Der Torcal soll seine elektrische Technik nicht nach außen tragen. Statt futuristischer Effekthascherei setzt Bentley auf klare Flächen und eine Gestaltung, die den ersten Stromer der Marke bewusst in die bestehende Modellwelt einordnet. Langer Radstand, kurze Überhänge und eine weit nach vorn gezogene Haube sorgen für klassische Bentley-Proportionen. Mit rund fünf Metern Länge ist der Torcal etwa zwölf Zentimeter kürzer als ein Bentayga, sein Radstand fällt dagegen rund drei Zentimeter länger aus.
Bentley spricht von „aufrechter Eleganz“. Tatsächlich wirkt der Torcal flacher und gestreckter als viele große Elektro-SUV. Die Flächen sind ruhig modelliert, auf ein Übermaß an Sicken und Lichtgrafik verzichtet das Design weitgehend. Ganz ohne Inszenierung geht es trotzdem nicht. Der sogenannte Diamond-Kühlergrill ist beleuchtet, bei Dunkelheit treten seine dreidimensionalen Strukturen besonders deutlich hervor. Am Heck sitzen schmale Leuchten weit außen in den kräftig ausgeformten Kotflügeln, dazwischen spannt sich eine große, fast senkrechte Heckklappe mit vergleichsweise kleiner Scheibe.
Der Torcal trägt zudem als erstes Serienmodell das überarbeitete Bentley-Emblem. Die bekannten Flügel fallen kantiger und reduzierter aus als bisher. Revolution sieht anders aus. Bei Bentley ist das vermutlich eine gute Nachricht.
Innen bewusst kein Cayenne
Technisch sind Torcal und Porsche Cayenne Electric eng verwandt, innen gehen beide Modelle deutlich unterschiedliche Wege. Bentley setzt auf ein geschwungenes OLED-Zentraldisplay, ergänzt um ein Augmented-Reality-Head-up-Display. Gesichtserkennung und Smartphone-Schlüssel gehören ebenfalls zum Konzept. Wichtige Funktionen lassen sich weiterhin über physische Schalter bedienen.
Auch im Fond sucht Bentley nach mehr Flexibilität. Erstmals lässt sich bei einem Modell der Marke die dreigeteilte Rückbank elektrisch umlegen. Bei der Materialauswahl bleibt der Anspruch entsprechend hoch. Neben Leder und klassischen Holzoberflächen stehen erstmals Bezüge aus reiner Merinowolle zur Wahl. Besonders ungewöhnlich sind Dekore, die aus bis zu 1.000 Lagen von Walnuss-Reststücken und Recyclingpapier aufgebaut werden.
Einen eigenen Weg geht Bentley auch beim Klang. Die „Dynamic Symphony“ soll keinen Verbrennungsmotor nachahmen, sondern dem elektrischen Antrieb eine akustische Ebene geben. Musiker spielten dafür unter anderem Schlagzeug, Bratsche und Bassgitarre ein. Kleine Unregelmäßigkeiten wurden bewusst nicht herausgefiltert. Als rhythmische Referenz diente ausgerechnet Bentleys alter 6,75-Liter-V8.
Der Klang verändert sich mit Geschwindigkeit und Leistungsanforderung, wird im Sport-Modus präsenter und kann vollständig abgeschaltet werden. Selbst Blinker- und Bediengeräusche basieren auf real aufgenommenen Tönen. Ein künstlicher V8 wäre einfacher gewesen. Bentley hat sich für die kompliziertere Lösung entschieden.
Vier Fahrmodi für mehr als das Fahrwerk
Die Fahrprogramme Bentley, Comfort, Sport und Refresh verändern nicht nur Antrieb, Lenkung und Fahrwerk. Auch Innenraumbeleuchtung, Klang, Klimatisierung, Luftstrom und die Darstellung der Instrumente werden angepasst. Im Comfort-Modus lassen sich beispielsweise nicht benötigte Anzeigen weitgehend ausblenden, Refresh erhöht Frischluftzufuhr und Helligkeit im Innenraum.
Zum Technikpaket gehören elektrische Türen sowie insgesamt 25 Radar-, Kamera- und Sensorsysteme. Der Torcal kann wiederkehrende Parkmanöver erlernen und auf engen Straßen zuvor gefahrene Strecken automatisiert rückwärts zurücklegen.
Zum Marktstart sind zwei Versionen vorgesehen. Bereits das Basismodell leistet 821 PS und 1.194 Nm. Damit beschleunigt der rund 2,7 Tonnen schwere Torcal in 3,4 Sekunden von null auf 100 km/h und erreicht 250 km/h.
Der Torcal S steigert die Leistung auf 888 PS und 1.350 Nm. Mit Launch Control fällt die 100-km/h-Marke nach 2,9 Sekunden, bei 260 km/h wird abgeregelt. Noch mehr Leistung stand offenbar nicht ganz oben auf der Wunschliste. Bentley verweist darauf, dass extremere Beschleunigungswerte von einem Teil der Kundschaft eher als Belastung denn als Gewinn empfunden würden. Bei knapp drei Sekunden auf Tempo 100 darf man das Thema vermutlich als hinreichend erledigt betrachten.
113 kWh und bis zu 400 kW Ladeleistung
Die technische Basis liefert die PPE-Architektur, auf der auch der Porsche Cayenne Electric aufbaut. Zwei permanenterregte Synchronmaschinen treiben Vorder- und Hinterachse an. Hinten arbeitet ein Sperrdifferenzial mit jeweils einer Lamellenkupplung pro Abtriebswelle, vorn kommt ein offenes Differenzial zum Einsatz.
Die 800-Volt-Batterie besteht aus 192 Pouch-Zellen und besitzt eine Nettokapazität von 113 kWh. Das ist bemerkenswert, weil Porsche beim Cayenne Electric denselben Wert als Bruttokapazität ausweist. Bentley nennt für den Torcal bis zu 600 Kilometer Reichweite nach WLTP.
An einer entsprechend leistungsfähigen Schnellladesäule sind bis zu 400 kW möglich. Von zehn auf 80 Prozent soll der Akku in 16 Minuten laden, innerhalb von sieben Minuten sollen sich rechnerisch 161 Kilometer Reichweite nachladen lassen.
Fahrwerk ohne klassische Stabilisatoren
Auch beim Fahrwerk nutzt Bentley Konzerntechnik, stimmt sie allerdings eigenständig ab. Das Grundprinzip ist mit Porsche Active Ride vergleichbar. Luftfedern werden mit aktiv geregelten Zweiventildämpfern kombiniert, bei denen Zug- und Druckstufe getrennt beeinflusst werden können. Klassische Querstabilisatoren gibt es nicht.
Ihre Aufgabe übernehmen die aktiven Dämpfer, die über eine Motor-Pumpen-Einheit an jeder Achse miteinander verbunden sind. Bentley vergrößerte gegenüber der Porsche-Ausführung den Ölquerschnitt innerhalb der Dämpfer. Dadurch soll der Unterschied zwischen komfortabler und sportlicher Abstimmung größer ausfallen.
Serienmäßig lenkt außerdem die Hinterachse um bis zu fünf Grad mit. Der Wendekreis beträgt dadurch lediglich 11,1 Meter – bei einem Auto von annähernd fünf Metern Länge kein unwichtiger Wert. Optional bietet Bentley Carbon-Silicon-Carbide-Bremsen mit 440 Millimeter großen Scheiben vorn und 410 Millimetern hinten an.
Der Bentley Torcal kommt im Frühjahr 2027 auf den Markt. Offizielle Preise nennt Bentley bislang nicht. Obwohl das Elektro-SUV unterhalb des Bentayga positioniert werden soll, dürfte der Einstieg nach bisherigem Stand bei rund 200.000 Euro liegen.