Badetag. Große Jungs am Strand.

Wenn man den irren Doc Brandenburg und den nicht minder verwirrten Herrn Senn etwas planen lässt, kann das nicht gut gehen. Ging’s auch nicht. Sie haben es geschafft, selbst einen Badetag ins Wasser fallen zu lassen. Gefrierbrand statt Sonnenbrand. Herrlich!

Die hochgelegten Rallye-Porsches übergewaschen, den Speedo-Herrenbadeanzug aufgebügelt, ein paar Fläschchen vom Guten aus dem Weinkeller geholt, den Webergrill überpoliert, schöne Mädchen eingeladen, den Adler aus dem Horst befreit und ab an den Privatstrand für einen chilligen Grill- und Rumtob-Sonntag an der Ostsee. Was große Hamburger Jungs halt so machen am Wochenende.

Es sei denn die großen Jungs heißen Herr Dr. Erik Brandenburg und Herr Senn. Dann wird das doch so wieder nix. Weil man die beiden ja für „Gut“ nicht nehmen kann, haben sie’s wieder versaut. Wobei: versaut hat es eigentlich das Tief Erik (oder war es das Tief Thomas?), welches uns an diesem Sonntag einen mächtigen Landregen in Verbindung mit patzigem Ostwind und nicht minder übellaunigen Speiseeistemperaturen in die klatschnassen Winterjacken gepumpt hat. Was nun den handelsüblichen Mitteleuropäer zur sofortigen Absage dieses Heiteitei-Ausfluges veranlasst hätte.

Pah!

Es waren über 20 Personen zu diesem Termin eingeladen, und weder Brandenburg (schmerzfrei) noch Senn (wasserdicht) sahen auch nur den geringsten Anlass, einen Millimeter (oder in diesem Fall: Milliliter) vom ursprünglichen Plan abzuweichen. Die restlichen Teilnehmer der Reisegruppe „Strand-Safari“ sahen das natürlich gänzlich anders, gaben aber aus Angst vor einer direkten Tourette-Ansage vor Ort oder einer späteren Abmahnung in dieser Geschichte klein bei. Recht haben und Recht bekommen ist eben ein Unterschied.

Erik Brandenburg hatte seine honorigen Porsche-Kumpels eingeladen, für die er alle eine dieser „Porsche-Säue“ gebaut hatte. Und der Herr Senn, der seit Kurzem dem interessierten jungen Menschen seine Weltkunst an der „Hamburger Akademie für Kommunikationsdesign und Art Direction“ offeriert (dem Namensgeber möge auf der Stelle die Füllfeder abbrechen), hatte einen ganzen Schwarm halb so alter Designstudenten und Fotografen im Schlepptau, die im Rahmen einer Semesterarbeit dort ihre fotografischen und gestalterischen Fingerübungen durchführen sollten. Praktisch: auch die Fotografin dieser Geschichte, Mandy Bartsch, ist dort Dozentin und konnte sowohl den Studenten bei ihrer Aufgabe mit Rat und Schirm und Mantel zur Seite stehen, als auch dem Rallye-Mag diese Megafotos liefern. Dass seit diesem Wochenende die halbe Uni ans Krankenbett gefesselt ist, ja gut, da muss ich wohl noch mal an meiner Fürsorgepflicht von Schutzbefohlenen arbeiten.

Da der gemeine junge Student ja in aller Regel nicht mehr sonderlich an Automobilen interessiert ist, musste man für die Laune mit dem Schlimmsten rechnen. War aber gar nicht so. Eines der Mädels fährt sogar einen schnieken Golf 2 mit BBS-Felgen, die anderen taten wenigsten so, als würden sie das Besondere unserer Porsche-Fotomodelle schätzen. Für Euch hier sei gesagt: Ihr hättet unter Euch gemacht vor Freude (und man hätte es wegen des Regens nicht mal gesehen). Über 20 Stück von diesen hochhackigen 911ern hat der Doc schon über die Jahre gebaut. Und auch wenn die Meisten nur in Großstädten bewegt werden, werfen sie zumindest den gleichen Schatten an die Wand, wie das Brandenburgsche Martini-Original.

„Das ist der Porsche, der weltweit am meisten in die Fresse gekriegt hat!“, schildert uns Erik in seinen feingewählten Worten die Geschichte seines Elfers. „36.000 Rallyekilometer hat der in den Knochen, immer noch der erste Motor! Dreimal Tunesien Rallye, Afghanistan, Marokko, Africa Eco Race, Transsibirien – allein die Anreise nach Ulan Bator waren damals schon über 10.000 Extra-Kilometer!“ Sagt’s und rennt weg, weil er einen seiner Porsche-Kollegen ins Achtung stellen muss! „DIGGA, DU FÄHRST WIE SO NE PUSSY AUS DER INNENSTADT!!!“ Man muss dazu sagen: Die Pussy aus der Innenstadt musste gerade auf unseren Fotowunsch hin einen 30 Meter langen und 35 Grad steilen Felsabhang zum Strand hinter sich bringen …

„Schieter, wo waren wir? Ach ja bei der Sau: Für das Fahrwerk hab ich drei Wochen lang den Öhlins-Leuten hier schööön Hotel bezahlt in Hamburg. Mit GoPros in den Radhäusern haben wir immer wieder Tests gefahren, bis das Ding so federn und springen konnte wie ich wollte. Zusammen mit der Wiechers-Zelle kannst Du damit jetzt machen, was Du willst. In Afrika bei der historischen Paris-Dakar sind wir mit GPS-Messung und Hubschrauberfilmbeweis vier Meter hoch und 58 Meter weit gesprungen! Weil ich bei 140 Sachen ne Düne übersehen hab hahahahahahaha. Dem Auto hat das nix gemacht, aber einen Reifen hat’s bei der Landung von der Felge gezogen hahahahahahahaha“ sagt’s und ist wieder abgelenkt, weil die Räder beim Innenstädter durchdrehen und somit der Doc jetzt durchdreht: „SCHIETER, DU MUSST MAL EIN BISSCHEN WENIGER BUSINESSCLASS FLIEGEN UND NICHT SO OFT FEINE KREUZFAHRT MIT BALKONKABINE BUCHEN! GIB LIEBER MAL EIN BISSCHEN GELD FÜR HINTERACHSSPERRE UND REIFEN AUS!“ So ist er halt: ein kleiner Junge mit großem Herz. Und großem Maul. Hach. Wie ich.

Während der eine oder andere Student ob der Ansagen des Proktologen kurz Regenwasser schlucken muss, sind seine (übrigens ausnahmslos höflichen) Kumpels an die harschen Ansagen gewöhnt. Man kennt sich, man schätzt sich, ich glaub sogar, man mag sich. Denn wenn man die ganze Woche als Aktiengesellschafts-CEO oder geschäftsführender Gesellschafter, Architekt oder Weltmeister selbst Ansagen machen muss, freut man sich auch ein kleines bisschen darüber, dass man einfach mal Sven, Tom, Jana, Thomas, Karsten, Roland, Robin und Riek sein darf und mal ein Anderer den Hebel verbal auf den Tisch legt. Und Dinge so sagt, wie man es selbst nicht mal denken dürfte. Er meint es ja nicht so. Also hoffe ich zumindest ganz oft …

Seine Geschichten aus dem Proktologen-Alltag kann man leider hier nicht wiedergeben, weil das Heft dann nur noch eingeschweißt unter der Ladentheke verkauft werden dürfte. All die schönen Details von den Dingen, die Menschen sich in ihrer Freizeit einführen, die der Doc dann mit Arm bis zum Ellenbogen-Anschlag entweder von oben oder von unten wieder rausholen muss (immerhin hat der Patient die freie Auswahl). Kein Wort darf man davon erzählen. Euch würde vor Lachen der Arsch platz… nee, ich hör schon auf.

Mittlerweile hatte Erik die restlichen Elfer persönlich (O-Ton) „an den Strand genuttet“, auch wenn eigentlich kein Strand mehr da war. Die Russenpeitsche hatte den Privatstrand längst überspült, an rumfahren und Spaß haben war nicht mehr zu denken. Also Spaß haben schon, aber halt nur für die, die in Vorahnung auf das Wetterinferno in den Snowboardschrank gegriffen hatten und sich für Fotografie mit halbvollgelaufenen Objektiv-Aquarien begeistern konnten.

Aber Erik wäre nicht Erik, wenn er nicht noch ein kleines Highlight aus seinem Defender gezaubert hätte. Den einzigen in Europa gezüchteten Kronenadler, dessen Ursprung eigentlich im Kongo ist. Mit seinen 1,90 Metern Spannweite und dem großen Schwanz zum Steuern und Bremsen ist er ein geschickter Urwald-Jäger – und ich rede hier von dem Vogel! Der Respekt vor dem Adler ist groß und wird noch ein bisschen größer, als der Doc der „Oh-ist der niiiiiedlich“-Fraktion erklärt, dass in Nestern der Kronenadler auch schon mal Köpfe von 12-Jährigen Kindern gefunden wurden.

Deutlich größer als Kindsköpfe sind die glitschigen Felsen, die es nach unserer Fotosession für Mensch und Maschinen wieder zu erklimmen gilt. Während die Großstädter noch ehrfürchtig überlegen, wie man da wohl wieder hochkommt hat Erik längst den Defender vorgefahren und die Seilwinde angeworfen. „NICHT EINSCHLAGEN, NICHT LENKEN, MOTOR AUS, AM BESTEN GAR NICHTS MACHEN, NUR DASITZEN UND NIX ANFASSEN!“ hallt es charmant vom Deich. Nach 30 Minuten sind alle Elfer wieder oben und abfahrbereit zu Eriks Halle in der Nähe, wo der Luftdruck wieder von 0,8 bar (damit die Autos im Sand nicht einsinken) auf innerstädtische Pussy-Füllmengen angehoben werden kann.

Der Rest von uns lässt literweise angefrorenes Wasser aus den Stiefeln und Mänteln laufen, wringt die Bärenfellmützen aus, versucht eine durchgeweichte Kippe zwischen die blauen Lippen zu stecken, steigt mit einer freundlichen Verabschiedung von Erik in seine „SCHWUCHTELKARREN!!!“ und fährt zurück gen Hamburg. Ende eines Badetages. Eines sehr sehr schönen. Irgendwie.

PS: Danke an Sven, Tom, Jana, Thomas, Karsten, Roland, Robin, Riek, Mandy, David, Tim, Edu, Isa, India, Erik und ihr anderen Zaungäste, deren Namen mir leider zusammen mit Wasser aus dem Ohr gelaufen sind. Ihr seid die Härtesten!

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