Vincent Krampol. Europas jüngster Autorestaurator.

Mit (nicht vor!) sagenhaften 22 Jahren hat Vincent Krampol seinen eigenen Oldtimer-Restaurierungsbetrieb eröffnet. Jetzt ist er 26 und hat schon über 150 Teil- und Vollrestaurierungen abgeliefert. Wir haben den Senkrechtstarter, der gerne mal von Kunden für seinen eigenen Azubi gehalten wird, im hessischen Eppertshausen besucht. Und sein jüngstes Werk bestaunt: Einen T1 Westfalia-Camper, in dem Pablo Picasso persönlich schon einige seiner Werke geschaffen hat …

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„Ich glaube 26!“ Das war Vincent Krampols Antwort auf die Frage nach seinem Alter. „Ich hab vor lauter Arbeit seit acht Jahren keinen Geburtstag mehr gefeiert, darum musste ich kurz überlegen!“

Ja, Arbeit hat er. 15 bis 20 Projekte laufen zeitgleich in seinem hochmodernen Restaurierungsbetrieb in Eppertshausen. Und der Laden platzt aus allen Nähten. Wenn in der Nachbarschaft was frei wird, dann hat Vincent die Hand drauf. „Wir müssen jetzt dringend die Karosserieabteilung auslagern, die Aufenthaltsräume sind schon gegenüber untergekommen, eine Wand für eine hauseigene Sattlerei muss oben eingezogen werden …“, Krampol hat Pläne. Große. Schon immer. 

Aber wer jetzt denkt: aah, bestimmt alles von Vatti geerbt, dem dürfen wir an dieser Stelle für sein ungebührliches Gedankengut eine Rüge ins Vorurteilsheftchen eintragen. Nix Vatti, der macht was mit Füßen und könnte also branchenfremder gar nicht sein. In der 11. Klasse hatte Vincent ein Schülerpraktikum in einer Oldtimer-Werkstatt angefangen. „Und das fand ich sooo cool, dass ich direkt am nächsten Tag zu meinem Klassenlehrer gegangen bin und ihm erklärte, dass ich nicht mehr wiederkomme. Und das, obwohl ich mit 17 noch nicht mal Auto fahren durfte“, lacht Vincent.

Es folgte eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker, eine Arbeitsstelle in einer Oldtimer-Werkstatt, die Stapler- und Anhänger-Führerscheine im Urlaub und zum Schluss eine Weiterbildung zur „Staatlich geprüften Fachkraft für die Restaurierung historischer Fahrzeugkarosserien“. Vergleichbar mit einer Meisterprüfung berechtigt ihn dieses kaum komplizierte Amtsdeutschgeschwür zum Führen eines eigenen Betriebs in diesem Bereich. 

Und dann rief Vincent mit einem sorgfältig vorbereiteten Businessplan die Bank an und erklärte seinem leichenblassen Gegenüber, was er denn vorhat und wie viel Geld er dafür braucht. „Ich war 21. Die haben meine seriös gemeinte Anfrage für einen Spaßanruf gehalten. Wirklich. Das hat sich ein Dreivierteljahr hingezogen. Mein Fall wurde bis in die Zentrale, zum Vorstand weitergereicht. Ich musste vor einem Fünfer-Gremium mit Wirtschaftsprüfern, Betriebswirtschaftlern und Vorständen antreten wie bei einem Verhör. Die hatten keine Ahnung, was eine Oldtimerwerkstatt ist, ein Friseurstübchen wäre hingegen kein Problem gewesen, das kannten sie. Die Betriebswirtin, die den Ausschuss geleitet hat, war der Meinung, dass ich keine 12 Monate überleben könnte mit so einem Betrieb. Mit alten Autos könnte man keine Geschäfte machen. Dann hatte ich irgendwann die Faxen dicke und mir einen LKW gemietet, alle Oldtimerteile reingepackt, die ich schon gebaut hatte, und das ganze Zeug zu denen in die Bank gekarrt. Ab dann lief alles“, lacht Vincent.

Im Dezember 2019 wurde dann endlich „Krampol Oldtimer“ eröffnet. Erstmal als One-Man-Show. Mechanik, Elektrik, Karosseriebau im Haus, Sattlerarbeiten und Lackierung in regionalen Betrieben, damit die Wege nicht weit sind und die Qualität gewährleistet werden kann. Und diese Nähe ist auch wichtig für eine coole App, die es bei Krampol gibt: Jeder Kunde wird dort live über den Fortschritt seiner Restaurierung mit Text und Bild und Videos informiert. Die App ist aber auch für Nicht-Kunden interessant: zwei Redakteure schreiben Geschichten, es gibt ein elektronisches Fahrtenbuch, Rallye-Termine, Events – eben Dinge, die für einen 26-Jährigen normal sind.

„Mein erster Auftrag war direkt die Vollrestauration eines EMW 327. Der EMW-Kunde kam nur, weil ich von Anfang an das Marketing anders gemacht habe, als die leicht angestaubten anderen Läden, die es so gab. Ich hab von Beginn an sehr massiv mit Social Media und Website gearbeitet. Ich hab ja wirklich viel Geld aufgenommen und hatte einen Tippi-Toppi-Laden. Das machte schon Eindruck auf den Kunden. So ging es los!“

Aktuell sind sie bei Krampols schon zu sechst. Und sehr modern und international. Gleich drei Frauen arbeiten dort, die den modernen Laden und Chef schätzen. Eine Karosseriebau-Meisterin aus Großbritannien, eine Mechanikerin und Office-Managerin aus Deutschland, dazu noch Fachkräfte aus Tschechien und Moldawien. Vincent hat keine Probleme, neue Leute zu bekommen. Ein moderner Betrieb und Sozialleistungen wie in Berliner Start-ups, das zieht.

Und es zieht auch Kunden, sehr oft mit abgebrochenen Hasendraht-Restaurierungsversuchen, die ihnen bei Billiganbietern um die Ohren geflogen sind. Prominentestes Beispiel gerade: Ein VW T1 Westfalia-Camper, der einst dem deutsch-ukrainischen Künstlerehepaar Drozd-Barrera gehörte und ihnen und ihrem persönlichen Freund Pablo Picasso als rollendes Atelier diente. Hinter gestreiften Vorhängen und mit bestem Licht durch die Dachfenster und mit Gasheizung wurde so manches Werk darin orts- und wetterunabhängig geschaffen. Leider war der erste Restaurator ein Depp, der beispielsweise die reichlich vorhandenen Ölfarbklekse auf dem Armaturenbrett als „wie sieht das denn aus?“ einordnete und diesen Kulturschatz mal kurzerhand wegstrahlte.

Auch das war ja letztlich ein echter Picasso! In lauter einzelnen Kaddongs (so heißen Kartons in Hessen) ohne Beschriftung wurde das abgebrochene Restaurierungsinferno vom entnervten und enttäuschten Besitzer zu Krampol gebracht, der jetzt seit Januar an einer Vollrestaurierung des Westfalias saß. 50 Prozent war vorhanden, vieles musste neu beschafft oder neu angefertigt werden. Aber das ist Vincents liebste Tätigkeit: aus einer schnöden Stahlblechplatte wieder ein Auto zu formen. Wie auch der halbe Ferrari F40 an der Werkstatt-Decke beweist. „Wir hatten ein paar Fotos von Wikipedia und ein kleines Modellauto. Und 2×2 Meter große Stahlblechplatten sowie einen Taschenrechner. Das hat uns gereicht, um die Karosse des F40 zu bauen“, so Krampol.

Was für einen Oldtimer fährt denn so ein Blechkünstler privat? „Gar keinen. Jeder Cent den wir einnehmen wird direkt wieder in die Firma gesteckt. Wir stehen ja noch ganz am Anfang. Ich fahre einen Opel Mokka für die Kundentermine, und wir bauen uns gerade einen MGB-Firmenwagen für Oldtimer-Rallyes auf. Wir haben so viele Kunden aus diesem Bereich, da wollen wir auch vor Ort sein. Und wenn ich mal einen privaten Oldtimer haben sollte, dann wird es ein alter 911 Targa. Meine erste Oldtimer-Rallye bin ich in einem braun/braun/braunen Targa gefahren, das hat anscheinend irgendeinen Schaden bei mir angerichtet“, lacht der Azubi, äh Verzeihung, der Chef.

Aber er hat ja auch so jeden Tag zig schöne Autos um sich herum. Nur seine wirklichen Autoträume waren noch nicht in der Werkstatt: die frühen Le Mans-Renner. Ford GT40, Ferrari GTO. Aber die kommen. Vincent hat ja noch 40 Jahre Zeit, bis er so alt ist, wie die meisten seiner Kollegen aus der Branche …

TEXT und FOTOS: Thomas Senn für WALTER #13

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