Rallye Dakar. Dieses Licht …

Sollte etwas mit dem Namen „Dakar“ in Saudi-Arabien stattfinden? Sollte ein Elektroantrieb von einem Verbrenner gespeist werden? Sollte ein Citroen CX bei der härtesten Rallye der Welt starten? Sollte man Dieben die Hand abhacken? Sollte man in der Sonne eine lange Unterhose tragen müssen? Sollte man wohl mal hin. Alleine um das Licht zu sehen! Check.

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Dieses Licht … ich hab es die letzten 44 Jahre nicht gesehen und bin somit ein Idiot. Ich war weder bei der ersten echten Rallye Paris-Dakar im Jahr 1978/79, noch bei einer der weiteren 28 auf dem afrikanischen Kontinent. Auch war ich nicht in Südamerika dabei, wo die Dakar – warum auch immer – von 2009 bis 2019 stattgefunden hat. Erst jetzt, wo sie – wie vieles – von den Saudis mit Geld überschüttet wurde, um sie nach Arabien zu holen, ausgerechnet jetzt interessiert mich die Dakar.

Nicht so sehr aus sportlicher Sicht. Das war schon immer mein Problem mit der Dakar, dass mir einfach die Fantasie fehlt. Zu groß die Dimensionen. Die dritte Ausgabe in Saudi-Arabien führte 2022 von Ha’il über Riad nach Dschidda: 4.148 Kilometer endloser Sonderprüfungen in der Wüste und 4.275 Kilometer noch endloserer Verbindungsetappen. Durch Sand. Durchs Licht. Auf zwar empfohlenen, aber irgendwie in der Wüste auch immer wieder frei wählbaren Strecken (so lange man die großzügig verteilten Wegpunkte anfährt).

Mit absonderlichen, teils verachtenswert abscheulichen Auto-Mutationen. Dazu brachiale Trucks, die beim Beschleunigen auf Asphalt die Straße hinter sich abreißen würden. Ärmste Motorradfahrersäue, die morgens das Handgelenk fallen lassen, um während sechs, sieben, acht Stunden Flat Out zu hoffen, dass ihnen kein Knochen bricht, wenn der unsichtbare Stein sie 100 Meter weit durch die Gegend wirft und die sich abends in der eiskalten Dackelgarage in den Zeltlagern einsam in den Schlaf wimmern.

Von den Klassikern wie den alten Mercedes G, 911ern, Pajeros und den charmanten Citroens und Peugeots wollen wir gar nicht erst reden. Sie fahren mit ehrenwertem Material aus den 70ern und 80ern zwar „nur“ eine Regularity Rallye (in der man feste Durchschnittsgeschwindigkeiten einhalten muss), aber eben auch auf ähnlich wildgewordenen Strecken wie die aktuellen Monster. Das ist sehr romantisch. Und sehr idiotisch. Mag ich also. Genauso wie dieses Licht …

Und all das findet nun in Saudi-Arabien statt. Einem Land zwischen „was lacostet die ungläubige Welt“ und „steinigt den Burschen!“  Wikipedia hilft uns hier einmal bei der Einordnung der minimal anders ausgelegten Vorstellungen von Menschenrechten: „Nach dem Global Gender Gap Report rangiert das Land auf einem der weltweit letzten Plätze bezüglich Frauenrechten. Meinungsfreiheit ist nicht gegeben, und es werden regelmäßig Strafen wie Amputation, Steinigung, Auspeitschung und die Todesstrafe vollzogen, letztere auch für Homosexualität. Unter dem faktisch regierenden Kronprinzen Mohammed bin Salman wird jedoch eine vorsichtige Modernisierung der Gesellschaft eingeleitet.“ 

Scheichreich

Und vor Ort merkt man dann tatsächlich, dass Saudi-Arabien im Umbruch ist. Es werde Licht! Ein paar Rechte haben manche Menschen schon. Noch nicht so viele und sicher nicht alle. Aber immerhin ein paar mehr als noch im Mittelalter. Und das Mittelalter ist in Saudi-Arabien noch nicht lange her. Da täuschen auch die Rolls Royce, die Bentley-SUVs und die V8-Jeeps fürs Volk (die jeder fährt, weil eine Tankfüllung für unter 10 Euro erledigt ist), genauso wenig darüber hinweg, wie der Gucci und Burberry-Store mit den Ausmaßen eines Ikeas im Ruhrgebiet. Saudi-Arabien ist eines der reichsten Länder der Welt. Scheichreich!

Aber die Menschen merken, dass da jetzt was geht. Sie gehen freundlich auf die Fremden zu. Noch ein bisschen unsicher, aber herzlich. Und wie so oft: je einfacher die Leute, desto liebevoller und hilfsbereiter sind sie, je mächtiger (mächtig beginnt bei Hotelrezeptionisten), desto Augenbraue hoch. Noch. Es passiert was im Land. Und manches auch nicht: Man kann seine Kamera auf eine Straßenkreuzung legen, ins Bett gehen und sie am nächsten Morgen dort wieder abholen. Geklaut wird nix in Saudi-Arabien. Aber leider wegen dieses Amputations-Dings für Diebe, nicht weil es bessere Menschen sind.

Der Terror ist im Wüstenstaat natürlich auch allgegenwärtig (Saudi-Arabien gilt als generöser Sponsor des IS), auch wenn es gern heruntergespielt wird: Zu Beginn der 2022er Dakar wurde das Auto eines Rallyebeteiligten in die Luft gejagt. Der Franzose verlor beide Beine, der französische Staatsschutz rückte daraufhin geschlossen an (der Veranstalter A.S.O ist ein französisches Unternehmen, welches auch die Tour de France ausrichtet), um die Sicherheit der Rallye zu überprüfen, da weitere Anschläge angekündigt waren. Die blieben aber zum Glück aus, trotzdem wurde unsere Reisegruppe mit 30 SUVs täglich in Kolonne meist mit Polizeischutz bewegt. Fühlt man sich dabei wohl? Ach, irgendwie schon. Weil es so fern ist. Und das Licht! Das Licht lässt alles so freundlich wirken.

Die Saudis bemühen sich. Sie öffnen sich. Vielleicht nicht gleich dem 21. Jahrhundert, aber zumindest dem 20. Culture Clash bleibt es aber noch eine ganze Weile. Spannend zu beobachten. Ist man ein sehr offener Mensch, liebt man es schon jetzt. Ist man einer wie ich, drückt man die Daumen.

Und so ist es auch ein bisschen mit der Rallye an sich. Das Audi-Captain-Future-Über-Monster RS Q e-tron mit Carbonkarosse und Eingang-Elektroantrieb wühlt sich ebenso durch die Wüste, wie der handgerührte Citroen CX mit Frontantrieb und Gürtelreifen. Es gewinnt ein „Soccer-Mom von Nebenan“-Pickup mit der Silhouette eines Toyota Hilux von einem Inferno-V8 angetrieben vor einem Buggy mit zwei Wochen-später-Monte-Sieger Sebastien Loeb am Steuer.

Die russischen KAMAZ-Trucks fahren zweisitzige Strandmobile in Grund und Boden, weil sie direkt nach ihnen auf die Strecken gehen und über den Winter so brutal aufgerüstet haben, dass sie nun viel zu schnell sind. Und viele neue Dinge stehen an: Wasserstofftrucks kommen, weitere E-Autos sind im Anmarsch, die Spitzenteams müssen in naher Zukunft mit alternativen Antrieben starten, E-Fuels werden für Verbrenner vorgeschrieben (Berlin, könnt Ihr das hören? E-Fuels! Googelt das mal, Ihr kleinen Kohlestromer!).

Wüste Wüste mit tollem Licht

Die Spielwiese ist weit, die Vielfalt der Fahrzeuge ganz sicher größer als bei jeder anderen Rallye. Und so auch die Streckenverläufe. Stehst Du als Zuschauer an der Strecke, stehst Du nur VIELLEICHT an der Strecke. Es kann aber auch sein, dass die Autos in zwei Kilometer Entfernung hinter einer anderen Düne unsichtbar (und im Falle des Audis auch unhörbar) an Dir vorüber ziehen. Oder, was auch oft genug vorkommt: Du stehst AUF der Strecke! Mittig. Weil die Wahl der Route in der weiten Wüste (Saudi-Arabien ist eine einzige wüste Wüste, aber mit tollem Licht!) weitestgehend den Fahrern obliegt. Es gilt Wegpunkte anzufahren, ja. Aber wie du von einem zum anderen kommst, ist ein bisschen dir überlassen.

Erst direkt am Start wird den Piloten jeden Morgen das elektronische Roadbook auf Tablets gespielt. Da ist nix mit Planung oder gar eigenem Aufschrieb. Und Kreuzungszeichen und Abbiege-Empfehlungen in der Wüste sind mehr ein Serviervorschlag. Insbesondere für Motorradfahrer. Die auf den ultraschnellen Strecken im Stehen den ganzen Tag am Begrenzer über die saudischen Sandäcker pflügen und diese fitzeligen Zeichen nur erahnen können.

Rallye Dakar

Da kommt es oft zu großem Hallo und anschließenden Völkerwanderungen, wenn nach dem ersten Auto klar ist, dass die Zuschauer sowas von falsch lagen mit ihrer Einschätzung, wo denn der beste Spot ist. Und auch den Fahrern geht es nicht anders: wenn ein optimistischer Einheimischer mit seinem V8 Toyota-Jeep exakt dort parkt, wo eigentlich die Ideallinie wäre, muss halt in voller Fahrt das Ruder des Wüstenschiffs rumgerissen werden. Flatterband und Streckenposten sind (zum Glück) in Arabien noch nicht erfunden.

Für die meiste Stimmung unter den Piloten sorgen auch immer wieder unbeirrbare Kameltreiber, die aus dem Pickup heraus eine Herde der wertvollen Tiere vor sich her lotsten. Denen aber niemand gesagt hat, dass hier die härteste Rallye der Welt vorbeiführt. Und es ihnen auch grad egal ist. Es muss ein unfassbarer Stress für Fahrer und Tiere sein, wenn man schon zwei Kilometer vorher sieht, dass das gleich gehörig schief gehen kann. Und ich muss sagen: die Tiere sind klüger als manch Fahrer. Die Kamele weichen instinktiv aus, was man nicht von jedem Piloten (gerade unter den Truckern) sagen kann.

Faszinierend ist im Übrigen die Wetterlage (und das Licht, hab ich schon das Licht erwähnt?). Auch wenn im Januar Winter ist und wir wissen, Winter ist gleich kalt – das ist in der fucking Wüste, da MUSS es doch heiß sein! Ist es aber nicht. Keinen Schritt ohne lange Unterhose und Lagenlook. Die Sonne grillt dich trotzdem. LSF 50 ist Pflicht und trinken, trinken, trinken. Ich hatte das Glück mit dem Dakar-Veteran Markus Stier unterwegs zu sein, der dich alle 20 Minuten daran erinnert, eine Flasche Wasser oder einen Tee zu trinken. „Wenn Du nicht permanent auf der Suche nach einer Toilette bist, dann hast Du in der Wüste zu wenig getrunken und dehydrierst sofort“, so Markus. Danke, Du Gutes! 

Ist der Citroen CX angekommen? Natürlich! Sind die brandneuen Audi RS Q e-Tron-Überflieger angekommen? Erstaunlicherweise alle drei. Und sie haben sogar Etappen gewonnen. Was bei einem ersten Einsatz eines völlig neuen Konzepts (Elektroantrieb, dessen Batterien während der Fahrt permanent von einem Audi-DTM-Benziner aufgeladen werden) wahrlich nicht zu erwarten war und auch die Konkurrenz die Sonnenhüte vor Bewunderung ziehen ließ.

Muss man das alles live sehen? Nein. Doch. Nein. Doch. Nein. Doch. Denkt doch an das Licht! Und ein paar Tage ohne Alkohol schaden im Januar auch nicht.

TEXT Thomas Senn

LESENSWERT.

WALTER.