Kia Stinger GT. Bürger King.

Eigentlich wollt ich nur ins Autokino. Und einen Kia testen. Aber dann gab es plötzlich ein Imageproblem. Eins? Viele. Auto, Film, Models, Kino und der Herr Senn selbst … ob es ein Happy End gab?

Als die Idee zur Autokino-Geschichte aufkam waren wir noch alle zu Hause gefangen. Und froh einen Weg zu finden, mal rauszukommen. Andere zu treffen. Auto zu fahren. Fotos zu machen. Weil selbst ich mal für irgendwas zu jung bin (Autokinos waren tatsächlich in meiner Führerscheinbeginner-Zeit Anfang der 80er schon weitestgehend verschwunden), war ich natürlich doppelt motiviert. Man kennt eigentlich nur die Fotos, die Storys und den verklärten Blick auf einen romantischen Abend, womöglich einen guten Film, den man aber aufgrund der sorgfältig ausgewählten und reichlich begehrten Begleitung sowieso nur bis Minute 30 sehen wird, dazu ein cooles Auto – ein Abend fürs persönliche Heldengeschichtsbuch. Autokinos haben einfach ein perfektes Image! Haben Sie?

Erstmal Vorbereitungen treffen. Allererster Schritt: Wir brauchen ein Auto! Da die Autokinos in Hamburg erst sehr spät eine Genehmigung bekommen haben, waren nicht mehr viele Autos im Redaktionsvorlauf übrig. Um nicht zu sagen: nur noch eins. Ein Kia. Ein Kia? Hmm. So ganz exakt will das nicht in mein verklärtes Bild von den Hollywood Hills passen (keine Ahnung, warum in meinem Kopf Autokinos auf den Hollywood Hills stehen und man auf das nächtliche Los Angeles blickt, aber so sieht’s nunmal in meinem Romantiksau-Hirn aus). Grummel. Kias haben kein LA-taugliches Image. Aber was sollen wir machen. Ist jetzt so.

Schritt 2: Die Partnerin. Da die eigene wenig dankend ablehnte, musste jemand anderes gefunden werden. Ins Autokino kann man nicht allein, da kommt man sich unter all den knutschenden Pärchen entweder wie ein Spanner im aufgerissenen Trenchcoat vor oder eben wie ein sehr sehr einsamer Mann. Beides will man nicht wirklich. Und: man kann im Autokino auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg tatsächlich nicht mal eine Karte für Singles kaufen! Nichts da! Mindestbesetzung des Fahrzeuges ist zwei Personen! So ein Autokino hat schließlich einen Ruf zu verlieren …

Das erste Ersatz-Model war schnell gefunden. Ohne Führerschein und somit ohne Ahnung von Autos. Ein Kia war ihr so fremd und unbekannt wie eine Corvette aus den 60ern oder ein Ferrari California. Prima. Imageproblem gelöst. Nur meins nicht. Denn Fotograf Patrick hat sofort sein Veto eingelegt, weil die Dame unter 30 war und er meinte, das würde auf den Fotos mit mir aussehen, als hätte ich sie vor einer Gesamtschule mit einer Tafel Schokolade ins Auto gelockt. Das ginge gar nicht! Älterer Herr mit nicht älterer Frau hat ein gewaltiges Imageproblem. Und das alles nur, weil der Wendler ein noch komischerer Kerl ist als ich. Danke, Michael!

Also gut: komplett neues Pärchen gesucht. Beide Mitte 20 und der Mann laut Fotograf deutlich attraktiver für die Fotos als ich. Ist ja gut, hab’s verstanden. Beide mit Führerschein, sie müssen ja jetzt selbst fahren. Da kam dann das Imageproblem des Kia wieder auf: das Paar ist am Telefon nicht direkt übergeschnappt vor Begeisterung. „Echt? N’ Kia? Hmm. Weiß nicht …“

Da der Redaktionsschluss drängte, wurden die Models in Abwesenheit überstimmt. Zwischenzeitlich gab es auch einen Spielplan des Kinos, „Bullit“ wurde gezeigt. Einer der legendärsten Autofilme mit dem King of Cool, Steve McQueen, und seinem wundervollen Ford Mustang GT Fastback. Kennt jeder. Imageprobleme ausgeschlossen. Denkt man so. Die sehr spät geborenen Models haben aber natürlich noch nie etwas von irgendwas aus diesem Film gehört. Steve McQueen sagt ihnen nichts, Bullit sagt ihnen nichts, aber Ford Mustang GT Fastback klang wenigstens, wie ne schnieke alte Kiste. Das war dann ok. Auch wenn dann erneut über den Kia gejammert wurde.

Ich hingegen war kurz vor einem Handstandüberschlag, weil nun der perfekte Bogen gespannt war:

Ford Mustang GT trifft auf Kia Stinger GT. Der teuerste Mustang aller Zeiten (das Original Film-Auto wurde für 3,74 Millionen Dollar versteigert) und dazu das Auto, das Steve McQueen vielleicht heute gefahren hätte. So sah ich’s. Die Models haben am Telefon nur mit den Augen gerollt. Ich hab’s gehört.

Dann der Tag des Showdowns! Models treffen Auto, alle treffen Kino, Stinger GT trifft Mustang GT.

Und da wurde plötzlich vieles anders. Ich zum Beispiel war ein bisschen erschrocken vom Autokino. Auch wenn es die Spätvorstellung um 21.45 Uhr mit fantastischen Sonnenuntergang war, so ganz kommt auf einem zu großen Betonplatz in Sichtweite eines Bunkers (der die Sonne verdecke) und des Milllerntorstadions inmitten von St. Pauli (No-Go-Area für jeden HSV-Fan) doch nicht die Hollywood-Hills-Stimmung auf. Also mehr so gar nicht. Und erst recht nicht mit Corona-Regeln: Bleiben sie im Auto, lassen Sie die Fenster oben, aussteigen nur erlaubt um mit Maske zur Toilette zu gehen. Klar, die Zeise-Kinos haben sich das nicht ausgedacht (danke an die Verantwortlichen, die sich trotzdem echt ein Bein für uns ausgerissen haben), das sind Vorschriften von ganz oben, aber für richtige Stimmung sorgt das nicht.

“Das Auto ist der Hammer!”

Ganz anders die Laune der Models, als sie vor dem Kino zum ersten Mal den Stinger GT sehen. Und fahren. Alina hat ihr Desinteresse sofort abgelegt und sich den roten Fahrersitz so eingestellt, dass David niemals hinters Steuer passen würde, was in Alinas Gedanken auch exakt so vorgesehen war: „DAS ist ein KIA??? Wow. Hättest Du die Logos abgeklebt, hätte ich sofort auf Jaguar getippt. Mindestens! Das Auto ist der Hammer!“ Imageproblem gelöst! Und ganz ehrlich: ich hatte ein paar Stunden vorher, als ich das Auto übernommen hatte, exakt den gleichen Gedanken. Ich war zwar seit meiner Monte Carlo-Tour im Hyundai koreanischen Autos gegenüber schon deutlich milder gestimmt, aber der Stinger GT hat mein altertümliches Vorurteilsmodell final zum Einsturz gebracht. Ich dachte auch: Jaguar, wenn nicht gar Aston Martin. Wirklich.

Das Teil ist so gut gemacht uns so brutal vollständig und hochwertig ausgestattet, dass ich mir sehr sicher bin, dass die Kia-Verantwortlichen genau um ihr Imageproblem bei Petrolheads wussten und mit diesem Stinger GT ohne Rücksicht auf Rendite und Ertrag mal zeigen wollten, wie so ein GT fürs Volk gehen kann! Die Wahrscheinlichkeit, dass Kia damit Geld verdient geht gegen Null. Für voll ausgestattete 55.900 Euro bekommt man einen 3.3-Liter-Sechszylinder Bi-Turbo mit knapp 370 PS und einem wundervoll ausbalancierten Sound, dass die Techniker die Ledersitze exakt so perforiert haben, damit in jedem kleinen Loch fein zentriert ein Gänsehaut-Haar einfahren kann. Heiser, kehlig, aber kein bisschen prollig. Es ist wirklich eine Freude, an jeder Ampel auf die Rotphase zu hoffen, damit man diesen feinen Motor durch die seidenweiche Achtgang-Automatik durchladen kann. Und das Ganze, dank Allradantrieb, auch kippschalterartig: Kickdown und ab dafür! Wirklich perfekt.

Volle Hütte serienmäßig

Ausstattung: volles Haus! Mit meiner geliebten Lenkrad-Heizung :herzchensmiley:, 15 Lautsprecher Harman Kardon-Konzertsaal, Head up-Display, 19-Zoll, Brembo, Kurvenlicht, Nappaleder, Sitzventilation, Sitzheizung hinten und allen Kameras und Helferlein, die in so ein Auto gehören (alles zum Grundpreis! Nur Schiebedach, Metalliclack und Klappenauspuff gibt es auf der kürzesten Aufpreisliste der Welt, der Rest ist in den 55.900 Euro enthalten!). Und sie arbeiten erfreulich unauffällig. Das haben Koreaner wirklich hervorragend im Griff: Helfer helfen in diesen Autos und nerven nicht. Fünf Fahrmodi stehen zur Verfügung, die man auch gern mal umschaltet. Allein um immer wieder vom Stinger GT in den Arm genommen zu werden, wie ein guter Freund: Wenn man nämlich von Comfort in Sport schaltet und die wunderbar konturierten Ledersitze von Zauberhand fester zugreifen und den Piloten innig an sich drücken. Ich glaub sie knuddeln den Piloten wirklich, weil er den Stinger GT jetzt artgerecht bewegt.

Das Raumangebot ist für einen wirklichen GT gigantisch. Auch wenn die Linie nach hinten sportlich abfällt, auf diesen Rücksitzen mit Polka-Beinfreiheit sitzen auch Erwachsene den Trip an den Balaton ohne Thrombose-Strümpfe tiefenentspannt ab. Ein absolut voll lebenstauglicher Viertürer und -sitzer. Da fragt man sich wirklich, wie da noch ein so gigantischer Kofferraum Platz gefunden hat: Da im Autokino aussteigen verboten war und die Fenster zubleiben mussten, haben wir die „Gesetzeslücke“ genutzt und die Models in den Kofferraum gesetzt. Ohne Sitze umklappen. Einfach so. Klappe auf, zwei Erwachsene rein und es war kein bisschen unbequem. Chips, Popcorn, die Heckklappe als Markise – es gibt in der Hamburger Innenstadt definitiv kleinere und ungeschickter geschnittene Balkone!

Mit Autokino konnten die Entwickler nicht rechnen

Man hätte das Auto geradezu im Kino umdrehen können und den Film aus dieser Position betrachten. Wenn es eben nicht doch ein modernes Auto wäre und die Elektronik natürlich bei der Entwicklung nicht mit einem Autokino rechnen konnte. Denn der Ton des Films wird nicht mehr wie in meinen Hollywood Hills-Fantasien mittels einen schönen verchromten Lautsprechers übertragen, den einem eine berollschuhte Hotpants-Dame mit einem wissenden Lächeln ins Auto gehängt hat, sondern über eine eigene Radiofrequenz direkt auf die Anlage des Autos. Und das will so ein moderner Wagen natürlich gar nicht. Nix mit Zündschlüssel in Stellung eins und den ganzen Abend Radio hören. Das Keyless-Go-System ist darauf ausgelegt, dass man gefälligst aussteigt, wenn man den Motor abstellt. Und warnt nach 30 Sekunden, dass man bitte auf der Stelle das Radio ausstellt, um eine Entladung zu verhindern. Und dann ist es auch schon rum mit der Romantik im Auto, weil man durch permanentes Drücken einer Taste oder Drehen des Lautstärkereglers das Ausschalten des Radios verhindern muss, damit der Kia „Bullit“ nicht zum Stummfilm werden lässt.

Da hat es der angereiste Ford-Fanclub einfacher. Radio an, Film gucken. Oder wie wir bei einem alten Ford-Pickup beobachten konnten: Kofferradio auf Armaturenbrett neben Flaschenbier – more style goes not!

Da durch die Radio-am-Leben-Halterei keine rechte Romantik aufkommen konnte im Kia, offenbarte sich im Übrigen ein weiteres Imageproblem: nämlich das des Filmes. Der hat ein sehr gutes Image – allerdings weiß niemand so recht warum eigentlich. Steve McQueen war ne coole Sau, aber ganz sicher kein guter Schauspieler. Und Bullit ist ein sehr bekannter Film, aber ganz sicher keine guter. Eher ein schlechter. Er lebt einzig allein von der 10-minütigen Verfolgungsjagd zwischen Mustang GT und Dodge Charger. Diese Szenen sind wirklich klasse. Aber der Rest: ein inverses Imageproblem.

Zum Schluss sei noch eine vermeintlich beiläufige Unterhaltung erwähnt, die wir belauschen konnten und die zum Thema Imageproblem nicht schöner hätte sein können: Die gut sortierte Ford-Oldie-Truppe zeigte sich eine kleines bisschen anbeleidigt, warum denn die Pressefritzen ausgerechnet diesen Kia fotografieren und nicht ihre schönen Mustangs. Da griff dann der Platzanweiser ein und empörte sich moderat aber entschieden über die Ignoranz der Alteisenpiloten: „Entschuldigung, das ist ein Kia Stinger GT! Der hat 370 PS! Das ist eines der geilsten Autos, die es momentan gibt. Ein echter GT! Und der hat volle Hütte serienmäßig!“

Ich hab mich gefreut. Für Kia. Denn es ist genau das passiert, was alle wollten: Ein bezahlbarer Gran Turismo, den ganz normale Leute ohne ein Markenfetischproblem lieben. Der Kia Stinger GT ist ein echter „Bürger King“!

TEXT Thomas Senn
FOTOS Patrick Franco

PS: Es wird die Freiluftlichtspieltheater ja wahrscheinlich nicht mehr lange geben – darum schnappt Euch Euren Schatz, Euer Lieblingsauto und ab ins Autokino! Das macht schon Spaß, wenn man da nicht arbeiten muss. Stellt Euch das nächtliche Los Angeles vor, Kofferradio einpacken, Sitze nach hinten und einen Film ausgesucht, der nur am Anfang interessant ist. Und dann seid mal wieder verliebt wie früher!

LESENSWERT.