Michael Mauer. 20 Jahre Porsche Designer.

Vor zwei Jahrzehnten wechselt Michael Mauer als Designer zu Porsche. Seitdem hat er nicht nur die Optik der Fahrzeuge, sondern auch das Markenimage kontinuierlich weiterentwickelt. Ein Blick zurück auf seine Autos und Karriere.

Was für ein Schritt. Von Limousinen zu der Sportwagenmarke schlechthin. Vor zwanzig Jahren vollzieht Michael Mauer einen bedeutenden Karrieresprung: Von seiner Arbeit bei Saab wechselt er 2004 zu Porsche, um dort als Design-Chef zu wirken. Kein leichter Schritt. Rückblickend erinnert er sich: „Natürlich gab es hinter vorgehaltener Hand Zweifel, ob ich der Richtige bin. Aber Wendelin Wiedeking hat mich engagiert.“ Und was der Porsche-Chef sagt, war im Haus Gesetz.

Die Entscheidung Wiedekings sollte sich als absolut richtig erweisen. Denn seit zwei Jahrzehnten prägt Michael Mauer das Design der Porsche-Modelle, arbeitet nun unter dem vierten CEO und gehört damit zu den am längsten amtierenden und einflussreichsten Designern in der Automobilbranche. 

Seine Entwürfe kommen an. Porsche hat sich wirtschaftlich in den vergangenen zwanzig Jahren prächtig entwickelt: Verkauften die Stuttgarter 2004 mit vier Modellen (911, Carrera GT, Boxster und Cayenne) rund 81.000 Autos pro Jahr, waren es vergangenes Jahr 320.000 Autos aus sechs Modellreihen. Auch sein Verdienst.

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Es ist aber nicht so, dass Michael Mauer erst bei Porsche lernt, wie man schöne Autos gestaltet. Der damals 42-Jährige kann vor seinem Antritt bei Porsche schon auf eine beachtliche Karriere blicken. Er studiert Automobildesign an der Fachhochschule Pforzheim und arbeitete anschließend für Mercedes-Benz, designt die Roadster SLR und SL, aber auch die kompakte A-Klasse, und wird Chefdesigner bei Smart. 2000 wechselt der Designer zu Saab, damals noch unter GM-Flagge, und kreiert den 9-3 und das Konzeptauto 9X.

Dann folgt der krasse Wechsel. Seit 2004 leitet Michael Mauer nun die Designabteilung der Porsche AG, heute bekannt als „Head of Style Porsche“. Damit wird er der vierte Chefdesigner bei Porsche, nach F. A. Porsche, Anatol Lapine und Harm Lagaaij. Zwischen 2016 und 2020 übernimmt Mauer zusätzlich die Leitung des Designs der Volkswagen AG. Der damalige VW-Chef Herbert Diess sägt ihn ab, VW- und Porsche-Chef Oliver Blume holt ihn 2023 wieder in den Konzern zurück – er weiß schließlich, was er an ihm hat.

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Zu seinen ersten Kreationen bei Porsche gehörten der 911 (997) GT3 und die dazugehörigen RS-Modelle, zu seinen bedeutungsvollsten Modellen Taycan, Macan und 997. Parallel dazu entwickelte Mauer mit seinem Team den ersten Panamera und die erste Serien-Limousine. Für Porsche ein völlig neues Auto in einem unbekannten Segment. „Es war eine besondere Herausforderung, den typischen Porsche-Stil in eine neue Karosserieform zu übertragen. Aber die Analyse neuer Aufgaben und die Entwicklung von Lösungen gehört zum Job eines Designers“, sagt Michael Mauer bescheiden.

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Beim Panamera mit Frontmotor übernimmt er traditionelle Designmerkmale des Hecktrieblers 911, wie die geschwungenen Karosserieformen und die markanten Schultern über den Hinterrädern. Neben dem Erscheinungsbild legt Mauer großen Wert darauf, dass jedes Porsche-Modell Emotionen weckt, auch durch Haptik und Akustik, wie etwa die Geräusche von Schaltern oder Knöpfen. „Ein Porsche soll alle Sinne ansprechen“, betont er. Und wie. Der Designer ist kein Mann der lauten Worte, eher bedächtig und zurückhaltend.

Die Porsche-Design-Philosophie baut auf der langen Geschichte der Marke auf, die geprägt ist von Renn- und Sportwagen mit Heckantrieb. Fahrzeuge aus Stuttgart-Zuffenhausen heben sich durch zurückhaltendes, reduziertes und puristisches Design ab, das sich stetig weiterentwickelt, ohne auf aggressive Details zu setzen. Dabei setzen sie auf extreme Sportlichkeit, die auch dem Jugendlichen Walter Röhrl gefällt. Sein älterer Bruder rät ihm schon früh: „Merk dir eins: Spar so lange, bis du ein gescheites Auto kaufen kannst. Ein gescheites Auto ist ein Porsche.“

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Dabei bleibt der 911 das Herzstück der Marke. „Alles leitet sich von ihm ab“, sagt Mauer. Marken mit einer starken Tradition benötigen eine kontinuierliche Evolution, keine Revolution. „Der Nachfolger eines 911 baut immer auf seinem Vorgänger auf, ohne die bisherigen Kunden abzuschrecken“, erklärt der Designer. Gleichzeitig muss ein neuer 911 als eigenständiges Modell erkennbar sein.

Dafür entscheidend ist eine richtige Design-Strategie. „Diese Strategie ist wie ein Kompass, der nur die Richtung vorgibt, ohne die exakten Koordinaten wie ein Navigationssystem festzulegen“, erklärt Mauer. Denn das wäre das Ende jeder Kreativität. „Der kreative Prozess ist Teamarbeit, aber am Ende trage ich die Verantwortung“, erklärt er. Eine nicht einfache Aufgabe, bedenkt man, dass der Erfolg eines Autos – und damit viele Arbeitsplätze – oft vom Design abhängt.

Die Philosophie der konsequenten Weiterentwicklung zeigt sich unter anderem in den Scheinwerfern und dem Heck-Leuchtenband: Während bei früheren Elfer-Modellen ein breiter, schmaler Reflektor zwischen den Rückleuchten saß, wird es bei aktuellen Modellen beleuchtet.

Zur Person

Michael Mauer arbeitet seit 2004 als Designchef bei Porsche, als Nachfolger von Harm Lagaay. Bis dahin ist es ein stringenter Weg des gebürtigen Hessen. Nach dem Abi studiert Michael Mauer bis 1986 Automobildesign an der Fachhochschule Pforzheim. 1989 tritt er in den Daimler-Konzern ein, entwirft unter anderem SLK-, SL- und A-Klasse. 1998 übernimmt Mauer die Leitung des Mercedes Benz Advanced Design Studio in Japan, wechselt aber ein Jahr später zurück nach Deutschland, um MCC Smart Design-Chef zu werden. Doch die Marke scheint ihm zu klein zu sein, 2000 nimmt er den Job des Executive Director Design bei Saab an. Dort verantwortet er die Studien des Saab 9X und Saab 9-3. Etwa vier Jahre arbeitet er bei der GM-Tochter, als er den Ruf von Porsche erhält. Als vierter Designchef überhaupt verantwortet er direkt die karosseriemäßige Überarbeitung des Cayenne 2007, den Porsche Panamera sowie den 918 Spyder. Seitdem kreiert er mit seinem Team alle Porsche-Modelle. Mitte Dezember 2015 bis April 2020 wird Mauer zusätzlich mit der Leitung des Konzernbereichs Design der Volkswagen AG betraut. Die Aufgabe erhält er ab 2023 wieder zurück – zusätzlich zu seiner Rolle als langjähriger Porsche Designchef.

Bei der Entwicklung eines neuen Modells steht am Anfang die Frage, wohin es sich entwickeln soll. „Dazu gehören technische Vorgaben, vorgegebene Proportionen und das Package“, erläutert Mauer. Rund 150 Mitarbeitende, darunter 50 Designer für Interieur und Exterieur, arbeiten an neuen Vorschlägen, die immer schneller vorliegen. Dauerte es vor 20 Jahren ein paar Wochen, um ein Modell zu überarbeiten, rendert der Computer nun über Nacht ein neues Modell.

Das Design entwickelt sich ständig weiter, die Linien werden schärfer, und aus weichen Formen entstehen markante Kanten. Diese Entwicklung ist auch der fortschreitenden Fertigungstechnik zu verdanken. Moderne Produktionsanlagen ermöglichen es den Designern, präzisere und kantigere Blechteile zu gestalten.

Der neue elektrische Macan knüpft bewusst an das erfolgreiche Design seines Vorgängers an und bleibt der Porsche-Designsprache treu. Er ist das erste Modell, das Porsche aus einer etablierten Produktidentität heraus elektrifiziert. „Trotz des neuen Antriebs ist der neue Macan wieder eindeutig als Macan erkennbar“, sagt Mauer.

Auch Porsche kann sich nicht völlig den Design-Trends entziehen. Als globaler Hersteller muss die Marke den Geschmack und die Erwartungen internationaler Kunden treffen, dabei aber stets ihren eigenen Charakter bewahren. Für den asiatischen Markt sind etwa ein umfangreiches User Interface und ein großes Entertainment-Angebot wichtig. „Wir wollen jedoch keine riesigen Displays, die das ganze Armaturenbrett dominieren. Wir wollen uns bewusst abheben und Lösungen schaffen, die zur Marke passen“, sagt er. Deshalb kombinieren die Designer analoge und digitale Anzeigen. Auch wenn der Bedarf an Infos in Bildschirmen größer wird – riesige Displays oder ein Bildschirm auf Rädern sieht der Designer nicht. Schließlich gebe es noch Sprachsteuerung oder Projizierungen auf Scheiben. Porsche-Fahrer sollen Porsche fahren. Und nicht permanent daddeln.

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Gleichzeitig dürfen Designer die aktuellen Trends nicht aus den Augen verlieren und müssen die richtige Balance finden. Kleine Design-Teams blicken abseits der Serienproduktion in Studien zehn Jahre in die Zukunft und überspringen dabei einige Modellgenerationen.

Eine der größten Herausforderungen im Fahrzeugdesign sieht Mauer neben der Digitalisierung in den gesetzlichen Vorgaben, wie dem Fußgängerschutz. „Wir Designer planen einige Jahre im Voraus und müssen bedenken, was sich gesetzlich noch ändern könnte“, sagt er. Hinzu kommt die Entwicklung der Batterietechnologie – für einen Sportwagenhersteller eine echte Herausforderung.

Komplette Fahrzeuge entwirft Michael Mauer heute nicht mehr. Stattdessen konzentriert er sich auf die strategische Ausrichtung der Marke Porsche und die Weiterentwicklung der Design-Philosophie. Als Chefdesigner des VW-Konzerns unterstützt er zudem die visuelle Positionierung der einzelnen Marken – als Diplomat auf verschiedenen Seiten. Seiner Meinung nach muss ein guter Designer ein Verhandler seiner Ideen und ein Charismatiker sein. Nur so könne er sein Team und seine Vorgesetzten überzeugen.

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Mauer schätzt kleine, sportliche und reduzierte Fahrzeuge, wie den Boxster Spyder RS, der ihn an den historischen 550 Spyder erinnert. Mit einem Lächeln verrät er: „Es gibt viele spannende Konzepte in der Pipeline.“ Auch wenn er noch nichts Konkretes über kommende Modelle preisgeben kann, freut er sich bereits auf den Nachfolger des Boxster 718 – ein reiner Elektrosportwagen mit modernem Design, das ganz im Sinne von Porsche steht: anders als sein Vorgänger, aber dennoch typisch Porsche. Als Kombination aus Tradition mit Innovation.

TEXT Fabian Hoberg für WALTER #22
FOTOS Porsche

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