Der grüne Deal. Europa ohne neue Verbrenner ab 2035?

Nach einzelnen Ländern will nun auch die Europäische Union komplett heraus aus der Verbrennerwelt. Dadurch sollen Treibhausgase bis zum Jahre 2030 um mehr als Hälfte gesenkt werden. Die Auswirkungen für Autohersteller und Zulieferer sind beträchtlich.

Nachdem mehrere europäische Länder entsprechende Zeitpunkte für das Verbot von Verbrennerautos festgeschrieben haben, will die EU dies flächendeckend und staatenübergreifend für das Jahr 2035 im Rahmen des Programms „Fit for 55“ festschreiben. Demgemäß sollen die Treibhausgase bis zum Jahre 2030 um 55 Prozent im Vergleich zu 1990 reduziert werden.

Ein Teil dieses Green Deals ist die Änderung der Verordnung zur Festlegung von CO2-Emissionsstandards für Pkw und Transporter, die große Auswirkungen auf die europäische Automobilindustrie haben wird. Die Analysten von IHS erwarten, dass die Ankündigung bezüglich des zukünftigen Emissionsrahmens für Leichtfahrzeuge deutlich weiter gehen wird als der bisherige Vorschlag, der eine 37,5prozentige Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen von Pkw gegenüber dem Zielwert von 2021 vorsah. Mittlerweile ist von 50 bis 65 Prozent auszugehen. Dies wird massive Auswirkungen auf die Elektrifizierungsstrategien der großen, auf dem EU-Markt tätigen OEMs haben.

Bisher wurde ein Anteil von batterieelektrischen Fahrzeugen von knapp 40 Prozent prognostiziert, um die 37,5prozentige CO2-Reduktion bis 2030 in der EU zu erreichen. In einem 50prozentige Reduktionsszenario würde dieser Anteil voraussichtlich 51,5 Prozent liegen, während bei 65 Prozent Reduktion die BEVs einen Anteil von knapp 63 Prozent erreichen müssten. Dies wird massiv zu Lasten anderer Antriebsarten gehen, die bisher stärker verbreitet waren, einschließlich Plug-in-Hybrid, der von einigen Kunden als Übergangstechnologie zu BEVs angesehen wird.

Zulieferer-Markt wird sich deutlich verändern

Diese Beschleunigung der Elektrifizierung in der EU wird nicht nur die OEMs betreffen. Der Markt für Lithium-Ionen-Batterien in der EU würde sich verändern, da die Nachfrage im Jahr 2030 von 354 GWh für das aktuelle 37,5-Prozent-Ziel auf 438 GWh für das 50 Prozent oder 528 GWh steigen würde.

Solche Szenarien werden sich auch deutlich auf die Geschäftsstrategien einiger Tier-1-Zulieferer auswirken, da die Nachfrage nach Komponenten für herkömmliche Antriebsstränge mit Verbrennungsmotoren schneller zurückgehen wird, als im Rahmen der ursprünglichen Ziele. Statt 60,3 Prozent der Pkw-Neuzulassungen in der EU im Jahr 2030 noch mit Verbrennungsmotoren zu fahren, wären es im Szenario mit 50 Prozent nur noch 48 Prozent und im Szenario mit 65 Prozent Reduktion nur noch 36,6 Prozent.

Die Pläne für aggressivere Emissionsziele hatten sich bereits angedeutet, nachdem die Europäische Kommission Ende letzten Jahres ihren Vorschlag für eine „nachhaltige und intelligente Mobilität“ vorgelegt hat. Dieser Vorschlag beinhaltete das Ziel, bis 2030 30 Millionen emissionsfreie Leichtfahrzeuge auf den Straßen der EU zu haben, sowie sogenannten „einen klaren Pfad ab 2025 in Richtung emissionsfreier Mobilität“ zu schaffen.

Hersteller passen Strategien an

Nahezu alle PKW-Hersteller haben in den letzten sechs Monaten überarbeitete Strategien bekannt gegeben, darunter die drei größten Volumenhersteller Renault-Nissan, Stellantis und der Volkswagen-Konzern. Diese Pläne beinhalten die Markteinführung von Fahrzeugen, um diese neuen Ziele zu erreichen, sowie überarbeitete Markenstrategien, wobei einige von ihnen sogar zu reinen BEV-Herstellern werden, wie Volvo, Ford, Mini, Jaguar und Opel.

Darüber hinaus haben sie auch Investitionen in Technologie und Beziehungen angekündigt, um genügend Komponenten zu sichern, um die erwartete Nachfrage zu befriedigen. Obwohl es einige Unzufriedenheit über die Strenge dieser neuen Ziele geben mag, scheint es unwahrscheinlich, dass es zu Schocks oder Kurzschlussreaktionen kommen wird, da dies schon seit einiger Zeit die allgemeine Marschrichtung für die Branche ist.

Ladepunkte alle 60 Kilometer

Diese Ankündigung wird wahrscheinlich auch einen tiefgreifenden Effekt auf die BEV-Ladeinfrastruktur haben. Jede weitere Abkehr vom Verbrennungsmotor erfordert einen entsprechenden massiven Anstieg der Investitionen in die öffentliche Ladeinfrastruktur. Einzelne Länder haben separate Ankündigungen zu Investitionen in die Ladeinfrastruktur gemacht und letztes Jahr hat die Europäische Kommission die Strategie für nachhaltige und intelligente Mobilität veröffentlicht, in der zugesagt wurde, bis 2025 eine Million Ladepunkte fertig zu stellen. 2030 sollen es mindestens drei Millionen sein. Ein EU-weiter Vorstoß in Richtung BEV bis 2035 würde jedoch bedeuten, dass dieser Plan nochmals nachgeschärft werden muss. So gibt es Pläne, dass mindestens alle 60 Kilometer Ladepunkte aufgestellt werden.

TEXT Patrick Solberg; press-inform

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