Unlängst hatte ich mit dem Redaktionsleiter dieses Magazins eine Grundsatzdebatte über die Lage der Nation. Wir tun das öfter, nicht etwa, weil wir zu viel Zeit haben, sondern weil wir, die wir doch eigentlich Weltenerklärer für die Leser sein wollen, diese Welt oft selbst nicht mehr verstehen. Manchmal reden wir, weil es einfach raus muss. Weil wir vor Andruck den Ladedruck reduzieren müssen. Ich erinnere mich nicht mehr, um welche vermeintliche oder tatsächliche Fehlentwicklung in der Automobilwirtschaft es gerade ging, aber ich erinnere mich noch gut an Michael Heimrichs Totschlagargument gegen die Führungsetagen: „Aber die werden doch teuer dafür bezahlt.“
Keine Ahnung, wie teuer James Farley bei Ford bezahlt wird, aber er kommt das Unternehmen teuer zu stehen und einen Teil der Zeche zahlen die deutschen Arbeiter in Köln und Saarlouis. Da ist kürzlich der letzte Focus zu Grabe getragen – Verzeihung, vom Band gelaufen. Die Restbelegschaft verwaltet das Elend und produziert nur noch Ersatzteile. Der Focus war mal der vielleicht beste Ford aller Zeiten: aufregendes Design, gute Technik, herausragendes Fahrwerk für bezahlbares Geld – ein klasse Auto für Menschen, die sich Autos mit Klasse sonst nicht leisten konnten.
Wären seine Knochen nicht ohnehin längst zu Staub zerfallen, Henry Ford würde sich nicht im Grabe herumdrehen, er würde vor Zorn wie ein Kastenteufel aus der Kiste springen. Ausgerechnet die Pioniere der Massenherstellung, denen wir die Demokratisierung der individuellen Mobilität verdanken, verzwergen sich nun zum Nischenhersteller. „Ikonisch“ ist eines der aktuell nervigsten Modewörter, vor allem weil es gern von Marketingleuten auf Dinge angewandt wird, die gar keine Ikonen sind.
Das Blei und das Schaufenster
Und so verkaufen sie uns zwei weitere gesichtslose Crossover-SUV-Kombi-Schräghecklimousinen als Mustang oder Capri. Aber ein neugeborener Parteisoldat aus China ist noch lange nicht die Reinkarnation des Dalai Lama. Die Heiligtümer erscheinen auf den ersten Blick aus vollverzinktem Stahl, in Wahrheit sind sie aus Blei, so stehen sie jedenfalls im Schaufenster. Denen, die noch Dienstwagen bestellen dürfen, ist ein Ford nicht prestigeträchtig genug, und wer so ein Auto richtig selbst bezahlen muss, hat nicht so lässig 42 Riesen und mehr in der Tasche. Zum Mitschreiben: Das meistverkaufte, also wirklich von Kunden bezahlte SUV im deutschen Markt ist der Dacia Duster, Grundpreis: unter 30.000 Euro. Treue Ford-Kunden fragen beim Händler nach Fiestas, aber das ehemalige Weltauto hat der Konzern längst zu Grabe getragen.
Geschönte Zahlen
Es scheint, als ob sie in den Chefetagen Diesel schnüffeln; anders ist schwer zu erklären, warum es gerade bei den Elektro-Vorreitern immer wieder zur Selbstzündung kommt. Herbert Diess wollte den einst größten Autohersteller der Welt mit Gewalt zum reinen Elektro-Hersteller machen, jetzt kämpft Volkswagen ums Überleben. Erleichtert vermeldeten urbane Leitmedien, die Zulassungszahlen für elektrische VWs wären zuletzt trotz gestrichener Kaufprämie erfreulich gestiegen. Dann die mediale Enttäuschung: Die Zahlen sind geschönt. Sapperlot, da lassen doch diese Konzerntypen vor Jahresende massenhaft neue Autos auf sich selbst zu, um die Absätze zu schönen. Das ist wirklich ein Schock, gibt es das Phänomen doch gerade erst ein halbes Jahrhundert.
Wir kennen das von Bergsteigern: Die dünne Höhenluft verlangsamt das Denken, mancher hat sogar Erscheinungen. Sie haben es vermutlich wirklich geglaubt in den höchsten Etagen: die Sirenengesänge von der Energieeffizienz des Batterieantriebs, bestärkt vom von Luisa Neubauer immer freitags angeführten Druck der Straße, der bigotten Enttäuschung der Politik nach Dieselgate. Und so glaubten sie fälschlicherweise bei Porsche, dass ihnen die Boxer-Freunde mit ebensolcher Begeisterung die Taycans und E-Macans aus den Händen reißen, als käme es wie bei Louis Vuitton im Outlet-Center nur auf das Logo an.
Die Dauerschleife vom Untergang
Aber gaben ihnen die Experten nicht recht? Zugegeben, dass es auf der Welt nur deren zwei gibt, erschwert die Sache etwas. Mit Stefan Bratzel vom „Center of Automotive Management“ (CAM) mit Sitz in der Weltwirtschaftsmetropole Bergisch Gladbach und dem unlängst vom „Center Automotive Research“ (CAR) an die Luft gesetzten Ferdinand Dudenhöffer kommen in deutschen Leitmedien nahezu ausschließlich diese beiden Professoren zu Wort, die sich ihre Lehrstühle gleich selbst geschaffen haben.
In Dauerschleife prophezeien sie den verdienten Untergang der deutschen Autowirtschaft, die den Wandel verpennt hat, auch wenn keiner genau weiß, in welche Richtung er eigentlich genau geht, denn da ist noch der unberechenbare Kunde. Dudenhöffer wehrt sich nicht allzu energisch gegen das Attribut „Autopapst“, und so predigte der Pisten-Pontifex vor wenigen Jahren: „Amen, ich sage euch: Wer vom rechten Weg abkommt, und kein Elektroauto kauft, den wird der Herr dereinst mit einem unverkäuflichen Gebrauchtwagen schlagen.“
Nun, die säkulare Realität sieht so aus, dass stattdessen der Markt von gebrauchten Verbrennern nahezu leer gefegt ist. Offenbar realisieren die Schäfchen durchaus, dass zwischen ihnen und dem allein ins Himmelreich führenden E-Auto gleich mehrere Elektrozäune stehen, angefangen von Mondpreisen, inklusive der eben doch nicht so billigen Betriebs- und Wartungskosten, einer unzureichenden Ladeinfrastruktur und nicht zuletzt unverschämt geschönten Reichweitenversprechen. Ich glaube: Den Deutschen fehlt es gar nicht am Glauben an eine weitgehend elektrische Zukunft, es fehlt aus guten Gründen am Vertrauen in die mangelhaft elektrifizierte Gegenwart.
Auftritt Bärbel Bas
Apropos Vertrauen: Unsere Arbeitsministerin verkündete von der Kanzel zum gerade beschlossenen Rentenpaket, dessen horrende Kosten würden ja Gott sei Dank nicht den Beitragszahlern aufgebürdet, da sie ja aus Steuermitteln finanziert würden. Derlei hochkomplexe betriebswirtschaftliche Umlageverfahren nennen wir im Ruhrpott „linke Tasche, rechte Tasche“.
Das Erschütternde dabei ist gar nicht der Versuch, uns die Gattung Homo sapiens als Homo conlationensis (Beitragszahler) und Homo tributus (Steuerzahler) als völlig verschiedene Sorten Menschen zu verkaufen, sondern Frau Bas’ ehrliche Gekränktheit über das ausbrechende Gelächter im Saal. Nun, das Ganze spielte sich beim Arbeitgebertag ab, das Publikum war also befangen. Aber als echter Sozen-Sympathisant trägt mich schmerzhaft ein Gedanke: Kann es sein, dass die zuletzt desaströsen Wahlergebnisse der SPD irgendwie damit zusammenhängen, dass die Partei den Kontakt zur Kundschaft verloren hat?
Markus Stier für WALTER #27