Die Alta Via del Sale ist kein Ort für Experimente. Vor mehr als 150 Jahren in die Flanken der ligurischen Seealpen geschlagen, verläuft sie auf teils über 2.000 Metern Höhe entlang des Grenzgrats zwischen Italien und Frankreich. Schmal, bröselig, schlecht gesichert – und gerade deshalb ein Sehnsuchtsziel für Geländewagenfahrer, Mountainbiker und Wanderer. Wenn sie schwindelfrei sind und festen Tritt haben. Wer hier auf einen Lamborghini hofft, der glaubt auch an den Yeti oder sucht in Schottland nach Nessie.
Bis zu jenem Moment, in dem sich tiefes Grollen aus dem Tal nach oben schiebt. Kein Donner, keine Sprengung, kein Militärmanöver. Sondern zehn Zylinder, die sich mühsam den Berg hinaufarbeiten. Spätestens am Rifugio La Terza reiben sie sich ungläubig die Augen, als der flache Keil im Schritttempo über Geröll und Stufen kriecht. Ein Lamborghini? Hier oben? Ja, genau hier! Seit sie ein paar hundert Kilometer weiter im Osten auch Ötzi gefunden haben, werden auch in den Alpen Wunder wahr.
Die Hohe Salzstraße (Ligurische Grenzkammstraße) ist eine spektakuläre, unbefestigte ehemalige Militärstraße, die sich von den piemontesischen Alpen bis zur ligurischen Küste erstreckt und dabei die italienisch-französische Grenze quert. In Höhenlagen zwischen etwa 1.800 und 2.100 Metern über dem Meeresspiegel folgt sie über weite Strecken der zentralen Wasserscheide und führt über exponierte Kehren sowie anspruchsvolle Abschnitte vorbei an hochalpinen Pässen.
Die vollständig naturbelassene Trasse beginnt oberhalb von Limone Piemonte in der Provinz Cuneo und endet in Monesi di Triora im bergigen Hinterland Liguriens. Die rund 30 Kilometer lange Strecke ist nach der Schneeschmelze während der Sommer- und Herbstmonate zugänglich. Sie steht dann Fußgängern, Radfahrern und motorisierten Fahrzeugen offen – mit Ausnahme einzelner Tage pro Woche, an denen die Hohe Salzstraße ausschließlich dem nicht motorisierten Verkehr vorbehalten ist.
Außerdem ist das ja auch kein gewöhnlicher Lambo. Weder ist es ein Urus, der zurück zu seinen Wurzeln will und tief in seinen Genen plötzlich den Abenteurer entdeckt hat. Noch ist es ein Huracán, wie sie ihn noch bis vor knapp zwei Jahren gebaut haben. Sondern es ist ein Lambo wie keiner, ein Zwitter, der genauso SUV ist wie Supersportwagen und gleichzeitig keines von beidem. Denn was sich da aus dem Tal auf den Weg gemacht hat, ist einer von 1.499 Huracán Sterrato und ziemlich das abgefahrenste Auto der schnellen Audi-Schwester. Karbonchassis, V10-Saugmotor, 610 PS – daran hat Lamborghini nichts geändert.
Aber sie haben nachgeschärft: knapp fünf Zentimeter mehr Bodenfreiheit, verbreiterte Kotflügel, Unterbodenschutz aus Karbon, spezielle Bridgestone-Offroadreifen, neu kalibrierter Allrad, ein Rallye-Modus mit deutlich gelockerter Leine. Und eine Hutze auf dem Dach, damit der Motor auch im Staub sauber atmet. Sogar einen Dachträger gibt es – ein Sakrileg, das in Sant’Agata trotzdem niemanden schreckt.
Unten im Tal wäre der Sterrato noch immer ein Berserker: 0 auf 100 in 3,4 Sekunden, bis zu 260 km/h Spitze. Hier oben allerdings zählt anderes. Präzision statt Tempo, Gefühl statt Gewalt. Die Schotterpiste zwingt zur Demut: knöcheltiefe Löcher, faustgroße Steine, Stufen wie Treppen, Wasserlachen aus Schmelzbächen. Und dazu eine Breite, bei der Begegnungsverkehr zur Geduldsprobe wird. Wer hier falsch steht, setzt zurück – manchmal über Hunderte Meter, am Abgrund entlang.
So wird aus dem Kampfstier eine Bergziege. Zentimeterarbeit statt Attacke. Der Fahrer visiert jeden Stein einzeln an, tastet sich vor, hört mehr, als er sieht. Und freut sich plötzlich über Dinge, die in einem Lamborghini sonst keine Rolle spielen: straffe Gurte, feste Schalensitze, den Überrollkäfig im Rücken. Placebo vielleicht – aber eines, das beruhigt, wenn der Blick seitlich ins Bodenlose fällt.
Je höher es geht, desto stiller wird die Landschaft – zumindest optisch. Akustisch dominiert der V10 mit einer Wucht, die zwischen Felswänden nachhallt wie ein Orchester ohne Dirigent. Also lieber dosieren, kein Kickdown. Nicht nur aus Rücksicht auf das Material, sondern auch auf das Geröll, das sonst womöglich in Bewegung geriete.
Stunden später, am Passo del Tanarello, ist der höchste Punkt fast erreicht. 2.042 Meter, Wolkenfetzen, Nebel, dann plötzlich ein Riss im Grau – und der Blick öffnet sich. Links Italien, rechts Frankreich, dazwischen ein schmaler Grat, auf dem der Sterrato balanciert wie ein Seiltänzer. Noch ein paar Kehren, dann grüßt die monumentale Erlöserstatue auf dem Monte Saccarello. 2.201 Meter. Ziel erreicht.

Am Rifugio wartet Tiziano, der Wirt, mit Pasta, Wein und einem Grinsen, das zwischen Unglauben und Stolz pendelt. Eigentlich darf hier niemand parken. Außer ihm selbst, mit Panda 4×4. Doch für einen Lamborghini macht er eine Ausnahme. Ehrenplatz auf der Sonnenterrasse. Geschichten inklusive. Später wird er sich wohl vergewissern müssen, dass das alles wirklich passiert ist – und kein Traum. Und damit ihm auch seine Gäste künftig glauben, verewigt er den Moment auf Leinwand in der guten Stube.





Am nächsten Morgen geht es früh weiter. Sehr früh. Zum Leidwesen der anderen Gäste. Zehn Zylinder lassen keine heimliche Abfahrt zu. Die Alta Via del Sale zeigt sich noch einmal von ihrer dramatischsten Seite: wechselnde Panoramen, ständig neue Perspektiven, immer wieder diese Frage, wie das hier überhaupt als Straße durchgeht. Höhepunkt zum Schluss: die Tornante della Boaria, eine frei an der Bergnase klebende 180-Grad-Kehre, unter der sich Hunderte Meter tiefer die Wiesen ausbreiten. Fenster zu. Blick nach vorn. Balance halten.
Irgendwann taucht wieder Asphalt auf. Der Schotter wird feiner, die Schlaglöcher kleiner. Und plötzlich darf der Sterrato wieder das sein, was er im Kern immer noch ist: ein Supersportwagen. Der V10 brüllt befreit, die Serpentinen hinunter ins Tal fühlen sich nach Tagen im Schritttempo an wie die Corkscrew in Laguna Seca. Erst recht, wenn sich die Erlösung breitmacht und man so langsam an ein gutes Ende für dieses Abenteuer glaubt. Und schon wieder neue Pläne schmiedet.
Natürlich ist es verrückt, mit einem Lamborghini über eine Militärpiste zu klettern, die selbst Geländewagen Respekt abnötigt. Aber genau dieser kontrollierte Wahnsinn passt zu diesem Auto und seinem Hersteller. Denn wer bei klarem Verstand ist, baut keinen Supersportwagen fürs Grobe. Wie gut, dass die Sinne in Sant’Agata manchmal ein bisschen vernebelt sind.
Schade nur, dass der Huracán mittlerweile Geschichte ist und mit ihm der Sterrato. Aber sein Nachfolger Temerario ist ja schon lanciert, und irgendwann wird den vielleicht auch jemand auf Stelzen stellen. Ein paar passende Pisten dafür finden wir dann bestimmt.
TEXT Thomas Geiger