Hyundai Ioniq 6. Die Macht der Aerodynamik.

Aufgepasst VW, Tesla und Mercedes: Der Hyundai Ioniq 6 schafft eine Reichweite von 610 Kilometern – und das mit lediglich 77,4-Kilowattstunden-Batteriekapazität. Ein Hauptgrund für diese Top-Werte ist der geringe cw-Wert von 0,21.

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Koreaner hauen ja ungern auf den Putz. Wenn aber Hyundai sein neuestes Elektromobil als „Electrified Streamliner“ bezeichnet, ist schnell klar, woher der Aerodynamikwind weht. Der cw-Wert von 0,21 unterstreicht, was schon auf den ersten Blick augenscheinlich ist. Die Asiaten haben den Mund nicht zu voll genommen.

Windschnittig ist der Hyundai Ioniq 6, der Ende dieses Jahres in Deutschland auf den Markt kommt, definitiv. Die Silhouette der 4,85 Meter langen Limousine mit der stark abfallenden Dachlinie gleicht einem Mercedes CLS. Wie vorherrschend das Diktat der Aerodynamik bei der Entwicklung des Ioniq 6 ist, beweist die Frontschürze, die mit ihren Splittern und Flaps eher an einen Sportwagen erinnert. Für Designchef Simon Loasby ist das aerodynamische Konzept des Ioniq 6 eine Hommage an legendäre Fahrzeuge aus den 1920ern und den 1930ern wie dem Stout Scarab, dem Phantom Corsair oder dem Saab 92, als Flugzeugingenieure ihr Können auf die Straße brachten.

Doch Aerodynamik ist nicht alles. Hyundai bietet beim Ioniq 6 verschiedene Varianten an. Entweder mit einer 53-Kilowattstundenbatterie oder mit den 77,4-kWh-Akkus. Beide Energiespeicher können mit einem Elektromotor als Hinterradantrieb oder mit dem Allradantrieb kombiniert werden. Die Top-Version mit zwei E-Maschinen und der großen Batterie hat 239 kW / 325 PS, ein Drehmoment von 605 Newtonmetern und knackt die 100-km/h-Marke aus dem Stand nach 5,1 Sekunden.

Bei der angepriesenen 610 Kilometer WLTP-Reichweite entfällt der vordere Motor. In der Realität dürften es weniger sein. Dennoch ist es beachtlich, dass die Koreaner diese Werte ohne Monsterakkus mit einer Kapazität von 100 kWh oder mehr schaffen. Wer auf einen geringen Verbrauch Wert legt, packt die 53-kWh-Batterie ins Auto, entscheidet sich ebenfalls für den Heckantrieb und begnügt sich statt der 20-Zoll-Pneus mit den 18-Zoll-Reifen. Mit dieser Konfiguration verbraucht der Ioniq 6 lediglich 14,0 kWh/100 km und dürfte zudem noch komfortabler sein.

Auch beim Laden erreicht der Ioniq 6 dank der 800-Volt-Technik der E-GMP-Plattform Top-Werte. An einer 350-kW-DC-Ladesäule sind die Akkus nach nur 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent gefüllt. Auch die Vorkonditionierung der Akkus beherrscht das System. Wie bei anderen Modellen, die auf der E-GMP-Architektur basieren, kann man auch seinen Elektrogrill von den fahrzeugeigenen Batterien mit Energie versorgen lassen. Mit Albert Biermann hatte ja der ehemaliger BMW-M-Technikchef die Entwicklung bei Hyundai bis Ende des vergangenen Jahres überwacht und war auch beim Ioniq 6 involviert. Das merkt man auch an der Einstellung der Fahrmodi, denn bei der koreanischen E-Limousine kann man die Lenkung, die Unmittelbarkeit der Umsetzung der Befehle des Gaspedals, das Getriebe und die Motorkraft individuell einstellen.

Bei den Assistenten bietet der Ioniq 6 das volle Konzernpaket und ist damit auf der Höhe der Zeit. Autonomes Fahren Level 3 auf der Autobahn beherrscht der Korea-Stromer zwar noch nicht, aber das selbstständige Einparken schon. Ansonsten ist alles an Bord, was dem Piloten das Leben erleichtert: ein adaptiver Tempomat samt Spurassistent, der Kreuzungsassistent hilft beim Vermeiden von Kollisionen, wenn es einmal eng wird, ebenso wie der Notbremsassistent. In dem schmalen schwarzen Band, das sich quer über die Frontschürze zieht, sind sieben Sensoren untergebracht, die diese Funktionen unterstützen.

Der Innenraum ist ganz auf Komfort getrimmt. Schließlich werden die Koreaner nicht müde, die Passagierzelle als Lebensraum zu loben, in dem man arbeiten und rasten kann. Dazu braucht es ein luftiges Raumgefühl an. Bei einer derart gestreckten und abfallenden Dachlinie kann es bei der Kopffreiheit schnell eng werden. Aus diesem Grund haben die Ingenieure auch auf ein Solardach verzichtet. Bei einem Radstand von 2,95 Metern ist die Beinfreiheit im Fond und die Verstellbarkeit der Vordersitze kein großes Thema. Eine Ambientebeleuchtung, ein USB-A- und vier USB-C-Anschlüsse sowie bequeme Sitze verwandeln den Ioniq 6 bei Bedarf in ein rollendes Büro. Zwei senkrecht nach oben ragende Zwölf-Zoll-Monitore versorgen die Insassen mit allen nötigen Informationen.

Wie bei allen modernen Autos üblich, kann das eigene Smartphone per Apple CarPlay oder Android Auto in das Infotainment eingebunden werden. Auch drahtlose Updates sind beim Ioniq 6 kein Problem. Ob es ein N-Modell geben wird, steht noch in den Sternen.

TEXT Wolfgang Gomoll für WALTER

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