Jetzt also auch offen – der Ferrari 12Cilindri. Purer Fahrspaß, ungewöhnliches Design und grandioser Fahrspaß ohne einen Hauch von Elektrifizierung. Ferrari fährt seinen ganz eigenen Weg – wieder einmal. Die auffällige schwarze Frontmaske erinnert auch beim Spider eindrücklich an den Ferrari 364 GTB von 1964 und verleiht dem 12Cilindri einen Hauch von Mysterium, was sich an Dach und Heck des Spiders fortführt. Die hinteren Winglets schließen bündig mit Flanken und Heckklappe, um sich bei Bedarf nach oben zu recken, was die Aerodynamik signifikant verbessert.
„Wir haben uns für ein versenkbares Hardtop entschieden, weil es die beste Lösung in Bezug auf den akustischen und thermischen Komfort ist“, rechtfertigt Ferrari-Techniker Alessandro Caltagirone. Um das zusätzliche Gewicht zu minimieren, wurde eine Aluminium-Überrollbügel in die Wand hinter den Sitzen integriert. Die Konstruktion ist 40 Kilo schwerer als bei einem Softtop und reduziert das Gepäckabteil im Vergleich zum Coupé von 280 auf 200 Liter.
Ferrari macht bei seinem 4,73 Meter langen 12Cilindri unverändert einen Bogen um die Elektrifizierung. Keine Hybridisierung, kein 48-Volt-Bordnetz oder zumindest eine Turboaufladung, sondern ein reiner Sauger, der akustisch wie in Sachen Ansprechverhalten in jedem der Fahrmodi beeindruckt. So holt der offene Doppelsitzer seine mehr als imposanten 830 PS aus einem gigantischen Hubraum von 6,5 Liter.
Auf Wunsch des Fahrers und mit blinkenden Kontrollleuchten im Lenkrad erreicht er maximal 9.500 Umdrehungen pro Minute und produziert maximal 678 Nm bei 7.250 Touren. Die Torsionssteifigkeit des Chassis wurde im Vergleich zum Ferrari 812 Superfast um 15 Prozent erhöht, während die strukturellen Verstärkungen es ermöglicht haben, dass der Roadster fast so steif unterwegs ist wie das Coupé. Bis zu einer Geschwindigkeit von 45 km/h lässt sich das Dachkonstrukt in 14 Sekunden öffnen oder schließen. Kommen die Fenster hinzu, dauert der große Auftritt auf dem Parkplatz oder an der Ampel vier Sekunden länger.
Innen verzaubert das bekannte Ferrari-Ambiente, während der Kunde die Wahl zwischen wohl bequemen Sportsitzen oder konturierteren Kohlefaserschalen hat. Fahrer und Beifahrer blicken auf drei Bildschirme, die von links nach rechts immer kleiner werden (15,6 Zoll, 10,25 Zoll und 8,8 Zoll). Wirklich übersichtlich sind Darstellung und Bedienung nicht; doch mit etwas Eingewöhnung klappt es besser, die zahlreichen Funktionen zu steuern.
Wenig überzeugend bleibt das Lenkrad mit seinen zahllosen Bedienmodulen, die über die Touchfunktion nur schlecht zu bedienen sind und auf ein zeitgemäßes Head-Up-Display verzichtet auch der neueste Sportler aus Maranello. Es gibt eine Apple CarPlay- und Android-Smartphone-Konnektivität, was sich nicht nur deshalb sehr sinnvoll erweist, weil der 400.000-Euro-Sportler kein eigenes Navigationssystem an Bord hat.
Sobald man mit dem 12Cilindri Spider auf die Straße geht, geht der Genuss los. Nicht allein die Beschleunigung aus niederen Drehzahlen ist schier atemberaubend, sondern die Kraftentfaltung des gigantischen Saugers katapultiert einen in gefühlten Sekundenbruchteilen in andere Dimensionen. Trotzdem bietet die semi-aktiven Magnaride-Federung genügend Komfort für den Alltag, sodass auch Langstrecken zu einer Oben-ohne-Genusstour werden. Derweil hat das achtstufige Doppelkupplungsgetriebe seine Stärken eher in der sportlichen Gangart und so mancher Gran-Turismo-Liebhaber würde sich bei seichtem Kurvenvergnügen kommodere Gangwechsel wünschen.
Wenn man das Kurventempo erhöht, kommt es zu einem leichten Wanken der Karosserie und einer Tendenz zum Untersteuern in engeren Kurven. Nur wenn man darauf besteht, akzeptiert der 12Cilindri widerwillig, das Heck etwas zu lockern. Fahrspaß pur! Leider lassen sich die einzelnen Fahrparameter nicht an die Vorlieben des Fahrers anpassen, wie eine weichere Federung mit einer präziseren Lenkung und einer mittleren Ansprechgeschwindigkeit von Motor oder Getriebe zu kombinieren. Doch wen stört das bei der Wochenendausfahrt in den südbayrischen Bergen oder einer Tour durch die Schweizer Alpen wirklich?
TEXT Joaquim Oliveira
Technische Daten Ferrari 12 Cilindri Spider
- Motor: V12-Saugmotor
- Hubraum: 6.496 ccm
- Leistung: 611 kW / 830 PS
- Max. Drehmoment: 678 Nm bei 7.250 U/min
- Höchstgeschwindigkeit: über 340 km/h
- Beschleunigung 0 – 100 km/h: 2,9 Sekunden
- Antrieb: Hinterrad
- Getriebe: Achtgang-Doppelkupplung
- Leergewicht: ca. 1.700 kg
- Ladevolumen: 200 Liter
- Normverbrauch: 15,9 l / 100 km
- Preis: ab 421.400 Euro