You never get a second chance for the first impression. Das ist auch bei Autos so. Mit der Form des Modells fällt dem Betrachter die Farbe ins Auge. Und die ist wichtig. Zwischen 12 und 16 mu ist sie dick, schützt das Blech und schließt Effekte und Farbpigmente ein. Auch wenn jeder Mensch Farben anders wahrnimmt: Käufer wählen direkt nach Marke und Modell die Farbe des Autos aus. Lack kleidet nicht nur das Auto, sondern auch seinen Besitzer.
Einer, der sich seit über 20 Jahren dem Lack von Autos verschrieben hat, arbeitet in der Nähe von Münster in der alten Villa Kaven: Mark Gutjahr, Designer bei BASF Coatings, seit 2023 als Global Head of Design. BASF Coatings zählt zum Marktführer bei Autolacken und beliefert fast alle Hersteller. Mit seinem zehnköpfigen Team, verteilt in Münster, Southfield bei Detroit, Yokohama und Shanghai, sucht Mark Gutjahr die Farbtrends der Zukunft.
Auf 300 Quadratmetern arbeiten die Designer in Münster an ihren Ideen von morgen. Sie schauen in die Glaskugel und entwickeln im Team die passenden Lacke für Autohersteller, die erst in drei bis fünf Jahren auf den Straßen zu sehen sind. Nicht ganz trivial, denn Farben müssen länger aktuell bleiben, bis zu neun Jahre. Einem Trend dürfen die Designer nicht hinterherlaufen.
Trend Schwarz
Bunt waren die Straßen noch nie – und sie werden dunkler. Zumindest was die Lackfarben angeht. Achromatische Farben wie Schwarz und Grau liegen klar im Trend. Zwar gebe es mit rund 100 Schwarztönen nicht ganz so viele wie bei Blau (185) und Grau (125), dafür aber mehr als Weiß (70 in Europa). „Schwarz zählt derzeit zum Gewinner unter den Autolacken, immer mehr Kunden weltweit bestellen ihre Fahrzeuge in Schwarz“, sagt Mark Gutjahr. Vergangenes Jahr wurden 22 Prozent aller Autos weltweit in Schwarz lackiert, 34 Prozent in Weiß, 17 Prozent in Grau und 8 Prozent in Silber. In der EMEA-Region, also Europa, Mittlerer Osten und Afrika verhält es sich Weiß (27%), Grau (22%), Schwarz (20%) und Silber (11%). Jedes fünfte Auto trägt dort also einen schwarzen Lack.
Woran liegt`s? „Bei Schwarz und Grau müssen Besitzer nicht argumentieren. Der Lack fällt nicht auf und eckt nicht an, zudem führt eine konservative Haltung in vielen Regionen weltweit zu einer konservativen Farbwahl“, erklärt Mark Gutjahr. Schwarz sei auch beliebt bei Händlern und Flottenmanager, viele argumentieren bei der Farbe mit einem anschließenden Wiederverkauf. Bei Investitionen wie einem Auto benötigen Kunden häufig eine Anleitung zum Kauf. Die komme häufig vom Händler – und der rät gerne zu Schwarz.
Daneben gebe es seit ein paar Jahren einen Trend der „Black Editions“ einiger Hersteller, bei dem neben dem Lack auch Leisten oder andere Bauteile schwarz lackiert werden. Wie bei Modellen von Audi, Porsche, Volvo, Rolls-Royce, BMW, Mercedes-Benz, VW oder Land Rover. „Das ist zwar eigentlich ein Tuning-Thema, sieht aber extrem sleek und clean aus und unterstreicht das Segment Sporty-Premium“, erklärt Mark Gutjahr.

Schwarzer Lack glättet zudem die Formen eines Autos, das Design wirkt neutraler. Farbe bleibt ein entscheidendes Element beim Fahrzeugdesign. Je nach Schwarzton wirke ein Auto dynamischer und aggressiver. „Der Lack muss aber zum Modell passen. Ein identischer Lack kann bei einem Kleinwagen völlig anders wirken als bei einem großen Sportwagen oder einem SUV“, sagt Mark Gutjahr. Viele Hersteller bieten dennoch einige Grundfarben für alle Modelle, dazu spezielle Lacke für jeweilige Modellreihen.
Doch Schwarz ist nicht gleich Schwarz. „Reine Uni-Lacke gibt es heute kaum mehr, der Trend geht auch bei Schwarz zu Effekten im Lack, zu mehr Tiefe und mehr Dunkelheit“, erklärt Mark Gutjahr. Manche Hersteller bieten nur noch Effektschwarz an. Zudem wird Schwarz schwärzer: Deep Black, Jet Black, Carbonschwarz, Saphierschwarz oder Smaragdschwarz. Beim berühmte Carbonschwarz schimmert je nach Sonne ein blauer Effekt durch den Lack. Das extrem tiefe Schwarz „Vantablack“, aus gerichteten Kohlenstoffnanoröhren – das schwärzeste Schwarz, das es gibt – absorbierte jegliches Licht, schluckt es wie ein schwarzes Loch. 2019 kleidet es einen Prototyp von BMW auf der IAA in München. „Der Lack ist aber sehr empfindlich und eignet sich nicht für die Serie, weil er durch einen Klarlacküberzug seine Eigenschaften verliert“, sagt Mark Gutjahr.

Neue Schwarztöne werden nicht nur schwärzer, sondern bieten auch hochwertige Effekte. Wenige Effekte sollen je nach Lichtverhältnissen und Sonneneinstrahlung den Lack zum Glitzern bringen. „Das muss aber dezent geschehen, sonst streuen die Effekte und der Lack wirkt nicht mehr glänzend, sondern staubig. Das will keiner“, sagt er. Tiefes Schwarz passe besonders gut auf sportliche Autos. Zu viele Effekte machen aus Schwarz eine Flipflop-Lackierung in anthrazit. Es kommt auf die richtige Mischung an.
Ideen für neue Lacksorten findet Mark Gutjahr mit seinem Team weltweit, wie auf Messen, Kongressen, Zeitschriften, Möbeln oder Architektur. Alles, was einen interessanten Ton oder eine besondere Oberfläche hat, wird auf einem Tablett gesammelt. Daraus entwickeln die Lackdesigner mit Lacklaboranten in mehreren Abstimmungsschleifen einen passenden Lack.
Gemeinsam mit Technikern kommen spezielle Pigmente oder visuelle Effekte hinzu, die glitzern und leuchten, mit feiner Struktur, im Idealfall hochglänzend. Daraus folgt ein Industrielack, der gemeinsam mit dem Kunden für die Produktion fertig entwickelt wird. Es folgen Kurzeit- und Langzeittests mit Steinschlag, Regen, Schnee, Salz und Sonne. Moderne Lacke sind technisch komplex: Statt mit einer Einschichtlackierung werden Autos heute mit bis zu fünf Schichten überzogen. Zwei bis drei Jahre benötigt das Team für die Entwicklung eines neuen Lackes – vor dem Produktionsstart eines neuen Modells.

Auch aus nachwachsenden Rohstoffen entwickelt BASF Coatings neue Farbpigmente, wie bei einem Fermentationsprozess. Der „Harbingers Ink“ ist ein tiefschwarzer Farbton mit einem beeindruckenden Glitzereffekt, der durch die Kombination von CO2-negativen und nachwachsenden Komponenten mit biologisch abbaubaren Pigmenten verstärkt wird.
Derzeit entwickelt Mark Gutjahr an einem Schwarzton, der sehr clean wirkt, dazu einen neuen Effekt integriert. „Der Lack wird sehr cool aussehen und kommt nächstes Jahr auf den Markt“, sagt er. Ob er seinen eigenen Oldtimer damit lackieren lassen würden? Eher nicht. Sein Porsche 924S trägt noch den Originallack. In Nougat-Braunmetallic.
TEXT Fabian Hoberg