Tuthills? Nie gehört? Keine Schande, damit sind Sie nicht alleine. Tuthills ist ein britisches Familienunternehmen, das außer ein paar gut informierten Porsche-Enthusiasten bisher kaum jemand auf dem Schirm hatte. Das hat sich mit dem GT ONE geändert. Die Präsentation des Supersportwagens ausgerechnet während der weltberühmten „Car Week“ im kalifornischen Monterey machte Richard Tuthill und seine Mannschaft mit einem Schlag in der Supersportwagen-Szene bekannt.
Krasser könnte der Kontrast zur US-Westküste kaum sein. Wardington, Grafschaft Oxfordshire im Nordwesten von London. Rund 600 Einwohner, ein Pub. Versteckt in einer schmalen Gasse hat Tuthills sein Hauptquartier. Man könnte den Laden leicht übersehen, und das ist so gewollt. „Wir arbeiten gerne in Ruhe“, sagt Richard, Sohn des Firmengründers Francis Tuthill.
Senior und Junior sind erfolgreiche Rallyefahrer. Francis gewann 1993 den London-Sydney-Marathon, Richard bestritt unter anderem die Rallye Deutschland 2014, natürlich mit einem Porsche. Seitdem hat sich Tuthills vor allem mit dem Aufbau von 911ern für den historischen Renn- und Rallyesport einen Namen gemacht. Vor zwei Jahren sorgte die Briten in der Restomod-Szene mit dem 911 K für Furore, dessen luftgekühlter 3,1-Liter-Boxer sagenhafte 11.000 Touren erreicht.
Jetzt also der GT ONE. „Unser Internet-Spezialist hat ausgerechnet, dass der GT ONE während der Car Week online weltweit vier Mal mehr erwähnt wurde als jedes andere Auto“, grinst Richard Tuthill beim Rundgang durch seine Firma. Aus dem Stand hätte er deutlich mehr als die 22 projektierten GT ONE verkaufen können. Aber Tuthill blieb standhaft, mehr GT ONE wird es nicht geben.
Nicht für jeden
Auch, weil es die Kapazitäten von Tuthills einschränken würde, an neuen Projekten zu arbeiten. „Ich will keine Massenproduktion, ich will nicht Hunderte von irgendetwas bauen“, sagt Richard Tuthill.
Ursprünglich ist der GT ONE, wie die meisten in Wardington gebauten Porsche, das Ergebnis eines Gesprächs zwischen ihm und einem Kunden. In diesem Fall war es Elliot Ross, Schauspieler, Filmproduzent und Autosammler. Vom Zeitpunkt dieses Dialogs bis zur Präsentation des GT ONE verging nur etwa ein Jahr. Was ziemlich rekordverdächtig ist und für die Leistungsfähigkeit der Tuthills-Crew spricht.
„Der GT ONE ist immer noch ein Prototyp, er ist zu etwa 80 Prozent fertig“, betont der Firmenchef. „Aber es ist der schönste und am besten konstruierte Prototyp, den ich je gesehen habe. Die Idee war relativ einfach umzusetzen, wenn man ein Ingenieurbüro mit unserem Know-how ist. Wir haben Glück mit den Menschen, die wir kennen und mit denen wir zusammenarbeiten.“
Ohne Singer kein GT ONE
Zu diesem Zirkel zählt auch der deutschstämmige GT-ONE-Designer Florian Flatau. Nach seiner Zeit bei Audi machte sich Flatau in Kalifornien selbstständig und arbeitete unter anderem für die amerikanische Restomod-Legende Singer. „Ich liebe Singer. Ohne Singer wären wir heute nicht hier“, betont Tuthill deren Bedeutung für die Szene.
Wir betrachten den GT ONE in der Werkstatt in Wardington. Es scheint, als würde Tuthill jetzt erst bewusst, wie groß die Aufgabe ist. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der GT ONE ist wirklich riesig. Tuthill beschäftigt gerade die Frage, wo die aus Kohlefaser gefertigten Karosseriekomponenten während des Aufbaus gelagert werden könnten.
Nächstes Problem: Wie kann man einen Radträger so konstruieren, dass er auch in 15 Jahren noch repariert werden kann? Tuthills Strategie des „Wir wollen es nicht zu kompliziert machen“ basiert auf der Erfahrung des Teams im Motorsport. Schließlich müssen die 911er aus Wardington beispielsweise bei der Historic Safari Rally notfalls am Straßenrand mit Dschungelmethoden repariert werden.
Der GT ONE ist sichtbar inspiriert vom Porsche 911 GT1 aus dem Jahr 1996, damals die Basis für einen Le-Mans-Rennwagen. Auftraggeber Elliott Ross besitzt so einen. „Ein Porsche 911 GT1 kostet heute 15 Millionen Pfund und ist im Alltag eigentlich nicht zu gebrauchen. Wie jedes Homologationsmodell war er einzig daraufhin konstruiert, eine perfekte Basis für einen Rennwagen abzugeben.“
Mit dem GT ONE verfolgt Tuthill dagegen ein anderes Ziel. Der Schwerpunkt liegt auf dem Element Gran Turismo, womit früher schnelle Reisewagen betitelt wurden. „Der GT ONE muss als Straßenauto funktionieren“, bekräftigt Tuthill. Er nennt die Bodenfreiheit des Porsche 911 Turbo S als Maßstab. Außerdem wird der GT ONE im Innenraum relativ leise sein. Die Besitzer sollen das Coupé auch über lange Strecken mit Komfort fahren können.
Wie Porsches eigener GT1 basiert der GT ONE auf einem 911er der Generation 993. Die Radaufhängungen bestehen aus Doppelquerlenkern mit selbst entwickelten Stoßdämpfern vorne und hinten. Die Keramikbremsen arbeiten aktuell noch ohne ABS. Beim Antrieb haben Kunden die Wahl zwischen einem 4,0-Liter-Sauger, der vom rund 500 PS starken Sechszylinderboxer des 911 K abgeleitet ist, und einem Turbomotor mit etwa 600 PS. Die Kraft wird entweder über ein konventionelles Handschaltgetriebe oder ein Siebengang-DSG an die Hinterräder übertragen.
Derzeit ist der Prototyp mit dem Motor eines Porsche 718 Cayman GT4 RS ausgestattet. Noch gibt es kein Datum, an dem der GT ONE serienreif sein wird. Aber es wäre sicher keine Überraschung, wenn die ersten Fahrzeuge schon 2026 ausgeliefert würden, wenn nicht sogar früher. Denn die Mannschaft braucht Kapazitäten für ein neues Projekt. „Das,“ verrät Richard Tuthill, „wird etwas völlig anderes.“
TEXT Kyle Fortune BEARBEITUNG Christian Schön für WALTER #23
FOTOS Stephan Bauer