Mercedes-Doppelsitzer ohne Windschutzscheibe.

Den Weg zum Friseur kann man sich getrost sparen – zumindest, wenn man mit einem Supersportwagen von Mercedes unterwegs ist. Die Ahnenreihe der Sternenboliden, die ohne Dach und Windschutzscheibe unterwegs waren, ist länger als gedacht.

Der Fahrwind drückt einem die Gesichtszüge nach hinten und im Hintergrund bollert ummantelt vom brausenden Fahrtwind ein mächtiges Triebwerk. In kaum einem anderen Fahrzeug ist man den Wirren des Wetters mehr ausgeliefert als im SLR Stirling Moss, mit dem Mercedes 2009 die SLR-Baureihe krönte.

„Wir wollten die SLR nicht mit einer gewöhnlichen Final Edition, anderem besonderen Lack oder modifiziertem Interieur beenden. Was herausgekommen ist, sieht man hier“, erläuterte Detlef Bathelmes, seinerzeit verantwortlich für die Nobelbaureihen SLR und Maybach im Hause Mercedes, „die Entwicklung hat zwei Jahre gedauert.“ 

Mercedes SLR Stirling Moss

Die Ingenieure im britischen McLaren-Werk Woking schneiderten dem potenten Supersportler einen engen Rennanzug auf den Leib, der 75 auserwählte Kunden auf Anhieb das Scheckbuch ziehen ließ. 750.000 Euro plus Mehrwertsteuer kostet damals der Spaßmacher mit der internen Bezeichnung Z199 und das Geld war gut angelegt, obschon die Windschutzscheibe fehlte. Die Frisur ist bereits bei Tempo 50 futsch und auch sonst meint es der fast schon futuristisch anmutende Renner nicht gerade geruhsam mit seinen Insassen.

Der SLR Stirling Moss ist ein Power-Roadster, wie er puristischer kaum sein könnte. Dach oder Windschutzscheibe fehlen völlig und auch die Türen sind mehr Einstiegshilfe, denn Schutz gegen äußere Einflüsse. Unter der ebenso langen wie flachen Motorhaube arbeitet der bekannte Kompressor-V8 aus dem SLR 722, der Dank nur 1,5 Tonnen Leergewicht und stattlich bollernder 650 PS zur Rakete mutiert. Topspeed: 350 km/h.

Mercedes SLR Stirling Moss 1

Dabei erinnert der Mercedes SLR Stirling Moss an den Husarenritt des britischen Piloten bei der Mille Miglia des Jahres 1955. Hier legte Moss in einem offenen Mercedes 300 SLR die 1.600 Kilometer lange Strecke von Brescia – Rom – Brescia in kaum mehr als zehn Stunden zurück. Natürlich ebenfalls ohne Windschutzscheibe. Zusammen mit Journalist Jenkinson schaffte Stirling Moss die rund 1.600 Kilometer lange Mille-Strecke in kaum mehr als zehn Stunden.

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Ähnlich wie es Rallyefahrer seit Jahrzehnten kennen, hatte sich Moss zusammen mit seinem Beifahrer umfangreiche Aufzeichnungen über Streckenführung, Kurven und Fahrbahnbelag gemacht und diese auf eine Rolle drucken lassen, die während der zehn Stunden Fahrzeit Kilometer für Kilometer abgespult wurde. Vom Mercedes 300 SLR wurden nur neun Fahrzeuge gebaut. Das Fahrzeug mit der Seriennummer zehn auf dem Getriebetunnel ist der letzte gebaute SLR mit der langen Hockenheim-Übersetzung. 

Mercedes 190 SL Rennversion 1

Erst in diesem Jahr hat Mercedes AMG einen neuen Supersportler neu auflegt – sehr exklusiv, über 920.000 Euro teuer und natürlich ohne Windschutzscheibe. Sein Name: AMG Purespeed. Der wohl spektakulärste Mercedes SL aller Zeiten. Ganz neu ist die Idee mit dem Mercedes AMG Purespeed nicht, denn der offene Doppelsitzer mit dem abgefahrenen Halo-Bügel kann die Verwandtschaft zum legendären Mercedes 300 SLR oder dem Kleinserienmodell SLR Stirling Moss kaum verhehlen. Auch der Purspeed verzichtet auf Dach, Scham und statt der üblichen Windschutzscheibe strahlt eben der Sicherheitsbügel, der nicht allein in Sachen Design eine Verbindung zu den Formel-1-Boliden von George Russel und Kimi Antonelli herstellen soll. 

Wer meint, dass er den Mercedes AMG Purespeed irgendwo schon einmal gesehen hat, irrt nicht. Der Kleinserienhersteller Bussink aus den Niederlanden bot vor Jahren ein ähnliches Fahrzeug als Bussink GTR Speedlegend in minimalen Stückzahlen und auf ganz besonderen Kundenwunsch an. Doch nun macht sich AMG das Konzept eines puristischen Spaßroadsters ohne Scheibe oder Dach selbst zu eigen und legt den Purespeed in einer überraschend großen Stückzahl von 250 Fahrzeugen auf. Kosten: 922.000 Euro – inklusiv der speziell angepassten Integralhelme, denn der AMG Purespeed lässt sich mit einer Sonnenbrille allein bis maximal Tempo 60 fahren – dann wird es mehr als ungemütlich. 

AMG Pure Speed

Der Antrieb des rund 1,9 Tonnen schweren Mercedes AMG Purespeed ist kaum weniger spektakulär als sein Design, denn der aufgeladene V8 unter der Haube leistet aus SL und GT bekannte 585 PS und heftige 800 Nm Drehmoment, die den Schwaben unter einem bassigen Stakkato nach vorne pressen. Bis maximal 315 km/h.

Als ob der Mercedes 300 SL als Flügeltürer oder Roadster nicht schon grandios genug wäre – es geht eben noch schärfer. Der Mercedes 300 SLS O’Shea ist eine wahre Rarität, von der allein zwei Modelle gab. Die offene Rennversion des 300ers, benannt nach Rennfahrer Paul O’Shea, basiert auf dem coolen 300er Roadster, wurde für den erfolgreichen Einsatz auf der Rundstrecke jedoch überaus umfangreich modifiziert. So fehlt ihm nicht nur das Dach, sondern eben auch die Windschutzscheibe. Eine kurze Windlippe soll den Fahrer ebenso vor den schlimmsten Umwelteinflüssen bewahren wie der Einbügel hinter dem wohl konturierten Sportsitz.

Mercedes 300 SLS OShea 2

Dazu fehlen Stoßstangen und verschiedene Komfortdetails der rollende Sternenlegende. Statt der üblichen 1,3 Tonnen bringt der Mercedes 300 SLS O‘Shea so gerade einmal noch 970 Kilogramm auf die Waage – zusammen mit dem Leistungsnachschlag auf 235 PS statt der üblichen 215 PS perfekte Dreingaben für eine unvergleichliche französische Nacht auf dem Rennkurs von Le Mans.

Ohne Windschutzscheibe geht es übrigens auch gemächlicher. Bestes Beispiel ist der Smart Crossblade, der 2001 seine Premiere feierte und eine abgespeckte Version des Fortwo Cabrios war. Von Karosserieunternehmen Binz produziert, bot der offene Zweisitzer ohne Dach und Windschutzscheibe ein puristisches Fahrgefühl und spätestens ab Tempo 30 bot es sich an, eine Sonnen- oder besser Skibrille aufzusetzen. Von dem „nackten“ Crossblade wurden knapp 2.000 Fahrzeuge verkauft – damals zu Preisen von rund 25.000 Euro. Vor einem Regenschauer mussten sich die Insassen bei wetterfester Kleidung übrigens nicht fürchten: der Smart Crossblade ist wasserfest und mehrere Abläufe im Innern verhindern etwaige Pfützen.

Smart Crossblade 1

Sportliche Sternen-Modelle ohne Dach und Windschutzscheibe waren vor dem Ersten Weltkrieg völlig normal und die Modelle sind nahezu ungezählt. Besonders erfolgreich: der Benz Prinz Heinrich Tourenwagen aus dem Jahre 1910. Augenscheinlich spielte die Aerodynamik Anfang des 20. Jahrhunderts bereits eine gewichtige Rolle und so präsentiert sich der offene Sportler mit seinem zugegeben begrenzten Platzangebot für bis zu vier Personen als eine Mischung aus Rennwagen, Badewanne und Zigarre mit obligatorisch freistehenden Pneus und verkleidetem Wasserkasten am Kühler.

Benz Prinz Heinrich 5.jpg

Statt des verbreiteten Kettenantriebs ist der Prinz-Heinrich-Benz erstmals mit einem innovativen Kardanantrieb unterwegs. Für den Antrieb sorgt ein 80 PS starker Vierzylinder, mit seinen üppigen 5,7 Litern Hubraum allemal gut für Dauertempo 120. Seinerzeit immerhin das erste Triebwerk seiner Klasse als Vierventiler. Durch die fehlende Windschutzscheibe wird es auch beim ihm ab Tempo 40 ungemütlich und eine dicke Jacke nebst Schal seien selbst vor kürzeren Touren als die knapp 2.000 Kilometer lange Prinz-Heinrich-Fahrt auch empfohlen – wärmstens.  

TEXT Stefan Grundhoff

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