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Goodwood Revival Festival. Schampus und Petticoats.

Endlich können die Briten wieder ihre Liebe zu klassischen Autos und Vintage-Kleidung ausleben. Garniert mit Edel-Sprudelwein, English Breakfast Tea und jede Menge Klatsch und Tratsch.

„Hurraaaa es ist wieder Goodwood“, jauchzt Claire. Die adrette Mittfünfzigerin (geschätzt, die Höflichkeit verbietet ein Nachfragen) strahlt mit der Sonne um die Wette. Claire hat sich angemessen gewandet. Die langen schlanken Beine blitzen aus einem weißen Petticoat-Kleid mit großen weißen Punkten hervor. Kleidung aus den 50ern und 60er Jahren ist der modernste Dresscode, der beim Goodwood Revival erlaubt ist. Viele kommen auch gerne in Weltkriegs-Soldaten-Uniformen. Nicht so Claire. In der rechten Hand schwenkt sie ein Glas Champagner der französischen Nobelmarke Veuve Clicquot. „Ich muss jetzt weiter, da hinten steht meine beste Freundin. Wir haben uns seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen“, flötet sie fröhlich und tänzelt ein paar Meter weiter. Wir gehen weiter. Schließlich gibt es noch so viel zu sehen. 

Das heißt, wenn man es auf das Anwesen des Lord March im malerischen Sussex schafft. Schon in den frühen Morgenstunden warnt der Verkehrsfunk vor langen Staus auf dem Weg zum Goodwood Revival Festival, das knapp eineinhalb Autostunden südlich von London stattfindet. Die Radio-Moderatoren feiern eine halbe Stunde Stillstand der Blechkarawane schon als Erfolg. Wer zu spät losfährt, den bestraft das Durchschnittstempo. Die nächste Schlange bildet sich vor dem Eingang, Der guten Laune tut das keinen Abbruch. Die Besucher freuen sich einfach, hier zu sein.

Schließlich gibt es schon auf den riesigen Parkplatzwiesen rings um den Goodwood Cicuit einiges zu sehen, was das Herz eines jeden Automobilfans höherschlagen lässt. Da blitzen Ford Mustangs aus den 1960ern, Ur-Porsches und natürlich jede Menge Preziosen aus der Hochzeit des britischen Automobilbaus in der Sonne: Range Rover Series, Jaguar E-Type und sogar ein Aston Martin DB 2/4 Mk I aus dem Jahr 1953. Das Elektroauto Solar Lightyear, der verschämt am Rand steht, wirkt hier wie ein Fremdkörper. Ist man es einmal auf dem Festival-Gelände angekommen, wandelt sich die Kulisse in Richtung Volksfest. Ein klassisches Riesenrad und ein Karussell aus den 1950ern stehen da, auf dem sich junge Frauen jauchzend im Kreis drehen lassen.

Das große Bonhams Zelt ist ein deutliches Zeichen, dass es beim Goodwood Revival Festival auch um Geld geht. Das bekannte Auktionshaus, das auch auf Events wie der Monterey Car Week in Kalifornien aktiv ist, bietet insgesamt 115 Automobile feil. Den Höchstpreis erzielte aber nicht einer der britischen Oldtimer aus dem Hause Aston Martin oder Bentley, sondern ein Mercedes SLR Roadster, der für 690.000 britische Pfund unter den Hammer geht. Dagegen mussten viele Besitzer klassischer Fahrzeuge, die auf einen satten Gewinn gehofft hatten, mit langen Gesichtern den Heimweg antreten. Offenbar scheint sich die wirtschaftliche Lage auch bei den Nobelkarossen auszuwirken.

Wer sich in den kleinen weißen Zelten umschaut, findet einige automobile Kleinode. Ein blauer de Tomaso Pantera GTS aus dem Jahre 1973 blinzelt verträumt in die Sonne, daneben steht ein unlackierter Jaguar XK150 Drop Head von 1960 zum Verkauf. Das Auto befindet sich gerade in der Restauration. Den Preis gibt es später auf Nachfrage. Aber auch modernere Schätze warten auf ihre neuen Besitzer. Ein herrlicher Lancia Delta Integrale Evo 2 (105.995 Pfund), Porsche 924 Carrera Carrera GT (Baujahr 1981 / 74.995 Pfund) oder ein schmucker Alfa Spider 1.750 Veloce für 59.995 Pfund. Ein Sold-Schild sieht man selten. Neben den Fahrzeugen werden an jeder Ecke Automobilia angeboten: T-Shirts, klassische Schlüsselanhänger oder auch Ersatzteile wie Lenkräder oder Gangknüppel. 

Doch die Zeltstadt mit ihren aufregenden Bewohnern ist nur das Vorspiel. Wenn man es einmal zum Herzen des Festivals rund um die Rennstrecke geschafft, gehen die Drehzahlen noch mal ein gutes Stück nach oben. Und das liegt nicht nur am bisweilen ohrenbetäubenden Lärm, wenn im Fahrerlager die Triebwerke aufgewärmt werden. Denn hier dürfen die großvolumigen Meisterwerke der Motorbaukunst noch durch ihre acht, zehn oder zwölf Nüstern frei atmen.

Den ganzen Tag finden auf dem Goodwood Circuit Rennen statt, bei denen mit dem Messer zwischen den Zähnen um jeden Zentimeter gekämpft wird. Bei der Freddie March Memorial Trophy ballern ein Jaguar C-Type, ein Aston Martin DB3S oder der quirlige Allard J2X aus dem 1940ern und 1950ern um die Ecken. Bei der Goodwood Trophy rasen legendäre Monoposti wie ein Maserati 6CMs oder ein Alfa Romeo P3 über den Asphalt. Natürlich dürfen klassische Ferraris wie der 250 SWB oder legendäre Formel-1-Boliden aus der 2,5-Liter-Ära in den 1950ern nicht fehlen, genauso wenig klassische Motorräder aus den 1950ern, die um Barry Sheene Memorial Trophy fighten. Jeder, der nur einen Tropfen Benzin im Blut hat, wird es bei diesem Anblick warm ums Herz. Auch die jüngsten Festival-Besucher kommen in einem klassischen Seifenkistenrennen auf ihre Kosten,

Ganz traditionell geht es am Samstagabend zur Sache, wenn Lord March zum exklusiven Dinner lädt. Am Himmel vollführen Spitfire-Jagdflugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg halsbrecherische Manöver, dazu wird Champagner (was sonst?) gereicht, ehe es zum Fest-Speisen geht. Überall hängen riesige Taler mit den Insignien der unlängst verschiedenen Königin Elisabeth: „E II R“ steht für „Elizabeth II Regina“ (Königin Elisabeth II.) und am Ende wird ein Toast ausgesprochen, bei dem der ganze Saal zweimal „The King“ (ruft), ehe die Nationalhymne „God save the King“ gesungen wird. Allein für dieses Schauspiel lohnt sich schon das Anstehen. 

TEXT Wolfgang Gomoll für WALTER

LESENSWERT.