Customizing ist in der Motorradwelt nicht wegzudenken. Was früher dank des D+W-Kataloges auch in der Autowelt fest verankert war, ist dort heute fast ausgestorben. Niemand schraubt sich mehr einen Pommestheke auf den Kofferraumdeckel seines Hybriden, keiner denkt an Schwellerverbreiterungen und ein 32er Raid-Lenkrad bei seinem Familienkombi. Bei Motorrädern ist das noch ganz anders: hier tobt sich jeder aus. Kein Bike gleicht dem anderen. Manche sind aufgetakelt wie die Gorch Fock, andere gehen den entgegengesetzten Weg und präsentieren sich so nackt wie es gerade noch erlaubt ist. Oder auch nicht erlaubt.
Und dazu braucht es Basismotorräder. Während bei den Youngtimern quasi jeder Umbau aus einem alten BMW-Boxer, einer Honda CX500 Güllepumpe oder einer Harley entsteht, ist bei Neufahrzeugen schon mehr Vielfalt geboten. Auch hier ist die R nineT von BMW gern genommen, auch hier sind Harleys vorne dabei, aber auch die Triumph-Familie mit Bonneville & Co., die Indians oder eben auch Royal Enfields. Allesamt Motorräder, mit mehr oder weniger ursprünglichem Aussehen und moderner Technik inside. Nur in völlig unterschiedlichen Preisklassen. Und zwar wirklich völlig unterschiedliche.
Zwei zum Preis von einer
Royal Enfield ist preislich das untere Ende der Fahnenstangen. Teilweise so günstig, dass man sich wirklich fragen muss, ob man bei anderen Herstellern über den Tisch gezogen wird. Denn es muss niemand meinen, dass eine moderne Royal Enfield den europäischen Platzhirschen in Sachen Qualität nachsteht. Überhaupt ist das so eine Sache mit der Wahrnehmung: Royal Enfield ist der älteste noch produzierende Motorradhersteller der Welt. Und weltweit knapp in den Top-10.
Sie produzieren ein Vielfaches von BMW. Und doch hat man Royal Enfield hier kaum auf dem Zettel. Was eigentlich idiotisch ist, denn für den Preis eines in Europa etablierten Herstellers kann ich mir zwei, drei oder manchmal auch vier oder fünf Royal Enfields kaufen. Und seit es den 650er Twin aus Indien gibt, muss sich auch keiner mehr mit 350 Kubik am Softeisfachgeschäft schämen. Anmerkung des Autors: Muss man auch so nicht, so eine Einzylinder macht mehr Spaß als man meint.
Jüngstes Mitglied der Twin-Familie aus Indien ist die Shotgun. Quasi das Gegenstück zu Triumphs Bonneville Bobber. Für den halben Preis. Ein Bobber zeichnet sich durch das Weglassen allen unnötigen Ballasts aus. Was nicht dran muss, ist auch nicht dran. Natürlich ist serienmäßig aber doch viel dran, was danach von den Besitzern wieder abgeschraubt oder durch kleinere Teile ersetzt wird. Blinker werden geschrumpft, Auspuffanlagen reduziert, Sitze veredelt und und und.
Bei der Shotgun hat man da schon mal vorgedacht, und den Sitz des Mitfahrers gleich im Regal gelassen. 90 Prozent aller Motorradfahrten erledigt man eh alleine. Anders als in Indien, ist ein Motorrad hier schließlich die Flucht aus dem Alltag, da bringt man nicht auch noch jemanden mit, den man dann wieder höflich loswerden muss. Und zur Not verkauft einem Royal Enfield auch noch ein Sitz für die zweite Person. Aber dann kauft man eigentlich keine Shotgun.
Mehr brauchen nur Wenige
Optisch ist die Shotgun eine Top-Umbaubasis. Klar, man muss diese Art von Motorrad mögen. Cruiser, Roadster, Bobber, wie auch immer man es nennt: das ist nix für die Weltreise. Eine Shotgun fährt man auch nicht mit einem Goretex-Kostüm (eigentlich fährt man gar kein Motorrad mit sowas, der Mensch ist von Haus aus wasserdicht, also unnötige Umweltbelästigung). Auf die Shotgun schwingt man sich, um in der Stadt Wege zu erledigen und am Wochenende raus aufs Land zu donnern. Halbschale auf, Handschuhe an, fertig.
Der Motor ist ja schon aus den Modellen Interceptor und Continental GT (mein Favorit) bekannt, und genau so motorisiert, wie es jeder super easy händeln kann. Da braucht nix eingreifen, weil 200 unnötige PS am Hinterrad auf 47 eingebremst werden müssen, damit das Geschoss nicht die Straße aufschneidet. Eine Shotgun hat halt gleich die 47 PS, die immer funktionieren. Klassische Optik, klassischer Zweizylinder-Sound, mehr brauchen nur Wenige.
So leichtfüßig diese modernen Twins alle aussehen: sie sind schon noch aus Eisen gemacht. 240 Kilo muss man im Stand bewegen können, was aber auch Menschen aus basketballfremden Genpools dank der niedrigen Sitzhöhe gut gelingt. Der Sattel ist quasi freischwebend aufgehängt und freut sich darauf, den Rest seines Lebens in einem Karton im Keller neben dem Auspuff zu verbringen, weil jeder Fleischesser ihn gegen einen aus echtem Leder tauschen wird. Er ist nicht unbequem oder so, er ist einfach einfach. Zu einfach.
Technisch bringt die Shotgun mit, was sie muss: ABS, Einspritzung, Luft-Öl-Kühlung, 6-Gang-Getriebe, E-Starter, Showa-Federung und sogar ein im Look eines Rundinstrumentes eingelassenes Navi hat sie an Bord. Da ich die Shotgun nur kurz hatte, habe ich es mir aber verkniffen die dazugehörige App namens „Tripper“ herunterzuladen. Ein Tag Navispaß war mir den Preis für lebenslange Google-Empfehlungen zur Geschlechtskrankheitenprävention dann doch nicht wert. Vielleicht kann da der Texter in Indien nochmal drüber rutschen.
Die Verarbeitung macht einen großartigen Eindruck, alles aus dem Vollen, immer lieber ein bisschen dicker als nötig gearbeitet, da geizt niemand in Indien. Es rappelt und klappert nix, es bremst, es fährt, es nervt nicht und es gibt einem auf jedem Meter das gute Gefühl der guten alten Zeiten, die gar nicht so gut waren, weil die Motorräder früher, als sie schonmal so aussahen, ein schöner Scheiß waren. Mit dieser Royal Enfield könnte man heute am Tag wieder zurück nach Indien fahren, ohne einen Engländer in der Tasche haben zu müssen. Allerdings hätte man auch keinen Platz für eine Tasche.
Was den bunten Vogel in mir freut: farblich ist Royal Enfield anderen Herstellern oft voraus. Nicht alles muss Triple Black oder mattgrau sein. Es gibt bei den Indern in der Modell-Palette auch frohe Farben wie Plasma Blue, Orange Crush, Sunset Strip oder das hier gezeigte Drill Green. Die Reifen (100/90 R18 vorne und 150/70 R17 hinten) werden sich den Kellerplatz mit dem Sattel teilen, sie stammen von einem „Never heard of her“-Hersteller und werden in Deutschland keine Akzeptanz finden. Vielleicht sind sie sogar gut, aber Deutschland ist Reifenthread-Land, da wird man online gelyncht.
Gebaut um umgebaut zu werden
Aber ganz ehrlich: erstens mal sind diese Motorräder dazu gebaut umgebaut zu werden. Und zweitens kostet eine Royal Enfield Shotgun 7.790 Euro. Ja, richtig gelesen. Für das Geld ist genug Rest in der Customizing-Kasse. Und nochmal: man MUSS da gar nix ändern. Wenn man einfach nur ein tolles Motorrad mit ursprünglichem Feeling will, für zwischendurch, ohne sich (finanziell) krumm machen zu müssen – gibt es gar keine Alternative am Markt. Ein Spaßgerät zum Spaßpreis. Und wem das auch noch zu viel ist: der kann für 5.390 Euro schon eine superklassische Classic 350 fahren. Und wer das Geld auch nicht hat, der will gar kein Motorrad und geht halt indisch essen. Auch mal schön.
TEXT und FOTOS Thomas Senn für WALTER #21