Porsche 959 S. Nr. 30.

Nur 29 Stück der verschärften „S“-Version baute Porsche vom legendären 959 und doch gibt es 30. Wir gehen der Sache mal auf die Spur.

Advertisement

Bei Porsche liebäugelt man im Moment mit der Formel 1, vor 40 Jahren stand jedoch der Rallyesport ganz ob auf der Liste. Die damalige Gruppe B war mit ihrem freizügigen Reglement die ideale Spielwiese für findige Ingenieure und Millionen Fans verfolgten weltweit das Spektakel, wenn tollkühne Fahrer die wahnwitzigen PS-Monster zügelten.

Die Verantwortlichen bei Porsche genehmigten 1982 deshalb das 959-Projekt und schon ein Jahr später konnte auf der IAA das Tuch von einem Auto gezogen werden, wie es die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte. Elektronischer Allrad, ein 450 PS starker Biturbo-Motor mit Registeraufladung, aerodynamisch optimierte Karosserie, oder Magnesium-Felgen.

Voller Begeisterung zückte die sorgfältig ausgesuchte Kundschaft die Brieftasche und die vom Reglement geforderten 200 Serienfahrzeuge waren sofort verkauft. Die fälligen 430.000 DM schreckten niemand ab. 

Allerdings sorgte die aufwändige Technik für einiges an Kopfzerbrechen. Dabei ging es nicht nur um die Abstimmung des Antriebs, oder den Einsatz des neuartigen Luftdruck-Kontrollsystems in den Reifen, sondern auch die thermischen Probleme im knapp bemessenen Heck. Der Sechszylinder-Boxer sorgte bei voller Leistungsabgabe für so hohe Temperaturen, dass den ersten Prototypen die hinteren Stoßstangen wegschmolzen. Mit zusätzlichem Dämmmaterial und noch mehr Kühlöffnungen bekamen die Techniker dieses Thema in den Griff.

Erst 1987 konnten die ersten Kundenfahrzeuge ausgeliefert werden, die Gruppe B war zu diesem Zeitpunkt allerdings Geschichte. Mehrere verheerende Unfälle hatten die FIA dazu veranlasst, die Autos aus dem Verkehr zu ziehen. Für Porsche blieb mit dem 959 nur der Sieg bei der Rallye Paris-Dakar 1986. Anschließend durfte man noch einen Erfolg in Le Mans auf der Rundstrecke feiern. Ausgerechnet das mit 317 km/h schnellste Fahrzeug der Welt war von der Zeit überholt worden.

Der ‚S‘, den es eigentlich nicht geben darf

Dem Mythos, der längst um das Auto entstanden war, tat das aber keinen Abbruch. Zuffenhausen kam mit der Produktion des hochkomplexen Gefährts kaum nach. Die Zahl der gebauten Exemplare löst übrigens regelmäßig Streit bei den Gelehrten aus. Häufig wird die Zahl 288 genannt. Porsche kommuniziert 292, darunter 29 in einer 1.350 Kilo leichten und 515 PS starken Leichtversion (959 S). Allerdings passt auch diese Zahl nicht, denn vor uns steht Nummer 30.  „W-XX 959H“ gehört zur Sammlung von Heinz Schmersal und die Geschichte, wie der 74-Jährige zu jenem ‚S‘ kam, den es eigentlich nicht geben kann, begann 1990 im Autosalon Singen. 

Dort erwarb einen silbern 959 mit gerade einmal 6.000 Kilometern auf der Uhr. Allerdings machten auch beim ihm die verstellbare Dämpfer Probleme, deren Stellmotoren regelmäßig durchbrannten. Der passionierte Rennfahrer fuhr deshalb zu Porsche und ließ sich Sportdämpfer einbauen. Ein paar Monde später kam dann Anruf aus der Gegenrichtung. Man hätte die Probleme nun im Griff, verkündete Porsche und wenn Heinz Schmersal wollte, könnte sein Fahrzeug wieder in den Originalzustand zurückgebaut werden. 

Vor Ort dann der Schock: das eingelagerte Fahrwerk war verschwunden. „Nicht mehr auffindbar! Na, das war ein Ding“, wundert sich Heinz Schmersal noch heute. Porsche war die ganze Sache offenbar ziemlich peinlich und der Unternehmer nutzte den Moment und verlangte als Ausgleich den kompletten Umbau auf die schärfere S-Version. „Dafür war aber ein Beschluss des Vorstands notwendig. Schließlich sollte es keine weiteren 959 S mehr geben“, verrät Schmersal. 

Tatsächlich gab die Porsche-Chefetage grünes Licht für die Verwandlung und innerhalb von anderthalb Jahren machten die Fachleute von Porsche Classic aus dem silbernen 959 den roten 959 S. Der Motor bekam noch ein Upgrade auf 535 PS und der Tacho wurde bei Auslieferung auf 0 gestellt. Und die Kosten? „Sechsstellig“, sagt Heinz. Und dennoch ein gutes Geschäft, denn die Wertsteigerung war siebenstellig. Ein direkt vorgelegtes Kaufangebot von einem Sammler lehnte er ab. „Mit dieser Historie ist mein 959 S ein echtes Unikat und er bleibt bei mir.“

Standschäden kennt der 959 S von Heinz Schmersal übrigens nicht. Obwohl er über eine exquisite Sammlung mit 25 Fahrzeugen verfügt, spult er mit dem Porsche pro Jahr und 5.000 Kilometer ab. Wer denkt, das Einzelstück würde in irgendeiner Weise geschont werden, sieht sich getäuscht. Während der Anfahrt zur Röhrl-Klassik stand der Tacho streckenweise bei Tempo 300. „Dann wird er aber etwas unruhig“, lacht Heinz und meint nicht sich damit.

TEXT Michael Heimrich
FOTOS Lena Willgalis

LESENSWERT.