Man spürt den Unterschied schon auf den ersten Metern. Die Alpine A110 R reagiert willig ohne jede Verzögerung und folgt geradezu spielerisch den Befehlen. Die Lenkung ist leichtgängig und dennoch kommunikativ, die Gasannahme knackig, während der flache Franzose auf Torque-Vectoring-Theater oder synthetischen Sound verzichtet, der den Fahrer mehr vernebelt als umschmeichelt.
Diese Klarheit erreicht das Auto auf altmodische Weise: durch weniger Gewicht. Räder, Sitze, Haube und sogar die Heckscheibe bestehen aus Karbon. Das Ergebnis: unter 1.100 Kilogramm Leergewicht – fast 300 Kilo weniger als ein Porsche 718 GT4 RS. Die Leistung bleibt mit 300 PS aus dem 1,8-Liter-Turbo unverändert, doch das Fahrerlebnis ist völlig anders. Lebendig in jedem Tempo, souverän bis 285 km/h und in 3,9 Sekunden auf 100 km/h.
So entsteht ein Sportwagen, der mit seinen Insassen „spricht“. Die Front packt willig zu, das Heck bleibt berechenbar, das Fahrwerk klebt förmlich auf der Straße. Selbst die Fahrt zum Bäcker fühlt sich wie eine kleine Wertungsprüfung an. Weniger ist hier tatsächlich mehr. Natürlich gibt es Schwächen: die eigenwillige Sitzposition, eingeschränkte Sicht, ein Infotainment von gestern – immerhin mit Apple CarPlay. Doch sobald man fährt, zählt das alles nicht mehr.
Alpine hat der A110 R bewusst kein Porsche-Stigma verpasst. Es geht nicht um Rekordzeiten, sondern um Balance und Schlichtheit – Werte, die in einer Ära konfigurierbarer Dämpfer und immer größerer Reifen still und leise untergegangen sind. Wer GT-Komfort erwartet, liegt falsch. Wer Individualität sucht, findet sie hier. Die A110 R verleiht selbst alltäglichen Strecken Bedeutung, ohne künstliche Dramatik.
Autos wie dieses sind selten geworden. Auch Alpine steuert Richtung Elektromobilität; leichte, kompromisslose Sondermodelle werden dort kaum Platz haben. In einer Welt voller Leistungsstatistiken erinnert die A110 R daran, warum man sich einst ins Autofahren verliebt hat. Besonders begehrenswert ist die limitierte Edition A110 R 70 – allerdings erst ab stolzen 120.000 Euro.
Renault Alpine A110. Die Legende.
„EINES TAGES KAM MAN IN FRANKREICH AUF DIE IDEE, ZWEI LIEGENDE MÄNNER MIT KUNSTSTOFF ZU ÜBERZIEHEN UND AUF RÄDER ZU STELLEN“
Herbert Völker
Mit dem Namen A 110 verbinden sich große Rallye-Triumphe, allen voran der Gewinn der internationalen Markenmeisterschaft 1971 und der ersten Rallye-Weltmeisterschaft 1973. Bis heute hat der reinrassige Sportler mit Renault Technik nichts von seiner Faszination eingebüßt. Sein Erfolgsrezept: konsequenter Minimalismus und kompromisslose Sportlichkeit.
Oktober 1962: Ausgerechnet die kleine Sportwagenmanufaktur Alpine stiehlt den großen Hersteller die Schau, denn auf ihrem Stand ist ein Fahrzeug zu sehen, das direkt von der Rennstrecke zu kommen scheint. Sein Name: A 110 Berlinette „Tour de France“. Mit nur 1,13 Meter Höhe reicht der Neuling den meisten Betrachtern gerade einmal bis zur Hüfte. Die aerodynamisch geformte Frontpartie mit Scheinwerfern hinter Plexiglasabdeckungen, die flache Windschutzscheibe, die niedrigen Seitenfenster und die sanft abfallende Heckpartie lassen keinen Zweifel am Wesen des gerade einmal 3,85 Meter langen Zweisitzers aufkommen. Das Kampfgewicht von 575 Kilogramm auch nicht. Der Name des A-110-Schöpfers steht ebenfalls für kompromisslose Sportlichkeit: Jean Rédélé.
Die ganze Geschichte der Alpine A110 …
TEXT Zaid Hamid