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Pure Gewalt …

… darf niemals siegen. Denn es geht immer auch um die Eleganz der Bewegung, selbst wenn 525 PS zerren: Walter Röhrl gibt einem 911 GT3 RS Auslauf, trifft zwei alte Freunde, kennt sich manchmal selbst nimmer und weiß doch ganz genau, mit welchem Auto er abends nach Hause fahren will.

Hunderte Ingenieure haben gearbeitet, gerechnet, getestet, optimiert – schließlich haben sie ihm das fertige Werk vorgelegt, und jetzt soll Walter dagegen arbeiten, mit aller Gewalt. Die ganze Suche nach Traktion, nach immerwährendem Vortrieb all der klugen Köpfe war plötzlich für die Katz, bloß weil wir vom WALTER-Magazin sagen: „Geh, glaubst kannst den GT3 RS ein bissel driften?“

Walter glaubt nicht nur, er tut auch, aber er tut ungern, das spürt man. Denn auch das Auto tut das ungern, und so was spürt wiederum Walter. Wer einen 992 GT3 RS aus seiner Reserve locken will, der muss ein gerütteltes Maß an Brutalität an den Tag legen, sonst rührt sich da gar nix, und der Porsche folgt schnurstracks der schnellsten Linie, nicht der spektakulärsten. In den Worten des Meisters: „Der mog des nit.“ Weil nämlich der Übergang vom stabilen in den instabilen Fahrzustand und wieder zurück, ruppig ist und nicht so smooth, wie Feingeist Walter das gerne hätte. Elegant sei halt was anderes, meint er.

Aber doch, grundsätzlich geht Querfahren auch mit dem zeiten-optimiert besten Porsche der Gegenwart, und dass das Auto dem Walter dabei leidgetan hat, darf keinen wundern. Wobei es im Hause Röhrl durchaus zwei unterschiedliche Meinungen zum GT3 RS gibt. Monika: „A greislichs Auto“ – was in erster Linie dem aufdringlichen hydraulisch verstellbaren Heckspoiler geschuldet ist und ihn während seines Asyls bei Röhrls eine Verbannung in den Schuppen einbrachte, „‘nüber zu den landwirtschaftlichen Geräten.“ Walters Expertise fällt nuancierter aus: „Auf der Straß‘ brauch i das nicht, aber auf der Rennstrecke … Sowas gehört auf die Rennstrecke. Da ist das perfekt. Für den Alltag reicht aber im Prinzip der normale GT3.“

Die Rennstrecke ist jener Platz, an dem sich unsere drei Freunde in aller Regel treffen, nicht der Flugplatz Arnbruck wie heute an diesem wunderbaren, ausgeschlafenen, bayrischen Sommermorgen. Auftritt Klaus Kiese, Baujahr 1965 und Dominic Amberger, Baujahr 1987. Klaus fuhr einst Kart und auf der Straße Audi TT RS. Da regte ihn furchtbar auf, dass nach jeder flotteren Fahrt durch den bayerischen Wald die vorderen Bremsen erledigt waren. Walters Lösung für Probleme aller Art: „Musst dir halt einen Porsche kaufen.“ Klaus musste nicht nur, er durfte – und zwar Walters Cayman GT4 in Weiß, passenderweise als Geburtstagsgeschenk zum 50er an sich selbst. Wer sich einen GT4 als ersten Porsche seines Lebens zulegt, der nimmt das Thema der Fahrdynamik ganz offensichtlich ernst. Zum Nachfolger – dem 991 GT3 CS hier auf den Bildern – war es dann auch nur mehr ein kleiner Schritt.

Klaus, Verkaufsleiter von Beruf, ist in der Tat ein exzellenter Autofahrer, und diese Bestätigung kommt aus berufenstem Mund. Nachdem Walter und er einen schönen Tag auf einer Rennstrecke verbracht hätten, würde er sich manchmal emotional nicht in der Lage sehen, sich den restlichen Tag, der so schön begonnen habe, mit dem Erdulden anderer automobiler Nichtschwimmer vor seiner Front zu verhauen. Also sagt er dann manchmal einen Satz, der unsereins massiv nervös machen würde: „Fahr du.“

Walter Röhrl auf dem Beifahrersitz zu haben, diesen Perfektionisten, der noch heute kein Autoradio aufdreht beim Fahren, weil es sich um eine nahezu religiöse, jedenfalls aber unbedingt perfekt auszuführende Tätigkeit handelt, als Schutz gegen Alzheimer, weil Autofahren eben hundertprozentige Konzentration benötige wie sonst nix auf der Welt: gegen die Vorstellung, einen so gestrengen Experten neben sich zu wissen, verblasst selbst die Erinnerung an die Latein-Matura zum milden Kaffeekränzchen. Und dann das: „Wenn der Klaus fährt, schlaf‘ ich regelmäßig ein.“

Was nun nicht bedeuten würde, dass Klaus mit Walter auf dem Beifahrersitz rumschnarchen würde, denn ein gewisses Grund-Tempo gehört zum guten Autofahren ganz integral dazu. 400 Kilometer in zwei Stunden und ein bissel was, von denen Walter satte zwei verschläft, was könnte es mehr an Freundschaftsbeweis geben. Das zum Beispiel: Klaus darf auf Kater Max aufpassen, wenn Röhrls außer Haus sind, und Max und Klaus sind mittlerweile genauso dick befreundet wie Walter und Klaus.

Die Verbindung zwischen Walter und Dominic hingegen geht auf die Mission 1000 zurück, als Hardcore-Porsche-Fan Josef Mühlbauer 2018 sage und schreibe 1000 Porsche im bayrischen Roding versammelte. Dominic, ehemaliger Mountainbike-Freeride-Profi, gehörte dort zum erweiterten Dunstkreis, und die Chemie passte von Anfang an zwischen den dreien, trotz des Altersunterschieds. „Wir haben jede Woche Kontakt, oft sogar jeden Tag.“

Walter Röhrl ist ein Mann, dem echte Freundschaften über alles gehen: „Das war schon in meiner aktiven Zeit so. Geld war mir nie wichtig. Aber ich musste mich im Team wohlfühlen. Ich wollte spüren, es mit Freunden zu tun zu haben, nicht mit Geschäftspartnern. Ich habe auch oft Freunde von daheim mitgenommen, wenn ich unterwegs war, zum Pikes Peak etwa. Ich wollte meine Erfahrungen mit ihnen teilen, und das leben wir drei auch heute so – ganz ohne uns auf die Nerven zu gehen.“

Dem Jüngsten im Trio kommt nahezu zwangsläufig die Rolle des Digital Native zu, und so ergänzt man sich auf ganz natürliche Weise, wenn Walter und Monika wieder einmal von der modernen Technik gepflanzt werden, moderner Technik ohne vier Räder natürlich.

Dominic kommt Porsche-mäßig vom Cayenne, „ich hab‘ den Platz für meine Fahrradln gebraucht“, aber die Infektion mit dem Virus 911 stammt von Walter. „Er hat mich einmal mitgenommen, und ab dem Moment war alles klar.“ Ehrensache, dass Walter auf der Suche nach einem 911 GT3 CS behilflich war, passenderweise genauso weiß wie der von Kumpel Klaus.

Gemeinsam wird schön Auto gefahren. In Walters Worten: „Es muss fließen, auch wenn das Auto rutscht. Das Auslösen und wieder Grip kriegen darfst du gar nicht sehen. Ich fahre inzwischen zehn Mal lieber auf der Landstraße als auf der Rennstrecke, wo du wie ein Ochs’ auf die Kurze zufährst, dann wie ein Ochs’ auf die Bremse steigst und dann wieder aufs Gas. Ich will schonend schnell fahren. Wenig Reifenabrieb, wenig Verbrauch, wenig Bremsbelag-Verschleiß, minimale Bewegungen. Darum fahre ich auch so gern alte Autos, weil da hast was zu tun. Mit einem modernen Auto langsam zu fahren, ist langweilig. Da muss es schon ein bissel dahingehen, damit du was spürst.“

Man kann davon ausgehen, dass es bei Ausfahrten zwischen den dreien manchmal durchaus ein bissel dahingeht. Klaus: „Im Trockenen trifft jeder von uns so einigermaßen den Brems- oder Einlenkpunkt. Das kann man lernen. Aber bei schwierigen Verhältnissen ist der Walter weg, einfach aus dem Staub. Das musst erlebt haben.“ Klaus tröstet sich mit der „Klausi-Taste“, das ist jene für den Klappenauspuff, die er routinehalber bei jedem Mal einsteigen aktiviert – und gleichzeitig seine Sinne fürs konzentrierte, schnelle Autofahren.

Jetzt kommt eine beinahe schockierende Aussage von Walter: „Ich spür‘ zum ersten Mal das Alter, kommt mir vor. Weil ich immer weniger Lust aufs Schnellfahren hab’. Wenn ich‘s dann wieder mal mache, denke ich mir eh, wie schön das nach wie vor ist, aber es wird seltener.“ Es kann heute also mittlerweile vorkommen, dass sich Walter überholen lässt, wenn er mit seinem 356 unterwegs ist oder auch auf der Autobahn: „Da fahr‘ ich mit keinem Auto mehr schneller als 180 km/h, weil mich das ständige Bremsen und Beschleunigen narrisch macht. Jüngst bin ich mit Porsche-Werksfahrer Timo Bernhard von Stuttgart an den Hockenheimring mitgefahren, und er fährt so, wie ich früher: Jeder Tag ohne 300 km/h ist ein verlorener Tag, sagt er.“

Was aber auch im Hause Röhrl unverändert gilt: „Am Weg in unser Haus nach Saalbach nehm‘ ich immer die Landstraße. Sobald kein anderes Auto mehr zu sehen ist, fahre ich Ideallinie – so wenig lenken, beschleunigen und bremsen, wie geht. Und wenn ich im Verkehr stecke und seh‘ eine Lücke – zack!, bin ich raus und überhole. Da sind die Sinne scharf wie eh und je. Ich nutze noch immer jede Gelegenheit, und bevor die anderen mitkriegen, was da passiert, bin ich schon vorn. Nicht, dass mich einer aufhält!“ Oder das Mirakel Kreisverkehr, das offenkundige Führerschein-Besitzer noch immer regelmäßig vor Rätsel stellt beim Einfädeln: „Da reduziere ich doch meine Geschwindigkeit gar nicht!“

Bei Kaffee und Kuchen lässt sich mit den drei Freunden ganz vorzüglich über die Schönheit flotter Fortbewegung auf vier Rädern philosophieren, und aus welchem Haus diese vier Räder zu sein haben, dazu gibt es hier am Tisch keine zwei Meinungen. Es ist ein absolutes Röhrl-Phänomen, dass er bloß irgendwo seinen flotten Gasfuß in die bayrische Morgensonne halten muss, und schon kriegt die Dorfjugend davon Wind und stellt sich artig an den Rand des Flugplatzes, um vielleicht ein paar Worte mit dem Großmeister wechseln zu dürfen. Audi S3, starke BMW, irgendwann kommen sie vielleicht auch ins Porsche-Alter. Schön zu sehen jedenfalls, mit wie viel Respekt man sich begegnet: jener der Jugend vor dem besten – zumindest – Rallyefahrer, den Deutschland je hatte, ist verständlich. Aber auch Walter, locker drei Mal so alt wie die Buben, erkennt wohl einen Teil von sich selbst in ihnen, wenngleich er selbst immer ganz anders getickt hat, extrem halt.

„Ich hab‘ mir immer Druck gemacht und pendelte ständig zwischen Größenwahn und Selbstzweifel. Siege hab‘ ich oft auf Glück geschoben, während ich vor der Rallye oft Sprüche rausgehaut habe, die ich dann einlösen musste. So hab‘ ich mir meine Motivation selber gemacht.“

Gab es Momente in deiner Karriere, in denen du völlig zufrieden mit dir warst?

„Nicht so oft. Hier und da auf der Monte. Aber nicht beim Audi-Sieg, da waren drei Kurven dabei, die hätte ich schneller fahren können. San Remo im Lancia oder vorher im Fiat, als wir fünf Werksfahrer waren und ich Christian vorher gefragt habe, wie viele Minuten ich den anderen geben soll. Und ein 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring fällt mir ein, als es geregnet hat und nebelig war. Da bin ich mit einem seriennahen 911 RS um eine Minute pro Runde schneller gefahren als alle anderen – und da waren Roberto Ravaglia und Johnny Cecotto in ihren DTM-BMWs dabei. Nach 12 Runden war ich um 12 Minuten vorn. Manchmal bin ich auf Gruppen von 10 Autos aufgelaufen und durchgestochen wie durch einen Hühnerhaufen. Keine 10 Sekunden später war es wieder finster im Rückspiegel.“ 

Kannst du dich eigentlich an das letzte Mal erinnern, dass du mit einem Auto neben der Straße warst? „Das muss bei der Rallye Köln-Ahrweiler in den 2010er-Jahren gewesen sein. Es war das einzige Mal in meiner Laufbahn, dass ich selber einen Fehler gemacht habe. Alle anderen Unfälle hatten technische Ursachen. Ich bin nie aus einer Kurve geflogen, weil ich mich verschätzt hatte. Wäre es je dazu gekommen, ich hätte mich ernstlich hinterfragen müssen.“

Wie war das also beim einzigen selbst verschuldeten Unfall? „Ich hatte mit dem GT3 trainiert, die Rallye selbst bin ich mit einem 78er-911 gefahren. Da gab es diese Passage über eine Kuppe voll – kein Problem mit dem GT3. Doch der alte Elfer, immerhin 280 PS stark, hat hinten Auftrieb gekriegt und ich hab‘ das Auto kaputt gefahren. Das hab‘ ich dem Roland Kussmaul gebeichtet, und er bloß: Du Depp, wozu glaubst du, haben wir hinten einst ein Entenbürzel dran gemacht?!? Dass das Auto mit dem schweren Motor hinten Auftrieb kriegen könnte – auf diese Idee bin ich einfach nicht gekommen.“

Das zumindest ist ein Problem, das der aktuelle GT3 RS mit seinem mächtigen Flügel ganz sicher nicht kriegen wird. Mal schauen, wie die Monika das sieht.

Die drei Mitglieder der GT3-Bande hier am Flugplatz wissen ganz genau, was sie am Konzept des GT3 so lieben, ganz egal ob 991 oder 992, ob mit Riesenflügel oder schlichtem Clubsport-Paket: „Mit einem GT3 hast du den ganzen Tag auf der Rennstrecke Spaß. Dann hockst dich wieder rein und fährst ganz normal über die Straße heim. Das Auto liegt nach einem Tag am Limit nicht anders als in der Früh, es klingt nicht anders, es wird auch nie kaputt, ganz egal, was du machst. So was kann nur ein GT3.“

TEXT Werner Jessner 
FOTOS Michael Heimrich

LESENSWERT.
WALTER.