Morgenstund hat Frost im Mund. Rallye Monte Carlo.

Drei Wagemutige zogen aus, um dort zu sein, wo man der Rallye Monte Carlo am nächsten ist:  auf dem Boden. Sie träumten von schmutzigen Liedern, kaltem Pastis und heißen Wüstchen an Lagerfeuern auf südfranzösischer Scholle. Doch so viel Nähe zu Land und Leuten bedeutete in diesem Januar vor allem eins: Klappernde Zähne.

Von irgendwoher schlägt eine Turmuhr vier. Sie ist nicht laut und weit entfernt. Jemand, der schlafen würde, hätte sie nie gehört. Aber genau ist das ist das Problem: Der Schlaf ist weit weg. Die Kälte hat ihn vertrieben. Auch T-Shirt, Hemd, Pulli, Mikrofaserjacke mit Fleece-Futter, lange Unterhose, Jogginghose, Jeans, Regenhose, drei Paar Socken, Mütze, Handschuhe und zwei Isomatten konnten Väterchen Frost am Ende nicht aufhalten. Von unten hat er heimtückisch eine Bresche in das isolierende Bollwerk geschlagen. Der Schlafsack taugt offensichtlich nicht für fünf Grad minus. Zuerst wurden die Knie kalt, dann die Füße, Die Angriffsstreitmacht vereinigte sich am rechten Oberschenkel und marschierte langsam in Richtung Körpermitte.

Man würde sich ja gern mit schönen Gedanken wärmen, an einen sonnigen Morgen am Col de Fayolle zum Beispiel. Der Himmel hatte sein schönstes Azur angezogen, die Sonne selbst an einem Freitag die Feiertagsbeleuchtung eingeschaltet. Eine neue bunte und laute Saison begann. Warum also wurde den 10.000 Fans nicht warm?

Es könnte am Wind gelegen haben, der mit mindestens 80 Sachen über die Passhöhe fegte. Bei so einem Wetter segeln Yachten schon allein mit ihrer Alustange. Nur für wenige Sekunden, an denen ein Auto um die einzig wirklich enge Kurve im Umkreis von fünf Kilometern kam, dachten die Menschen an etwas anderes, als sich um Deckung zu sorgen. Nur ein paar jugendlich Übermütige machen auf der Kante des Hügels mit ausgebreiteten Armen Windkanal-Versuche. Mützen fliegen weg, für Menschen reicht es noch nicht.

Aufgewirbelte Staubkörner schlagen wie Projektile auf der Augenlinse auf. Viele versuchen, im Windschatten der Kuppe Schutz zu suchen, in dem sie sich hinter ein paar krüppeligen Sträuchern flach auf den Boden legten. Da lagen nun ein Deutscher und ein Franzose gemeinsam im Schützengraben, ganz wie im Grande Guerre vor 70 Jahren. Nur man sich da vermutlich nicht so freundlich angelächelt hätte.

Und wofür das alles? Wo soll da der Spaß sein? Wenn der Sturm wenigstens weiß wäre. Wenn er Myriaden von Eiskristallen mit sich brächte, Schneeflocken so dick wie das Ego des Präsidenten, der sich jetzt gerade mit seiner Carla schön warm unterm Satinlaken räkelt. Wenn sich Berge von Schnee nicht nur am Rand, sondern auch auf der Strecke türmen täten, so dass das halbe Feld im Ziel über einstündige Verspätungen klagt, weil man trotz Allrad den Berg nicht mehr hoch gekommen war.

Mensch, da hätten wir später was zu erzählen gehabt: Weißt du noch Zwanzigacht in der Ardeche? Es war so kalt, dass wir uns Eiszapfen unter die Jacken gepackt haben, um uns aufzuwärmen, und der Wind wehte so stark, dass wir uns mit Schneeketten an Telegrafenmasten gewickelt haben, aber das war es wert. An dem Tag hast du Drifts gesehen, die erst nach 30 Kilometern wieder aufhörten.

Pustekuchen. Es ist knochentrocken, und Meteo France sagt ein stabiles Hochdruckgebiet voraus, was dazu führt, dass die Nacht klirrt, der volle Mond ständig indiskret ins Zelt guckt, und die Sterne aufgeregt blinken. „Kannst du was sehen?“, fragen sie den Mond. „Sind sie schon tot?“

Bergsteigerdrama auf der Ostroute zwischen La Batille und Lalouvesc. Zwei Mann beim Aufstieg zu Lager vier von der Kälte überrascht worden. Nur der Holländer hat überlebt, weil er im Auto geschlafen hat. Das könnte euch so passen. Einer der Todgeweihten rappelt sich noch einmal auf. Ein strammer Marsch bringt wieder Wärme in die absterbenden Glieder. Im Tal leuchtet der Schein von einem halben Dutzend Feuern. Viele Franzosen haben lediglich einen Kombi mit einem Haufen Brennholz, Rotwein und Essen dabei. Sie haben nie geplant, zu schlafen und stehen die ganze Nacht am Feuer. Morgens um halb fünf wird nicht mehr laut krakeelt oder gesungen. Das Knistern der Flammen ist das lauteste Geräusch.

Das größte Feuer brennt direkt an der Straße und gefährlich nahe an einem Telegrafenmasten. Die kleine blonde Polizistin, die hier die Ordnung aufrecht halten soll, stört das kein bisschen. Sie rückt ein Stück näher, und lässt sich von den Brandstiftern in ein Geplauder verwickeln. Hauptsache nah beim Feuer sein. In der lang gezogenen Rechtskehre vor dem hübschen Steinbrückchen liegen einige Schlachtenbummler unter freiem Himmel in Schlafsäcken. Seid ihr total wahnsinnig? Wisst ihr nicht, dass ihr alle des Todes seid? Ihr glaubt wohl ernsthaft, dass Euer Zaubertrank aus gekelterten Trauben euch schützt. Ihr armen Franzosen.

Doch anscheinend kommen die meisten aus diesem kleinen Dorf in Aremorica, wo die Welt noch in Ordnung und die Gallier unbesiegbar sind. Jedenfalls stehen bei Sonnenaufgang alle wieder auf. Einige Tausend haben sich hier die Nacht um die Ohren gehauen, um den Asterix des Rallyesport zu bewundern. Loeb kommt als Erster, klein, schnell, unbesiegbar. Die Stimmung ist toll. Erwartungsvolles Murmeln, die Feuer brennen unter hellblauem Himmel mit rotem Schein. Bis die Sonne aufgeht, erhellen die Lampenbatterien der Rallyeautos den dämmrigen Dunst. Nur Schnee hat es immer noch kein bisschen. So rollen die Autos halt herum. Weil noch ein bisschen Raureif liegt, sind die meisten Fahrer am Morgen eher vorsichtig.

Ein Aufwärmversuch mit Zaubertrank, den sie hier „vin chaud“ nennen, scheitert kläglich. Die rote Brühe schmeckt zwar so grausig, wie es sich für richtige Medizin gehört, nur die Wirkung setzt nicht ein. Der Glühwein macht weder warm noch blau. Bis zum zweiten Durchgang der Rallye am Mittag wird das Biwak nun im Auto aufgeschlagen.

Der holländische Kollege Bas kommt zwei Stunden später zum Wecken mit Joghurt und Saft „Vitamine“, ruft er und fügt begeistert an: „Wir haben Feuer gemacht.“ Damit nicht genug. Wir haben wie ordentliche Franzosen sogar Essen dabei. Kleine grobe Bratwürste, ein bisschen Käse, nur leider kein Baguette. Stattdessen gibt es Mais aus der Dose. Mit selbst geschnitzten Stecken lungern wir wie die Steinzeitmenschen um die Glut und grillen ein erlegtes Mammut, das dank des Fortschritts hübsch portioniert in Naturdarm am Holzstock hängt.

Leider bleibt es da nicht. Dauernd fällt die Wurst ins Feuer. Wieder geborgen hat sie zwar ein unübertroffen rauchiges Aroma, aber eine ungesund dunkle Farbe. Die anderen beschließen alsbald leichtfertig, ihren tierischen Eiweißhaushalt weiter im Ungleichgewicht zu halten und machen sich lustig. Dabei ist Spott alles andere als angebracht. Immerhin ist bei diesen Feldversuchen gelungen, der Nachwelt einige bisher unbekannte Kohlenstoffverbindungen zu hinterlassen.

Der weitere Tag hält ansonsten wenig herausragende Action bereit. Der Col de Turini muss es jetzt rausreißen. Die eiserne Entschlossenheit, diese Camping-Mission durchzuziehen, wird kurz danach auf eine harte Probe gestellt. Bas hat im Hotel Trois Vallées – auf dem Turini das beste Haus am Platze – ein Zimmer mit Balkon geerbt, weil ein Kollege krank wurde. „Es hat drei Betten. Wollt ihr bei mir wohnen?“ fragt er. Ein Königreich für eine Dusche und ein Bett. Doch eine Stunde später schaut sich der schmutzige Rest der Monte Carlo-Seilschaft an und beschließt: Es wird im Zelt geschlafen, basta! Ein Kollege sagt: „Ihr riecht nach Lagerfeuer.“

Die brennen in der Nacht auf dem Berg der Berge alle paar Meter am Straßenrand. Oberhalb der Turini-Passhöhe stehen Kombis und d’Argent. Es geht noch weiter rauf, bis etwa 1700 Meter, so weit der Schneeräumer den Weg zur Panoramastraße kurz unter dem Berggipfel frei geräumt hat. Das Biwak wird in einer Spitzkehre hoch über den umgebenden Bergen aufgeschlagen. Fotograf Daniel flucht abermals über mein Zelt, das sich nur mit einiger Fummelei mit aneinandergebundenen Fieberglasstangen und zahllosen Ösen aufstellen lässt. Der Kollege Lichtbildner hat ohnehin schlechte Laune. Er fürchtet, dass die Straße nach unten über Nacht von parkenden Fans blockiert wird. Zeit für eine Antiaggressions-Therapie: „Das kann gar nicht passieren. Die Straße zum Skigebiet wird jederzeit für Krankenwagen offen gehalten. Wir wäre es mit einem Absacker bei Bas im Hotel?“

Anderthalb Kilometer vor dem ersehnten Bier geht es nicht weiter. Parkende Fans haben die Straße blockiert. Die Polizei ist schon da und hämmert gegen die Zinnen der Wohnmobilburgen. „Macht, dass ihr wegkommt“, ruft der Arm des Gesetzes. Recht so. Bis sich das Knäuel entwirrt hat, wird es eine Weile dauern – Planänderung. Dann also auf einen Pastis ins Skidorf. Der Wirt der einzigen noch halb geöffneten Kneipe überhört den Wunsch der Gäste gleich drei Mal. Er serviert heute nur Rotwein. „Geht aufs Haus“, sagt er. Was solls, Hauptsache die nötige Bettschwere. Hauptsache schlafen. Immerhin hat es trotz der großen Höhe muckelig warme dreieinhalb Grad plus.

Am nächsten Morgen ist die Stimmung des meist fotografierten Ortes in der Rallye-Geschichte nur lauwarm. Von wegen Rotweingesänge und Schneeballschlachten. Kein Gramm Schnee auf der Passhöhe, die nur mittelprächtig besucht und fest in italienische Hand ist. Der Höhepunkt des Morgens ist eine Polizei-Kohorte, die unter frenetischem Gejohle im Gleichschritt in Richtung Moulinet joggt, um ein paar Fans zu disziplinieren. Wahrscheinlich schippen sie wieder Schnee, denn auch die schattige Turini-Abfahrt ist allenfalls feucht. Die rutschigste Stelle auf dem ganzen Berg ist ein gebrauchtes Kondom, das kurz vor dem Gipfel auf der Ideallinie liegt. Immerhin sorgen im zweiten Durchgang oben auf der Passhöhe Loeb, Duval und Galli auch so für ganz ordentliche Rutscher. Aber sonst? War es all die Mühsal wert?

Citroëns Presse-Grazie Marie-Pierre ist per Hubschrauber eingeschwebt und gesellt sich zu uns. „Was, ihr habt hier oben im Zelt geschlafen?“ fragt sie staunend und reißt ihre sehenswert braunen Augen auf. „Mensch, ihr seid aber tapfere Kerle“, sagt sie bewundernd. Na ja, wenn man sich’s recht überlegt, war das Wochenende vielleicht doch gar nicht so übel.

Es froren Markus Stier (Text) und Daniel Roeseler (Fotos)

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