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Große weite Welt. Roadtrip der besonderen Art.

Die Route 66 gilt für viele als die amerikanische Straße in Freizeit, Wohlstand und den Sonnenstaat Kalifornien. Doch die erste Coast-to-Coast-Verbindung der USA ist der Lincoln Highway, der auf knapp 6.000 Kilometern Länge von San Francisco nach New York führt. Eine Tour durch die amerikanische Geschichte – im spektakulär lässigen Mercedes 450 SEL.

Jeder kennt sie, die Route 66. Doch die legendäre Traumstrecke der USA beginnt nicht an der amerikanischen Ostküste, sondern in Chicago / Illinois im Landesinneren. Auf knapp 4.000 Kilometern war sie 1926 eröffnet der unendliche Weg ins große Glück. Auf das hofften hunderttausende im Bundesstaat Kalifornien, wo die Route 66 auf dem Santa Monica Pier endet.

Die erste Verbindung von der Ost- zur amerikanischen Westküste war jedoch der unbekanntere Lincoln Highway, der 1914 eröffnet die beiden Weltstädte San Francisco am Pazifik und New York am Atlantik miteinander verbindet. Über die Jahrzehnte wechselte der Lincoln Highway immer wieder seine exakte Route, bekam Umleitungen und Ergänzungen, doch auch er war vor mehr als 100 Jahren eine Strecke, mit der viele Amerikaner große Hoffnungen an eine bessere Zukunft verknüpften.

Für die Tour von West nach Ost auf jenem Lincoln Highway fällt die Wahl des fahrbaren Untersatzes auf eine Limousinenlegende mit maximalem Komfort. Der Mercedes 450 SEL der Baureihe W116 war das erste Luxusmodell der Schwaben, das offiziell den Namen S-Klasse einführte und dieses Jahr seinen 50. Geburtstag feiert.

Bei seiner Premiere im Jahre 1972 war die Mercedes S-Klasse das Maß der automobilen Dinge – elegant, geräumig und kraftvoll. Das ideale Fahrzeug für einen Roadtrip der ganz besonderen Art durch 14 Staaten der USA. Gerade in den USA wurde die 116er-Baureihe ein wahres Erfolgsmodell, war die S-Klasse doch drahtiger, dynamischer und nicht so überkandidelt wie die opulenten Luxusschlachtschiffe aus amerikanischer Fertigung.

Abgesehen von der sportlichen Speerspitze des Mercedes 450 SEL 6.9 war der Standard-450er seit 1974 Topmodell und Aushängeschild der Baureihe. Der Reisebegleiter mit einer Laufleistung von knapp 240.000 Meilen / 380.000 km stammt – vorbildlich gepflegt – aus dem Jahre 1979 und damit aus der finalen Phase seines Schaffens. Die blaugraue Luxuslimousine verfügt nicht nur über den um zehn Zentimeter verlängerten Radstand, sondern auch die in den USA übliche Komplettausstattung mit Ledersitzen, Soundsystem, elektrischem Schiebedach, Alufelgen und den charakterstarken vier Scheinwerferaugen, die zusammen mit den ausladenden US-Stoßstangen für einen einzigartigen Auftritt sorgen.

Es geht mit etwas Vorlauf aus Los Angeles und Monterey offiziell los im Lincoln Park von San Francisco. Gleich gegenüber vom imposanten Palace of the Legion of Honor steht kaum zu erkennen hinter einer Bushaltestelle der Begrenzungspfahl, der den westlichsten Punkt des Highways bildet. Anfang 1914 in Betrieb genommen, war der Lincoln Highway nicht nur die erste durchgehende Ost-West-Verbindung der Vereinigten Staaten, sondern auch eine Werbeplattform für das geplante Highwaynetz, das die USA nach Vorbild der Eisenbahnen durchziehen sollte.

Bei der Ausfahrt aus San Francisco spaltet sich der Lincoln Highway so stark wie nirgends sonst auf der Strecke. Die eine Route führt über Hayward und Stockton bis nach Sacramento, während die schnellere Version späterer Jahre auf kleineren Strecken vorbei am Napa Valley führt und bei diesem Wetter schon angesichts der angespannten Verkehrslage die bessere Wahl ist.

Durch die Hauptstadt von Kalifornien geht es nach zweispurigen Highways auf zunehmend schmaler werdenden Straßen durch den Eldorado National Forest bis ans Südufer des perfekt schimmernden Lake Tahoe. Es ist Ferienzeit und das Wetter prächtig – der Highway 50 schlängelt sich über bewaldete Höhen und bringt die nur rund 180 PS starke US-Version des Mercedes 450 SEL durchaus ins Schwitzen. Der verwöhnt mit großem Reisekomfort und einer idealen Klimatisierung. Es geht auf Höhen von weit über 2.000 Meter und hier macht sich nicht nur der schwächere US-Achtzylinder, sondern auch Klimatisierung und die Dreistufenautomatik bemerkbar, die dem fünf Meter langen Luxusmodel einiges seiner Dynamik raubt.

Nach den Waldregionen von Nordkalifornien wird es nach dem ersten Grenzübertritt Richtung Nevada flacher, noch heißer und flotter. Das Thermometer zeigt über 37 Grad im Schatten, den man hier vergeblich sucht. Als sich die Sonne im breiten Innenspiegel senkt, geht es bei düsterer Dunkelheit über die 50er-Route – bekannt als „loneliest road in America“ – via Austin, Eureka bis nach Ely, wo die Zeit in den 70ern stehengeblieben scheint. Neben dem Railway Museum dreht sich hier alles um die leicht heruntergekommenen Spielkasinos.

Der nächste Morgen bietet das gleiche exzellente Sonnenwetter, leicht gesunkene Temperaturen und einen blau-grauen 450er-Mercedes, dessen Durchschnittsverbrauch sich nach anfänglichen Amplituden auf knapp 17 Litern eingependelt hat. Nach dem Staatenwechsel Richtung Utah nebst Zeitumstellung sind die großen Salzseen westlich von Salt Lake City nächstes Zwischenziel, wobei man um einen Abstecher am Speedparadies von Bonneville nicht herumkommt. Schade, dass die Salzseen aktuell unter Wasser stehen und der Salzfraß nicht gut für ein 43 Jahre altes Auto sind. Sonst könnte der 450 SEL auf dem See zeigen, dass er im Unterschied zu den meisten US-Konkurrenten lässig deutlich mehr als die erlaubten 80 mph schafft.

Nach einer längeren Doppelspuretappe tut es gut, die Interstate wieder zu verlassen und auf kleinere Pisten von einst zu wechseln, die mit ihren weiß-blauen Hinweisschildern immer wieder Hinweis vom historischen Lincoln Highway geben. Hinter Salt Lake City geht es zwischendurch sogar auf unbefestigter Altpiste weiter Richtung Westen – der Lincoln Highway hat nicht nur stimmungsvolle Ortschaften und interessante Ausblicke, sondern auch manche Überraschung zu bieten. Nördlich der Porcupine Mountains ist Evanston die erste nennenswerte Stadt im Bundesstaat Wyoming.

Die Landschaft wird eintöniger, die 30-Grad-Marke steht und der Mercedes quittiert die wiederkehrenden Tankstopps mit einer Genügsamkeit von nunmehr nur noch 15 Litern Super auf 100 Kilometern – nicht schlecht für eine Luxuslimousine aus den 1970er, nennenswert beladen und mit Klimaautomatik oder geöffnetem Schiebedach unterwegs. Bereits seitdem Kalifornien im Außenspiegel verschwunden, sind auch die Kraftstoffpreise abgestürzt. Waren es pro Gallone (3,8 Liter) hier bis zu 6,20 Dollar, so kostet die gleiche Menge nunmehr noch 3,40 bis 3,80 Dollar.

Die Flächenstaaten der USA haben eben ihren ganz eigenen Charakter. Links und recht der Straße gibt es nicht viel mehr zu sehen als endlose Weizen- und Maisfelder – selten durchbrochen von Baumgruppen, kleinen Ortschaften und zahllosen Großsilos, die von Mähmaschinen und Großtraktoren versorgt werden. Für bunte Abwechslung sorgen nicht nur die grünen oder roten Trecker, sondern die endlos langen Zugwürmer, die über die welligen Landschaften gefühlte hunderte von Waggons hinter sich her schleppen.

Die Orte selbst sind klein; auch wenn die Ortsschilder nicht immer die Einwohnerzahlen verraten. In Wyoming kann man die Zügel des 450ers lockerlassen, denn der Verkehr ist dünn, die kleinen Straßen gut aufgebaut und die Tempolimits für US-Verhältnisse mit 75 oder gar 80 mph entspannt. Nach ein paar Tagen hinter dem Steuer und mit mehr als 2.000 gefahrenen Meilen bekommen die Ledersitze ein dickes Lob – die 43 Jahre merkt man dem W116er – auch dank Aufpolsterung und neuen Tierhäuten nicht an. Zum Meilenfressen ist er als historisches Fahrzeug perfekt.

Durch den nächtlichen Zwischenstopp in Cheyenne bleiben Denver und die höchsten Höhen der Rockys weiter südlich außen vor. Als es nach Nebraska geht, wird der Verkehr nicht voller, die Landschaften kaum anders und weiterhin begleiten einen die kleinen Hinweisschilder des Lincoln Highways ebenso wie Lastzüge und Getreidesilos. Turbulent wird es am nächsten Abend in Omaha, denn hier pulsiert zum ersten Mal seit der Westküste das Leben.

Trotzdem hat die Pandemie ihre tiefen Spuren hinterlassen, denn nicht nur die Supermärkte sind verrammelt, sondern die meisten Restaurants haben bereits um 20 Uhr geschlossen und um 21 Uhr schickt einen das erste Steakhouse am Platze ebenfalls nach gegenüber – sorry we are closing. Zumeist ist es am nächsten Tag der Highway 30, der sich oftmals meilenschnurstracks Richtung Osten zieht – Kurven? Keine Spur!

Über Cedar Rapids führt die Route nach Clinton an den Mississippi nahe der Grenze von Iowa zu Illinois. Ähnlich wie viele andere Städte und Ortschaften hat auch Clinton schon bessere Zeiten gesehen, doch der Blick auf den bekanntesten Fluss der USA bereitet nicht nur beim Abendessen gute Laune und macht Lust auf die nächsten Tage. Ein kurzer Stopp im verschlafenen Franklin Grove, wo sich in der Elm Street Museum und Zentrale der Lincoln Highway Association befinden – leider geschlossen. Die Bundesstrasse 30 bleibt auch weiter ein steter Begleiter als die Bebauung östlich von DeKalb enger wird und so den Großraum Chicago ankündigt, den der alte Lincoln Highway glücklicherweise nur als Tangente touchiert.

Hinter Valparaiso brummt der Achtzylinder über die 30 und Städte wie Plymouth und Warshaw weiter ins unbekannte Fort Wayne, das sich als modernes und schmuckes Städtchen entpuppt, wo einige Restaurants sogar bis 22 Uhr geöffnet haben. Für diejenigen, die auf dem Roadtrip jeden Tag 10 bis 12 Stunden hinter dem Steuer sitzen, nicht nur kulinarisch eine Erleichterung. Nach Fort Wayne / Indiana geht es parallel zum Highway 30 auf kleineren Straßen immer noch vorbei an Weizen und Mais in den Osten der USA einmal quer durch Ohio hinein nach Pennsylvania Richtung Pittsburgh.

Die Stahlhauptstadt der USA kündigt sich durch die heruntergekommenen Industriekulturen entlang des Ohio Rivers frühzeitig an. Optisch ein Kulturschock nach den endlosen Tagen im Wheat- und Cornbelt der Vereinigten Staaten. Hier schlug bis in die 1980er das Herz einer ganzen Nation – ehe die Stahlkrise der 2,5-Millionen-Agglomeration langsam der Saft abdrehte. Viele Häuser sind verwahrlost, viele Stahlgelände verlassen – während im Herzen der Drei-Flüsse-Stadt Pittsburgh erste Anzeichen einer Gesundung zu erkennen sind.

Die letzte Etappe Richtung New York – mitten ins Herz von Manhattan auf den Times Square, wo der Lincoln Highway in seiner ursprünglichen Route endet, ist nicht die spektakulärste, denn außer den Schlachtfeldern von Gettysburg und dem Memorial der Absturzstelle von Flug 93 vom 11. September 2001 fliegt Philadelphia weitgehend unbeachtet vorbei, ehe sich der Mercedes 450 SEL mit einem Meilenstand von 240.495-Marke am Samstagabend durch Downtown Manhattan quält, um seinen blau-grauen Metalliclack im Angesicht der überdimensional flimmernden Großdisplay am Times Square in ein surreales Licht zu tauchen.

Der Mercedes 450 SEL hat nicht nur für die Laufleistung und sein Alter eine grandiose Vorstellung abgeliefert. Es könnte keinen besseren Klassiker geben – und bei Spritkosten von kaum mehr als 1.000 US-Dollar und nicht einmal 3,5 Litern nachgefüllten Öl kann bei rund 6.000 Kilometern ohnehin niemand meckern. Am liebsten gleich noch einmal zurück in die Richtung – vielleicht mit Zwischenstopp in Chicago und dann über die Route 66.

TEXT Stefan Grundhoff für WALTER

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