Flavio Briatore. Der letzte Zampano.

Wie die Rückkehr von Flavio Briatore dem Formel-1-Projekt von Alpine frischen Wind, eine neue Richtung und mehr denn je die Hoffnung auf Erfolg zurückgegeben hat.

Wenn man im Duden nach dem Wort „Zampano“ sucht, dann bekommt man folgende Wortbedeutung: „Mann, der durch übertriebenes, prahlerisches Gebaren beeindrucken will oder den Eindruck erweckt, Unmögliches möglich machen zu können.“

In der Formel 1 hat kein Mann dieses Mantra des Zampanos im Verlauf seiner Karriere so verkörpert wie Flavio Briatore, der bereits in den 1990ern mit seinem Freund und Kupferstecher Bernie Ecclestone schaltete und waltete, wie er wollte. Ecclestone wurde 2016 durch das US-Unternehmen Liberty Media vom Schalthebel der Königsklasse gedrängt. Briatore, geboren 1950 im italienischen Verzuolo, feierte im Sommer vergangenen Jahres sein Comeback in der Formel 1 – mit 74 Jahren.

Der Anruf von Renault-Geschäftsführer Luca de Meo, ebenfalls Italiener, war Ausgangspunkt einer besonderen Rückkehr, die so nicht absehbar war. Spulen wir das Rad der Zeit ein bisschen zurück: Briatores Weg in die Geschäftswelt war ein besonderer – neudeutsch würde man „self-made“ sagen.

Sein Selbstbewusstsein zeichnete den Lebemann seit jeher aus. Verurteilt zu diversen Haftstrafen wegen Betrugs? Kein Problem, er blieb einfach ein bisschen länger im Ausland und konnte sie so nach einer Amnestie umgehen. Lebenslange Sperre in der Formel 1 aufgrund von „Crashgate“, als er beim Großen Preis von Singapur im Jahr 2008 seinen Fahrer Nelson Piquet Jr. angewiesen hatte, absichtlich in die Wand zu fahren, um dem frisch gestoppten Fernando Alonso zu ermöglichen, das Rennen zu gewinnen? Nach Berufung einkassiert.

Man bekommt den Eindruck, dass Briatore mit allem davonkommt, was er so macht. Und ein bisschen ist das auch so, aber es ist vor allem der Charme, das Charisma, diese einnehmende und zuvorkommende Art, die ihn so erfolgreich gemacht hat. Briatore war stets umtriebig, auch als er aus der Formel 1 ausscheiden musste. So sind Ecclestone und er 2007 Miteigentümer des englischen Fußballclubs Queens Park Rangers geworden, als sich Multimilliardär Lakshmi Mittal 20 Prozent der Anteile sichern konnte. Nach der FIA-Strafe wurde auch seitens des englischen Fußballverbands eine Untersuchung eingeleitet, Briatore beendete seine Teilhaberschaft allerdings im Februar 2010, bevor sie ihn bestrafen konnten. Er selbst würde „nie wieder in einen Fußballclub investieren“, sagte Briatore zu seinem Abstecher später in diversen Interviews.

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Des Weiteren ist Briatore Inhaber verschiedener Nachtclubs an Orten für die Reichen und Schönen, führt Restaurants und ihm gehört eine Modelinie namens „Billionaire Italian Couture“. Er konnte seine Formel-1-freie Zeit demnach produktiv nutzen und so nie Rost ansetzen. Auch gesundheitliche Probleme wie ein bösartiger Tumor an Briatores linker Niere, der 2006 operativ entfernt wurde, oder ein gutartiger Tumor am Herzen im Jahr 2024, der ebenfalls erfolgreich operiert wurde, konnten ihn nicht einbremsen.

ZUR PERSON
Flavio Briatore (*12. April 1950 in Verzuolo, Italien) ist ein italienischer Unternehmer und Motorsport-Manager. Als Teamchef führte er die Formel-1-Teams Benetton (1989–1997) und Renault (2000–2009) zu mehreren Weltmeistertiteln. 2009 trat er aufgrund der „Crash-Gate-Affäre“ zurück, wurde lebenslang von der FIA gesperrt, jedoch 2010 rehabilitiert. Briatore war mit Heidi Klum liiert und ist der leibliche Vater ihrer Tochter Leni, die später von Seal adoptiert wurde. 2008 heiratete er das Model Elisabetta Gregoraci, mit der er einen Sohn hat; die Ehe hielt bis 2017. Bekannt für seinen luxuriösen Lebensstil, betreibt exklusive Clubs wie den „Billionaire Club“ und ist Miteigentümer des Fußballclubs Queens Park Rangers. 2024 kehrte er als Berater zum Alpine F1 Team zurück.

Bei der großen Präsentation der Formel-1-Boliden der Saison 2025 in London, einem noch nie dagewesenen Event, bei dem alle zehn Teams ihre, wohlgemerkt, Lackierungen vorgestellt haben, hat Alpine sich ein kleines Studio gemietet, um ganz exklusiv das Design am neuen Alpine A525 vorzustellen. Im Mittelpunkt nicht etwa die beiden Fahrer Pierre Gasly und Jack Doohan, auch nicht Renault-CEO Luca de Meo oder Teamchef Oliver Oakes, sondern Flavio Briatore. Jeder wollte mit ihm sprechen, jeder wollte was von ihm wissen. „Als ich nach Enstone [in die Fabrik des Alpine-Formel-1-Teams] kam, waren da Leute, die Rennautos gebaut haben. Jetzt sind es Racer, die erfolgreich sein wollen“, sagte Briatore auf die Frage hin, wie es sich anfühlte, als er die Hallen, in denen er bereits Weltmeisterschaften mit Michael Schumacher und Fernando Alonso feiern durfte, wieder betreten hat.

DIE RETTUNG FÜR ALPINE?

Briatore wurde geholt, um das Team wieder auf Vordermann zu bringen, weil man seit dem Wiedereinstieg der Marke Renault in der Saison 2016 den eigenen Erwartungen stets hinterhergefahren ist. Geschasste Teamchefs mit großen Plänen wie Cyril Abiteboul, jetzt Motorsport-Chef bei Hyundai, der den „Fünf-Jahres-Plan“ ausrief. Oder Otmar Szafnauer, ein erfahrener Mann im Formel-1-Zirkus, der nach „100 Rennen“ erfolgreich sein wollte. Eine Formel-1-Saison hat mittlerweile übrigens 24 Rennen, also die Rechnung kommt ungefähr aufs Gleiche raus, aber genau da lag das Problem. Das Unternehmen wirkte führungslos und orientierungslos, da musste eine neue starke Hand her und es sollte die Hand sein, die schon für so viele Erfolge gesorgt hat: die von Flavio Briatore.

Keine Widerrede übrigens von de Meo auf Briatores Einordnung: „Er ist der Boss“ – der Boss, der den Laden umgekrempelt hat. Weg mit der Renault-Motorenfabrik nach der Saison 2025, hin zu einer Partnerschaft mit Mercedes, dem mutmaßlich stärksten Aggregat in der neuen Motoren-Ära ab 2026 – zumindest sagen das Experten.

Neue Partnerschaften mit Traditionsunternehmen wie Eni, dem Mineralöl-Giganten aus Italien, dessen Löwe in dieser Saison groß auf der Motorhaube des Alpines prangt. Aber es hat sich auch viel verändert, wie Briatore auf Nachfrage offenbarte: „Im Gegensatz zu früher braucht es 25 statt fünf Partner, um das gleiche Geld zu verdienen.“

Das sieht man auch auf den Werbetafeln des Teams, die übersät sind mit Sponsoren aus verschiedenen Branchen: Uhrenhersteller, Krypto, Software. Vorbei die Zeit von „big tobacco“, als man auf dem Auto einen großen Tabakkonzern hatte, der einem fast das ganze Jahr durchfinanziert hat. „Auf eine Weise ist es einfach, diese Partner an Land zu ziehen, weil man viele Fanartikel verkauft und man viele Marketing-Aktivitäten zusammen macht, aber es ist auch schwieriger, weil man heute viel mehr Geld braucht, um das Rennfahren zu finanzieren“, so Briatore weiter.

Flavio Briatore Michael Schumacher
An der Seite von Flavio Briatore holte Michael Schumacher seine ersten Titel

Die Finanzierung des Formel-1-Teams stand für viele Experten generell auf der Kippe, von einem Verkauf war die Rede. Im Oktober 2023 machte Alpine Schlagzeilen damit, dass man für 200 Millionen Dollar rund 24 Prozent der Anteile am Formel-1-Projekt an ein Investoren-Konsortium verkauft hat. Involviert darin sind unter anderem Spitzensportler wie Rory McIlroy (Golf), Patrick Mahomes (American Football) oder auch der Hollywood-Schauspieler Ryan Reynolds. Gerüchte über den kompletten Verkauf wurden von Renault-Boss de Meo aber auch in London erneut runtergespielt: „Wir wollten niemals irgendwas verkaufen. Ich wollte nur dafür Sorge tragen, dass das Projekt funktioniert, auch finanziell. Dafür haben wir einige Schritte gemacht, zum Beispiel die Ablösung der Motorenabteilung und eine neue Partnerschaft [mit Mercedes] plus die neuen Sponsoring-Partnerschaften. Ich glaube, die Kennzahlen jetzt sind mehr als akzeptabel für eine Gruppe wie Renault. Wir haben kein Geldproblem.“

Keine Geldprobleme, aber in der Formel 1 auch noch immer keinen durchschlagenden Erfolg. Auch dabei will Briatore mit seinen Fähigkeiten als Talentsichter mitarbeiten. Hat er doch damals bereits mit einem klugen Vertragskniff Michael Schumacher frühzeitig zu Benetton gelotst oder auch Fernando Alonsos Talent schnell erkannt, könnte der neue Star Franco Colapinto aus Argentinien heißen. Der bringt nicht nur Speed und Talent, sondern auch zahlungskräftige Sponsoren mit, muss sich aber noch gedulden, denn aktuell sitzt Briatore-Schützling Jack Doohan im Auto, dem aber keine lange Formel-1-Karriere vorhergesagt wird. Er könnte bereits nach wenigen Rennen ausgetauscht werden.

BLICK HINTER DIE KULISSEN

In der Netflix-Dokuserie „Drive to Survive“, die sich bereits in der siebten Staffel befindet und die Formel 1 unter die Lupe nimmt, sagt Briatore zu Doohan: „Ich kontrolliere dich jeden Millimeter“, es klingt wie eine Drohung. „Ich gebe sehr viel Unterstützung für die Fahrer, die mir das geben, was ich von ihnen erwarte“, sagte Briatore in London, „es ist der Job. Egal, welchen Job du hast, du versuchst immer der Beste zu sein.“ Für Doohan gelten dann wohl die gleichen Bedingungen wie für alle, wenn er nicht gut genug ist, fliegt er raus.

Aber so ist Briatore eben, so war er immer. Er will Kontrolle, er will Macht, er will der Entscheider sein. Ganz der Zampano eben, der übertrieben rüberkommt, mit extravaganten Frauen wie Heidi Klum, dessen leibliche Tochter Leni jetzt ebenfalls erfolgreiches Model ist, Naomi Campbell oder seine aktuelle Ehefrau, die 30 Jahre jüngere Elisabetta Gregoraci, mit der Briatore einen Sohn hat.

Ein Zampano, der mit seinem Reichtum prahlt und für den Außenstehenden den Eindruck erweckt, das Unmögliche möglich machen zu können. Und auch wenn es nicht so scheint, für Alpine bzw. Renault schien es bisher unmöglich zu sein, in der Formel 1 wirklich nachhaltig im Konzert der ganz großen Teams – Red Bull Racing, Ferrari, Mercedes oder jetzt auch McLaren – mitzumischen. Mit dem 74-jährigen Altmeister, dem letzten echten Zampano der Königsklasse, soll sich das ändern. Nach außen hin bescheidener, aber dennoch mit all dem Selbstbewusstsein, das sich der Italiener in über 30 Jahren im Geschäft angeeignet hat. Und auch wenn es so wirken könnte, dass Briatores Art aus der Zeit gefallen ist, kann man feststellen, dass ein Zampano kein Alter kennt – auch, wenn er der wohl letzte seiner Art ist.

TEXT Kevin Scheuren
FOTOS Alpine & McKlein

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WALTER Magazin.