Mercedes-AMG G 63 4×4 zum Quadrat. Abschied vom Achtzylinder.

Vom Achtzylinder verabschiedet sich die Mercedes G-Klasse mit einer besonderen 4x4-Version: Auf der Straße nicht gerade unauffällig, im Gelände omnipotent.

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„Das,“ da ist sich Peter Schoren „ziemlich sicher, ist der Letzte seiner Art“. Der Verkaufsleiter der Mercedes G-Klasse steht vor einem matt rot lackierten Mercedes-AMG G 63 4×4 zum Quadrat und versucht, seine Gäste heil hinters Lenkrad zu bekommen. 351 Millimeter Bodenfreiheit und damit zehn Zentimeter mehr als beim normalen G 63, 22-Zöller in den ausladenden Radkästen, Portalachsen – man kommt sich vor, als wuchte man sich in das Fahrerhaus eines Schaufelbaggers hoch. Lange mussten die Fans warten. An sich sollte die Hardcore-G-Klasse schon vor knapp zwei Jahren kommen, doch der neue Zulieferer hatte Probleme mit den Offroadachsen.

Sicher auf dem Fahrersitz angekommen, eröffnet sich dann allerdings der Blick auf Vertrautes. Ein breites, digitales Display für Kombianzeigen und mit Touchscreen für Multimedia und Fahrzeugfunktionen, ein mit griffiger Microfaser ummanteltes, unten abgeflachtes Lenkrad, Wählhebel für die Automatik an der Lenksäule, bequeme Sitze mit Bezügen aus Leder, auf Wunsch mit Massagefunktion und in Kurven aktiv unterstützenden Seitenwangen – der ganz normale Luxus der G-Klasse eben. Inklusive der Türen, die man mit viel Schmackes zuknallen muss, damit sie auch bei Wasserdurchfahrten dicht sind. So thront man noch einmal deutlich höher als eh schon in der G-Klasse.

Ein Druck auf den Anlasserknopf – und der Achtzylinder unter der Motorhaube erwacht mit dumpfem Grummeln zum Leben. Gut hin hören – denn das ist nicht nur ziemlich, sondern ganz sicher der Letzte seiner Art. Auch bei AMG ist die Zeit der Achtender vorbei – ein Durchschnittsverbrauch von 20,1 Liter auf 100 Kilometer ist nicht mehr zeitgemäß. Sechs- statt Achtzylinder treiben künftig die Kraftpakete auch der G-Klasse an. Mit noch mehr PS, aber verbrauchsärmer. Also den Klang und die Vibrationen des V8 noch einmal genussvoll auf sich wirken lassen.

In Bewegung setzt sich der besetzt und bepackt rund 3,5 Tonnen schwere Koloss so sanft wie eine A-Klasse. Der Vierliter-Biturbo-V8 leistet satte 585 PS und liefert maximal 850 Newtonmeter Drehmoment an alle vier Räder, verteilt zu 40 Prozent nach vorne und 60 Prozent nach hinten. Gefühlvoll dosiert per Gaspedal, pendelt man sich in eine Parkbucht – so sie denn groß genug dimensioniert ist. Für enge Gässchen wie in Rothenburg ob der Tauber ist die Über-G-Klasse bei einer Länge von 4.949 mm, einer Breite von 2.287 mm und einer Höhe von 2.255 mm nicht gedacht.

Dafür aber – neben asphaltierten Straßen – fürs auch schon mal schroffe Gelände. Die erhöhte Bodenfreiheit, seine Wattiefe von 910 mm und ein Steigvermögen von 45 Grad, dazu der Leiterrahmen und ein auf besonders robust getrimmtes Fahrwerk, das jedem Rad je zwei Feder- und Dämpfereinheiten gönnt plus die Portalachsen, die dafür sorgen, dass sich die Räder nicht auf Höhe der Achsmitte, sondern wesentlich weiter unten befinden – kaum zu glauben, wo sich der 4×4 hoch2 überall hoch, runter und durch kämpft. Dazu kommen auf Knopfdruck schaltbare Differenzialsperren. Ein paar weitere Offroad-Zahlen: Böschungswinkel vorne 41,3 Grad, hinten 36,8 Grad, Rampenwinkel 43,4 Grad, Steigfähigkeit 100 Prozent. Luftfederung? Braucht es nicht, das würde nur die Federwege unnötig verkürzen, sagt Schoren auf dem Beifahrersitz.

Dafür aber gibt es reichlich elektronische Helfer fürs Gelände auf dem zentralen Display. Eine Kamera nach unten, die zeigt, wie der Schotter vor der so „durchsichtig“ gemachten Motorhaube weiter geht, wenn man nach einem steilen Anstieg ansonsten nur noch Himmel sieht. Anzeigen für Neigungswinkel, die Nutzung von Gaspedal und Bremse, und, und, und. Damit man in der endlosen Wildnis Südfrankreichs nicht verloren geht, werden die genauen Geo-Koordinaten angezeigt.

Außen macht ihn nicht nur die schiere Größe unübersehbar. Ein per Leiter am Heck erklimmbarer Dachgepäckträger samt einer Leiste mit Fernscheinwerfern vorne setzt von der Höhe noch eins drauf, dazu kommen die Frontschürze im klassischen AMG-Look, die Sidepipes, die Trittbretter, ein außen am Heck angebrachter vollwertiger Reservereifen – eine normale Doppelhausgarage reicht da nicht. Damit das schwere Reserverad samt Halterung den Offroad-Kräften standhalten, haben die Ingenieure extra die C-Säule verstärkt.

Die Mercedes-AMG G 63 4×4 zum Quadrat kommt als auf zwei Produktionsjahre limitiertes Sondermodell und ist praktisch jetzt schon ausverkauft. Über die G-Manufaktur lässt er sich in ein Einzelstück verwandeln. Allein 40 Lackierungen stehen zur Wahl und zahlreiche weitere Möglichkeiten zur Individualisierung. Über die Frage nach den Preisen hört man bei Mercedes geflissentlich hinweg. Allerdings zuckt Peter Schoren nicht mal, wenn man 300.000 Euro ins Gespräch wirft.

TEXT Jürgen Wolff für WALTER

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