Wenn Frank Stephenson über Autodesign spricht, lohnt es sich zuzuhören. Der Brite war an der Gestaltung des ersten BMW Mini, des Maserati MC12, mehrerer Ferrari-Modelle und des McLaren P1 beteiligt. Er kennt sich also mit schönen Autos aus. Was ihn allerdings nicht daran hindert, eines der aufwendigsten Designprojekte der jüngeren Ferrari-Geschichte für ziemlich misslungen zu halten.

In einem Beitrag für das britische Magazin Top Gear bezeichnet er den neuen Ferrari Luce als einen „gut ausgeführten, beliebig aussehenden Fehler im Automobildesign“. Noch etwas deutlicher wird er beim Vergleich mit einem gebrauchten Stück Seife, dem jemand vier Räder angeschraubt hat.
Das ist eine bemerkenswert deutliche Abrechnung mit einem Auto, dessen Gestaltung Ferrari ausgerechnet zwei der bekanntesten Industriedesigner der Welt anvertraut hat. Jony Ive, einst verantwortlich für das Erscheinungsbild zahlreicher Apple-Produkte, und sein Partner Marc Newson haben mit ihrem Designkollektiv LoveFrom sowohl das Exterieur als auch den Innenraum des Luce gestaltet. Im Mai 2026 wurde das fertige Auto vorgestellt: ein fünfsitziger Ferrari mit vier Türen, mehr als 1.000 PS und einer Formensprache, die mit den gewohnten Proportionen aus Maranello wenig gemein hat.
Wo ist das Ferrari-Gesicht geblieben?
Stephenson stört sich vor allem daran, dass die Karosserie kaum eigenständige Merkmale besitzt. Die Front sei gesichtslos, die Seitenlinie ohne Spannung. Die dunklen Einfassungen der Radhäuser würden den Wagen optisch höher erscheinen lassen, fast wie einen Geländewagen. Auch die schwarze Fläche auf der vorderen Tür kommt schlecht weg. Sie erinnert Stephenson eher an ein technisches Gerät aus Cupertino als an ein italienisches Sportautomobil.

Am Heck findet er kaum etwas, das seine Meinung ändern könnte. Vier runde Rückleuchten sollen offenbar an frühere Ferrari-Modelle erinnern, doch für Stephenson reicht diese Anspielung nicht aus. Immerhin entdeckt er einen gelungenen Ansatz: Die durchgehende Fläche, die von der Front über den Bereich unter dem aerodynamischen Flügel der Motorhaube bis zur Windschutzscheibe reicht, nutzt die gestalterischen Freiheiten des elektrischen Antriebs. Wo kein großer Verbrennungsmotor untergebracht werden muss, lassen sich eben andere Formen verwirklichen.
Im Cockpit wird der Kritiker milder
Ausgerechnet im Innenraum, wo die Handschrift von Jony Ive besonders deutlich zu erkennen ist, wird Stephenson versöhnlicher. Die Anordnung der Bedienelemente und deren handwerkliche Ausführung hält er für ausgezeichnet. Tatsächlich haben sich die Designer bei den Instrumenten, mechanischen Schaltern und Drehreglern viel Mühe gegeben. Statt sämtliche Funktionen auf einem möglichst großen Touchscreen zu versammeln, setzt der Luce auf physische Bedienelemente mit spürbarer Rückmeldung. Ive selbst hat sich wiederholt gegen die Dominanz von Touchscreens im Auto ausgesprochen.

Allerdings sieht Stephenson hier eher das Cockpit eines komfortablen Familienwagens als den Arbeitsplatz eines Ferrari-Fahrers. Und damit sind wir beim eigentlichen Streitpunkt. Muss ein Ferrari auch ohne Markenemblem sofort als Ferrari erkennbar sein? Oder darf sich eine Marke, deren Identität jahrzehntelang von Verbrennungsmotoren und den entsprechenden Fahrzeugproportionen geprägt wurde, mit einer völlig neuen Antriebstechnik auch gestalterisch neu erfinden?

Ferrari und LoveFrom haben sich bewusst für Letzteres entschieden. Eine Rückbesinnung auf vertraute Formen war offenbar nicht das Ziel. Stephenson hält dagegen, dass ein neues Antriebskonzept noch lange keinen Verzicht auf eine unverwechselbare Markenidentität rechtfertigt.