Stadt. Land. Fjord.

Von Hamburg bis Arvidsjaur, von der Elbe bis zum Atlantik. Eine Winterreise mit drei Oldtimern bis an den Polarkreis.

Das erste gemeinsam Foto auf unserer Reise kommt im dänischen Løkken in den Kasten. Da wir seit dem Start in Hamburg ausreichend Vorzeit zur Fähre rausgefahren haben, entscheiden wir uns spontan für einem Abstecher an den dortigen Autostrand. 

Die Extra-Kilometer erweisen sich als erstes Highlight. Sonne, Strand und Meer glänzen um die Wette, mit einem Begrüßungsgetränk, vielen Geschichten und der Vorfreude vergehen drei Stunden wie im Fluge, dann geht es weiter zur Fähre nach Hirtshals.

Der erste Fahrtag in Norwegen beginnt früh. Zuerst mit einem üppigen Frühstück und anschließend mit viel Regen. Gestern hat uns nur ein kurzer Schauer für Sekunden erwischt, vermutlich um uns einen Vorgeschmack in Punkto Dichtigkeit des Verdecks des Oldsmobile zu geben, jetzt zeigen tiefhängende Wolken, was sie können. Auf den ersten 150 Kilometern ist keine Besserung in Sicht, die Reiseführer bezeichnen den März als die denkbar schlechteste Reisezeit.

Die erste Pause legen wir nach 137,7 km am Parkplatz Tronåsen ein. Die bekannteste historische Pass-Straße Süd-Norwegens gilt als Knaller der Region, eine maximale Steigung von 33 Prozent bedeuteten damals, dass man je nach Gefährt rückwärts den Berg anfahren musste, wenn man durchdrehende Räder und wimmernde Motoren in den elf engen Kehren vermeiden wollte. Heute ist die historische Anbindung nur noch im Sommer für den Touristenverkehr als Einbahnstraße geöffnet, ab und zu auch bei einer Oldtimer-Rallye. Im Jahr 1931 wurde die Route sogar bei der legendären Rallye Monte Carlo als Wertungsprüfung genutzt. Vor rund 90 Jahren zählte Stavanger zu den Startorten der mittlerweile ältesten noch existierenden Motorsportveranstaltung der Welt.

Wir rollen weiter zum Besuch bei Helge Dykesteen. Der sympathische Norweger ist Stammgast bei vielen historischen Rallyes, bereist mit seinen Oldtimern grundsätzlich alles auf Achse. Und heute erwartet er uns zum zweiten Frühstück in seinen Werkshallen, in denen unter anderem Ersatzteile für Bohrinselgerät lagern. Es gibt fein belegte Brote und die hauseigene Hebebühne leistet für den BMW beste Dienste, nach rein rauf runter und raus rollt der 535i nun auf Spikereifen gen Arvidsjaur. Für alle anderen gibt es als Gastgeschenk eine Dose Anfahrhilfe mit auf die Reise. Norwegische Rallyestars schwören angeblich auf die kurze aber erfolgversprechende Wirkung, weil sich ein eiliger Sprühstoß eben deutlich schneller aufbringen lässt, als Schneeketten.

Wir fahren weiter und plötzlich werfen unsere Oldtimer Schatten. Die Sonne zeigt sich doch für einen Moment, völlig überraschend sind die Straßen trocken, als wir die erste Fähre erreichen und Stavanger bereits hinter uns liegt. Es bleiben noch 170 gemeinsame Kilometer, dann rollt unser Mini-Tross in Bergen ein. Unsere Unterkunft in der nach Oslo zweitgrößten Stadt Norwegens ist das historische Hotel Hanseatic, noch besser ist nur noch das Abendessen im Restaurant „1877“. Die Gerichte haben Niveau, der Weinkeller sucht seinesgleichen, sieben Personen sind an diesem Abend auch für den Wirt eine willkommene Größe und er verabschiedet sich gebührend mit den Worten: „You made my day“.

Für heute versprechen die Wettervorhersagen den schlechtesten Tag der Reise, es soll regnen bis Kristiansund, doch – um es gleich vorweg zu nehmen – es wird der schönste Tag. In der mit über 2.500 mm Niederschlag regenreichsten Großstadt Europas kommt schon am frühen Morgen die Sonne raus. Die ersten Bilder machen wir vor der hafenseitigen Fassade der Handelskontore, alle Fahrzeuge parken ungestört und alleine vor der typischen Holzhaus-Kulisse im Hafenviertel Bryggen, dessen Profil nach dem Wiederaufbau (zuletzt 1916 durch einen Großbrand zerstört) identisch rekonstruiert wurde, wie im 12. Jahrhundert.

Und weil Bergen auch das Tor zu den Fjorden genannt wird, stehen auf unserem heutigen Tourplan gleich fünf Überfahrten. Vor Oppedal wechselt das Wetter, eben noch rollen wir bei Sonnenschein entlang des Romarheimsfjord, dann geht es hinauf in die Berge, innerhalb einer Minute schneit es aus allen Rohren, die Straße ist im Nu weiß. Gerade einmal vier Kilometer und eine Tunnellänge später halten wir an einer Tankstelle, von Schnee keine Spur, getankt wird in leichter Jacke bei blauem Himmel.  

Um 10 Uhr rollen wir dann ansatzlos auf die erste Fähre des Tages. Der Fährmann ist Oldtimer-Fan, ein paar Worte werden gewechselt, dann dürfen wir mit unseren Autos abseits der anderen Fahrzeuge alleine am Ende der Fähre parken. Und auch für die verschlossene Tür zum Crew-Deck bekommen wir den Code: 1212. Und weil gerade alles so schön ist, verlassen wir am Jølstravatnet zur Abwechslung die Europastraße 39 und fahren südlich um den See, diesmal kein Fjord. In den Reiseunterlagen notieren wir „super Straße und neu geteert“, das findet auch die Fotografin und brennt für uns die nächste Erinnerung in den Chip der Kamera. 

Doch für heute soll es das noch nicht gewesen sein. Es folgen die Fähren von Anda nach Lote und Folkestad nach Volda, auf beiden gibt es ein kleines Bordrestaurant, die Hot Dogs sind getunt mit gerösteten Zwiebeln, Ketchup, Mayo und Hot Dog-Sauce gar nicht mal so schlecht. 

Vor unserem Tageshighlight geht es noch über den Øyadalen-Pass. Auf der Landkarte ist die Straße nicht mehr rot (= gut ausgebaut), sondern gelb (= klein und beschaulich). Bei genauem Blick wechselt die Farbe jedoch schnell von gelb auf weiß (= ganz kleine Straße) und nach einer zum Glück geöffneten Schranke fahren wir plötzlich auf einer passablen Schotterpiste. Das GPS-Gerät notiert den höchsten Punkt zwar „nur“ bei 338 m ü.NN, allerdings waren wir vor wenigen Kilometern noch am Meer und das werden wir in rund fünf Kilometern auch wieder sein. Die Landschaft wechselt wie verzaubert von sattgrün in schneeweiß, die wenigen Hütten am Berg verstecken sich wie Trolle im Schnee. Da die Sonne mittlerweile nahezu alleine am Himmel hängt, öffnen wir nach Fähre 4 tatsächlich das Verdeck am Oldsmobile und nehmen windgeschützt zu Dritt auf dem Vordersitz Platz.

Dann steigt die Spannung. Noch 50 km sind es bis ans Meer, dass geographisch eher dem Nord-Meer als dem Atlantik zugeordnet wird. Hier ragt eine Inselkette knapp aus dem Wasser, die mit einer der spektakulärsten Straßen des Landes verbunden sind. In der Mitte der 6,5 km langen Passage führt diese über die Atlantik-Brücke, die scheinbar senkrecht gen Himmel führt. Oben hat man freien Blick auf die umliegenden Berge, auf der anderen Seite geht es im Sturzflug wieder bergab. Weil das Ensemble inklusive Meer, Brandung und Sonnenuntergang so einmalig schön ist, fahren wir gleich dreimal über die meistfotografierte Brücke Norwegens. Der britische Guardian ehrte die Straße seinerzeit als eine der „schönsten Reisestraßen der Welt.“

Das Ziel für heute heißt Kristiansund, die Stadt der vier Inseln mit gerade einmal 24.000 Einwohnern. Exakt 538 sensationelle Kilometer liegen für heute hinter uns, in Summe sind es seit dem Start Hamburg bereits 1.665 km. Überwältigt von den vielen Eindrücken ist es kaum zu glauben, dass wir in eineinhalb Tagen bereits unser Ziel erreichen.

Die letzte Fähre auf unserer Reise verpassen wir am Morgen um ganze 30 Sekunden. Erst eine halbe Stunde später können wir endlich von Seivika nach Leirvag übersetzen, es folgt eine top präparierte Piste auf der Insel Tustna, die locker als Wertungsprüfung für einen Rallye-WM-Lauf taugen würde, mit wilden Kuppen und garantierten Sprüngen und stets mit Blick auf Wasser und Berge. 

Zwanzig Minuten Pause bei Shell Krykseterøra reichen aus, um in den Genuss von sieben Kaffee und einer Runde Gebäck zu kommen. Es folgt ein weiterer kleiner Pass mit gemessenen 403 m ü.NN, dann erst ist die Piste wieder breit ausgebaut. Kein Wunder, Trondheim liegt in Reichweite, die drittgrößte Stadt des Landes lassen wir links liegen und folgen der Autobahn, die kurz nach der Metropole schlicht als E06 in den Landkarten geführt wird. Und das scheinbar für lange Zeit, denn der erste Ort auf den Wegweisern hinter Trondheim ist Narvik, bis dahin sind es satte 903 km. 

Die Schneemassen entlang der Piste entwickeln sich immer mehr zum satten Weiß, genau 100 Kilometer vor Mosjøen durchqueren wir die Nordlandsporten. Wir haben das Tor zu Nord-Norwegen erreicht und bekommen, was wir uns seit Tagen wünschen: Eine Winterreise nach Lappland, dazu Schnee und Eis ohne Ende, das Thermometer sinkt heute erstmals unter die 0-Grad-Grenze, vor dem Ziel steht sogar plötzlich ein Elch auf einem zugefrorenen See.

Gegen Abend landen BMW, Oldsmobile und Porsche in Mosjøen, der größten Stadt in Nord-Norwegen. Unser Tacho steht bei 594 Kilometern, einen weiteren Kilometer cruisen wir im Dämmerlicht noch durch die berühmte Sjøgata. Die Seestraße von Mosjoen gehört zu DEN Sehenswürdigkeiten von Norwegen, knapp 100 historische Holzhäuser säumen sich hier zu einer der längsten Holzhäuserreihen Europas. Dass die Stadt mit ihren 9631 Einwohnern zudem eine der größten Aluminiumhütten in Europa besitzt, weiß nur der Reiseführer.

Damit noch nicht genug der Superlative, rund 9,5 Stunden Fahrt enden für uns im historischen Hotel Fru Haugans, dem ältesten und vermutlich schönsten Hotel in Nord Norwegen. Das liegt nicht nur an den Willkommens-Getränken, auch das Abendessen verdient Bestnoten, wir stoßen auf weitere 372 Kilometer an, die noch vor uns liegen.

Doch bevor die Nacht beginnt, zieht es unsere Fotografin noch einmal nach draußen. Frischer Puderzucker hat sich über die Häuser und Straßen gelegt, der Fjord schimmert im Licht weniger Straßenlaternen, die Stimmung hält die Kamera für uns fest … und wie: Im Vordergrund der Vefsnfjord, links die Berge, rechts die historischen Holzhäuser und am Himmel ein kleines aber feines Polarlicht.

Die letzten Kilometer unserer Reise nach Schweden sollten nur reine Formsache sein. Weil Fotografin Lena um 12 Uhr am Flughafen von Arvidsjaur sein muss, brechen wir bereits um sechs Uhr auf. Das Hotel hat unser mobiles Frühstück zwar gut verpackt, doch leider lassen sich Käse, Lachs, Schinken, ein gekochtes Ei und eine Tomatenscheibe samt Butter ohne mitgeliefertes Werkzeug nur mühsam auf dem Brot arrangieren. Wir stören uns schon lange nicht mehr an Kleinigkeiten. Dass wir auf den letzten Kilometern auf Grund der Eisschicht unter dem Schnee nur wenig Grip haben, ist uns (nur fast) klar. Dank Spikes ist der BMW klarer Favorit und auch der leichte Porsche besitzt mit Allradantrieb Vorteile gegenüber 1.800 satten Ami-Kilo. Trotzdem zeigt der Tacho ab und zu mutige 90 km/h, kurz vor 8 Uhr erreichen wir die Grenze zu Schweden. Sollten wir den Schnitt von 66 km/h halten, sind wir pünktlich am Flughafen.

Daran wird auch der Schneeschieber nichts ändern können, der gerade vor uns die Piste säubert. Plötzlich schneit es wieder und zwar im Oldsmobile. Mit Regen und Graupel ist das Verdeck noch fertig geworden, doch feiner Schneestaub frisst sich durch die Ritzen. Nach wenigen Kilometern hat sich eine kleine Schneewechte an der hochgeklappten Sonnenblende gebildet. Während draußen blaue Fetzen den Himmel erhellen, schneit es im 1971er Royale, doch das Ziel ist nah.

Genau das hätten wir aber um ein Haar nicht heile erreicht – und das gleich doppelt. Wegen Schneefall im Auto halten wir deutlichen Abstand zu den Weggefährten. Dass der Porsche aber angehalten hat, um die leicht geöffnete Kofferraumhaube zu schließen, sehen wir zu spät. Mit ordentlich Tempo steht unser Bolide plötzlich quer auf der Straße, wir rodeln zielsicher auf die beiden parkenden Oldtimer zu. Sonst kaum vorhandener Gegenverkehr passiert zu allem Unglück genau jetzt. Nur durch Zufall biegt unser Ami plötzlich nach links ab, haarscharf bleibt der BMW vom Einschlag verschont, stattdessen fräsen wir uns auf der anderen Straßenseite 10 Meter durch den Schnee und bleiben nach einem wilden Dreher stehen.

Doch am Ende bleibt das Glück auf unserer Seite. Dank Expander-Abschleppseil und Spikes zieht man uns gekonnt aus dem Schnee, das dicke Blech des Oldsmobile hat so gut wie nichts abbekommen. Nur die Keilriemen von Servopumpe und Lichtmaschine sind davongeflogen, nachdem sich Schneemassen in den Motorraum gebohrt haben. Eine fällige Reparatur an der nächsten Tankstelle dauert keine fünf Minuten, dann gibt es wieder Strom für die Batterie und die Lenkung geht auch wieder.

Wie wichtig das ist, sehen wir keine 20 km später. Noch einmal stockt der Atem, als zwei 40-Tonner an einer Gefällstrecke Schneeketten montieren. Wieder ist die Bremswirkung gleich null, doch zum Glück ist die Straße diesmal übersichtlich und frei. Mit Resttempo 40 schaffen wir es am letzten Hindernis vorbei, dann erreichen wir endlich das Zentrum von Arvidsjaur und postieren uns vor der besten Webcam des Ortes. Diese hält 11:25:21 Uhr als exakte Uhrzeit für uns alle fest. Es folgen nochmal zehn Kilometer bis zum VW-See, in zwei Stunden beginnt die Driving Experience mit den Instruktoren Matthias Kahle und Ronny Wechselberger. Zum Abschied dürfen die Oldtimer sogar auf das Eis – und für einen Moment völlig gefahrlos rutschen.

Stadt. Land. Fjord. 2023.

Gestartet wird wieder in Hamburg, nach der Fahrt durch Dänemark geht es mit der Schnellfähre zuerst nach Kristiansand und damit direkt an die norwegische Atlantikküste. Die weiteren Stationen heißen Bergen, Alesund und auch Bodø, dazwischen liegen auch mal kleinere Orte, die unsere Gäste trotzdem erstklassig beherbergen und verköstigen können. Die Route für 2023 beinhaltet darüber hinaus noch mehr Küstenregionen, die Straßen werden dadurch einsamer und die Landschaft noch rauer, wilder und schöner. Insgesamt neun Fahrtage stehen im Logbuch der kommenden Tour. Zwei Übernachtungen auf den Lofoten gehören ebenso wieder dazu, wie die zweifache Überquerung der vermutlich wieder tief verschneiten Polarkreis-Region.

Wer dabei sein, sollte sich beeilen, die Plätze sind knapp. Alle Infos gibt es hier: plusrallye.com/stadt-land-fjord

TEXT Peter Göbel
FOTOS Lena Willgalis

LESENSWERT.