam herein, was den Asphalt abkühlen leicht feucht werden lässt. Kurzes Gegenlenken und es geht Richtung Indianapolis- und Arnage-Kurven. Wieder Anbremsen, erst leicht nach rechts gelenkt, dann kräftiger links und wieder ist es schwer, in der Dunkelheit einen der Scheitelpunkte zu treffen. Etwas zu viel über die Randsteine geräubert und weiter auf den letzten Teil der über 13 Kilometer langen Piste.

Die Porsche Kurven sind schnell und leichter zu fahren als gedacht, ehe es hinter der finalen Ford Schikane zurück in die Boxengasse geht. Durchatmen – was für ein Ritt – nachts in Le Mans – im Juli. Am liebsten gleich noch einmal, zwei oder drei weitere Runden – schneller als diese eine, wo man sich erst an Auto und die spärlichen Lichtverhältnisse gewöhnen musste.

Der silberne 300 SLS ist von der flotten, aber nicht schnellen Runde augenscheinlich weit weniger beeindruckt als sein Fahrer. Der 235 PS starke Bolide hatte in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre unter Paul O’Shea insbesondere auf Rennstrecken in den USA von sich reden gemacht, viele Rennen und Meisterschaften gewonnen. Der wäre genau das richtige für ein historisches Langstreckenrennen hier in Le Mans – gerne mit etwas mehr Licht. Und vielleicht das nächste Mal eine ganze Nacht. Wer träumt davon nicht?

TEXT Stefan Grundhoff für WALTER

LESENSWERT.