Vor Jahren hatte ich das große Vergnügen einer Audienz bei Deutschlands durch ZDF und YouTube bekanntestem Astrophysiker Harald Lesch. Wir sprachen über den Weltuntergang, staunten beide über den gerade bei der Jugend ausgeprägten Hang zum Pessimismus und Lesch sagte fröhlich: „Merken Sie sich den 13. April 2029. Nehmen Sie sich an dem Tag nichts vor.“
An diesem Dreizehnten – natürlich ein Freitag – rast mit 21.600 Kilometern pro Stunde Apophis auf uns zu, ein steinerner Brocken von ganz weit draußen, erst vor rund 20 Jahren entdeckt, mit 350 Metern Kantenlänge und einer geschätzten Einschlagenergie von 900 Megatonnen TNT – 18-mal mehr als die größte Atombombe, die Menschen je gezündet haben. Den Namen hat er vom ägyptischen Gott der Finsternis. Lesch erzählte begeistert: „Den können Sie mit bloßem Auge am Himmel erkennen.“ Wir leben zum Glück im Hinterhof der Milchstraße, nur alle 7.500 Jahre kommt uns ein kosmischer Querschläger so nahe. Die gute Nachricht: Apophis wird uns um 31.000 Kilometer verfehlen, aber die Erde wird seine Bahn erheblich verändern, und Lesch warnte mit großen Augen: „2036 kommt er zurück.“
Glauben wir den Nachrichten, kann er der europäischen Automobilindustrie bei einem Einschlag nichts anhaben, die ist dann längst nicht mehr da. Im Juli: Gewinnwarnung bei Renault, alle Autoaktien sacken ab. Im September: Eine Gewinnwarnung bei Porsche zieht wieder alle Hersteller runter. Kurz danach: Der Mischkonzern Stellantis verkündet nach einem Milliardendefizit im ersten Halbjahr einen zeitweiligen Produktionsstopp in diversen Werken, darunter auch bei Opel in Eisenach.

Oliver Blume führte auf der IAA noch Friedrich Merz über den Messestand, gemäß der jüngsten Ausgabe des Manager Magazins war das aber nur noch ein Avatar des VW-Chefs, denn bei den mächtigen digitalen Klimmzügen mit der von Vorgänger Herbert Diess auf Kiel gelegten VW-Tochter Cariad und dem von Blume eingestielten Joint Venture mit dem angeschlagenen US-Hersteller Rivian ist der aktuelle Vorsitzende des zweitgrößten Autoherstellers der Welt praktisch schon ein toter Mann. Blume sitzt virtuell auch immer noch auf dem Chefsessel bei Porsche, wo der große Wurf der E-Mobilität zum Bumerang geworden ist. Die plötzlich verkündete Rückkehr zum Verbrenner kostet diverse Extra-Milliarden, die man in Zuffenhausen gerade nicht flüssig hat. Ach, und das noch: Gerade erst meldet Spiegel Online: Bosch setzt weitere 13.000 Mitarbeiter auf die Straße.
IAA 2025: „Weniger Mobilitätsideologie, mehr Autos“
Angesichts der aufkommenden Sintflut mutet es einigermaßen surreal an, wenn der VW-Chef und der Kanzler auf der IAA in die Kameras lächeln. Die Messechefin strahlt trotz düsterem Himmel über den großen Erfolg. 1,5 Millionen Besucher hat man in München gezählt – trotz Weltuntergangswetter. Bei auto motor und sport haben sie die Anbieter gezählt, der Chefredakteur verbreitet Optimismus und stellt erfreut fest: „weniger Mobilitätsideologie, mehr Autos.“ Michael Pfeiffer sieht angesichts von neuen Modellen wie dem Mercedes GLC und dem BMW iX3 „Licht am Ende des Tunnels“. Der neue ID.Polo findet allerorten wohlwollende Beachtung. Ja was denn nun?
Der Widerspruch von Weltuntergang und Aufbruchsstimmung ist ganz einfach aufzulösen: Beides ist wahr. Die deutsche Politik, die deutsche Industrie und nicht zuletzt wir, die deutsche Nation, haben uns in einer sich rasend schnell verändernden Welt stur gegen jeden Wandel gestemmt und tun es bei allen möglichen und dringend nötigen Reformen noch immer. Es ist nicht der Rückstand, der gefährlich ist, es ist die Untätigkeit.

Auf der anderen Seite haben sich Politiker und Manager von Untergangsszenarien anstecken lassen und nicht wenige am Ende selbst geglaubt, dass es nur einen selig machenden Ausweg aus der ökologischen und ökonomischen Kernschmelze gebe: die sofortige Elektrifizierung. Guido Haak, oberster Produktstratege bei Renault, gibt bei den ams-Kollegen zu: Die Ankündigung des Staatskonzerns, bis 2030 nur noch E-Autos anzubieten, war ein Fehler: „Das kann sich heute keiner mehr leisten“, sagt der gelernte Physiker. Die Elektrifizierung kommt, sie ist in weiten Teilen in unserem teutonischen Orbit auch sinnvoll, nur wird sie eben später kommen. Viel wird darauf ankommen, ob die Politiker in Brüssel diese Realität anerkennen.
Auch in China ist nicht alles eitel Sonnenschein
Deutlich später kommen aber auch die Chinesen. Allein auf die E-Zulassungszahlen schielend, erklären uns die Apologeten der Apokalypse seit Jahren, die Volksrepublik China würde sich wie die Sonne eines Tages zu einem Roten Riesen aufblähen, der unsere kleine Welt zu Asche verkohlen wird, bevor er sie schluckt. Beim Aufgeilen am eigenen Untergang fällt aber gern unter den Tisch, dass auch bei den neuen Musterknaben der Mobilität eher Sonnenfinsternis angesagt ist. Nach Förderung so ziemlich jedes Start-ups schaut die Zentralregierung gerade zu, wie unter den über 100 Herstellern das große Sterben einsetzt. Mancher Experte schätzt, dass am Ende vielleicht eine Handvoll große und eine weitere Handvoll kleine Marken in China Überproduktion und Rabattschlachten überleben werden, denn auch in China ist das Wirtschaftswunder zum Stehen gekommen, das Geld sitzt längst nicht mehr so locker.
Die wichtigen strategischen Entscheidungen in deutschen Chefetagen wurden alle vor Corona, Ukraine-Krieg, Energiekrise, Inflation und Stagnation getroffen. Gerade mit Blick auf die aktuell knifflige Lage sollten wir mit weiteren Prognosen vorsichtig sein. Es ist wie England nach dem Brexit, Russland im Krieg oder Amerika unter Trump: Die Briten haben doch noch Tomaten, die Russen sind nicht pleite und die Wall Street hat sich nach rasanter Talfahrt wieder berappelt.
Chinesen kommt bei uns nicht in Fahrt
Die Zulassungszahlen chinesischer Autos bewegen sich hierzulande knapp über dem homöopathischen Bereich. BYD lockt mit schicken Flagship-Stores, aber es fehlt erheblich an Händlern und Werkstätten. Die viel gelobten E-Autos aus Fernost sind keineswegs billig zu haben, zeigen sich im Test weder in Sachen Ladezeit noch Reichweite als besonders beeindruckend. Beim angeblich so viel besseren Infotainment-System leistet sich mancher hochpreisige Testwagen Ausfälle beim Infotainment oder der Fahrassistenz, bei denen deutsche Hersteller kein Auto mehr aus der Fertigung rollen lassen würden.
Und entgegen der Ansagen allgemeiner Wirtschafts- und Nachrichtenredaktionen ist ein modernes Auto eben nicht nur eine rollende Dockingstation fürs iPhone, in der nur Batterie und Bildschirmgröße zählen. Chinesen mit Geld lassen sich gern chauffieren, anderswo fahren die Menschen noch selbst, und chinesische Autos fahren nicht übermäßig gut. Und wer außer ein paar Finnen interessiert sich in Old Europe für Karaoke im Cockpit? Wenn das Reich der Mitte über die Große Mauer steigen und die Welt erobern will, muss es erst einmal etwas sehr Unchinesisches tun: sich für die Befindlichkeiten der restlichen Welt interessieren.
Bange machen gilt nicht!
Wenn uns Deutschen Tüftlern und Schraubern eher Sorgen machen sollte, dann dass wir in der rein elektrischen Verblendung die Entwicklung von Kolbenmotoren weitgehend vernachlässigt haben. Die Mercedes-A-Klasse wird von chinesischen Geely-Motoren angetrieben, und das ist nur der Anfang. Auf der IAA war ein chinesischer V6-Biturbo zu bestaunen, stand ein Suo-Motorrad mit Achtzylinder-Boxermotor, und Gnade uns Gott, wenn sie vielleicht eines Tages einen Verbrenner bauen, der mit unter vier Litern Sprit auskommt. Und trotzdem gibt es keinen Grund, die Waffen zu strecken. Ja, die deutsche Autoindustrie wird schrumpfen, allein schon, weil die Welt so viele Autos nicht mehr braucht, aber sie ist längst nicht dem Untergang geweiht. Bange machen gilt nicht. Vor wenigen Jahren hielten es Analysten für nahezu sicher, dass uns Tesla platt macht.
Ach, und was Apophis betrifft: In ihrer dramatischsten frühen Schätzung kam die NASA auf eine Kollisionswahrscheinlichkeit von 1:62. Nach jüngeren Berechnungen sind die Quoten im planetaren Wettbüro erheblich interessanter geworden: 1:250.000. Und wenn er trotzdem einschlüge? Der Rumms entspräche in etwa einem Erdbeben einer Stärke zwischen sieben und acht auf der Richter-Skala. So was haben wir auf der Erde im Schnitt 15 Mal im Jahr. Der Weltuntergang ist aufgeschoben. Aber nicht aufgehoben. Keine Angst, es wird schon noch dunkel. Nehmen Sie sich in sieben Milliarden Jahren nichts vor!
TEXT Markus Stier für WALTER #26