Hoonicorn RTR. 845 PS. Hahhaaah.

Hahahahahahahahahaha. Das ist das Gefühl, wenn einem völlig unvermittelt 845 kurz übersetzte Allrad-PS die gesamte vordere Körperfläche faltenfrei an die hintere kleben.

Dieses Experiment, wenn man das Tischtuch mit einem Ruck vom Tisch zieht und das komplette Kaffeegeschirr von Großcousine Gertrud einfach auf dem Tisch stehen bleibt. Kennt ihr. Nur, dass in diesem speziellen Fall statt eines Tischtuches ein Auto wie bei einem Auffahrunfall auf der A7 von dir weg explodiert, du aber dummerweise von einer unbarmherzigen Sitzschale mitgerissen wirst. Ohne dass natürlich jemand deine Innereien darüber informiert hat, dass sie bitte mitkommen mögen ohne ihre zugewiesenen Plätze zu verlassen.

Doch der Reihe nach.

Ein Polo WRC hat offiziell (gnihihi) 318 PS und 430 Nm Drehmoment aus 1.600 ccm. Und kommt damit ja von der Stelle. Der HOONICORN RTR BATSHIT RETRO-MODERN ALL-WHEEL DRIVE GYMKHANA SEVEN FORD MUSTANG bietet uns hingegen 845 PS an, 1.000 Nm Drehmoment und 6.700 ccm. 318 zu 845. Das bedeutet: Ich binde die Motoren von Ogier und Latvala  zusammen, und weil ich als VW-Ingenieur nen guten Tag habe, packe ich noch 200 PS drauf. Muss ja keiner mitkriegen. Das ist die Bewaffnung des Hoonicorns. Achthundertfünfundvierzig PS mit tausend Newtonmetern Drehmoment und sechstausendsiebenhundert Kubik. 

Ja, ich hatte es vorher gelesen, ja, ich wusste, dass das Ding Allrad hat, nur aus Leichtbauteilen besteht, kurz übersetzt ist, all das hatte ich gelesen. Und ja, ich hatte auch das Gymkhana-Video gesehen, wo es im Prinzip ja meist mehr im ersten Gang quer um irgendwas rum geht. Was ich aber nicht auf dem Zettel hatte: Die 150 Meter Beschleunigungsgerade auf dem ersten Stück des Kurses. Das war der Teil, für den ich mir naiv ausmalte, „mach doch mal ein hübsches Foto und guck nett in die Kamera für Töchterchen Charlotte, damit sie ein schickes Bild für die Brieftasche hat“. Ja. Hat er gedacht. Der Senn. Aber denken scheint nicht so seins zu sein. Erstens haben Mädchen keine Brieftaschen und zweitens … ach, ihr lest es ja gleich.

Bis zum Start des Parcours hoppelt man so drei-, vierhundert Meter im Standgas Richtung Kurs. Die verbrachte ich schon mal damit, im von einem offensichtlichen Berufs-Catcher festgezerrten Sechspunkt-Gurt nach meinem Handy zu nesteln, welches ich dummerweise in der hinteren Hosentasche geparkt hatte. Wenigstens ein sauberes Handyvideo wollte ich von der Fahrt haben. Die Gurte waren aber so angeknallt, dass ich es exakt erst am Start rausgekriegt habe und in letzter Sekunde auf den Knopf drücken konnte,  bevor ich meinen Schädel nur noch von innen sah …

Ich denke ans Sterben!

Ohne Vorwarnung stampft Ken Block neben mir das Gaspedal ins Bodenblech (gut, vielleicht gab es eine Vorwarnung, aber man liegt so tief im Mustang, dass selbst ich nicht vorne rausgucken kann) und ich denke nicht mehr an Handys, Listen, Regen oder weiße dicke Beine. Ich denke ans Sterben! Weil ich spürte, dass der Leibhaftige mich gerade zu sich holt.

Das Achtzylinder-Monster mit dem weit aus der Motorhaube ragenden Ansaugtrakt veranstaltet ein akustisches Inferno, dass einem die Trommelfelle platzen würden, hätten sich nicht beide Augäpfel schützend davor geworfen. Hirn verklebt sich an Halswirbeln, Lunge und Herz umklammern die Wirbelsäule, von Nierenversagen, Tinitus und inwendiger Phimose noch gar nicht zu reden! Ganz ehrlich: Ich dachte, wenn das jetzt zwei Minuten so geht, dann pack ich das nicht. Ich bin zu alt oder zu schwach oder einfach ne Pussy.

Da schickte mir der Streckenbauer aber nach endlosen drei Sekunden endlich den Bremspunkt. Was bei den mächtigen Bremsscheiben und dem geisteskranken Amerikaner mit dem teuflischen Blick neben mir dafür sorgte, dass sämtliche Innereien jetzt in die Gegenrichtung abmarschierten. Allerdings bissi zu weit und zu überhastet, so dass nun die Nieren an den Gurt klatschten und eine Nebenhöhlenvereiterung ohne medizinische Behandlung den Weg ins Freie gefunden hätte, so ich denn eine gehabt hätte. Ich wusste nun endlich, wieso es „Augen auf im Straßenverkehr“ heißt. Wenn du nix siehst, kannst du auch nicht reagieren. Du bist einfach totes Fleisch in einem Sitzsack.

Beim Anfahren des ersten Hindernisses konnte ich mich ein wenig sammeln: Huch, war das da ein Handy in meiner Hand? Offensichtlich. Ich filmte also wenigstens. So sehr ich mir auch den ganzen Tag über den Kurs eingeprägt hatte, so wenig hatte ich auch nur eine Idee, wo wir gerade waren.

Was verschiedene Gründe hatte: Erstens war ich mir nicht sicher, ob meine Augäpfel auch wieder richtig rum in die Höhlen geflutscht waren, zweites war es stockfinster und drittens hat der Mustang keine Fenster. Was bedeutet: Das neben meinen Körperausscheidungen und dem verdunsteten Angstschweiß in der Hütte auch alles voller Qualm war.

Nach einem schier endlosen Vollgas-Vollbrems-Handbrems-Vollgas-Stakkato dachte ich so: Respekt, Herr Block, wie Sie bei diesem Qualm da draußen im Dunkeln mit den Scheinwerfern was sehen können, Hut ab! Und da standen wir auch schon. Ob wir im Ziel waren? Keine Ahnung. Ein Ordner kam zum Auto gerannt und Ken Block musste laut lachen und rief ihm zu: „I can’t seeeeeeee!!!!“

Ich fühlte mich besser. Nicht. Er hat auch nichts gesehen? Der wahnsinnige Ami? Na prima. Das war die schlimmste Fahrt meines Lebens. So fühlte es sich an.

Nur: Als ich abends auf dem Handy mein verwackeltes – verwackelt ist gar kein Ausdruck – Rumfuchtelvideo gesehen habe, fiel es mir erst auf: Ich habe die ganze Fahrt über gelacht. Gelacht, gelacht, gelacht. Hysterisch. Freudig. Keine Ahnung. Aber ich habe gelacht. Hahaahahahahhahahahahahahaha. Die ganze Fahrt über. Körper und Gesicht haben also zwei unterschiedliche Fahrten erlebt!

TEXT Thomas Senn

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