Carrera 4 vs. 4S. Zurück in die Zukunft.

Marty McFly wäre neidisch: wir sind mit gleich zwei Sportwagen-Zeitmaschinen unterwegs. Der erste und der neueste Allrad-911 dürfen toben – auf einem Männerspielplatz in Dänemark.

Davon träumen wir doch alle! Quer erobern wir den Autostrand von Rømø, einer riesigen Sandkiste oben an der dänischen Nordseeküste, einen Steinwurf von Sylt entfernt. Und unsere überdimensionalen Matchbox-Autos sind zwei Porsche: der älteste und der jüngste 911 mit Allrad.

Die Reise in die Kindheit beschleunigt der Elfer von 1988: Der 964 trieb als Carrera 4 erstmals alle vier Räder an. Er verdrehte uns schon damals den Kopf, auch wenn an unserer Wand ein Bravo-Starschnitt von Kim Wilde hing und kein Porsche. Wir pflügen durch den Sand wie bei der Dakar. Gewinnen wie René Metge 1984 die Wüstenrallye mit dem ausschließlich für diesen Zweck gebauten 911 4×4 im Rothmans-Trimm. Und weil es so schön ist, siegen wir mit Metge auch bei der Dakar 1986, wieder im blau-weißen Rennlook der Zigarettenmarke, aber diese Mal mit einer Rallye-Version des Über-Porsches 959. Jetzt haben wir auch die Allrad-Vorgeschichte unseres 964 Carrera 4 durchgespielt, dem Porsche reichlich Rennsportgene mit in die Wiege gelegt hat. 

Damit das Fahrgefühl sportlich heckbetont bleibt, schickt das Allradsystem 69 Prozent der Kraft nach hinten. Erkennen die ABS-Sensoren Schlupf an einem Rad, sorgen hydraulisch betätigte Längs- und Quersperren für mehr Kraftfluss zu den Rädern mit Traktion. Mit einem Schalter können die Sperren auch manuell geschaltet werden. Klingt nach Hightech – und das war es damals auch.

Was der 964 hier auf dem harten Sand, der sich wie fester Schnee fährt, für eine Beschleunigung vorlegt! Eine bremsende Schleuder- und Traktionskontrolle gab es damals noch nicht und so sorgt das System für spaßiges Allraddriften und verscheucht jede Angst vorm Festfahren.

Gut so, denn Hilfe von außen wäre hier nicht zu erwarten. Nicht weil es den Menschen an Hilfsbereitschaft mangeln würde, nur: es ist einfach niemand in der Nähe. Im April und unter der Woche gibt sich Rømø als Gegenentwurf zum Massentourismus. Wir sind allein und der vier Kilometer breite und über 16 Kilometer lange Strand sieht aus wie ein ausgetrockneter Salzsee in der Atacama-Wüste. Nur ganz dahinten am Wasser fährt noch ein anderes Auto. Ach nein, es ist die Fähre nach List. Das mondäne und gut besuchte Sylt liegt nur drei Kilometer südlich. Da locken uns aber keine zehn Krabbenbrötchen hin! Statt aller automobiler Freiheiten muss man dort stundenlang nach einem Parkplatz suchen, der dann auch noch richtig was kostet.

Wir sind mittlerweile etwas erschöpft vom vielen Grinsen und machen uns auf den Rückweg zum Hotel. Auf der Landstraße erinnert der 964 daran, was ein Sportwagen in den 80ern noch durfte: federn zum Beispiel. Und dank hoher Sitzposition, schmalen Dachholmen und ohne die heute wie die Pest grassierende Privacy-Verglasung eine Rundumsicht wie ein Leuchtturm bieten. Oder sich einfach bedienen lassen, weil es außer Licht und Klima nichts zu bedienen gibt. Auch bei den Anzeigen gibt es keine Ablenkung, der 964 bleibt ganz analog: fünf Rundinstrumente informieren herrlich eindeutig mit Zeigern über alles Wichtige. Kein einziges Display hat Porsche verbaut, nur das zeitgenössische Kassettenradio Blaupunkt Bremen mit Sendersuchlauf und LCD-Anzeige wirkt futuristisch. Das weinrote Interieur und das Lenkrad mit großer rechteckiger Prallfläche sorgen für reichlich 80er-Jahre-Flair.

Der 964 muss auch nicht schnell fahren, um Spaß zu machen: der freche Sound vom luftgekühlten Sechs-Zylinder-Boxer im Heck, die unternehmungslustige Kraft der 250 Sauger-PS, die lustvolle Schaltarbeit, das alles kann man auch in Dänemark genießen, ohne saftige Bußgelder zu kassieren.

Tacho 270 auf der Autobahn, wie auf dem Hinweg in Deutschland, kann er auch. Aber da hatten wir die Hosen voll! Wegen der nicht ganz zeitgemäßen Bremsen umklammern wir mit angstgeweiteten Augen das Lenkrad. Und lassen den mit Navigation vorausfahrenden 992 lieber ziehen und verfahren uns, als diese Mutprobe zu wiederholen. Ist wahrscheinlich auch gar nicht so gut für so einen Oldtimer, reden wir uns ein.

Jetzt, auf dem Sønderstrandvej, darf man ohnehin nur 50 fahren. Der 964 passt gut zu dieser Insel, auf der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Vielleicht hat das auch mit der Einsamkeit hier zu tun. Die setzt sich abends im Hotel fort: Wir bleiben die einzigen Gäste, was zusammen mit dem knarzenden Dielen unterm Teppich und dem nicht ganz freiwilligen Shabby Chic an The Shining erinnert. Um 20 Uhr schließt alles, aber die Besitzerin, die typisch für die Insel freundlich und vor allem zutiefst entschleunigt ist, gibt uns noch „Sommer Øl“, ein süffiges helles Bier mit etwas Honig, mit aufs Zimmer. Ob es an der langen und aufregenden Autofahrt, dem vielen Wasser ringsum oder an den zwei Bier liegt: als wir im Bett liegen, haben wir das Gefühl, das ganze Hotel schwankt gemütlich wie ein großes Schiff und wiegt uns in den Schlaf.

Am nächsten Morgen steht Sightseeing auf dem Programm: der kleine Hafen und einige kubische Ferienhäuser – schon ist die Sache abgehakt. Viele Sehenswürdigkeiten gibt es hier nicht. Die Natur, der Wind, das Meer, die Freiheit – deswegen kommen die Besucher. Und wir auch, also wieder zum Strand, wo der neue 992, die mittlerweile achte Generation von Porsches Sportwagenikone, zeigen soll, was er kann.

Als wir vom 964 in den neuen, erst seit kurzem bestellbaren 992 umsteigen, ist das so, als ob wir von einem Propellerflugzeug in einen futuristischen Überschall-Kampfjet wechseln. Die Sitze halten uns als wären wir in Epoxidharz eingegossen, gefühlt sitzen wir nur einige Zentimeter über der Startbahn, Bildschirme und hinterleuchtete Tasten auf dem Lenkrad umgeben uns, alles aufgeräumt, übersichtlich, ergonomisch. Die Hand tastet nach dem Hebel für den Schleudersitz, findet aber nur die Bedienelemente für die 18-fach verstellbaren Sitze. Und liebe Jetpiloten, sowas habt ihr wohl nicht in eurem F/A-18 Hornet? Starterlaubnis müssen wir auch nicht einholen. Ein Dreh am Startschalter links und der Sechszylinder-Boxer erwacht mit dezentem Grollen. Mit dem Joystick das neue Achtgang-Direktschaltgetriebe auf D gestellt und schon geht es los. Und wie! Die Launch Control gleicht einem Katapultstart vom Flugzeugträger: in brutalen 3,4 Sekunden geht es von Null auf Hundert.

Am Strand angekommen, fühlt sich der deutlich tiefere und härter gefederte 992 zwar nicht so zuhause wie sein Urahn. Aber auch er geht quer auf losem Grund – wenn man denn will. Wir wollen natürlich! Dank zusätzlicher Hinterradlenkung dreht er sich sogar auf der Stelle um sich selbst, was wieder breites Grinsen zur Folge hat. Der Sand fliegt in hohem Bogen und auch das Meerwasser lassen wir etwas übermütig spritzen, fahren durch die Wellen – natürlich nur fürs Foto, nicht, weil es so einen Spaß macht.

Wohler als auf losem Grund fühlt sich der 992 aber auf der Landstraße und auf der Autobahn – am liebsten ohne Tempolimit. Also kaufen wir noch eine Palette Tuborg Classic als Mitbringsel und verlassen die Insel über den 1948 fertiggestellten Damm zum Festland. Hier fällt uns wieder auf, was das Tolle an so einem Roadtrip mit zwei schönen Wagen ist: Du sitzt nicht nur in einem, sondern siehst vor dir oder im Rückspiegel immer den anderen.

Bald passieren wir die Grenze nach Deutschland, jetzt darf der 992 freier atmen. Er lechzt danach  Gaspedalbefehle umzusetzen, freut sich, seine 450 Pferde galoppieren zu lassen. Die Lenkung besitzt hellseherische Fähigkeiten und folgt dem gedachten Radius auf den Millimeter genau. Dabei neigt sich der Wagen kein bisschen und die Kurvengeschwindigkeiten begrenzt eher der eigene Mut als die Möglichkeiten des Fahrwerks. Denn Porsche hat Reifen und Spur gegenüber dem Vorgänger weiter verbreitert und Wankstabilisierung, Sportfahrwerk und Sport Chrono Paket machen unsere racinggelbe Hornisse noch aggressiver. Die ebenfalls optionale Keramikbremse verschlingt zwar den Preis eines Dacia-Neuwagens, lässt sich aber paradoxerweise ebenso leicht dosieren wie sie anscheinend über die physischen Grenzen hinaus verzögert. Das Getriebe schaltet dabei absolut passend und vor allem schneller mehrere Gänge runter als das manuell über die Schaltwippen am Lenkrad geht.

Klingt nach einem Tracktool, das auf der Rennstrecke Bestzeiten räubert? Auf jeden Fall, aber der 992 kann auch Alltag, zumindest wenn der nicht darin besteht, eine sechsköpfige Familie in den Sommerurlaub zu bringen, sondern weite Strecken, sicher, unterhaltsam und sehr schnell zurückzulegen. Klar, er ist keine Sänfte und man umfährt Gullideckel lieber und auch steile Tiefgarageneinfahrten mag der 992 mit seiner tief über dem Asphalt nach der Ideallinie schnüffelnden Spoilernase nicht. Wir legen an diesem Tag jedoch stressfrei über 1.000 Kilometer zurück. In den vorderen Kofferraum passt unsere große Tasche, und hinter den Vordersitzen, wo ohnehin niemand bequem sitzen kann, ist noch reichlich Platz für das ganze Fotoequipment. Der Abstandstempomat chauffiert uns komfortabel durch den Stau, der Spurwechselassistent tröstet über die unübersichtliche Karosserie hinweg. Und die genialen Matrix-LED-Scheinwerfer machen die Nacht zum Tag und sparen beim Fernlicht entgegenkommende Fahrzeuge aus, damit die Fahrer nicht geblendet werden. Als die Bahn frei ist, haben wir deutlich mehr als die offizielle Vmax von 306 km/h auf dem Tacho und wieder ein Grinsen im Gesicht.

Lange hat sie also nicht angehalten, die dänische Entschleunigung. Zwei Dinge haben wir aber gelernt bei unserer Reise zurück in die Zukunft: Der 964 aus der Vergangenheit hat uns bewiesen, dass man nicht schnell sein muss, um Spaß zu haben. Und der 992 aus der Zukunft hat gezeigt, dass es Spaß macht, richtig schnell zu sein.

TEXT Jens Koch
FOTOS Marcus Krüger

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