Tour de WALTER

Wie? Sie waren noch nie im Ristorante Dall’Ava? Dann packen Sie jetzt Ihre Sachen, machen das Auto startklar, übergeben dieses Magazin und eine geeignete Landkarte vertrauensvoll an ihre Beifahrer, tanken auf und fahren los. Wenn Sie schon mal da waren, sollten diese Zeilen Anlass genug sein, um die Erinnerungen aufzufrischen.

Wir begeben uns gemeinsam auf die Reise mit Röhrl und Co, der Gruppe B und über die schönsten und spannendsten Straßen bis in die französischen und italienischen Seealpen. Los geht es idealerweise in Freiburg im Breisgau. Von hier aus sind Sie in wenigen Stunden in Frankreich und wandeln auf den Spuren der Rallye Monte Carlo.

Wer ein bisschen eingerostet ist, sollte sich gleich einmal den Weg zum Schauinsland vornehmen. Von 1925 bis 1988 fand hier das legendäre Bergrennen statt. Genau 11,2 km lang war das Band zwischen dem Ortsteil Bohrer und der Passhöhe auf knapp über 1000 m und alle waren hier: Rudolf Caracciola, Bernd Rosemeyer, Hans Stuck, Stirling Moss, um nur einige zu nennen. Einen letzten Blick nach Frankreich und in die Schweiz hat man dann noch einmal kurz vor der Grenze auf dem „Hochblauen“. Gönnen Sie sich den kurzen Abstecher, bei guter Fernsicht unbedingt.

Danach heißt es für einen Moment Strecke machen. Entweder quer durch die Vogesen oder aber auf schnellstem Wege durch die Schweiz, vorbei an Basel und Delémont mit dem Zwischenziel St. Ursanne. Die malerische Kulisse des kleinen Örtchens ist noch heute Austragungsort des gleichnamigen Bergrennens. Schauen sie vor Ihrer Abfahrt mal bei YouTube, Sie werden staunen.

Ab jetzt wird es ruhiger, nach St. Ursanne beginnt die Einsamkeit und Stille. Dafür liegen vor Ihnen 60 km feinste Piste, das Doubs-Tal, Saint-Hippolyte und das Dessoubre-Tal bis Gigot am Ende der D39. Das nächste Ziel ist Pontarlier und der See (Lac) de Saint-Pointe. Wer hier einkehren oder sogar über Nacht bleiben möchte, dem sei das Hotel Restaurant Le Lac in Malbuisson ans Herz gelegt, nagelneu ist das Nebenhaus, ebenfalls mit Seeblick.

Weiter geht es über die D437 gen Südwesten, in Mouthe biegen Sie links ab für einen kleinen aber lohnenswerten Schwenk über den Col de Landoz-Neuve und die Schweiz. In Mouthe, laut Statistik der kälteste Ort Frankreichs, wurden im Winter 1985 satte 41 Grad minus gemessen, die Oldtimer-Rallye AvD-Histo-Monte wäre hier 2015 fast in einem Schneesturm erstickt. Nach 26 km sind Sie wieder in Frankreich, die Schweizer Grenze bleibt noch für eine ganze Weile in Sichtweite. Es folgen Les Rousses, der Golfplatz von Valserine (nettes Café), über die D991 geht es durch Lélex Richtung Bellegarde-sur-Valserine. Wer auf dieser Route auch noch den Col de Menthières mitnimmt, kann unglaubliche 55 km abschließend an der Tram Bar feiern, einem zum Restaurant umgebauten Eisenbahnwaggon im kleinen Ort Confort. Auf eines sollte man in Frankreich aber spätestens jetzt achten: das Netz der Tankstellen ist dünn geflochten.

Erweiterte Navigationskenntnisse sind ab jetzt ohnehin erforderlich. Denn nach der Tram Bar fahren Sie entweder in südöstlicher Richtung weiter mit dem Zwischenziel Annecy oder aber querfeldein, grobe Richtung Rumilly. Als nächsten Punkt notieren Sie sich Viuz-la-Chiésaz an der D5. Von hier aus haben Sie nicht nur den perfekten Einstieg in den Nationalpark „Massif des Bauges“, ab jetzt sind Sie auch auf den Originalrouten der Rallye Monte Carlo. Sie folgen der D5 noch eine Weile, überqueren den Fluss Chéran und nehmen über die D62 und D913 Kurs auf La Féclaz. Im Winter haben Sie jetzt nicht nur die Schneegrenze erreicht, sondern ebenfalls das Ziel der Wertungsprüfung 1 der Monte 1984.

Für Walter Röhrl war dies der Auftakt mit Audi. Zum ersten Mal saß der zweifache Weltmeister in einem Allradauto und war gespannt, wie er sich gegen Blomqvist und Mikkola im identischen Quattro behaupten kann. Kurz zur Geschichte: die Piste war damals schneebedeckt, auf 14,40 km verlor Röhrl fast eine halbe Minute, die Verzweiflung war gewaltig. Auch auf der folgenden WP gab es Dresche, diesmal über eine Minute doch ein Freund konnte zur Aufklärung beitragen. Nachdem Röhrl mit dünnen Spikes den Service verlassen hatte, wurde bei den Teamkollegen noch einmal gewechselt. Die Sache kam raus, Röhrl kochte und bei Audi herrschte betretenes Schweigen. Der Rest ist bekannt, Röhrl gewann die Rallye trotzdem mit einem für Monte-Verhältnisse zarten Vorsprung von 1:13 min, … vor Blomqvist und Mikkola.

Zurück zur Reise. Von La Féclaz bis Aix-les-Bains ist der Boden also historisch, kurz vor dem Gipfel des Mont Revard hat man dazu einen sensationellen Blick in die Berge und über den Lac du Bourget, der dem Etappenziel zu Füßen liegt. Die Thermalbäder der Kurstadt Aix-les-Bains waren damals ein Magnet für die Stadt, die Belle Époque ist zwar längst vorüber, doch die 30000 Einwohner-Stadt ist Rallye- und Tour de France-Kennern noch immer ein Begriff. Das beste Haus am Platz ist das Golden Tulip, wer dem größten Süßwasser-Jachthafen Frankreichs näher sein möchte, bleibt im Best Western.

Wie auch immer Sie ab jetzt planen: das Monte-Feeling lässt einen bis an die Côte d’Azur nicht mehr los. Nach Chambery tauchen Sie ansatzlos in die Chartreuse ein. Rallyefans bekommen spätestens jetzt Gänsehaut, denn die bislang einsamen Straßen werden noch viel einsamer … und besser. Wer den Finger auf St. Pierre d’Entremont legt, fährt genau richtig. Bis Grenoble gibt es so gut wie keine Straße, auf der die Monte nicht auch schon unterwegs war. St. Pierre d’Entremont besitzt zudem die gewünschte Infrastruktur, also Baguette, Café, ein feines Stück Käse für den nächsten Halt und – nicht zu vergessen – die einzige Tankstelle weit und breit.

Und weil Sie gerade so gut in Fahrt sind, geht es ansatzlos weiter in den Regionalpark „du Vercors“ oder – noch einfacher – Sie ziehen eine gerade Linie von Grenoble nach Die. Halten Sie sich an dieser oder knapp westlich davon und Sie kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Das Highlight ist die „Combe Laval“, eine Schlucht, die man von St. Jean-en-Royans über die D76 erreicht. Der parallel verlaufende Col de l’Echarasson gehört zwar zum Inventar der Monte, aber die Route durch die Schlucht in Richtung Col de la Machine ist mit Abstand die bessere, inklusive einer 400 m Senkrechten und Schwindel frei Haus.

Der ultimative Fernblick (am besten gegen Abend zur blauen Stunde) wird Sie dann bei der Abfahrt vom Col de Rousset umzingeln. Gönnen Sie sich zuerst einen kurzen Stopp, denn der Grat zwischen Freude am Fahren und toller Aussicht ist hier besonders schmal, besonders für den Co. Kurz hinter dem Col und dem Tunnelausgang windet sich die D518 dermaßen schön und ausnahmsweise sogar als breite Piste ins Tal, dass der Fahrer feuchte Augen und der Beifahrer feuchte Hände bekommt.

Danach haben Sie nun die Qual der Wahl. Entweder besuchen Sie den Rallyeort Sisteron oder fahren gen Osten zum türkisblauen „Lac de Serre Ponçon“. Beide Wege sind abwechslungsreich und ohne viel Verkehr, auf den Spuren der Rallye Monte Carlo wandeln sie so oder so. Unser Tipp: ein paar Kilometer zusätzlich einplanen, in Richtung See und erst von dort gen Süden über den Col d’Allos (2250 m) oder den Col de la Cayolle (2326 m) in Richtung Alpes-Maritimes. Auf beiden Pässen waren Röhrl & Co zwar noch nie, weil beide zu Zeiten der Monte Wintersperre haben, aber der Exkurs lohnt unbedingt. Für welchen Pass sie sich entscheiden, spielt keine Rolle, am Ende sollte sie Entrevaux an der Route Napoleon (D4202) im Visier haben.

Sie wundern sich, dass Sie nach den Pässen und dem mittelalterlichen – und unbedingt sehenswerten – Dorf noch immer Herzklopfen haben? Der Grund ist einfach. Von hier ist es nur noch ein Katzensprung bis Puget-Théniers, einmal noch den Blinker nach rechts auf die D2211A und die Rallye Monte Carlo hat sie wieder – und wie.

Notieren sie sich nur Col de St. Raphaël, Sigale, die Schlucht von Aiglun, Le Mas, Col de Bleine, Col de Castellaras, Col de la Sine, Col du Ferrier und St. Paul de Vence und Ihnen gehören 100 der besten Rallye Monte Carlo-Kilometer. Der goldene Fotopunkt ist klar die Clue d’Aiglun, hinter dem gleichnamigen Örtchen klammert sich die Piste mutig aber gekonnt an die Felsen, Gegenverkehr ist ausgeschlossen, größere Wohnmobile bleiben stecken, Versuche sind zwecklos.

Wer nach der Kurbel- und Staunerei noch Lust auf einen Kaffee in der großen Parfüm-Stadt Grasse hat, sollte sich an dieser Stelle von Cabris überzeugen lassen. Beschaulicher, dezent schöner, mit netten Cafés und Hotels und besser zu erreichen. An Ampeln müssten Sie sich ohnehin erst wieder gewöhnen. Ausklingen könnte der Tag zum Beispiel im Künstlerort Saint-Paul-de-Vence, für die Nacht wäre das Hotel Le Hameau passend. Genau danach haben Sie gesucht, kein Hotelbunker, dafür mit abgeschlossenem Parkplatz und feinem Pool. Wer es an der Côte d’Azur richtig krachen lassen will, muss im Hotel Le Mas de Pierre residieren und dinieren, so einfach übernachten und zu Abend essen kann man hier nicht. Eines ist aber sicher, mehr geht nicht.

Oder doch! Nach rund 1.500 Kilometern sollte man nicht nach Hause fahren, ohne das Meer und einen Kaffee auf der italienischen Seite der Seealpen zu genießen. Also kurz auf die Autobahn, Nizza umfahren und in La Turbie wieder runter. Keine fünf Minuten heißt der ideale Einstieg zur Monte Col de la Madone, weit oberhalb des Trubels von Monaco. In der Nacht der langen Messer ging es hier um alles. Links Felsen, rechts ein Abgrund, der seinen Namen verdient und bei ungünstigen Wetterverhältnissen kam oft dichter Nebel hinzu, der auch seinen Namen verdient. Wer heute aber etwas Glück hat, blickt vom wilden Asphaltband schnurstracks auf das stahlblaue Mittelmeer. Zu Ende ist die Piste im wahrsten Sinne des Wortes im winzigen Sainte-Agnes. Genau hier schied Walter Röhrl 1973 mit dem Opel Commodore aus, eine kleine Mauer kostete auf der allerletzten Prüfung und nach 7000 Rallye-Kilometern inklusive Anfahrt von Oslo der Halbachse das Leben.

Wer nun enttäuscht ist, weil der Col de Turini nicht auf dem Tourplan steht, dem sei die bekannteste aller Prüfungen natürlich gerne ans Herz gelegt. Doch über die Passhöhe auf 1607 m ist bereits so viel geschrieben worden, dass wir diese Serpentinen hier ausnahmsweise auslassen.

Wie auch immer Ihre Entscheidung ausfällt, unsere gemeinsame Schnittmenge ist Sospel. Von hier aus geht es über die Grenze nach Bella Italia und zur kaum weniger bekannten Rallye San Remo. Eine garantiert unbekannte aber faszinierende Route führt über den Grenzübergang Olivetta San Michele ins Ventimiglia-Tal. Die unnötige Hektik der Stadt erspart man sich, wenn man bereits in Trucco links auf die winzige SP92 abbiegen. Ein bisschen Mut gehört dazu und im Ort Trinità auch Vertrauen in diese Zeilen. Denn eine echte Straße gibt es seit 500 Metern nicht mehr, vielmehr führt ein spärlich asphaltierter Pfad gefühlt senkrecht über den Berg gen Dolceaqua.

Aber: auf ihrer Tour kommen sie – wie auch schon Walter Röhrl bei einer geführten Reise – am Weingut Terre Bianche vorbei. Die Sicht im waldigen Bergauf-Stück beträgt im Schnitt keine 30 Meter, ist man erst einmal oben, werden daraus schlagartig 30 Kilometer. 

Die letzte große Rallye-Schleife, die es zu erleben gilt, schreibt sich so: Isolabona, Colle Langan, Molini di Triora, Badalucco (hier gibt es das ROI Olivenöl, gehört zu den TOP 100 weltweit), der Passo Ghimbenga (hier steht seit 1985 noch immer die „Röhrl-Mauer“) und San Romolo. Spätestens hier halten sie an, setzen sich auf die Terrasse des Ristorante Dall’Ava, grüßen den Wirt Davide von uns und trinken den weltbesten Kaffee. Motorsport wird hier großgeschrieben, Vater Orlando war Rallyeprofi, fuhr für Lancia und auch auf zwei Rädern, Davide ist sogar mehrfacher italienischer Motorcross-Champion. Denken sie beim Besuch aber auch daran, typisch ligurische Vorspeisen zu bestellen, anschließend die beste Pasta und, wenn noch Platz ist, die Dolce von Mama Dall’Ava. Zwischendurch können sie pausenlos mit Röhrl, Mikkola, Vatanen oder Biasion anstoßen, sie alle waren hier, als die Rallye San Remo noch zur Weltmeisterschaft zählte. Ihre Bilder zieren das gesamte Lokal, natürlich alle unterschrieben.

Ach so, es fehlt noch die passende Bleibe für die Nacht. Entweder sie fahren den Scheinwerfern von Röhrl nach bis nach Apricale (einer der meistfotografierten Orte Italiens) oder aber bergab Richtung Mittelmeer ins 5-Sterne Hotel Royal. Übrigens: sollten sie am 4. Oktober in San Remo einlaufen, dann wäre das pünktlich und auf den Tag genau 35 Jahre nach Röhrls letztem WM-Sieg. Wenn das kein Grund ist, noch einen Tag länger zu bleiben – und zu feiern.

TEXT Peter Göbel
FOTOS Lena Willgalis

LESENSWERT.

WALTER.