Genesis. Das Geheimnis der Marke.

Keine andere Marke hat in weniger als zwei Jahren derart viele neue Modelle auf den Markt gebracht wie Genesis – schon gar nicht im stark umkämpften Premiumsegment. Der edle Ableger des Hyundai Konzerns mischt derzeit einige der großen Märkte auf. Noch sind die Stückzahlen überschaubar – aber die Aufmerksam wächst von Monat zu Monat.

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In der deutschen Zulassungsstatistik muss man lange nach unten scrollen, um auf den Eintrag Genesis zu treffen. Schließlich findet man den koreanischen Premiumhersteller dann doch nicht – noch nicht. Denn bisher wurde Genesis als Submarke offiziell von Hyundai ausgewiesen und die Zulassungen liefen zusammen mit Modellen wie i20, i30 oder Ioniq 5 zusammen. Das soll sich zeitnah ändern, denn ab Anfang 2023 will Genesis seine Verkäufe einzeln deklarieren. Ein Zeichen von erfüllten Erwartungen, gestiegenen Stückzahlen und einem ebensolchen Selbstvertrauen.

Vor ein paar Jahren kannte Genesis, einst einzelnes Luxusmodell von Hyundai, kaum jemand außer einer Handvoll Experten. Doch Hyundai, gewohnt umtriebig, hatte einen Plan im Kopf, machte Genesis vom unbedeutenden Edelmodell zur eigenständigen Marke und wollte so einen ernsthaften Wettbewerber zu den deutschen Premiummarken Audi, BMW und Mercedes positionieren. An sich die gleiche Idee, die Toyota vor 30 Jahren mit Lexus hatte und Honda mit Acura. Doch was für die erfolgsverwöhnten Japaner in den USA seit Jahrzehnten prächtig funktioniert, wurde in Europa zum Flop. Lexus bekam trotz ausgewiesen guter Modelle kein Rad auf den Boden und spielt in Sachen Absatz und Ertrag in kaum einem europäischen Staat eine Rolle und speziell auf dem so imageträchtigen Kernmarkt Deutschland ist man unabhängig aller Modellausrichtungen chancenlos. 

Der Hyundai Konzern will es anders machen, sich nicht luxuriös amerikanisch, sondern betont international mit europäischen Design- und Technikgenen präsentieren. Keine teure Luxusspielerei wie Spartenhybriden oder Innenräume, die kaum mehr als amerikanischen Kunden gefallen, sondern Modelle, die dem deutschen Premiumtriumvirat und den Verfolgern aus Schweden, England und Norditalien nachhaltig wehtun können. Mithilfe des mächtigen koreanischen Multimarkenkonzerns im Rücken wurde ein Produktportfolio aus dem Boden gestampft, das es in sich hat.

Innerhalb von rund eineinhalb Jahren wurde ein bunter Potpourri aus Mittel- und Oberklassemodellen vorgestellt, das nunmehr die Kunden in Europa und aller Welt begeistern soll. So besteht die Produktpalette aus dem edlen Mittelklassemodell Genesis G70, als Limousine und wohl entbehrlicher Kombi, und dem SUV-Bruder GV70, der als GV70 Electrified mit Stecker unterwegs ist. Darunter rangiert mit dem GV60 Electrified der sehenswerte Einstieg in Marken- und Elektrowelt, mit jener viel beachteten 800-Volt-Schnellladetechnik, die auch Hyundai Ioniq 5 und Kia EV6 nach vorn katapultiert hat. 

Größer und imageträchtiger rangieren darüber das Oberklassemodell Genesis G80 und das entsprechende Elektromodell sowie die SUV-Variante des GV80. Ganz neu, aber nach aktuellem Stand nicht in Europa zu bekommen ist das Topmodell des Genesis G90, der mit sehenswertem Design und Luxusausstattung gegen Wettbewerber wie BMW 7er, Audi A8 und Mercedes S-Klasse antritt. Was ihm bei allem Luxus fehlt, ist jedoch die rechte Motorisierung, denn der Sechszylinder-Turbo mit 3,5 Litern Hubraum wird auf vielen Märkten nicht reichen, um alle verwöhnten Kunden zu begeistern. Hier fehlt – etwas überraschend für ein neues Aushängeschild des Startjahres 2022 – nicht nur ein imageträchtiger Achtzylinder, sondern auch ein Elektroantrieb. 

Doch sonst kann man den Koreanern wenig vorwerfen. Das Design ist gefällig, sehenswert und allemal volumentauglich, während man bei der Technik auf solide Konzernware aus dem prall gefüllten Regal setzen kann. Im Innenraum bietet Genesis deutliche Anleihen bei Luxusmarken wie Bentley, ohne dabei billig oder allzu ambitioniert zu wirken. Man nimmt Genesis seinen Premiumanspruch optisch sowie technologisch ab und blickt auf Produkte, die Themen wie Sportlichkeit oder Einzigartig zumindest aktuell bewusst außen vor lassen. Die koreanische Handschrift ist unverkennbar – die Anlehnungen an die USA und Europa sind dabei alles andere als zufällig. Gerade in den so wichtigen Bereichen Design und Entwicklung arbeiten Koreaner, Europäer und Amerikaner zusammen mit anderen Nationen im Headquarter von Seoul, dem Entwicklungszentrum Namyang sowie den starken Satelliten in Europa und den USA eng zusammen. 

Doch auch wenn das Portfolio prall und stattlich erscheint, soll es dabei nicht bleiben. Anders als andere Marken bekennen sich die edlen Koreaner beispielsweise zu Sparten wie Coupé und Cabriolet. Im Herbst wurde im kalifornischen Malibu die elektrische Konzeptstudie des Genesis X Convertible enthüllt. „Mit dem Konzept-Trio stärken wir die sportliche und emotionale Facette unserer Designphilosophie“, erläutert Chefdesigner Luc Donckerwolke. „Elektroantriebe geben uns die perfekte Möglichkeit, die Natur zu genießen – und das geht mit Cabriolets noch besser als mit jedem anderen Fahrzeug. Mit dem Genesis X Convertible bauen wir auf dem Erfolg des X Concept und des X Speedium Coupé auf und setzen die Mission der Marke fort, Fahrzeuge mit einer noch größeren emotionalen Wirkung zu entwickeln.“

Im Sommer war das Genesis X Speedium Coupé in Pebble Beach erstmals im kompletten Zustand zu bewundern. Markant neben den betont organischen Formen die Quadleuchten vorne wie hinten, die nicht nur in der Dunkelheit einen Genesis gleich als solchen erkennen lassen. 

TEXT Stefan Grundhoff

LESENSWERT.

WALTER.