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Kernschmelze X.0

Die Zeugen Jehovas haben aus diversen nicht eingetroffenen Weltuntergängen gelernt: Falsche Prognosen und miese Stimmung sind nicht gut fürs Geschäft, seither halten sie sich damit zurück. Wir Deutschen sind noch nicht so weit.

Erinnern Sie sich noch an die Implosion der deutschen Industrie? Wie es durch die explodierten Energiepreise im vergangenen Winter Chemieriesen, Glasindustrie und Stahlwerker dahinraffte? Der Schlag ins deutsche Mark ging bis hinunter zur Vernichtung des Bäckerhandwerks, ein offiziell dekoriertes Weltkulturerbe. Die schaurige Erzählung hat nur einen Schönheitsfehler:  Die „Kernschmelze“ wie sie von Politik und Medien beschworen wurde, fand nicht statt. 

German Angst

In der Psychologie gibt es den weltweit anerkannten Begriff der „German Angst“. Die zeichnet sich dadurch aus, dass wir Teutonen uns ständig vor etwas fürchten, selbst wenn wir gar nicht genau wissen, wovor. Wir sind nicht ohne Grund das am besten versicherte Volk der Erde. Und obwohl wir in Sachen Zuversicht und Zufriedenheit international gar nicht so unterirdisch abschneiden, wohnt uns doch eine gewisse Lust am Armageddon inne. 

Der jüngste Untergang kündigte sich im Frühjahr auf der Automesse in Schanghai an. Die selbsternannten Premiummarken der deutschen Automobilindustrie boten ihre Modelle wie Sauerbier an, während chinesische Firmen vor Selbstbewusstsein strotzend ihre Kreationen priesen und der Chor der hiesigen Apokalyptiker stimmte begeistert ein.

Klatsche für Deutschland

Wir brauchen das Problem nicht kleinzureden. Shanghai war für die deutschen Autobauer eine Klatsche und gar keine so überraschende. Es ist falsch zu behaupten, die Konzerne hätten die Entwicklung verschlafen. Sie haben es sehenden Auges getan, in der Hoffnung, im Ernstfall die nötigen Investitionen über Forschungsgelder beim Staat, also dem Steuerzahler abgreifen zu können. Zweitens weil ein Konzernlenker im Shareholder-Value-Zeitalter gar keine andere Wahl hat, als ständig glänzende Quartalszahlen zu präsentieren. Und bevor wir mit dem Zeigefinger auf die Gierigen und Gestrigen zeigen: Wir Deutschen befürworten zwar in großer Mehrheit und Geste die Energiewende und die Rettung der Welt, wir bestellen aber ebenso in großer Mehrheit weiter leistungsstarke Verbrenner, anstatt uns für günstige und gute Elektroautos auf die Straße zu kleben.

China spielt Foul

China dagegen hat einen Plan und einen langen Atem. Und es spielt Foul. China genießt im Ausland viele Freiheiten der Marktwirtschaft, die es selbst nie gewährt. Es unterstützt seine Industrien mit mehr oder weniger verdeckten Finanzhilfen. Nio beispielsweise wird hierzulande als das neue Tesla hochgejazzt. Gründer William Li will mit Batteriewechsel-Stationen Elon Musks Schnelladesäulen zu Kriechströmen degradieren,1.300 stehen schon. Aber Nio hat im vergangenen Jahr 2,2 Milliarden Euro Verlust gemacht. Einige vor kurzem noch als total innovativ geltende Hersteller aus dem Reich der Mitte sind schon nicht mehr in unserer Mitte, bei manch anderen hängt es davon ab, ob sie der Staat rettet, eine Methode, die in Europa sofort zu einer Wettbewerbsverzerrungs-Klage führen würde.

Chinesische Unternehmen profitieren von günstigeren Preisen für seltene Rohstoffe, die dummerweise in vielen Fällen maßgeblich in chinesischem Boden lagern. Sie operieren mit Anreizen, die eigenständig wirtschaftende Unternehmen kaum anbieten können. BYD beispielsweise bietet in China einen kostenlosen Batterietausch an, wenn deren Kapazität unter 85 Prozent sinkt. Bei einem geschätzten Akku-Preis von 10.000 Euro ist das eine Ansage. 

Es hat sich was getan. BYD lag früher am untersten Ende der automobilen Nahrungskette. Nur wer sich nichts Besseres leisten konnte, kaufte einen „Build Your Dreams.“ Heute hat das Unternehmen Flagship Stores in schicken Shopping Malls. In Sachen Batterieentwicklung und Steuerung, sind die Chinesen voraus, in Sachen Design müssen sie sich nicht verstecken, mancher Hersteller hat einen deutschen Chefgestalter. Die heimischen Marken gelten plötzlich als schick. Nio-Kunden holen ihr Auto im Auslieferungszentrum ab, mit Schleife drumherum.

Der chinesische Staat greift massiv ein

Auch wenn die staatliche Förderung für E-Autos in China abgelaufen ist, hält der Staat die Nachfrage hoch. In Peking beispielsweise werden mittels einer Lotterie jedes Jahr 100.000 neue Zulassungen erteilt. Klingt nach viel, aber Peking ist eine 21-Millionen-Metropole. Unter den 100.000 sind aber nur 30.000 mit Verbrennungsmotor vorgesehen, und davon gehen 12.000 für Firmenfahrzeuge ab. Es gibt Leute, die warten seit mehr als einem Jahrzehnt auf ein Kennzeichen. Viele Chinesen, die durchaus weiter von einem „Schatzpferd“ (chinesische Verballhornung des Begriffs BMW) träumen, nehmen dann doch ein E-Auto, weil sie sonst gar keines bekämen. 

Wer sich tief vor der Weltführerschaft von zweieinhalb Millionen E-Autos verbeugt muss wissen, dass in China über 241 Millionen Autos fahren. Und wer sich mal zur Rushhour auf die dritte Ringstraße Pekings, die Hauptschlagader der Stadt, begibt, stellt fest, dass die Zahl der blauen Nummernschilder für konventionelle Antriebe die der grünen mit reinem E-Motor nach wie vor bei weitem übertrifft. 

Wir hatten das in anderer Form alles schon mal. In den Siebzigern sprach man von der „gelben Gefahr“. Damals kam gefühlt jedes Spielzeug und sämtliches Plastikzeug aus Hongkong, Unterhaltungselektronik und Autos aus Japan schwappten zu uns herüber. Schon damals prophezeiten die Fürsten der Finsternis das nahende Ende. Fakt ist: japanische Unternehmen eroberten sich ihr Stück vom Kuchen, davon, dass den Deutschen nur Krümel blieben, waren wir weit entfernt. 

Deutsche Bräsigkeit

Auch wenn die chinesische Elite ihre Kinder am MIT in Boston studieren lässt, im regulären Bildungssystem züchtet das System in bester Tradition von Kaisern und Kommunisten eine Generation von Konformisten. Bei den jährlichen Abschlussprüfungen im Fach Kunst gilt es nicht, Kreativität zu beweisen, sondern ein landesweit vorgegebenes Bild so genau wie möglich zu kopieren. Auf unserer Seite sind die bis vor kurzem noch so viel gepriesenen deutschen Ingenieure nicht über Nacht zu begriffsstutzigen Idioten geworden. Wir sind ja nicht nur das Land der Dichter, sondern auch das der Tüftler. Keine Frage, die Deutschen liegen zurück. Das taten sie als Underdogs im Eishockey-WM-Halbfinale gegen die hoch favorisierten Amerikaner auch zwei Mal, am Ende gewannen unsere Kufen-Cracks in der Verlängerung. 

Wenn doch eines Tages irgendwas tatsächlich zu unserem Untergang führt, dann nicht eine Bedrohung von außen, sondern die deutsche Bräsigkeit. Der süße Nachhall der Hymnen auf „deutsche Tugenden“ und „Made in Germany“ hat uns so die Trommelfelle verklebt, dass wir in vielen Bereichen den Schuss nicht gehört haben, vom 5G-Netz bis zum Länderspielrasen.

Es kommentierte Markus Stier

Noch mehr starke Meinungen gibt es in WALTER #17