Isle of Man – wie der Name schon sagt!

Es ist wie beim Rallyefahren: so richtig spektakulär wird’s erst auf zwei Rädern. Und die TT-Races auf der Isle of Man sind wohl nachweislich das Gefährlichste, was man auf Zweirädern anstellen kann. Darum gucken wir heute mal über unseren Tellerrand, so lange es so krankes krankes krankes Zeug noch gibt.

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass es die Isle of Man TT-Races (Tourist Trophy) noch lange geben wird. Auch wenn es quasi kein Jahr gibt, ohne dass es zu Todesfällen während des Events kommt, sehen die Manx-Man es recht gelassen. Wie fast alles auf ihrer Insel. Weder die EU noch der Brexit interessieren sie, sie haben bei diesem Unfug von vornherein nicht mitgemacht und sogar ihre ganz eigene Währung behalten. Und ihren Humor, ihre Gastfreundschaft und ihre eigenen Regeln. Alkohol am Strand? Das macht einen schlechten Eindruck! Also: 500 Pfund Strafe, wer es doch tut. Genauso krass wie diese Regel geht es aber auch in die andere Richtung: Geschwindigkeitsbegrenzung? Nur wo es dran steht! Steht da nix ist Feuer frei erlaubt. Auf zwei Meter breiten Landstraßen, vorbei an Häusern und langen Alleen. Muss jeder selbst wissen, ob er da 200 oder 300 fahren will. Im öffentlichen Verkehr. Zu jeder Zeit. Für alle.


Und das ist der Geist, den ein Naturschauspiel wie die TT Races braucht. Macht mal Jungs, ihr seid ja groß! Und wenn mal was schief geht, so what!

Ich will euch dieses Spektakel mal in den Rallyesport übersetzen, damit ihr eine Vorstellung davon habt, warum wir es hier mit dem schnellsten und gefährlichsten und verdammt nochmal schärfsten Straßenrennen der Welt zu tun haben.

Also: Ihr fahrt ein WRC, übersetzt auf entspannte 335 km/h. Die WP besteht ausschließlich aus schmalen Landsträßchen und Ortsdurchfahrten in bergiger Kulisse. Rechts und links Häuser oder Bäume. Oder Laternenmasten, Abgründe, Telefonzellen, Tankstellen, Bordsteine und immer wieder garstige Naturstein-Mauern. Auslaufzone? Kicher! Nirgendwo. Dafür Kuppen, Kehren, Abzweige, ständig wechselnde Beläge von schlecht auf ganz schlecht. Diese WP ist nun 61 Kilometer lang. Einen Beifahrer dürft ihr nicht mitnehmen, ihr müsst jeden Meter auswendig kennen. Und das ist nicht so einfach, weil alles gleich aussieht. Wie in einem Rosamunde-Pilcher-Film. Der Schnitt auf dieser WP liegt bei 217 km/h! Zweihundertsiebzehnkaemha. Im Schnitt!

Wie gesagt: es gibt auch drei Kehren und zahlreiche Abzweige in den Ortschaften. Trotzdem 217 km/h. Schnitt. Auf Piss-Sträßchen. Topspeed 334 km/h. 61 Kilometer. Alles auswendig. Bei geringstem zu spät Bremsen oder falscher Einschätzung einer der zahlreichen Kuppen: sofortiger Einschlag in eine Mauer oder fällen eines Baumes. Anders gesagt: Fehler = Tot! Kleinster Fehler reicht. Klitzekleinster. Würdet ihr euch das zutrauen? Im WRC? Und denkt nicht, dass ihr mal irgendwo unbemerkt lupfen könntet. Die Teilnehmer starten im 10 Sekunden-Abstand! Einmal gelupft und du kämpfst nicht mehr nur gegen dein Gedächtnis und den Tod, sondern hast sofort noch ein zusätzliches Battle, bei dem du nicht mehr allein mit 300 durch die Alleen und Ortschaften knallst, sondern fightest Kotflügel an Kotflügel mit deinem Hintermann, der sich nicht von dir Waschlappen aufhalten lassen will.

Das sind die TT-Races auf der Isle of Man. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass Du nicht wind- und wettergeschützt in einem erdbebensicheren Auto sitzt, sondern auf einem Motorrad. Das dir bei über 300 den Kopf abreißen will. Ob vom Wind oder einem Einschlag neben der Strecke – egal!

Jeder hat sicher schon mal ein Youtube-Video von diesen letzten Helden auf der Welt gesehen. Aber es geht nichts – nichts nichts nichts – über dein erstes Mal an der Strecke. Wenn du mitten in der Hauptstadt Douglas hinter einem hüfthohen Mäuerchen stehst, gegenüber von dir die verträumte örtliche Tankstelle, wo du morgens noch getankt hast. Und du weißt genau, jetzt kommt gleich, wenige hundert Meter nach dem Start, das erste Superbike angeflogen. Im Sechsten. Du freust dich, bist total nervös (schon Stunden vorher, wirklich!) und du glaubst zu wissen was passiert. Aber du hast überhaupt keine Ahnung was wirklich passiert, wenn es so weit ist. Der Claim der Rennen lautet nicht umsonst: „Blink and you’ll miss it …“ – Blinzel und du wirst es verpassen!

Und genau so ist es: Würde man nicht über die Lautsprecher der Streckensprecher das Geräusch der startenden Maschinen schon hören und demnach wissen, dass gleich der erste kommt: du würdest ihn verpassen. Weil das Hirn überhaupt keinen Bereich freigehalten hat in dem es solche Geschwindigkeiten aus dieser Nähe einordnen kann. 300 km/h in einem Meter Entfernung sind wirklich schneller vorbei als einmal Blinzeln. BAUU! Sprecht es so schnell aus wie ihr könnt: und ihr habt erlebt, wie ein Irrer auf seiner S 1000 RR an Euch mit 300 im Ort vorbeigeflogen ist. Versucht ein Handyfoto zu machen. Nur auf jedem zehnten wird ein Zipfel des Motorrades drauf sein. BAUU!

Aber ich versprech euch: ihr macht keine Handyfotos. Weil ihr wie kleine Kinder bei ihrer ersten Achterbahnfahrt laut lachen werdet vor Angst, Freude, Begeisterung und diesem Gefühl, bei etwas dabei zu sein, was es da draußen kein zweites Mal gibt. Bei der TT stellt man sich nicht an Kurven oder Kehren. Das kann die Moto GP auch. Du willst an einen Sprung, eine Kompression, die das Motorrad im sechsten Gang so zusammenstaucht, dass die Verkleidung aufsetzt. In Griffweite aus einem Pub heraus. Du wirst innerhalb eines Tages süchtig nach diesem Kick. Und wenn du einen Motorradführerschein hast, ist es noch viel viel schlimmer. Weil du dann ganz genau weißt: das-kann-man-nicht-überleben. Vielleicht ein, zwei Kilometer. Aber jede verdeckte oder feuchte Kurve? Blätter auf der Straße? Irre mit Handysticks hinter der Mauer (nachgewiesener Funfact: Selbst die leichteste Berührung eines der vorbeifliegenden Motorräder mit deinem affigen Handystick kugelt dir als Zuschauer den Arm aus!)?

61 Kilometer ohne Aufschrieb mit einem Schnitt von 217 km/h? Und beim Senior TT Race sechs Runden lang – also fast 370 Kilometer. Am Stück. Am Limit. Das kann nicht gutgehen. Geht es aber meist! Auch wenn es quasi in jedem Jahr Tote gibt bei diesem Rennen, sind der Großteil der Toten nicht etwa Fahrer, sondern Fans. Aber nicht an der Strecke, sondern AUF der Strecke. Weil das ganze Spektakel mit seinen Wetterunwägbarkeiten und vielen Rennklassen über zwei Wochen andauert, ist der Sonntag zwischen den Rennen frei für alle. „Mad Sunday“ heißt er und das zu Recht. Die TT Races ziehen natürlich alle Organspender aus den deutschen Kleinstädten mit ihren Superbikes wie S 1000 RR, Hayabusa, GSXR, Fireblade, Tuono, Panigale und Co. an wie die Saalschlacht auf dem Schützenfest in ihrem Kaff. 50.000 Besucher reisen Ende Mai/Anfang Juni auf die Insel, sehr sehr viele davon auf ihren zweirädrigen Waffen.

Und am Mad Sunday wollen sie es ihren Kumpels vom MC Dosenbier Salzgitter-Gitter mal zeigen, dass sie nicht umsonst den offenen Akrapovic montiert haben. Mit vier Bar Restalkohol auf dem Kessel geht es dann auf die 60 Kilometer lange Strecke. Mit allen anderen zusammen. Im Linksverkehr. Und mit den Sirs und Ladies in den Land Rovern und auf dem Traktoren. Auch das geht ganz oft gut. Und manchmal eben nicht. Und dann ist alles wieder gesperrt, was zumindest dafür sorgt, dass in der Zeit, in der der Rettungshubschrauber alle Teile zusammensucht (kein Spaß: die Strecke wird erst wieder geöffnet, wenn alle Körperteile gefunden sind – ist eine polizeiliche Anordnung) keine weiteren Spinner in den Papageienlederkombis und der Skunk-Frise mit lustigem Resthaarzöpfchen zum letzten Mal die sechste Welle eingelegt haben.

So abenteuerlich das alles klingt: es geht schon auch sehr professionell auf der Isle of Man zu. Es gibt Tribünen und Boxen, die ganzjährig aufgebaut sind und an jeder Ecke 15 höchstprofessionelle einheimische Marshalls, die besonders eindrucksvoll mit ihren Marshall-Bikes keine Zehntelsekunde langsamer als das Feld auf der Strecke unterwegs sind, wenn etwas passiert ist.

Neben der TT gibt es schließlich noch die Classic TT im August, den Manx Grand Prix und zum Beispiel auch die Manx Rally, von der man schon mal was gehört haben könnte. Diese Insel liebt und den lebt den Motorsport. Den echten. Für die Harten. Auch wenn sie einem manchmal in den Garten kommen…

Es ist also vollkommen klar: so lange Greta uns noch lässt müssen wir das gesehen haben! Ich kann euch nur raten: bucht das Ganze über einen professionellen Veranstalter, ihr habt sonst nur den halben Spaß. Da die Insel nicht viel größer als die Strecke ist habt ihr sonst keine Chance bei eurem Besuch an die richtigen Ecken zu kommen, die wichtigen Infos zu bekommen, ein erträgliches Hotel oder für Gruppen ein ganzes Haus zu finden, die richtigen Tickets zu haben, ein Mega-Catering (bei uns: eigene Hospitality mit Honda und Mugen!) und auf die denkwürdigen Partys zu kommen. Ich war in diesem Jahr für eine Woche mit RP Events von Klaus „Klaffi“ Klaffenböck auf der Insel. Und ich würd es immer und immer wieder tun: Klaus Klaffenböck ist ein ehemaliger Seitenwagenweltmeister, selbst mehrfacher TT-Sieger und lebt heute auf der Isle of Man! Leute, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie unterhaltsam eine Tour in kleinen Bussen mit ihm oder seinem langjährigen Team-Member Roberto sein kann. Die beiden kennen jeden Zentimeter der Strecke auswendig, wissen in welchem Gang mit wieviel Gas welches Eck geht und haben Anekdoten auf Lager, dass selbst eine verregnete Woche wie die Meine im Flug vergeht.

Auf unserer ersten Streckenbesichtigung mit dem zügig bewegten Bus (einmal Rennfahrer, immer Rennfahrer) haben die, denen nicht übel wurde, erfahren, dass wir jetzt nach 20 Minuten bei der ersten Zwischenzeit in Glenn Hellen angekommen sind. Die Superbikes sind da nach 4:15 Minuten! Okeeeee … Und zwischendurch bekommst Du die restlichen Infos von Roberto: „Hier geht es ‚Loch, Kuppe, Jump, 6. Gang, blind bremsen, zwei Gänge runter und rechts ab’. Musste wissen, sonst fehlste heut Abend bei Essen!“ „Ouuh, jetzt 6. Gang, ganz innen, Sprung, 60 Meter bei 300! Und jetzt links bleiben, sonst springst Du in den Graben rein, auf keinen Fall Ideallinie fahren! Und niemals spät bremsen! Hier musst Du in der Kurve beschleunigen für die nächste Gerade!“ Und weiter geht die wilde Fahrt: „Ab Glen Hellen sind Fahrer, Fahrwerk und Mut gefragt. da nützt dir die größte Motorleistung nix! Überhaupt ist Erfahrung das Allerwichtigste! Du musst jede Kurve kennen und anderthalb Stunden lang immer wissen, wo Du bist!“

Erfahrung ist nur gar nicht so einfach, da man ja nicht so viel hier fährt. Maximal 15 Runden pro Jahr bei Rennen und Trainings. Den Rest der Zeit dürftest Du zwar auf den Landstraßen auch trainieren, aber die Ortschaften fehlen dir doch. Und gerade da wird es haarig. Nicht grundlos starten die meisten Fahrer gleich in drei verschiedenen Klassen um trainieren zu können. Überhaupt darf hier nicht jeder einfach so starten: Man muss sechs Mountain Races (die es auch auf anderen Strecken gibt) im Ziel abgeschlossen haben (also lebend) und dann innerhalb der schön schrulligen Quali-Regelung der Briten bleiben: maximal 112,5 Prozent der Zeit des drittschnellsten aus dem Freitagstraining! :rofl:

Und schon trumpft Roberto wieder am Steuer des Busses auf: „Kirk Michael muss man sich geradeaus denken, da kann man nicht lupfen, da muss man sich was überlegen, wie es da geradeaus durchgeht.“ Ein paar Meter weiter: „Die Kurve hier darf man auf keinen Fall voll nehmen, auch wenn sie locker voll ginge. Aber Du musst das Motorrad rechtzeitig gerade haben weil dann der Sprung kommt. Ins Haus, wenn Du nicht gerade bist! Aber danach kannst Du dann die Beine mal wieder öffnen, ab hier wird’s ein paar Kilometer entspannter und schneller! Und falls ihr mal selber fahren wollt am Mad Sunday: Wenn das Vorderrad hochgeht, und das tut es zigmal in einer Runde: niemals Gas wegnehmen! Immer nur leicht die Hinterradbremse treten, dann kommt es schon wieder irgendwann runter. Ihr verliert sonst zu viel Zeit!“

Apropos Zeit verlieren oder eben nicht. Es gab ein Interview mit einem Fahrer, auf die schnellste Stelle der Strecke angesprochen: „Hier fahren sie 334 km/h Topspeed! Wo findet man da den Bremspunkt?“ „Ich bremse, wenn ich an der Hauswand die kleine Schrift des Straßenschildes lesen kann!“ „Aber sie werden doch auch älter und sehen schlechter …“ „Ja prima, dann werd ich automatisch schneller!“

Das ist der Humor dieser Jungs. Also derer, die es überlebt haben. Nicht lang überleben übrigens die Reifen auf dem rauen Asphalt: nach 2 Runden müssen der Hinterreifen und der Helm (Mücken!) getauscht werden! Regenreifen werden überhaupt nur 1 Runde im Training gefahren, beim Rennen ginge es nicht, weil es keinen Regenreifen gibt, der 2 Runden halten würde. Das mal als Vorstellung und Vergleich zur Moto GP. Das ist wie Formel 1 und Rallyes. Das eine ist künstlich, das andere echt. Fahrt zum Echten. Und bucht rechtzeitig. Ein Jahr im voraus, wenn Ihr noch was aussuchen wollt. Klaffi und Roberto freuen sich auf euch! BAUU! BAUUBAUU!

TEXT Tom Senn
FOTOS TT & Tom Senn

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