Für die Marke ist dieses Auto mehr als ein weiteres Derivat mit starkem Antrieb. Der GT 4-Türer ist das erste Serienmodell auf der neuen elektrischen AMG-Architektur. Damit entscheidet sich an ihm, ob AMG seine alte Formel aus Leistung, Direktheit und fahrdynamischer Schärfe überzeugend in die Elektrowelt übertragen kann.
Im Mittelpunkt stehen Axialflussmotoren von Yasa, der britischen Mercedes-Tochter. Anders als klassische Radialflussmotoren führen sie den Magnetfluss entlang der Achse. Das erlaubt besonders flache und leichte Maschinen mit hoher Leistungsdichte. Die vordere E-Maschine baut knapp neun Zentimeter breit, die beiden hinteren jeweils rund acht Zentimeter. Für AMG zählt damit nicht nur die reine Spitzenleistung, sondern vor allem, wie kompakt sich die Komponenten im Fahrzeug platzieren lassen. Das hilft beim Schwerpunkt, bei der Gewichtsverteilung und bei der Agilität.
Die Grundversion GT 55 4Matic+ leistet 816 PS und bietet ein maximales Drehmoment von 1.800 Nm. Der GT 63 4Matic+ legt mit 1.169 PS und 2.000 Nm noch einmal deutlich nach. Beide Modelle nutzen drei E-Maschinen: eine an der Vorderachse, zwei an der Hinterachse. Hinten sitzt eine High Performance Electric Drive Unit mit zwei Axialflussmotoren, zwei Siliziumkarbid-Invertern und einem kompakten Eingang-Planetenradgetriebe. Vorn arbeitet ein einzelner Axialflussmotor mit Stirnradgetriebe und Disconnect Unit. Diese Kupplung trennt den vorderen Antrieb bei niedriger Last ab, um Schleppverluste zu vermeiden. Wird Leistung oder Traktion gebraucht, schaltet sich die Vorderachse wieder zu.
Beeindruckende Fahrleistungen
Die Zahlen fallen entsprechend heftig aus. Der GT 63 beschleunigt in 2,4 Sekunden auf 100 km/h und erreicht 200 km/h nach 6,8 Sekunden. Der GT 55 braucht 2,8 Sekunden auf 100 km/h und 9,0 Sekunden bis 200 km/h. Mit Driver’s Package sind beide Varianten 300 km/h schnell. Interessanter als der reine Sprintwert ist jedoch, wie lange AMG die Maximalleistung bereitstellen kann. Beim GT 63 steht der volle Boost bis zu 63 Sekunden zur Verfügung, beim GT 55 bis zu 55 Sekunden. Zusätzlich lässt sich in den Fahrprogrammen Comfort, Sport und Sport+ per Zug an beiden Lenkradwippen kurzfristig mehr Leistung abrufen: beim GT 63 bis zu 150 PS, beim GT 55 bis zu 68 PS.
Diese Leistungswerte verlangen nach einer Batterie, die nicht nur Energie speichert, sondern auch thermisch stabil bleibt. AMG setzt auf einen Akku mit 106 kWh Kapazität, 800-Volt-Architektur, 18 Modulen und 2.660 Rundzellen. Jede einzelne Zelle wird direkt mit einem elektrisch nichtleitenden Öl gekühlt. Die Zellen messen 105 Millimeter in der Höhe und 26 Millimeter im Durchmesser. Der technische Ansatz dahinter ist klar: Je kürzer der Weg vom Zellkern zur Oberfläche, desto schneller lässt sich Wärme abführen.
Mercedes beziffert die Kühlleistung des Batteriesystems auf mindestens 20 kW. Konventionelle Systeme liegen laut Hersteller meist bei fünf bis acht kW. Dazu kommen Aluminium-Zellgehäuse, Full-Tab-Technik, eine NCMA-Kathode und eine siliziumhaltige Anode. Auf dem Papier reicht das für WLTP-Verbräuche zwischen 17,9 und 21 kWh je 100 Kilometer und eine Reichweite von rund 700 Kilometern.
Laden im Höchsttempo
Beim Laden bleibt AMG unter der ursprünglich mit dem Konzeptfahrzeug angedeuteten Megawatt-Marke, setzt aber dennoch einen hohen Wert. Maximal 600 kW Ladeleistung sollen möglich sein. Damit soll der Akku von zehn auf 80 Prozent in elf Minuten laden. In zehn Minuten sollen bis zu 70 kWh nachgeladen werden, in fünf Minuten 41 kWh. Zum Vergleich: Porsche Taycan und Audi e-tron GT liegen derzeit bei maximal 320 kW.
Dass der neue AMG trotz aller Hochleistungstechnik kein Leichtgewicht wird, überrascht nicht. Knapp 2,5 Tonnen stehen im Raum. Um diese Masse kontrollierbar zu halten, bekommt der Allradler ein entsprechend aufwendiges Fahrwerk. Dazu gehören Luftfederung, semiaktive Wankstabilisierung, dreifach schaltbare Luftfedern und hydraulisch vernetzte Dämpfer. Auch die Aerodynamik arbeitet aktiv mit. Zwei Venturi-Elemente im Unterboden fahren geschwindigkeitsabhängig aus, vorn ab 120 km/h, mittig ab 140 km/h. Sie erhöhen den Abtrieb. Ergänzt wird das System durch einen aktiven Heckspoiler, einen aktiven Heckdiffusor und Airpanels an der Front.
Kampf um jeden Kilometer
Selbst die Räder zahlen auf die Effizienz ein. Aerodynamisch optimierte 21-Zoll-Felgen sollen bis zu 14 Kilometer Reichweite bringen, zusammen mit entsprechenden Reifen sogar bis zu 30 Kilometer. Das zeigt, wie fein Mercedes-AMG inzwischen an den Stellschrauben arbeiten muss: Bei einem Auto mit mehr als 1.000 PS zählt nicht nur die große Leistungszahl, sondern auch jedes Detail im Luftstrom.
Innen bleibt der GT 4-Türer ein großes Auto. Mit 5,04 Meter Länge und 3,04 Meter Radstand bietet er auch im Fond brauchbaren Raum. Der Kofferraum fasst 415 Liter, vorn ergänzt ein 41-Liter-Frunk das Ladevolumen. Das Cockpit folgt dem aktuellen Mercedes-Kurs: digital, breitflächig, stark grafikorientiert. Ein 10,2 Zoll großes Kombiinstrument und ein 14,0 Zoll großer Zentralbildschirm bilden eine zusammenhängende Einheit. Optional kommt ein weiteres 14,0-Zoll-Display für den Beifahrer hinzu.
Na klar, die Software
Als Software-Basis dient MB.OS. Dazu bindet Mercedes mehrere KI-Dienste ein, darunter ChatGPT, Microsoft Bing und Google Gemini. Im AMG-Kontext geht es allerdings weniger um digitale Spielerei als um fahrrelevante Informationen. Das System zeigt Energiefluss, Aerodynamikstellung, Temperaturen, Reifendaten und Rennstreckenwerte.
Für die emotionale Ebene greift AMG zu synthetischen Mitteln. Im Modus AMG FORCE S+ simuliert das System einen V8-Sound und künstliche Zugkraftunterbrechungen bei Schaltvorgängen. Das wird nicht jeden überzeugen, ist aber ein erwartbarer Versuch, elektrische Beschleunigung mit bekannten AMG-Reizen zu verbinden. Entscheidend wird sein, ob sich diese Inszenierung im Alltag glaubwürdig anfühlt oder wie ein technischer Ersatz für etwas, das nicht mehr vorhanden ist.
Preislich dürfte sich Mercedes-AMG am bisherigen Verbrenner-Modell orientieren. Für den GT 55 4Matic+ erscheinen rund 160.000 Euro realistisch, für den GT 63 4Matic+ etwa 190.000 Euro.