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Tianmenshan. Game of Stones.

Der Berg des Himmels im Südwesten Chinas ist eines der spektakulärsten Naturwunder der Erde, und die Tongtian-Avenue Richtung Gipfel lässt jeden Alpenpass fad aussehen. Kein Wunder, dass allerlei verrücktes Volk auftaucht, das möglichst schnell oder möglichst wild nach oben will.

Wenn es eine Geschichte gibt, die in China jedes Kind kennt, dann ist es die des guten und gerechten Herrschers Liu Bei, der sein Reich Shu Han in Sichuan gegen den machthungrigen und eitlen General Cao Cao aus dem nördlichen Wei verteidigt. Im sonst so nach Ordnung und Harmonie strebenden Reich der Mitte ist es ausgerechnet das große Chaos, das bis heute größte Faszination ausübt. „Sanguo“, die Zeit der Drei Reiche im frühen dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung ist wie Game of Thrones auf Chinesisch, und Autor Luo Guanzhong hat mit seiner in einen Roman gegossenen Chronik der Ereignisse nach dem Zerfall der Han-Dynastie ein Epos geschaffen, das bis heute zu den vier großen Erzählungen der chinesischen Literatur gehört.

Wir schreiben das Jahr 263, Cao Cao, Liu Bei, sein legendärer Berater Kongming, der tapfere Verbündete Zhou Yu und viele andere Helden sind lange tot, als die Bewohner des schönen Südwestens mit seinen steilen Bergen und grünen Tälern erleben müssen, dass der mächtige Norden doch übermächtig ist. Und wäre die Niederlage Shu Hans nicht schon dramatisch genug, grollt im selben Jahr vom 1519 Meter hohen „Wolken- und Traumberg“ Yunmeng ein Donner, wie ihn die Bewohner der Ebene bei Zhangjiajie noch nie gehört haben. Aus der fast senkrechten Flanke des Gipfels, der wie eine steinerne Großleinwand in die Landschaft ragt, ist ein riesiges Stück Fels gebrochen. Herausgesprengt von Frost und Wasser klafft ein gewaltiges Loch im Berg, 60 Meter tief, am Fuß 57 Meter breit und fast 132 Meter hoch. Seitdem trägt das Monstrum den Namen Tianmenshan, Berg des Himmelstors.

Die steilste Seilbahn der Welt

Er ist heute noch genauso atemberaubend wie vor knapp 1.800 Jahren, nur ist der Weg zu diesem heiligen Ort nach der Jahrtausendwende deutlich weniger beschwerlich. Vom Bahnhof Zhangjiajie führt eine rund sieben Kilometer lange Seilbahn – laut Reiseführer die längste der Welt – bis auf knapp 1.300 Meter Höhe, und wo wir gerade bei Superlativen sind: mit 37 Grad Steigung im obersten Abschnitt ist die Bahn mit ihren 98 Gondeln auch die steilste. Nicht weit von der oberen Gondelstation hat die Tourismusbehörde einen Tunnel in den Fels getrieben. Über 340 Höhenmeter führen bis zum Fuß der Höhle sechs Rolltreppen. Kapazität: 3.600 Personen. Stündlich.

Wer sich fit genug fühlt, nimmt die Treppe. Die 45 Grad steile „Himmelsleiter“ meistern Gäste, die gut bei Lunge sind, in einer halben Stunde. Sie führt über 999 Stufen. Die neun ist die höchste Ziffer und so etwas wie eine heilige Zahl, die für das Maximale und die Ewigkeit steht. Der Palast des Dalai Lama in Lhasa hat 999 Räume. Die verbotene Stadt in Peking zur Unterbringung des „Sohn des Himmels“ mit seinem Gefolge sogar 9999 und einen halben. Schon vor der Planung der knapp zwölf Kilometer langen Straße, die ebenfalls zum Fuß der Treppe führt war klar, dass sie 99 Kurven haben sollte.

Flickenteppich als Rennstrecke

Als Romain Dumas den Tianmenshan zum ersten Mal aus der Nähe sieht, macht er nicht nur wegen der spektakulären Kulisse große Augen. Seine „Rennstrecke“ ist keine Asphaltstraße, sondern ein Flickenteppich aus mit Teer verklebten Betonplatten. Was die Erosion mit Straßen macht, hat der Franzose schon bei seinem Rekordsturm auf den Pikes Peak gesehen, wo im oberen Teil der asphaltierten Piste alle zehn Meter Risse klaffen. Am Tianmenshan ist es durchgehend etwa zehn Grad kühler als in der Ebene, und wenn Frost und Wasser Felsen sprengen können, was machen sie dann erst mit diesem schmalen Band, dass sich in die steile Bergflanke schmiegt? Zwölf Jahre dauerte es, die Straße zum Himmel in den Berg zu hauen, seit 2006 ist die „Tongtian-Avenue“ im Betrieb.

Reiseführer warnen vor Übelkeit, nicht nur wegen der Kurven, sondern auch wegen des Geschaukels auf den unzähligen Fugen und Buckeln. Die Strecke ist nicht öffentlich zugänglich, ausschließlich autorisierte Busse schrauben sich täglich mit zahlenden Touristen rauf und runter. Wer auf den Tianmenshan will, muss sich entscheiden: Entweder er nimmt den Bus nach oben und die Seilbahn bergab oder umgekehrt. Die Busse sind verkürzte Spezialanfertigungen, sonst würden sie die engen Passagen nicht schaffen. Auf einem Kilometer Distanz arbeitet sich die Piste gleichzeitig fast ebenso viele Meter aufwärts, das Gelände ist so steil, dass die Planer im oberen Teil eine Extraschleife einbauen mussten, wo sich die Straße selbst überquert.

Tempo 40 schon zu viel

Mehrere einspurige Tunnel sind in den Berg gefräst, an vielen Stellen geht es jenseits der Piste senkrecht nach unten, nur ein durchgehendes Band von Betonblöcken schützt vor dem freien Fall. „Die Touristen fangen normalerweise bei Tempo 40 an zu schreien“, sagt ein Busfahrer. Die Website „Dangerous Roads“ führt die Tongtian-Avenue in den Top Ten der gefährlichsten Straßen der Welt. Das konnte sich auch Ken Block nicht entgehen lassen. Nachdem er mit seinen Gymkhana-Drift-Videos so ziemlich jeden menschenmöglichen Stunt an den unterschiedlichsten Schauplätzen des Planeten gedreht hat, zieht es auch den genialen Selbstvermarkter auf Rädern nach oben. In „Climbkhana 1“ arbeitete er sich im Powerslide nach der VW-Rekordfahrt mit seinem gepimpten Ford Mustang den Pikes Peak hinauf, dann folgte er den Hannoveranern auch nach China und schmirgelte im Spätsommer mit seinem „Hoonitruck“ an den Betonklötzen entlang auf den Tianmenshan.

Keine große Sache, bemängeln die Kritiker des Amerikaners. Ein paar Kringel auf der Piste und ansonsten bloß ein einfacher Powerclimb, oder? Zudem war Blocks Aktion mit dem Heck voran keine Poniertat. Schon 2013 hatte Red Bull den italienischen Drift-Profi Federico Scerrifo mit seinem Stockcar nach Hunan geschickt. Dem 36-jährigen Mailänder kommt seitdem das Privileg zu, als Erster das durchgehende Tempolimit von 20 Stundenkilometern über die gesamte Strecke gebrochen zu haben.

In der Ikarusallee sind sie ernsthafte Motorsportler, aber die Mannen von VW-Sportchef Sven Smeets würden sich hüten, über die Showdrifter die Nase zu rümpfen. Block führte unter der Haube seines 1977er Ford-Pickup 928 wilde Pferde spazieren, im VW ID.R mühte sich Romain Dumas schon ab, seine 680 PS auf die Straße zu kriegen. „Wir haben zu viel Drehmoment und zu wenig Grip“, klagte Technikchef Francois-Xavier Demaison.

Nicht alles geht gut

Der spektakuläre Berg lockt schon seit zwei Jahrzehnten Verrückte aller Art an. Im Dezember 1999 flog der Ungar Peter Besenyei im Rahmen der Kunstflug-Weltmeisterschaft am Tianmenshan als erster Mensch durch das Tor zum Himmel. Allein kann das jeder, sagten sich ein paar russische Kampfpiloten, die im März 2006 mit drei Jets in Formation durch das Loch jagten. Mit Düsenantrieb keine Kunst, dachte sich Jeb Corliss. Im September 2011 flog der amerikanische Fallschirmspringer mit einem Wingsuit durch den Ort, wo sich der Himmel und die Welt der Sterblichen begegnen. Es ging nicht immer alles gut. Bei der zweiten Wingsuit-Weltmeisterschaft 2013 sprang der dreimalige ungarische Meister Viktor Kováts bei einem Trainingssprung über die Tongtian-Straße in den Tod. Sein Fallschirm hatte sich nicht geöffnet.

Romain Dumas beschloss früh, die Sache defensiv anzugehen. Die Tourismusbehörde sperrte die Straße gerade einmal für zwei 30minütige Testsessions. Um sich die Kurven in der Kürze der Zeit einzuprägen, fuhr Dumas zusätzlich mehrere Male mit einem Golf R nach oben. „Es gibt keine Simulation, keine Daten, also zurück zu den guten alten Zeiten“ verkündete FX Demaison und machte sich ans traditionelle Arbeiten mit Dämpfern und Federn. Für den eigentlichen Rekordversuch hatte das Team ein schmales Fenster von zwei Stunden. In den engsten Kurven war Dumas kaum schneller als die Busse. „Du sitzt im ID.R so tief, dass du den Scheitelpunkt oft gar nicht siehst, also kannst du die Kehren nicht zu eng fahren“, entschuldigte er sich.

Eher etwas für ein Rallyeauto

Einen Streckenrekord gibt schon seit 2012: Der Franzose Jean-Yves Blondeau brauchte für die elf Kilometer auf Rollerblades 19.34 Minuten, die „Rollerman“ meist im Liegen vebrachte – allerdings bergab. VW ging die Sache offizieller an: Start und Ziel wurden eigens notariell festgelegt. Der Bus braucht gewöhnlich 20 Minuten, Romain Dumas stürmte in 7.38,585 Minuten bis zur Himmelsleiter und schwärmte: „Es war ein Riesenerlebnis. Mal sehen, ob jemand die Herausforderung annimmt.“ Den Fehdehandschuh wirft er in eine eindeutige Richtung: „Der Grip wechselte auf dem Beton ständig, es gab in schattigen Ecken Feuchtigkeit und eine Baustelle mit ein paar Metern Schotter. Eigentlich waren das eher Bedingungen für ein Rallyeauto.“

Wer auch immer je der Schnellste am Tianmenshan sein wird, für Bergsteiger reinsten Wassers interessiert vor allem eine Bestmarke: die Erstbesteigung, und die ist am Tor zum Himmel für Automobilisten für immer vergeben: Der chinesisch-niederländische Rennfahrer Ho-Pin Tung fuhr 2018 mit einem Range Rover Sport in scheinbar gemütlichen 22.41 Minuten nach oben. Die Strecke war für ihn aber ein paar hundert Meter länger. Der Le-Mans-Zweite von 2017 nahm nach oben nicht nur die Straße, sondern auch noch die Treppe.

TEXT Markus Stier

LESENSWERT.