Abschied von Sir Stirling Moss.

Sir Stirling Moss ist im Alter von 90 Jahren verstorben. In der Saison 1955 schreibt der Engländer mit den Silberpfeilen von Mercedes-Benz Motorsportgeschichte und setzt bei der Mille Miglia eine ewige Bestzeit: 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden für 1.000 Meilen.

Mai 1955, Brescia in Italien. Es ist 7.22 Uhr. Ein silberner Rennsportwagen erhält das Startzeichen und schießt die Rampe herab: Stirling Moss und sein Beifahrer Denis Jenkinson sind im Mercedes-Benz 300 SLR (W 196 S) zu einem der damals wichtigsten und härtesten Straßenrennen der Welt gestartet – der Mille Miglia.

1.000 Meilen durch Italien liegen vor ihnen, umgerechnet 1.597 Kilometer. Gegner sind nicht nur die 520 anderen Fahrzeuge, sondern vor allem eine kurvenreiche Strecke auf öffentlichen Straßen und die Uhr mit stetig wanderndem Sekundenzeiger. Denn am Ende zählt allein die Zeit, die man für die 1.000 Meilen benötigt.

Mille Miglia 1955 in Italien vom 30. April bis 1. Mai 1955: Stirling Moss gewinnt das legendäre Straßenrennen mit seinem Beifahrer Denis Jenkinson auf Mercedes-Benz Rennsportwagen 300 SLR (W 196 S) in der besten je erzielten Zeit

Nach 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden kommt in Brescia der silberne 300 SLR von Stirling Moss mit der rot aufgemalten „722“ ins Ziel. Die Zahl steht für die Startzeit, wie es bei der Mille Miglia üblich ist. Es ist eine Sensation: Moss und Jenkinson haben eine neue Rekordzeit für die „Tausend Meilen“ aufgestellt, im Durchschnitt sind sie an diesem Tag unglaubliche 157,65 km/h gefahren. Diese Zeit wird nie mehr bei diesem Straßenrennen unterboten werden.

„Es war mein größter Sieg“, sagt Moss später. „Kein anderes Fahrzeug der Welt hätte uns die Möglichkeit gegeben, diese enorme Geschwindigkeit zu erreichen. Nur Mercedes-Benz konnte so ein Auto bauen.“

Angst? Ja, die habe er vor dem Rennen durchaus gehabt, weil er gewusst habe, wie schnell er fahren musste, um zu gewinnen, ohne immer den ganz exakten Verlauf der Straße zu kennen. Deshalb habe es einen so verlässlichen Beifahrer wie Denis Jenkinson mit dessen Hinweisen aus dem auf einer Papierrolle aufgezeichneten Roadbook gebraucht.

Erst wenige Jahre zuvor, 1948 im Alter von 19 Jahren, fährt Moss sein erstes Rennen und belegt den vierten Platz. Er hat die Motorsportleidenschaft in seinen Genen: Sein Vater Alfred Moss, eigentlich Zahnarzt, und seine Mutter Aileen sind schon in den 1920er- und 1930er-Jahren im Motorsport aktiv, und seine Schwester Pat nimmt in den 1950er- und 1960er-Jahren mit Erfolg an Rallyes und Sportwagenrennen teil. Gleich bei seinem zweiten Wettbewerb in Brighton steht Stirling Moss auf dem Siegertreppchen ganz oben. Insgesamt bestreitet er in jenem ersten Rennjahr 15 Wettbewerbe und beendet zwölf davon als Sieger.

Es ist der Blitzstart zu einer internationalen Karriere, die er nach mehreren Zwischenstationen 1955 erfolgreich in der Werksmannschaft von Mercedes-Benz fortsetzt. In seinem Vertrag stehen alle wichtigen Veranstaltungen der Formel 1 und der Sportwagen-Weltmeisterschaft, er fährt sie mit dem Grand-Prix-Rennwagen W 196 R und dem Rennsportwagen 300 SLR (W 196 S). Er beendet die Saison hinter Juan Manuel Fangio als Formel-1-Vizeweltmeister. Und er erzielt die entscheidenden Punkte für den Gewinn der Sportwagen-Weltmeisterschaft, die Mercedes-Benz 1955 neben der Formel-1-Weltmeisterschaft gewinnt.

Moss hat einen immensen Siegeswillen. Ihn habe immer ein Gedanke getrieben, sagt er: „Heute ist Renntag, heute riskiere ich mein Leben.“ Dem Fahrzeug fordert er stets alles ab – manches Mal kommt er mit einem ramponierten Auto ins Ziel, aber eben als Sieger.

Als Mercedes-Benz sich nach der überaus erfolgreichen Saison 1955 aus dem Motorsport zurückzieht, stehen Moss die Cockpits aller bedeutenden Marken offen. In den Folgejahren fährt er verschiedene Fahrzeuge, beispielsweise von Vanwall, Cooper, Porsche, Aston Martin, Ferrari, Lotus und B.R.M. Jede Saison zeigt erneut: Er ist ein Fahrer von Weltklasseformat. Zwar gewinnt der Brite nie die Formel-1-Weltmeisterschaft. Aber Moss sichert sich in weiteren Jahren – wie schon 1955 mit Mercedes-Benz – den Titel des Vizeweltmeisters: 1956 und 1957 wieder hinter Juan Manuel Fangio sowie 1958 hinter seinem Landsmann Mike Hawthorn. Platz 3 der Fahrerweltmeisterschaft holt er in den Jahren 1959 bis 1961.

1962 wird zu seinem Schicksalsjahr. Moss ist angestellter Fahrer bei Lotus. Am 30. April ist er bei einem nationalen Formel-1-Rennen unterwegs, den 100 Meilen von Goodwood. In der 35. von 42 Runden passiert es: Er kommt unter nie geklärten Umständen mit hoher Geschwindigkeit von der Strecke ab, prallt gegen einen Erdwall und erleidet schwerste Verletzungen. Zwar erholt er sich wieder, doch rund ein Jahr nach dem Unfall fällt Moss die Entscheidung, mit dem Motorsport aufzuhören – seine Körperreaktionen sind deutlich langsamer als vor dem Unfall. „Wer nicht schnell und sicher fährt, soll aufhören, schon aus Rücksicht auf seine Konkurrenten“, sagt er.

Eine beeindruckende Gesamtbilanz

Die Gesamtbilanz von Moss liest sich beeindruckend: Mit insgesamt 84 verschiedenen Autotypen nimmt er an 495 Motorsportveranstaltungen teil, erreicht bei 366 das Ziel und gewinnt 222. Die Bilanz zeigt: Moss ist einer der besten Fahrer seiner Zeit. Für seine Verdienste verleiht ihm Queen Elizabeth II. 1959 den Rang eines Offiziers im Orden „The Most Excellent Order of the British Empire“ (OBE). Im Jahr 2000 wird Moss als „Knight Bachelor“ in den Adelsstand erhoben, fortan darf er sich Sir Stirling nennen.

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