Magarigawa Club. Teuer, exklusiv und einmalig. 

Im Magarigawa Club haben Japans reichste Autofahrer endlich eine Rennstrecke, die ihren Autos gerecht wird. Doch der Türsteher ist unerbittlich.

In Japan ist Autofahren normalerweise eine disziplinierte Angelegenheit. Streng und spaßbefreit. Auf Autobahnen gilt meist Tempo 100, manchmal 120, und die Verkehrsteilnehmer halten sich daran mit einer Konsequenz, die Besucher aus Europa fast schon rasend macht. Klar, genießen ein paar Petrolheads die Kurven auf der Hakone Skyline. Aber richtige Raserei gibt es hier allenfalls bei Nacht in Tokyo – irgendwo zwischen Neonreklamen, Stadtautobahnen und der Legende vom Tokyo Drift. Doch es gibt einen Ort, an dem diese Regeln plötzlich keine Rolle mehr spielen.

Magarigawa Club 2

Eine knappe Stunde südlich von Tokio, versteckt in den bewaldeten Hügeln der Bōsō-Halbinsel, führt eine schmale Straße durch ein abgelegenes Tal zu einem streng bewachten Tor. Willkommen im Magarigawa Club, dem wohl exklusivsten Rennressort der Welt.

Die Idee hinter dem Projekt ist so simpel wie luxuriös. Japans größter Sportwagenhändler wollte seinen Kunden endlich einen Ort bieten, an dem sie ihre Ferrari, Lamborghini oder McLaren nicht nur polieren, sondern auch gebührend pilotieren können. Also investierte die Cornes-Gruppe mehr als 35 Milliarden Yen – rund 200 Millionen Euro – und ließ mitten in die Hügel eine private Rennstrecke bauen.

Magarigawa Club 4 Strecke

Das Ergebnis ist ein 3,5 Kilometer langes Band aus babypopoglattem Asphalt, der sich mit 22 Kurven durch das Gelände windet. Entworfen hat ihn der deutsche Streckenarchitekt Hermann Tilke, dessen Handschrift auch viele moderne Formel-1-Kurse tragen. Doch Magarigawa fühlt sich weniger nach Grand Prix an als nach einer Bergstraße auf Steroiden. Toyota mag teile der Nordschleife mit wissenschaftlicher Akribie auf seiner Teststrecke kopiert haben. Aber den wahren Eifel-Spirit spürt man hier.

Magarigawa Club 7 Strecke

Die Strecke steigt und fällt über steile Kuppen, verschwindet hinter blinden Scheitelpunkten und zwingt den Fahrer immer wieder zu schnellen Richtungswechseln. Zwei lange Geraden erlauben Geschwindigkeiten jenseits der 300 km/h – zumindest für Autos, die so viel können. Und wer im letzten Drittel der Runde die engen Serpentinen hinaufstürmt, fühlt sich unweigerlich an die berühmte Corkscrew von Laguna Seca erinnert, nur eben bergauf statt bergab.

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Der kleine Held im Supersportwagen-Zirkus

Im Fahrerlager stehen Traumwagen, die normalerweise nur auf Autosalons oder in klimatisierten Sammlergaragen zu sehen sind: Porsche 911 GT3 RS, McLaren Senna, Pagani Zonda, Aston Martin Valkyrie. Manchmal tauchen sogar historische Rennwagen auf – angeblich brennt gelegentlich ein Formel-1-Bugatti aus den fünfziger Jahren über den Kurs. Und mittendrin: ein Toyota GR Yaris.

Der kleine Dreitürer, den der Platzwart für Gäste und Novitzen aus der Club-Garage zaubert, wirkt zwischen all den Carbon-Monstern zunächst ein bisschen verloren. Doch sobald die Ampel am Ende der Boxengasse auf Grün springt, wird klar, dass Größe hier keine Rolle spielt. Der 280-PS-Dreizylinder brummt rau, der Allradantrieb krallt sich in den griffigen Asphalt, und der Yaris schießt die erste Steigung hinauf wie ein Bergrennwagen. In den engen Passagen erweist sich der Zwerg sogar als Vorteil. Wo breite Supersportwagen vorsichtig dosieren müssen, tanzt der GR Yaris förmlich durch die Kurven.

Magarigawa Club 8 Strecke

Links schalten, rechts lenken – an den japanischen Rechtslenker auf der Rennstrecke muss sich die europäische Langnase auf Stippvisite kurz gewöhnen, und jedes Mal, wenn am Horizont der Mount Fuji auftaucht, weicht der Blick kurz von der Ideallinie ab. Doch nach zwei, drei Runden fließt der Rhythmus der Strecke durch Hände und Füße. Dann jagt der kleine Toyota über die lange Gerade, erreicht mühelos seine 230 km/h Topspeed und stürzt sich anschließend wieder in das Gewirr aus Kurven, Kuppen und Kompressionen. Bestzeiten sind hier zweitrangig. Wichtiger ist der Flow – und davon hat Magarigawa reichlich.

Rennstrecke mit Spa-Bereich

Doch die Strecke ist nur ein Teil der Geschichte. Schon beim Einfahren in die Boxengasse merkt man, dass hier andere Maßstäbe gelten. Wo sonst Werkbänke, Reifenstapel und Ölkanister dominieren, stehen Ledersofas auf Teppichboden. Große Glasflächen lassen Licht in die Halle, Champagnerflaschen kühlen in silbernen Kübeln.

Magarigawa Club 5 Pool

Magarigawa versteht sich nicht nur als Rennstrecke, sondern als Resort. Rund 60 Mitarbeiter kümmern sich um die Gäste – vom Rennarzt über die Streckenposten bis zum Sternekoch. Es gibt ein Fitnessstudio mit Blick auf die Strecke, eine Zigarrenlounge, eine Bar, ein Gourmetrestaurant, Massagesalons und natürlich einen Onsen, gespeist von einer eigenen heißen Quelle. Eben noch im Helm, wenige Minuten später im heißen Quellwasser.

Villen über der Rennstrecke

Wer länger bleibt, zieht sich in eine der Villen zurück, die wie Schwalbennester am Hang über der Strecke kleben. Von der Badewanne aus sieht man direkt auf die nächste Schikane, und vor dem Wohnzimmer steht eine verglaste Garage, in der bis zu vier Sportwagen parken – perfekt inszeniert wie Kunstwerke. Und natürlich kümmern sich die Mechaniker des Clubs um den Fuhrpark der Gäste, wenn die in Tokio, in Yokohama oder im Rest der Welt wieder ihren Geschäften nachgehen. 

Magarigawa Club 6 Villa

Die Nachfrage ist entsprechend groß. Rund 1.250 Mitglieder sollen es irgendwann werden, doch pro Jahr nimmt der Club nur wenige Dutzend neue auf. Die Aufnahmegebühr liegt inzwischen weit jenseits von 250.000 Euro. Viele Mitglieder stammen aus Tokio, doch längst ist Magarigawa international geworden. Wohlhabende Enthusiasten aus Hongkong, Singapur oder Seoul fliegen ebenso ein wie Gäste aus Europa oder Amerika. Vom Flughafen Haneda ist es kaum eine Stunde mit dem Auto – oder nur wenige Minuten mit dem Helikopter.

Ein Ort für eine bedrohte Leidenschaft

Hinter all dem Luxus steckt auch eine gewisse Melancholie. Denn auch in Japan wird inzwischen über Emissionen, Tempolimits und mögliche Verbote leistungsstarker Verbrenner diskutiert. Für die Betreiber ist Magarigawa deshalb mehr als ein exklusiver Spielplatz. Es ist auch eine Art Versicherung für eine Leidenschaft, deren Zukunft nicht mehr selbstverständlich ist.

Magarigawa Club 1

Vielleicht erklärt das, warum hier so viel Enthusiasmus in Asphalt gegossen wurde. Und warum es auf dieser Strecke nicht unbedingt den lautesten oder teuersten Supersportwagen braucht, um Spaß zu haben. Manchmal reicht ein kleiner Toyota GR Yaris – und eine Strecke, auf der endlich nicht wie sonst überall ein Tempolimit gilt.  

TEXT Thomas Geiger 

LESENSWERT.

WALTER Magazin.