Eckhard Schimpf. Der schnelle Mann von Jägermeister.

In einem kleinen Industriegebiet in Braunschweig parken über 25 historische Rennwagen mit auffälliger Jägermeister-Beklebung. Das ist die Geschichte hinter dieser außergewöhnlichen Sammlung und ihrem Sammler.

Fünf Minuten fährt er zu seiner Halle. Fünf Minuten für eine Fahrt in eine bewegte Vergangenheit. Eckhard Schimpf öffnet die Tür und da steht sie, silbergrau, frisch geputzt und jederzeit startklar. Die DKW Kompressor 250 von 1939, mit der Kurt Kuhnke 1948 das erste Prinzenpark-Rennen in Braunschweig bestritt. Als Zuschauer dabei: der kleine Eckhard, gerade mal 10 Jahre alt und vom schrill kreischenden Motorsound sofort begeistert. 

Dieser Sound hat sein Leben verändert. Denn Eckard Schimpf hört beim Rennen nicht nur einfach zu, sondern wird selbst aktiv – zumindest im Rahmen seiner Möglichkeiten. Als Pilot Kuhnke bei seinem Ritt wegen Zündkerzenwechsel stoppen muss, sind Eckhard und seine Freunde zur Stelle, schieben die Maschine mit der Nummer 106 in die Boxengasse. Ein Erlebnis, an das sich der heute 83-Jährige genau erinnern kann. „Ich kralle die Finger um den Lenker und denke mir sofort: Ich will auch mal Rennfahrer werden und diese Maschine besitzen“, lacht Schimpf. Es dauert sieben Jahre, da sitzt er erstmals auf dem Beifahrer-Sitz eines Rallyeautos, ab Anfang der 1960er-Jahren wechselt er auf die linke Seite. Doch Motorsport war schon damals teuer und das Geld knapp. Um weiter schnell auf Rennstrecken fahren zu können, braucht Schimpf einen Plan – und fragt 1971 einen seiner Cousins, Günter Mast. 

Der leitet Anfang der 1970er-Jahre die Firma Jägermeister, damals schon ein Unternehmen mit langer Tradition. Wilhelm Mast, Schimpfs Großvater, gründet 1878 den Weinbrand- und Likörhersteller Mast in Wolfenbüttel, sein Onkel Curt Mast entwickelt 1934 den Schnaps, der damals zwar nicht besonders hipp ist, aber dennoch gerne getrunken wird. Schimpfs Idee geht jedenfalls so: Wenn sein Cousin ihn etwas unterstützt, dann klebt er sich das Hubertus-Hirsch-Kopf-Logo auf seinen Rennwagen, um damit bei der Rallye Monte Carlo 1972 zu starten. Zu seiner Verwunderung lehnt sein Cousin nicht ab, sondern verdoppelt den vorgeschlagenen Betrag von 500 Mark. Die Ansage: „Mach was draus und nach dem Rennen unterhalten wir uns richtig.“

Bei der Rallye fällt Schimpf zwar aus, aber das Gespräch mit seinem Vetter verläuft ein paar Tage später erfolgreich. Er soll ein professionelles Rennteam aufstellen, mit Profi-Fahrer, Team und richtigem Rennauto. Bedingung: Orange muss das Fahrzeug sein, mit dem bekannten Hirsch-Logo. Schimpf kauft einen Porsche 914/6 von Max Moritz Tuning, anfangs in Grün, lässt ihn in knalligem und auffälligem Orange lackieren. Der Beginn einer langen Tradition: In Kombination mit dem Hubertus-Hirschkopf werden die Rennwagen in den nächsten Jahrzehnten auf Rennstrecken häufig zu sehen sein. 

Für das neue Rennteam erhält er anfangs ein Budget von 170.000 Mark jährlich, organisiert sich einen Formel-2-Rennwagen und den ehemaligen Weltmeister Graham Hill. Warum gerade diese Klasse? Die Formel 2 ist sehr beliebt, hat ein großes Publikum und die Rennen finden ausschließlich in Europa statt – Hauptabsatzmarkt von Jägermeister. „Das war eine Sensation. Ein so bekannter Fahrer mit einem neu gegründeten Team in einem so auffälligen Fahrzeug – das gab es damals nicht“, staunt Schimpf noch heute. Es sollte nicht der letzte prominente Pilot werden. 1973 verpflichtet Schimpf Niki Lauda, ein Jahr später Hans-Joachim Stuck. Es folgen James Hunt, Jochen Mass, Derek Bell, Klaus Ludwig, Stefan Bellof und Jacky Ickx – zu vielen Fahrern hält er bis heute engen Kontakt. 

Die orangenen Flitzer fahren in der Deutschen Rennsport-Meisterschaft ebenso mit wie bei Langstreckenrennen mit Porsche 911 Carrera RSR, Porsche 934, Porsche 935, Porsche 956 C, Porsche 962, Alfa Romeo GTA und diverse BMW 2002 und BMW 320. Engagements in der Formel 1 sind außer mit kurzen Auftritten 1974 und 1989 eher selten, da zu teuer und in Regionen, in denen der Schnaps eh nicht verkauft wird. Ab Mitte 1980 folgen Einsätze in der DTM mit Autos von BMW, Opel und Alfa Romeo. Der vorerst letzte Einsatz eines schnellen Hirsches ist ein Opel Astra V8 von Éric Hélary. 

Bis 1982 fährt Schimpf selbst Rennen, insgesamt über 200. Beim Langstreckenrennen 1.000-km-Nordschleife startet er elfmal, gewinnt es zweimal. Doch Rennfahren ist gefährlich, in jeder Saison sterben viele Piloten. Dazu kommt die physische Anstrengung mit der enormen Hitze und den hohen Lenkkräften. „Rennfahren hat mein Leben bereichert, aber irgendwann muss auch mal Schluss sein. Racing ist eine Tortur. Ich bin schon froh, dass mir außer kleineren Unfällen nichts passiert ist“, sagt Schimpf. 

Als hauptberuflicher Journalist und mittlerweile Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung wird die Zeit fürs Rennfahren zu knapp. Bis ins Jahr 2000 delegiert Eckard Schimpf das Jägermeister-Rennteam, dann zieht sich die Firma wegen des EU-weiten Alkoholverbots bei Sportveranstaltung aus dem Motorsport zurück. Auf über 150 Rennfahrzeugen klebt der berühmte Hirsch bei mehr als 2.500 Starts, rund 150 Fahrer greifen in Jägermeister-Rennwagen ins Lenkrad. 

Dazu entwickelte er mit seinem Vetter eine neue Art des Sponsorings. Nach Martini Racing ist Jägermeister Anfang der 1970er-Jahre erst der zweite branchenfremde Sponsor im Motorsport, der seine Fahrzeuge konsequent für eine Markenbotschaft nutzt: exklusiv und plakativ. Flankiert wird das Sponsoring in einer anderen Sportart: Jägermeister steigt in der Saison 1972/73 als erster Trikot-Sponsor überhaupt bei Eintracht Braunschweig in der Fußballbundesliga ein. Dies ist nur unter Umgehung der Regeln mit einem Trick möglich: Die Eintracht übernimmt das Jägermeister-Firmenlogo als Vereinswappen und kann damit „legal“ werben. Damit führte Jägermeister vor rund 50 Jahren die Trikotwerbung im Profisport ein. 

Gründung von 72Stagpower

Doch Schimpf will sich nicht auf seinen alten Taten und Erfolgen ausruhen, nicht immer zurückblicken, sondern auch nach vorne. Fünf Jahre nach dem Ausstieg von Jägermeister aus dem Renngeschäft überlegen sich Eckard Schimpf und sein Sohn Oliver, CEO bei einem Automobilzulieferer, wie sie das Motorsport-Erbe konservieren können. Dazu kommen auch drängende Nöte: Sein BMW-Gruppe-5-Rennwagen braucht eine neue Umgebung. Warum also nicht gleich eine repräsentative Halle bauen und weitere historische Jägermeister-Fahrzeuge sammeln? Sie gründen „72Stagpower“, finden Unterstützung bei ihrer Familie, kaufen ein Grundstück und bauen eine Halle in er Nähe von Eckhard Schimpfs Wohnhaus – mit fünf Minuten Anfahrtsweg. Der Likörhersteller bleibt allerdings außen vor.

Dort kümmern sich seitdem zwei Mechaniker um die mittlerweile 25 historischen Rennwagen. Darunter das erste Formel-2-Rennauto von Graham Hill sowie Gruppe-C-Fahrzeuge wie Porsche 956 und Porsche 962. Die Autos aus der Privatsammlung werden nur noch zu Demo-Läufen eingesetzt. „Für mich sind das rollende Antiquitäten, die jede für sich eine eigene, spannende Geschichte erzählt und daher unbedingt aufbewahrt werden müssen“, erklärt Schimpf. 

Der immer noch aktive Journalist sucht derweil historische Fahrzeuge in der ganzen Welt, forscht in der langen Geschichte des Rennteams oder schreibt Kolumnen und Bücher. Ein Rastloser, der alle Zahlen und Namen im Kopf hat, der auf ein unglaubliches Fachwissen über Rennsport und ein prallgefülltes Text- und Foto-Archiv mit mehr als 2.500 Fotos und Briefen zurückgreifen kann. „Leider ist das noch nicht sortiert, ich komme einfach nicht dazu“, meint er. Wie denn auch: Häufig kommen alte Rennfahrer vorbei und halten einen Plausch über die alten Zeiten. Oder er entwickelt mit seinem Sohn neue Ideen, forscht nach weiteren Unterlagen und längst vergessenen Geschichten. 

Seinen zweiten Wunsch aus der Kindheit, neben dem Rennfahrerwerden, hat er sich schon 1984 erfüllt. Da entdeckt Schimpf die Rennmaschine seiner Kindheit in desolatem Zustand bei einem Bekannten wieder, kauft und restauriert sie. Nun steht die DKW-250-Kompressor, die keine großen Preise gewonnen hat, in der Halle mit dem berühmten orangenen Jägermeister-Rennwagen – und nimmt doch einen ganz besonderen Platz in seinem Herzen ein.

TEXT und FOTOS Fabian Hoberg

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