Schottland. Im Winter. Bei Schnee. Auf drei Rädern.

Hohe Berge, tiefe Täler, kurvige Straßen. Der Norden Schottlands ist ein Paradies für Autofahrer – wenn man nicht gerade mit einem Morgan Threewheeler im Winter unterwegs ist. Aber genau das macht die Reise zu einer unvergessenen Flucht aus dem Alltag.

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Plötzlich setzt der Schnee ein. Die Flocken klatschen ins Gesicht. Die Temperatur fällt schlagartig, gefühlt in den zweistelligen Minusbereich, die Sicht ist gleich null. Säßen wir in einem Geländewagen, würden wir die Sitzheizung höher stellen und langsamer fahren. Vielleicht sogar den Schneesturm abwarten. Aber in einem Morgan Threewheeler ist das keine Alternative. 

Doch wir haben es uns ja so ausgesucht, für die Flucht aus dem Alltag. Seitdem Großbritannien nicht mehr zur EU gehören will, wird das Einreisen zwar nicht einfacher – dafür sind die Straßen im Norden aber leerer. Ein Visum benötigen für die paar Tage unserer Rundfahrt nicht. 

Die North Coast 500 gilt als die Route 66 Schottlands, beides absolute Traumstraßen. Im Norden führt sie vom Inverness Castle rund 800 Kilometer entlang der Küste, durch die historischen Counties Inverness-shire, Ross and Cromarty, Sutherland und Caithness. Es geht über Wick nach John o’ Groats und Thurso, weiter nach Tongue, Durness, Ullapool, Applecross, Muri of Ord und wieder Inverness – eine spektakuläre Fahrt durch eine großartige Landschaft, mit den vielen Tälern, Bergen und Seen. Vor allem bietet die Route viele kurvige Straßen. Im Sommer verstopfen Touristen die Strecke, im Winter herrscht dagegen freie Fahrt. 

So skurril wie einzigartig

Dazu ideal: das britischste aller britischen Fahrzeuge – ein Morgan Threewheeler. So skurril wie einzigartig. Der neueste Oldtimer der Welt. Ein offenes Dreirad mit einem frisierten V-Motorradmotor vorne und dem Antrieb über ein Rad hinten. Eng und puristisch. Dazu kommt ein tiefer, bollernder Sound, der beim Gasgeben in Knallerei endet. Bei jeder Drehzahl spürst du die Kraft des Motors, die Vibrationen und die Natur. Du sitzt halb in der engen Kabine, halb im Freien.

Der Morgan ist so schmal, dass der rechte Ellenbogen außerhalb der Fahrgastzelle hängt. Weder Heizung, Sitzheizung, Radio noch andere elektronische Helfer stören beim Fahrerlebnis. Als Winterausstattung müssen Winterreifen reichen. Die beißen zwar herzhaft in die dünne Schneedecke, verlangen aber viel Fahrgefühl, um nicht auf der Stelle durchzudrehen. 

Es ist noch dunkel, als wir morgens gegen 6 Uhr vom Hotel starten. Ein fisseliger Nieselregen benetzt den Morgan und die Expeditionsjacke. Kurz die Persenning abknüpfen, im Beifahrerfußraum verstauen und sich irgendwie in den Threewheeler quetschen. Die dicke Jacke lässt kaum Bewegungsfreiheit zu, das Anschnallen wird zur Geduldprobe.

Wie in einer Flugzeugkanzel legst du einen Sicherheitsbügel des Starters frei, um an den Startknopf zu kommen. Feste draufdrücken und der V2 bollert los, schüttelt sich und verfällt in einen polternden Leerlauf. Der erste Gang des manuellen Fünfgang-Getriebes mit seinen ultrakurzen Wegen ist schnell eingelegt. Mit wenig Gas und kurzem Kupplungsweg gibst du die Kraft frei und erlebst ein neues Fahrergefühl: Das Wetter kann noch so schlecht sein, die ersten paar Kilometer auf der nassen Straße versöhnen direkt wieder. 

Denn nicht allein auf die Leistung kommt es an, sondern aufs Leistungsgewicht: Bei unter 600 Kilogramm Leergewicht reichen 82 PS, um von 0 auf 100 km/h in 6 Sekunden zu schießen und bis zu 185 km/h schnell zu fahren. Ein perfektes Fluchtauto vor dem schnöden Alltag. Du kommst dir selbst bei niedrigem Tempo vor wie die legendären Bentley-Boys der 1920er-Jahre. Im Morgan bist du eins mit der Natur, spürst jeden Regen- und Schneetropfen. Die Ursprungsversion fährt schon 1910 durch Großbritannien, wird bis 1952 nahezu unverändert gebaut. Erst 2012 folgt das heute noch aktuelle Modell. 

Schnell verwächst du mit der Maschine, zirkelst entlang der A9 und A99 bis zum Hafenstädtchen Wick. Das langweiligste Stück nimmst du am Anfang – damit die Tour nur besser werden kann. Nördlich von Wick wird die Straße schmaler, der Verkehr lichtet sich und zur Kälte gesellt sich das Gefühl von Freiheit. Kein Auto oder Mensch weit und breit. Nur du, die Straße und deine Maschine. Direkt am Meer atmest du die frische Seeluft ein, deine Augen wandern übers Meer, salzige Luft benebelt die Haut und Karosserie.

Bis nach Duncansby Head ist es nicht weit, der nordöstlichste Punkt Schottlands. Der Wind zieht auf, die Gischt peitscht immer mehr Richtung Straße. Feuchte Luft und Schmutz vernebeln die Frontscheibe des Threewheeler – die Straße ist kaum zu erkennen. Also lehnst du dich weiter aus der Kabine, um wenigsten etwas von dem Kurvengeschlängel auf der A836 mitzubekommen. Alle paar Minuten musst du die Scheiben der Pilotenbrille reinigen, kommst dir wie ein Kampfpilot im Gefecht vor. 

Nach 3,5 Stunden und 145 Meilen erreichen wir Thurso, ein kleines und im Winter fast verlassenes Nest mit 8.000 Einwohnern. Der Ort bietet eine Tankstelle für den durstigen Morgan sowie Tea und Scones für die erfrorene Seele. Gefühlt brennen sie in Schottland so gut wie an jedem Straßenrand Whiskey: Es haben mehr Destillen geöffnet als Tankstellen oder Pubs. 

0.9.142

Doch uns bleibt keine Zeit fürs Whiskey Tasting. Bis zum Ende der ersten Etappe sind es gut 100 Meilen. 100 Meilen Kurven bei Regen, Sturm und Schnee, immer mit festem Blick auf die Straße und gelegentlich auf die stürmische See. Weiße Schaumkronen bilden sich bis zum Horizont, die Wellen scheinen das Wasser zu fressen. Von Thurso geht es an menschenleeren Stränden wie der Melvich Bucht entlang, weiter durch Tongue, in einem langen Bogen um Loch Eriboll. Bis nach Lochinver geht es über die Serpentinenstraße B869, vorbei an einer Reihe von Stränden und der Brücke bei Kylesku. Die Landschaft ändert sich völlig – mit steilen, isolierten Bergen, die sich abrupt aus flachen Mooren erheben. 

Abends am Kamin in Ullapool taut der spröde schottische Besitzer auf, erzählt beim Feuer und Single Malt, wie es hier im Sommer zugeht – und dass er unsere Entscheidung nur zum Teil versteht. Sein Blick wandert ungläubig auf den vor dem Hotel geparkten Morgan wieder zu uns. Kopfschütteln. 

Am nächsten Morgen schütteln auch wir wieder die Köpfe – so unfassbar grandios ist die Landschaft. Hinter jeder Kurve wartet ein neuer Ausblick, öffnet sich eine neue Bucht, ein See, ein Fluss oder ein Tal in den Highlands. Die schneebedeckten Gipfel im Hintergrund wandeln den ohnehin schon spektakulären Blick in eine atemberaubende Landschaft. Wilde Moore durchqueren funkelnde Quarzit-Berge. 

Der Morgan hämmert die Kolben hart durch den Zylinder, schöpft seine 82 PS bei der dünnen Luft voll aus. Vor Shieldaig, einem der bezauberndsten Dörfer Schottlands, liegt einer der schönsten Abschnitte des gesamten NC500 – durch Glen Torridon bis zur Südseite von Loch Torridon. Mit seiner krassen Bergkulisse zählt er zu den aufregendsten Bergschluchten Europas. 

Nach Applecross führt die Route über die A896 nach Lochcarron, ein malerischer Streifen mit Häusern an den Flanken des Lochs. Eine karge und leere Moorlandschaft huscht an uns vorbei, gepickt mit ein paar Bergen, die dramatisch in der Abenddämmerung stehen. Dazu geht es wieder an Hochlandlandschaften mit dramatischen Felswänden und majestätischen kaledonischen Kiefernwäldern vorbei. Schottland at it`s best. 

Bis nach Inverness ist es nun nicht mehr weit, schlappe 61 Meilen. Der V2 in der Front bollert sich warm, nimmt die letzten Kurven im Abendlicht souverän. Schneeflocken schmelzen am Auspuff, verdampfen in der Kühle Schottlands. Nur noch anderthalb Stunden bis zu einer heißen Dusche oder einem guten Glas Single Malt Whiskey der Glen Ord Destillery. Wir nehmen Letzteres, denn nun haben wir endlich Zeit und Muße für ein ausgedehntes Whiskey Tasting. Denn das gehört zu Schottland ebenso wie die raue Natur und die kurven Straßen der NC500.

TEXT Fabian Hoberg
FOTOS Craig Pusey

LESENSWERT.

WALTER.